Raul Krauthausen - Aktivist

Knutschen wie im Kino

Sex und Behinderung ist immer noch ein großes Tabu – so wie Pferdefleisch in Lasagne. Deswegen wird medial schnell auf die Sexualassistenz verwiesen, anstatt sich einmal richtig dem Thema zu nähern. Raúl Krauthausen möchte daher Liebesbeziehungen zwischen (Nicht)-Behinderten im Kino sehen, die mehr Komödie statt Tragödie sind.
 

Endlich ist es wieder soweit: Es kann über Frühlingsgefühle gesprochen werden! Obwohl der Kampf Sonne gegen Wolken bisher immer noch unentschieden ausgeht und sich der Winter noch nicht so ganz verabschiedet hat, werden in den nächsten Wochen wieder Artikel über Liebe, Partnerschaft und Sexualität in allen Medienformen auftauchen. Ich bin jetzt schon sehr gespannt, ob und wie das Thema Sex und Behinderung eine Rolle spielen wird. Vor ein paar Jahren habe ich noch geglaubt, dass das Thema noch unwahrscheinlicher in die Medien kommt als Pferdefleisch in Köttbullar und es weiterhin ein Tabuthema ist.
 

Tabus im Kino?

Anfang des Jahres hat es ein Film ins Kino geschafft, der eine neue Auseinandersetzung mit Liebe, Sex und Behinderung hervorrufen könnte. "The Sessions – Wenn Worte berühren" hat die Aufmerksamkeit auf das Thema Sexualbegleitung bzw. -assistenz gelenkt und somit an der Stelle angesetzt, die Filme wie "Ziemlich beste Freunde" bis auf ein Streicheln an den Ohren ausgelassen haben: Behinderte können und möchten auch Zärtlichkeiten empfangen. Aber warum schafft es ein Film in die Kinos, der einen sehr extremen Fall zeigt? Können Menschen mit Behinderungen nicht einmal auch in cineastisch aufgearbeiteten "normalen" Liebesbeziehungen gezeigt werden?
 

Das "Notting Hill-Prinzip"

In jedem Jahr kommen gefühlt hundert Filme ins Kino, in denen der Plot in etwa so abläuft: Er und sie treffen sich, irgendwas passiert, sie trennen sich, und zwei Stunden später, nach vielen Tränen und vielem Geknutsche, kommen sie zusammen. Das Publikum hat gelacht und geweint. Ich nenne das gerne das "Notting-Hill-Prinzip" – eine "normale" Liebesbeziehung mit viel "Haha" und ein bisschen "Wehweh" in 120 Minuten. Behinderte spielen in diesen Filmen fast nie eine bedeutende Rolle, außer es werden besonders dumme Charaktere gezeichnet, die dann mit einem Furzgeräusch auch noch das letzte Klischee erfüllen und das Publikum zum Lachen bringen sollen.
 

Warum kann es dieses "Notting-Hill-Prinzip" aber nicht mal bei einer Story mit einem behinderten Hauptakteur geben, der sich in eine Nicht-Behinderte (kann natürlich auch anders herum/ gleichgeschlechtlich sein) verliebt, irgendwas passiert, aber zum Schluss knutschen sie trotzdem? Und wenn man als Regisseur "ganz verrückt" sein will, könnte der Behinderte auch von einem echten Behinderten gespielt werden. ;-)
 

Beziehungen mit Seltenheitswert

Natürlich weiß ich, dass auch in 2013 im echten Leben die Beziehungen zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten etwas Seltenes sind. Leider. Aber es ist auch nicht immer der Therapie-Ansatz, und Partner sind schon gar keine Sexual-Assistenten. Wenn es in Filmen jedoch nur um das Prinzip der Therapie geht und Zeitungsartikel Sexualität und Behinderung in einer therapeutisch-medizinischen Dimension analysieren, dann wird es auch schwierig bleiben, Vorbehalte abzubauen.
 

