Raul Krauthausen - Aktivist

Meine 5 Erfahrungen, die ich mit jüngeren Menschen mit Behinderungen teilen möchte

Raul blickt in KameraNach dem Artikel über die 6 Dinge, die man wissen sollte, wie es ist, mit einer Behinderung zu leben, möchte ich im zweiten Teil noch weiter auf meine eigenen Erfahrungen eingehen. Erfahrungen, die sich an jüngere Menschen mit Behinderungen richten. Ich freue mich über weitere Ergänzungen von Euch.

Es ist schwer gegen das vorherrschende Bild jeden Tag anzukämpfen.
Wir Menschen mit Behinderungen werden immer wieder damit konfrontiert, was wir können und was wir nicht können. Gerne auch von Menschen ohne Behinderungen. Ich sage mir deswegen immer wieder: ich lasse mir von niemanden sagen, was ich kann oder nicht kann. Weder von „Experten“, von Eltern, noch von sonst Irgendjemandem.
Unsere eigenen Grenzen können nur wir erreichen, spüren und erfahren. Nur dann wissen wir, was wirklich geht und was nicht. Ich hatte schon früh den Traum, irgendwas mit Medien zu machen, vielleicht beim Radio zu arbeiten und ich bin sehr froh, dass mir niemand gesagt hat: das schaffst du eh nicht. Wer sagt denn, dass man nicht Erzieher*in oder Reiter*in werden kann, auch mit Behinderung? Ist es der eigene Körper oder sind es die anderen? Probiert euch aus. Man kann nichts verlieren. Nur gewinnen!

Man darf die eigene Einschränkung hassen.
Es ist okay, nach Unterstützung zu fragen. Wenn ihr merkt, dass ihr manche Dinge nicht alleine schafft, dann könnt ihr auch jemanden um Rat und Unterstützung fragen. Ihr musst nicht immer der oder die Held*in sein, und alles alleine schaffen, um euch zu beweisen. Jeder Mensch braucht mal Hilfe, und ihr müsst da keine Ausnahme sein.

Denn eure Behinderung wird euch euer ganzes Leben lang begleiten, also steht zu ihr. Sie gehört zu euch wie eure Haarfarbe (nur dass ihr sie nicht färben könnt). Und das ist gut so! Es bringt nichts, sich zu verstellen, so zu tun, als ob man alles alleine kann und die Behinderung nie eine Rolle spielt. Denn das zehrt an den eigenen Kräften. Ich habe beispielsweise sehr oft den Klassenclown gegeben, weil ich dachte, dass ich damit meine Behinderung kompensieren kann, aber es ist oft auch ein dummes Gefühl. Besonders, wenn man schlechte Laune oder Liebeskummer hat.

Eure Behinderung ist nicht an allem schuld, was ihr (nicht) erleben werdet.
Meistens ist es die Gesellschaft, die einen behindert. Vergesst nie: Ihr habt es selbst in der Hand, ob ihr ein guter Mensch oder ein unsympathischer Mensch werdet. Eine Behinderung kann auch Chancen bieten, die euch alternative Wege entdecken lässt, z. B. einen Job zu finden, in dem eure eigene Perspektive als Mensch mit Behinderung als bereichernd empfunden wird.
In unserer Gesellschaft müssen wir leider immer noch mehr leisten und arbeiten, als es vielleicht unsere nicht behinderten Freund*innen müssen, weil wir einfach noch keine inklusive Gesellschaft haben. Deswegen ist es so wichtig, dass wir uns immer wieder selbst kontrollieren, ob wir noch der Mensch sind, der wir sein wollen. Man kann z.B. charmant-respektlos den Menschen gegenüber sein, die nicht an einen glauben.

Tauscht euch mit anderen Menschen aus, die auch eine bzw. eure Behinderung haben.
Ihr habt hoffentlich auch Freunde, die keine Behinderung haben. Das ist für die eigene Entwicklung sehr wichtig. Denn so lernt man andere Perspektiven kennen – und sie eure. Natürlich gibt es auch Sachen, die wir lieber mit Freunden besprechen wollen, die auch eine Behinderung haben. Denn nicht behinderte Freunde können sich in bestimmte Themen wie z. B. wie es ist, sich als behinderter Mensch in einen nicht behinderten Menschen zu verlieben, nicht so gut reinversetzen. Wichtig ist einfach die Mischung aus behinderten und nicht behinderten Freund*innen, um den eigenen Horizont zu erweitern.

