Raul Krauthausen - Aktivist

“Nicht dass Sie denken, ich wäre ein Feminist…”

“Nicht dass Sie denken, ich wäre ein Feminist…”. Das war der Satz, den mein Sitznachbar auf einer Inklusions-Konferenz zu mir sagte, als auf dem Podium der Vergleich von der Behindertenquote zur Frauenquote gezogen wurde. Ein Satz, der mich zum Nachdenken brachte.

So wie mein Gegenüber damals, wollen sich viele Menschen ungern als Feministin oder Feminist bezeichnen, vermutlich weil sie Angst haben, mit einer Reihe von Vorurteilen assoziiert zu werden: Männerhass und „Verweichlichung“ sind nur zwei von ihnen.

Seit Jahren setze ich mich bei den SOZIALHELDEN für die Rechte und Belange von Menschen mit Behinderungen ein. Ich gebe zu, dass ich mich bisher kaum mit dem Thema Feminismus auseinandergesetzt habe. Aber als “Aktivist für Inklusion” sehe ich immer mehr die Notwendigkeit, Inklusion breiter zu definieren. Wenn man das tut, wird schnell klar, dass Inklusion eben nicht nur bedeutet, behinderte und nicht behinderte Menschen gemeinsam zu beschulen. Sondern, dass es darum geht, gleichberechtigt zu leben. Egal, welches Geschlecht ein Mensch hat, welche Hautfarbe, welche Behinderung.

Ich habe oft den Eindruck, dass es leichter ist, sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung einzusetzen, als gegen die Diskriminierung von Frauen. Warum tun sich Männer eigentlich so schwer, für die Rechte von Frauen einzustehen? Warum distanzieren sich so viele von dem Begriff Feminismus?

Ich meine: Viele Männer, die mit Feminismus nichts zu tun haben wollen, befürchten vor allem einen oder noch schlimmer: ihren Machtverlust.

Aber was ist eigentlich dieser „Feminismus“?

Nach der Definition der Encyclopædia Britannica ist der Feminismus nichts weiter, als der “Glaube an die gesellschaftliche, politische und ökonomische Gleichheit der Geschlechter”. In der ZEIT schreibt Elisabeth Raether, dass der heutige Feminismus in Deutschland nicht mehr die Schlachten der 1970er Jahre kämpft, sondern die ökonomische Benachteiligung der Frauen anprangert, die sich in den letzten 50 Jahren nicht verändert hat. Der Feminismus ist kein Männerhass, sondern beschreibt, neben dem Anprangern der ökonomischen Benachteiligung, auch das Bekenntnis zur politischen und sozialen Gleichheit der Geschlechter.

Können Männer überhaupt Feministen sein?

Natürlich kann man(n) die Frage nicht so einfach mit einem “Ja” oder einem “Nein” beantworten. Ich habe gelernt, dass sich einige Menschen unwohl fühlen, wenn Männer sich als Feministen bezeichnen, weil es als freiwillige Zuordnung zu einer Bewegung von Frauen für Frauen scheint. Wie Marion Guerrero im “Standard” schreibt, werden Männer als nicht Betroffene oft auch als Teil des Problems gesehen. Feminismus vermittelt für viele Frauen ein neues Selbstverständnis zur Hinterfragung und Brechung traditioneller Strukturen. Ein Verständnis, das eng verknüpft ist mit der Annahme, dass viele Frauen ähnliche Erfahrungen teilen oder zumindest vergleichbaren (Diskriminierungs-)Situationen ausgesetzt sind.

Viele bevorzugen daher die Bezeichnungen Pro-Feminist oder Verbündeter, wenn von Männern gesprochen wird, die Feminismus unterstützen und befürworten. Ähnlich wie Meredith Haaf in der ZEIT schreibt, kann man sagen, dass ein Pro-Feminist ein Mann ist, der selbstbewusst genug ist, sich von alten Männlichkeitsvorstellungen zu lösen.

Pragmatisch gesehen macht es wenig Sinn, Männer von einem politischen Feminismus auszuschließen, denn 50 Prozent der Gesellschaft von dem Kampf für die Gleichstellung der Frau fernzuhalten, birgt wenige Erfolgschancen. Wenn Frauen in traditionell männliche (Macht-)Sphären eindringen sollen, müssen Männer auch bereit sein, Aufgaben zu übernehmen, die bisher als typisch weiblich galten. Ein Beispiel dafür ist die Elternzeit: Erst wenn auch Väter sich beteiligen, kann das zu einer Entlastung der Mütter und somit zu einer gerechten Aufteilung der Kindererziehungszeiten führen.

Wir Männer müssen Frauen als Verbündete zur Seite stehen. Aber wir dürfen nicht den Fehler machen, in der Öffentlichkeit den Frauen das Wort zu stehlen und für sie zu sprechen. Denn wir Männer haben die Diskriminierungserfahrung einfach nicht gemacht. Auch weil Männer in der Öffentlichkeit (noch) immer als die “lauteren und wichtigeren” Stimmen wahrgenommen werden, ist der beste Weg für Verbündete der, Frauen zuzuhören und sie darin zu unterstützen ihre Stimme für sich selbst zu erheben und für ihre Rechte zu kämpfen. Frei nach dem Motto: “Nothing about us, without us” („Nichts über uns, ohne uns“), wie es die Behindertenbewegung ebenfalls formuliert.

Als weißer, heterosexueller Mittelschicht-Mann will ich mein Möglichstes tun um für die Belange von Frauen einzustehen. Wohlwissend, dass ich immer achtsam bei dem Thema sein muss. Zwar habe ich als Mensch mit Behinderung auch Diskriminierungserfahrungen, aber eben auf einem anderen Gebiet. Die Diskriminierung, die eine Frau im Alltag zu bewältigen hat, werde ich trotz Behinderung nie zu 100% nachempfinden können.