Ein Kumpel meinte neulich: "Natürlich frage ich mich bei einer Rollstuhlfahrerin eher, wie/ ob eine Beziehung klappen könnte. Auch in sexueller Hinsicht. Ich würde mir Fragen stellen und Sorgen machen, was bei einer Frau ohne Behinderung sicher erst mal nicht so wäre." Und weiter fragte er mich, ob es denn, wenn es bei einer Partnerschaft mit der Behinderung Probleme gäbe, für nichtbehinderte Partner auch Beratungen geben würde. Ich wusste es nicht. Es gibt zwar eine Menge Beratungen, aber die fokussieren sich schnell auf den behinderten Partner, oder die Berater haben selbst eine Behinderung. Das kann auf den nichtbehinderten Partner abschreckend wirken.
 

Lösung gesucht

Es wäre natürlich schön, wenn ich jetzt an dieser Stelle eine Lösung präsentieren könnte, aber leider ist mir die zündende Idee noch nicht gekommen. Vielleicht liegt eine Möglichkeit der Überwindung schon darin, dass nicht nur extreme Fälle erzählt werden. Kann nicht die wunderbare Teal Sherer mal eine Liebeskomödie mit George Clooney drehen? Das Notting-Hill-Prinzip at its best!?
 

Ich bin ratlos. Was meint ihr: Wie kann man die Berührungsängste beim Thema Beziehung, Partnerschaft, Sex und Behinderungen abbauen?
 

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

5 Enlightened Replies

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  1. Marco204 sagt:

    Ich denke es zählt nicht der Grad der Behinderung den man dabei beachten sollte, sondern die Tiefgründigkeit der Liebe. Warum also Beratung für Probleme erfragen, die lediglich alltägliche Herausforderungen darstellen?! Gibt es Beratungen fuer „ich liebe einen 30jahre Älteren“, „meine Freundin kommt aus China, was tun?“, …. Nein, weils doch gar keine schlimme-komplizierte-negative Sache ist. Liebe ist von Grundauf schwer…. Aber dafuer ja so unendlich wertvoll… Bin aber gespannt auf eine LoveMap fuer eine ungehemmte, barrierefreie Liebe von Menschen mit/oder ohne besonderem Etwas…

  2. Nicolas Hirsch sagt:

    de rouille et d’os, der geschmack von rost un knochen, gerade im kino, belichtet dieses thema ziemlich offen im rahmen eines auch sonst sehr überzeugenden filmes

  3. RiotNrrrd sagt:

    „Warum kann es dieses „Notting-Hill-Prinzip“ aber nicht mal bei einer Story mit einem behinderten Hauptakteur geben, der sich in eine Nicht-Behinderte (kann natürlich auch anders herum/ gleichgeschlechtlich sein) verliebt, irgendwas passiert, aber zum Schluss knutschen sie trotzdem?“

    Weil es in der Realität oft genug auch nicht passiert. Gerade Frauen mit Behinderungen müssen in ihrem Leben immer wieder die Erfahrung machen, als „sexuelles Neutrum“ wahrgenommen zu werden. Siehe dazu Boll u.a.: „Geschlecht: behindert, besonderes Merkmal: Frau“
    Ich warte ja selbst noch darauf, einen Liebesfilm mit lesbischen Rollstuhlfahrerinnen zu sehen und dennoch finde ich es wichtig, dass auch Themen wie Sexualassistenz nicht verschwiegen werden.

  4. Jean_et sagt:

    Ich meine, in „Ziemlich beste Freunde“ sei das Thema ziemlich unpeinlich zur Sprache gekommen.

  5. Frangipani sagt:

    Ich fände mehr Offenheit, gerade für die nicht behinderten Partner – oder potenziellen Partner – schon wichtig. Ob nun bei einer Beratungsstelle oder im Internet. Wichtig ist, daß es nicht bei hochtheoretischem, analytischem sozialwissenschaftlichem Gequatsche bleibt, sondern in unaufgeregte, praktische Anleitung mündet. Loben möchte ich da die Seite rolli-wegweiser.at , die viele nützliche Tipps haben, unter anderem den Punkt „Sexstellungen mit einem querschnittgelähmten Mann“.
    Es ist doch längst an der Zeit, die gesamtgesellschaftliche Verkrampfung in diesen Dingen zu lösen. Wenn wir uns alle schon für aufgeklärt halten, warum dann nicht ganz?

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