Raul Krauthausen - Aktivist

Wer hat das größere Handicap?

Raul Krauthausen und Petra Strack haben sich bei einer Flasche Rotwein über die Frage ausgetauscht, wer es eigentlich leichter hat, einen Partner zu finden: ein Mann oder eine Frau mit Handicap?

Raul: "Ich behaupte: Frauen. Und zwar, weil Frauen beim Erobern den passiven Part spielen und in unserer Gesellschaft eher den zu beschützenden Menschen darstellen. Männer müssen die starke Schulter sein, an die sich die Frau anlehnen kann. Deswegen dumm, wenn der Mann behindert ist."

Petra: "Ich glaube auch, dass Frauen es – zumindest in Bezug auf den ersten Schritt, auf das Kennenlernen – einfacher haben. Schon allein deswegen, weil ein oftmals mit einer Behinderung einhergehender Körperbau, nämlich zierlich, klein und mädchenhaft, bei Männern einen Beschützerinstinkt weckt und dadurch anziehend wirkt."

Raul: "Überzeugen Männer mit einer Behinderung also eher auf den zweiten Blick?"

Petra: "Ja, während bei Frauen der zweite Blick vielleicht gerade schwierig ist: Weil in dem ach so zart und hilflos wirkenden Körper ein starker Charakter steckt, der gar nicht beschützt werden will. Dieser enorme Widerspruch von Körper und Geist verwirrt den armen Mann. ;-)"

Raul: "Dafür passt es im Bett dann wiederum: Der Mann nimmt die aktivere Rolle ein – schwierig für einen, der es nicht kann!"

Petra: "Stimmt zwar, dafür erfüllen wir aber selten das klassische Schönheitsideal von 'groß-schlank-sportlich' – für manche Männer die Voraussetzung, dass man überhaupt im Bett landet."

Raul: "Für Frauen ist das Äußere also, solange bestimmte Rahmenparameter stimmen, eher zweitrangig? Achten sie eher auf den Charakter, Charme, Wortwitz, Intelligenz, Erfolg, Reichtum – die klassischen Versorgerqualitäten halt?"

Petra: "Du merkst schon, dass wir hier gerade in totale Klischees verfallen, ja?"

Raul: "Ja, stimmt. Was aber für beide Geschlechter stimmt und kein Klischee, sondern die Realität ist, ist, dass ein behinderter Partner in optischer Hinsicht weniger repräsentativ ist als ein nichtbehinderter – denn dem klassischen Schönheitsideal von "groß, schlank, sportlich" entsprechen wir einfach nicht. Ganz makaber ist da ja die TV-Show aus England namens 'The UnDateables'. Christiane Link hat dazu einen tollen Artikel verfasst. Einigen wir uns also darauf, dass beide Geschlechter beziehungstechnisch gehandicapt sind. Die einen auf den ersten, die anderen auf den zweiten Blick?"

Petra: "Hmm. Grundsätzlich ja. Trotzdem leben wir beide nicht gerade wie Mönch und Nonne – mit irgendwas scheinen wir unser Handicap also ausgleichen zu können, oder? Aber womit?"

Raul: "Müssen wir das als behinderte Partner eigentlich? Unsere Behinderung mit etwas anderem 'ausgleichen'? Indem wir besonders 'lieb und nett' sind? Besonders dankbar? Besonders tolerant in anderer Hinsicht, z. B. Macken oder gar das Fremdgehen des Partners akzeptieren?"

Petra: "Weil alles besser ist als gar kein Partner? Hmmm. So viele Kompromisse würde ich nicht eingehen wollen, dann lieber Single und sich selbst treu bleiben."

Raul: "Und zum Thema Ausgleichen, jetzt mal im Sinne der körperlichen Auswirkungen einer Behinderung: Wenn der nichtbehinderte Partner die Behinderung ausgleicht, indem er Aufgaben der Assistenz übernimmt, wo ist da die Grenze?"
Petra: "Ganz schwieriges Thema! Lässt man den Partner gar nichts machen, muss man enorme Einschränkungen bzgl. seiner Privatsphäre hinnehmen. Übernimmt er hingegen zu viel, entsteht ein (beidseitiges!) Abhängigkeitsverhältnis. Meine persönliche Grenze: Beim Ausziehen darf er gerne helfen – beim Anziehen nicht. ;-)"

Raul: "Dieses Thema ist endlos und je mehr man darüber nachdenkt, desto tiefer schraubt man sich mit seinen Gedanken nach unten und wird, wenn man es zu sehr betreibt, vielleicht sogar noch depressiv. Wir können an unserer Behinderung nichts ändern. Will ich auch gar nicht. Das einzige, was wir tun können, ist aufklären. Ob wir wollen oder nicht. Entweder man nimmt uns so wie wir sind, als Gesamtpaket, oder eben nicht.
Letztendlich glaube ich an die Liebe. Auch an die behinderte! Sie kommt, wenn sie kommt. Man kann es nicht beeinflussen und auch nicht weg- bzw. herbeireden. So wie bei den Nichtbehinderten eben auch."

Petra: "Na dann: Prost! Auf das Gesamtpaket!"

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

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  • http://notquitelikebeethoven.wordpress.com Not quite like Beethoven

    “Charakter, Charme, Wortwitz, [...] – die klassischen Versorgerqualitäten halt”
    Hihihi…. :-)

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