Auf identities.mic schreibt Derrick Clifton dazu:

Ein Feminist zu sein heißt nicht, als Mann ein besonderes Abzeichen zu bekommen, nachdem du auf einer Kundgebung warst, dich für die Gleichberechtigung der Geschlechter ausgesprochen hast oder einen anderen Mann für sein sexistischen Verhalten zur Rechenschaft gezogen hast. Es geht nicht darum, jedes Mal Pluspunkte („ally cookies“) oder ein Schulterklopfen zu bekommen, wenn man etwas tut, das als pro-feministisch gilt. Vielmehr geht es darum, darauf zu achten, dass dein Verhalten nicht sexistisch oder transfeindlich ist und geschlechtsspezifische Diskriminierung nicht wiederholt und verstärkt. Es ist nichts herausragendes, sich sich respektvoll und solidarisch zu verhalten gegenüber Frauen, die sich für Gleichberechtigung einsetzen.

Auch ist es für den Feminismus wichtig, dass verbündete Männer respektieren, dass es Situationen und geschützte Orte geben muss, in denen sich Frauen untereinander austauschen können. Ohne Männer. Denn es ist und bleibt eine Frauenbewegung.

Eigentlich sprechen doch die Tatsachen für sich.
Die aktuellen Diskurse über Feminismus mit den Hashtags #YesAllWomen, #QuestionsForMen und #Aufschrei, zeigen das wahre, traurige und verstörende Ausmaß der Vorurteile und Diskriminierungen gegenüber Frauen, die immer noch weit verbreitet sind. Es muss sich etwas ändern!

Ein Thema (unter vielen wichtigen Themen), das zeigt, dass wir mehr Feministen und Feministinnen brauchen, betrifft die fehlende Chancengleichheit von Frauen im Beruf. Wenn der Großteil der deutschen Bevölkerung weiblich ist (Frauenanteil 51% von 82,5 Mio. Einwohnern in der BRD) und etwa die Hälfte aller Studienanfänger*innen und Studienabgänger*innen Frauen sind, zeigt sich bei der Erlangung von Doktortiteln (39% Frauen), bei der Habilitation (23% Frauen), bei den Professuren (14% Frauen) und bei der am höchsten besoldeten Stufe, die C4-Professur (9% Frauen) das wahre Ausmaß der gläsernen Decke.

Nur ein Drittel aller Führungskräfte in der Industrie, im Dienstleistungsbereich oder in der öffentlichen Verwaltung ist weiblich (1,7 Mio). Im Lichte dieser Zahlen wirkt auf mich die 30%-Frauenquote in DAX-Unternehmen als Ziel eher wie ein schlechter (männlicher?) Witz.

Auch das Argument gegen die Frauenquote, dass Frauen allein durch Leistung nach oben kommen können, scheint mit diesen Zahlen widerlegt. Wenn Führungspositionen nur nach Leistung vergeben würden, gäbe es keinen Grund, warum sich der Anteil an weiblichen Führungskräften nicht stetig in Richtung der 50% bewegt.

Bei behinderten Frauen, sieht es noch finsterer aus: Nur ein Fünftel von ihnen, die im erwerbsfähigen Alter sind, sind erwerbstätig. Viele schätzen ihre Vermittlungschancen schlecht ein und ziehen sich deshalb aus dem Erwerbsleben zurück, und das sogar, ohne sich arbeitslos zu melden!

Was können wir also tun?

Nutzen wir doch unsere Chance, mit anderen Menschen über Feminismus zu reden. Zeigen wir ihnen, dass feministisch zu sein reine Vernunft ist und kein Männerhass, kein „Mimimi“. Deshalb schreibe ich diesen Text. Ich möchte die gesellschaftliche Debatte um das Thema Feminismus weiter in der Öffentlichkeit sehen, ich wünsche mir, viele zum Nachdenken über Geschlechtergerechtigkeit anzuregen. Auch immer aus der Sicht des Inklusionsaktivisten, für den Feminismus die Grundlage von Inklusion ist.

Ich möchte jede Aussage, die Frauen herabwürdigt, beschränkt oder verletzt – unabhängig davon, ob Frauen direkt betroffen sind – hinterfragen und kritisieren. Ich möchte Verharmlosungen und dummen Sprüchen die „ja gar nicht so gemeint sind“ eine klare Abfuhr erteilen und sie kritisieren. Ich möchte die Botschaft verbreiten, dass es keinen „Krieg der Geschlechter“ gibt und mich dagegen wehren, wenn das Gegenteil behauptet und als „natürlich“ bezeichnet wird.

Privilegien-Check

Wir Männer müssen uns unserer (männlichen) Privilegien bewusst sein. Hier gibt es dazu sogar eine Checkliste. Wir werden selten aufgrund unseres Geschlechts auf der Straße angebaggert. Wir werden bewundert, wenn wir uns um (unsere) Kinder kümmern und gleichzeitig wird nicht an unserer Männlichkeit gezweifelt, wenn wir uns gegen eigene Kinder entscheiden. Bei Frauen ist dies nicht der Fall.

Ich bin dankbar für jede Kritik, wenn ich Frauen (un)wissentlich benachteilige. Genauso bin ich offen dafür, wenn ich es zum Beispiel beim Thema Behinderung mal wieder “zu genau” nehme und das Haar in der Suppe suche – auch das ist mir schon passiert. Niemand ist perfekt. Und dennoch ist es wichtig, sensibel zu bleiben.

Dieser Text entstand für das Kleinderdrei-Blog.

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