Wir dürfen auch mal schlechte Tage haben. Tage, an denen uns unsere Behinderung schwächt. Wir dürfen auch mal hassen, dass unser Körper nicht so will wie wir… Das ist kein Selbsthass, denn wir sind nicht unsere Behinderung. Unsere Behinderung ist nicht unser ganzes Ich. Die Momente hat bestimmt jeder im Leben. Das sind einfach schlechte Tage. Es kommen auch wieder gute Tage. Versprochen.

It’s not a bug, it’s a feature.
Am Anfang habe ich versucht meine Behinderung zu leugnen, dann habe ich sie zwar hingenommen, aber lieber hinter einem Witz versteckt und erst in den letzten Jahren habe ich angefangen, die Behinderung als Teil von mir zu akzeptieren. Ich habe dadurch auch entdeckt, dass meine Behinderung auch Vorteile hat. Ich habe schon physisch einen anderen Blick auf die Welt, ich muss mehr planen als andere Menschen (zum Beispiel die Termine meiner Assistenten) und durch Umwege finde ich Alternativen. Diese Eigenschaften helfen mir auch bei meiner Arbeit und dadurch entstehen dann auch neue Ideen.

Eine Behinderung kann nerven, aber sie ist nun mal da. Man kann lernen, damit zu leben, Vorteile zu finden und sie nicht das eigene Leben dominieren zu lassen. Viele Menschen ohne Behinderungen haben uns Barrieren in den Weg gelegt (und manchmal werden sie immernoch dahin gelegt), aber wir lernen auch viele Menschen kennen, die uns und nicht unsere Behinderung sehen. Menschen, die uns unterstützen, wenn wir Hilfe brauchen, die uns kritisieren, wenn es angebracht ist und die auch mal einen Witz auf unsere Kosten machen, weil wir es verdient haben. Ich kann euch daher nur empfehlen euch auch Freunde mit und ohne Behinderung zu suchen, die euch begleiten und ihr einfach eine schöne Zeit habt.

10 Enlightened Replies

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  1. Markierungen 01/22/2016 - Snippets | 22. Januar 2016
  1. Elmar Hinz sagt:

    Jeder Mensch hat Einschränkungen. Es gibt keine Menschen ohne Behinderungen. Unsere DNA ist tausendfach gespickt mit „Fehlern“.

    Die Einschränkungen sind nur ungleich verteilt. Das kann man als ungerecht erleben, besonders dann, wenn man an ein „höheres Wesen“ glaubt, das die menschlichen Begriffe von Gerechtigkeit teilt. Dann kann man sein Leben lang damit hadern.

    Die Biologie kennt kennt kein Prinzip der Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit ist eine Erfindung des Menschen und nur innerhalb der menschlichen Gesellschaft kann man sie einfordern.

    Erwartet man dieselben Massstäbe von einem „hören Wesen“, dann ist das deutlich Projektion. Da ist niemand, der Schuld hat. Genauso wenig haben unsere Mitmenschen eine Schuld an unseren Einschränkungen, denn sie liegen nicht innerhalb menschlicher Macht.

    Worauf ich hinaus will, es macht für mich keinen Sinn, hier überhaupt in Begriffen von „Schuld“ zu denken. Das gibt nur schlechte Gefühle.

    Man wird geboren, wie man ist. Entscheidend ist, was man erreicht. Das ist dann Erfolg, eine ganz andere Kategorie des Denkens.

    Ist Erfolg nicht ein wesentlich besseres und konstruktiveres Gefühl als Schuldzuweisungen, die zu keinem Ziel führen?

  2. Anna sagt:

    Das gleiche gilt auch für psychische Behinderungen, die man nicht sieht. Allerdings ist die Hemmschwelle dabei finde ich viel größer, weil man sich und sein Verhalten immer erat erklären muss. Und weil die Behinderung nicht sichtbar ist, stösst man immer wieder auf Unverständnis und Ablehnung. Das ist schade und Macht es einem nicht gerade leicht, sich so zu akzeptieren, wie man ist…

  3. Ronja sagt:

    Hey Raul,

    ich bin meinen Eltern mega dankbar, dass sie mich von klein auf einfach haben machen lassen! Sie hatten keine Angst, dass ich auf die Nase falle oder so, weil sie wussten, dass ich ein sehr besonnener Mensch bin, auch schon als Kind war.

    Und so habe ich gelernt immer erst mal zu machen und dann zu sehen, dass es (in den meisten Fällen) auch klappt! Hätten sie mich schon von klein auf zu sehr behütet, wäre ich sicher keine starke Persönlichkeit geworden und würde mir nicht erstmal alles zutrauen.

    Vielen Dank für all deine Arbeit!
    Ronja

  4. Danke für diesen Text!
    Ich selber bin zwar nicht ganz die Zielgruppe, aber habe zwei kleine Kinder mit Behinderung/Einschränkung.
    Wie sehr wünsche ich mir, dass diese beiden jungen Menschen, so denken und fühlen werden, wie hier im Text beschrieben!
    Und wie sehr wünsche ich mir, dass bis dahin tatsächlich das Denken und Agieren in der Gesellschaft inklusiv geworden ist.

    Ich möchte mich Anna anschießen und auch die psychischen Behinderungen erwähnen. Ein Rollstuhl ist greifbar, das macht es einfacherer, sich mit dem Thema, der Behinderung, auseinanderzusetzen. Aber eine die Persönlichkeit beeinflussende psychische Behinderung… ist kaum greifbar und dennoch da. Und dennoch muss der Betroffene damit leben (und dennoch kann es sogar auch eine Bereicherung sein, tatsächlich!)

    Viele Grüße,

    Frau Taugewas

  5. Ursula Ulli Otto sagt:

    Folgende Geschichte erzähle ich gerne, wenn es wieder den Anschein hat, nee, geht nicht, lass das!

    Der Wettlauf der Frösche

    Eines Tages entschieden die Frösche, einen Wettlauf zu veranstalten. Um es besonders schwierig zu machen, legten sie als Ziel fest, auf den höchsten Punkt eines großen Turms zu gelangen.
    Am Tag des Wettlaufs versammelten sich viele andere Frösche, um zuzusehen.

    Dann endlich – der Wettlauf begann. Nun war es so, dass keiner der zuschauenden Frösche wirklich glaubte, dass auch nur ein einziger der teilnehmenden Frösche tatsächlich das Ziel erreichen könne. Statt die Läufer anzufeuern, riefen sie also „Oje, die Armen! Sie werden es nie schaffen!“ oder „Das ist einfach unmöglich!“ oder „Das schafft Ihr nie!“
    Und wirklich schien es, als sollte das Publikum Recht behalten, denn nach und nach gaben immer mehr Frösche auf.

    Das Publikum schrie weiter: „Oje, die Armen! Sie werden es nie schaffen!“
    Und wirklich gaben bald alle Frösche auf – alle, bis auf einen einzigen, der unverdrossen an dem steilen Turm hinaufkletterte – und als einziger das Ziel erreichte.

    Die Zuschauerfrösche waren vollkommen verdattert und alle wollten von ihm wissen, wie das möglich war. Einer der anderen Teilnehmerfrösche näherte sich ihm, um zu fragen, wie er es geschafft hätte, den Wettlauf zu gewinnen. Und da merkte er erst, dass dieser Frosch taub war.

  6. Jobst Mahrenholz sagt:

    Auf Grund meiner körperlichen und geistigen Verfassung bin ich wohl als ’nichtbehindert‘ einzustufen. Gesellschaftlich betrachtet sitzt alles am ‚richtigen‘ Fleck und tut was es soll. Dennoch kann ich jede von dir geschriebene Zeile nur unterstreichen und bejahen. Selbstbestimmtheit, das uneingeschränkte Recht auf eigene Entscheidungen, ein klares ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ sind so wichtig für jeden Menschen. Ich habe nicht so sehr mit der Gedankenlosigkeit zu kämpfen, die sicht und greifbare Barrieren im Alltag drapiert. Bei mir sind es eher die, die sich in den Köpfen vieler anderer befinden. Aber wem erzähle ich das. Als schwuler Mann begegne ich neben aller Zuneigung durchaus auch Intoleranz und Ablehnung. Mein Fazit, nach deinem Text: Die Behinderung sitzt gerne auch in den Köpfen der anderen. Da erfordert es dann allerdings sehr viel Toleranz und Langmut, darüber hinwegsehen zu können.

  7. Michael Reim sagt:

    Lieber Raul,
    Worte wie die deinen helfen sicherlich nicht nur Menschen mit offensichtlichen Behinderungen , ihr Leben besser anzunehmen. Ich habe vor drei Jahren einen Späterblindeten auf der Judomatte kennengelernt und bin seitdem mit ihm befreundet. Micha, der zudem noch zwei Hörgeräte tragen muss, kam dann in meine Ethikkurse und berichtete den jungen Menschen, wie es sich so als Blinder lebt. Die Schüler waren fasziniert von Michas Lebensfreude und seinem unschlagbaren Humor. „Falls Sie sich gerade melden sollten, haben Sie das Ganze noch nicht so recht begriffen.“
    Marina, eine sehr sportliche und nicht behinderte Schülerin einer 10. Klasse bedankte sich am Ende einer Doppelstunde bei ihm, weil er so viel Lebensmut ausgestrahlt hatte. So ein Beispiel kann mit Sicherheit auch scheinbar nicht behinderten Menschen Mut machen.

    Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft und Humor

    Michael Reim

  8. Perry Walczok sagt:

    Hallo Raul!
    Mein größten Kampf hatte ich die letzten zwei Jahre hinter mir. Ich lebe seit meiner Geburt mit der Diagnose Infantile Zerebralparese. Lange Zeit spielte es eine sehr untergeordnete Rolle. Bis sich eine merkliche Veränderung bemerkbar machte.
    Ich habe es selbst eine Weile lang nicht war haben wollen. Aber letztendlich habe ich es für mich akzeptiert, dass ich den Rollstuhl brauche. Der große Kampf bestand jedoch darin, dass meine Eltern und die Schwester damit massive Probleme damit hatten und mir ständig vorwarfen, dass ich mich gehen lasse. Erst als sie nach der Abklärung im Krankenhaus die Gewissheit hatten, dass es bei mir nicht besser werden würde, hat sich unser Verhältnis spürbar verbessert. Ich für mein Teil mache das beste daraus.
    Ich lege als DJ in einer Integrativen Disco auf und engagiere mich in dem Verein Peoples First – Mensch zuerst. Wir sind ein Teil der Arbeitsgruppen welche sich am Projekt “ Gut leben in NRW“ beteiligen. In kurzer Form geht es darum, die Lebensbedinungen für Menschen mit Behinderungen in NRW merklich zu verbessern. Der Landesverband ist einer der unterstützenden Säulen des Projektes. Jedenfalls sehe ich mich dadurch bestätigt, dass ich trotz oder vielleicht deshalb noch einiges leisten kann.

  9. Ich kann diese Worte nur vom Herzen unterschreiben! Bei eine unsichtbare Hörbeeinträchtigung, wie ich die selbst habe, hört man auch so oft: das geht nicht. Inklusion bedeutet für mich, das man nicht für uns, sondern mit uns mitdenkt. Das bedeutet jedoch auch, dass wir selbst unsere Beeinträchtigung, Behinderung so man will, akzeptieren und anderen erzählen können was wir brauchen um unserem Leben zu gestalten. Dafür müssen wir unsere eigene Grenzen kennen und zwar die Grenzen die wir selbst entdeckt haben und nicht von anderen für uns erstellt worden sind.
    Das braucht viel Einsatz von uns, aber es ist die gute Energie, weil wir für uns selbst damit Gutes tun.
    Danke Raúl, dass Sie sich dafür einsetzen! Selbst tue ich das auch und falls es Sie interessiert, dann möchte ich Sie herzlich einladen den Beitrag https://reneeiseli.wordpress.com/2016/01/14/aussergewoehnlich-normal/ mal zu lesen.

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