raul ihm sein Internet ist heute sehr langsam. http://t.co/uHs09QRU vor 6 Stunden via twitter

Raul Krauthausen ist das Aushängeschild von Wheelmap.org. Auf der Open Street Map markieren die Nutzer rollstuhlgerechte Orte. Nun bekommt er Unterstützung von Google.

Raul Aguayo-Krauthausen hat sich damit abgefunden, im Mittelpunkt zu stehen. Jedenfalls so lange es um sein Projekt geht: wheelmap.org – eine Onlinekarte, auf der Freiwillige weltweit rollstuhlgerechte Orte sammeln und verzeichnen. Krauthausen, 30 Jahre alt und Rollstuhlfahrer, ist ihr Erfinder, Promoter und Aushängeschild. Und eigentlich wollte er das alles nie sein.

Noch vor einem halben Jahr sagte er im Interview mit der tageszeitung: “Ich will nicht, dass es immer um mich als Rollstuhlfahrer geht. Klar funktioniert die Wheelmap mit mir als Medienperson super, aber wir sind ja ein Team. ” Außerdem hält er sich selbst für einen schüchternen Menschen. Vor öffentlichen Auftritten ist er immer noch nervös. Inzwischen hat er aber eingesehen, dass er dem Projekt nur nutzen kann. Daher spielt er nun die Hauptrolle in einem TV-Werbespot für wheelmap.org, der ab dem kommenden Wochenende zur besten Sendezeit ausgestrahlt wird.

Android-App soll bald erscheinen

Seit einem Jahr gibt es die Wheelmap. Sie basiert auf Open Street Map, einem Projekt, das Geodaten sammelt, damit jeder sie nutzen kann. Krauthausen und sein Team nutzen sie, um Rollstuhlfahrern zu helfen. In ihrer Karte markieren Nutzer aus aller Welt mit einem Ampelsystem, welche Restaurants, Cafés, Kinos, Arztpraxen und andere Gebäude rollstuhlgerecht sind und welche nicht. 75.000 Orte sind es bereits, täglich kommen mehr als Hundert dazu.

Eine iPhone-App gibt es bereits, die Android-Version soll bis Anfang Oktober fertig sein. Die Einträge helfen einerseits Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind. Sie setzen andererseits die Betreiber der für Rollstuhlfahrer unzugänglichen Restaurants und Cafés unter sanften Druck, Rampen zu bauen und behindertengerechte Toiletten.

Die Seite gibt es jetzt seit genau einem Jahr und sie ist bereits in elf Sprachen verfügbar, darunter auch Klingonisch. Ein Freiwilliger hatte angeboten, das Angebot in die Sprache des kriegerischen Volkes aus der Fernsehserie Star Trek zu übersetzen. Nützlich ist das nicht wirklich. Aber es ist genau die Art von schrägem Humor, die Krauthausen gefällt.

Witze über Behinderte

Krauthausen, geboren in Peru, aufgewachsen in Deutschland, fällt zunächst wegen seines Äußeren auf: Er hat Osteogenesis imperfecta, sogenannte Glasknochen und ist durch die Erbkrankheit kleinwüchsig und auf den Rollstuhl angewiesen.

Vor allem aber ist er ein begnadeter Redner. Er ist selbstironisch, er lockert seine Vorträge mit Witzen (auch über Behinderte) auf – und er hat gute Argumente, warum Barrierefreiheit nicht nur für die 1,6 Millionen Rollstuhlfahrer in Deutschland wichtig ist. Denn der demografische Wandel führe dazu, dass immer mehr Menschen immer älter und damit immer mehr nur noch eingeschränkt mobil sind. Wer einen Rollator benötigt, könne mit einer mehrstufigen Treppe genauso wenig anfangen wie ein Rollstuhlfahrer.

Genaugenommen, sagt Krauthausen, sind wir alle behindert – irgendwann. In einem Vortrag vor einem Jahr in Berlin zitierte er den österreichischen Professor Volker Schönwiese, der sagte: “Behindert ist, wer Hilfe braucht.” Krauthausen führte den Gedanken weiter: “Wir brauchen immer Hilfe. Entweder als Kind, oder als Greis. Und dazwischen gibt es eine Zeit, in der die meisten von uns nicht behindert sind. Es gibt also gar nicht diese Dichotomie zwischen behindert und nichtbehindert, sondern nur zwischen behindert und zeitweise nicht behindert.”

Das Problem gehe also alle an. Genau wie die Tatsache, dass Behinderte von großen Teilen des Alltags ausgeschlossen sind. Eben weil sie die zwei Stufen vor einem Laden nicht überwinden können, weil sie nicht an den Briefkasten herankommen, oder weil sie in speziellen Einrichtungen leben müssen, da sie keine Wohnung finden, die ihren Bedürfnissen entspricht.

Krauthausen will das ändern. Der studierte Kommunikationswirt hat unter anderem als Programm-Manager beim Fernsehsender RBB gearbeitet. Heute ist er Vollzeit-Vorsitzender des Vereins Sozialhelden, dessen Projekt die Wheelmap ist. “Wir wollen Menschen mit Behinderung mehr im Alltag sehen”, sagt er. Die Zeit sei reif, um diese Menschen stärker zu integrieren: “Die Gesellschaft ist weiter als es die politischen Strukturen im Land sind.”

Unterstützung von Google – dank Eric Schmidt

Und dazu macht er nun eben auch Werbung. Der Fernsehspot soll das Wachstum der Seite noch einmal erheblich beschleunigen und damit auch die Zahl der Meldungen. Je mehr mitmachen, desto nützlicher wird die Wheelmap.

Bezahlt hat den Werbespot Google, obwohl die Karte nicht auf Google Maps basiert. Der Konzern bewirbt damit aber seinen Browser Chrome, in dem die Wheelmap natürlich auch funktioniert. Dass es überhaupt zu der Zusammenarbeit kam, liegt an Eric Schmidt. Der damalige Google-Chef hielt im Januar eine Rede auf der Konferenz Digital – Life – Design in München. Ein Vortrag von Krauthausen über sein Karten-Projekt war zur gleichen Uhrzeit angesetzt. “Der Raum war leer”, erzählt Krauthausen. “Nur ein paar Leute von Google haben mir zugehört.”

Die waren begeistert von der Wheelmap – und von der Persönlichkeit des Redners. Im TV-Werbespot sollte Krauthausen ursprünglich als “Rampensau” vorgestellt werden. Ein nettes Wortspiel, aber es entspricht nicht seiner Persönlichkeit. Krauthausen ist froh, dass es letztlich ein anderer Begriff wurde: Wegbereiter.

Der Rollstuhlaktivist Raul Krauthausen wollte schlicht und einfach etwas Gutes tun – aber bitte auf ungewöhnliche Art. Aktuell arbeitet er mit der Gruppe Sozialhelden an der Verbesserung ihrer Wheelmap, einem Stadtplan im Internet nicht nur für Rollstuhlfahrer.

taz: Herr Krauthausen, warum sind Sie ein Held?

Raul Krauthausen: Für mich sind alle Helden, die sich sozial engagieren.

Das schließt ja viele Leute ein…

Eigentlich ist das Wort in Deutschland negativ besetzt, durch den Krieg und so. Und als mein Cousin und ich 2004 die Sozialhelden gegründet haben, haben wir uns gefragt: Wer sind unsere Helden? Dann kamen wir nur auf Spiderman und Batman, und von da sind wir zu den Sozialhelden gekommen: Helden, die soziale Sachen machen. Aber den Namen nehmen wir nicht ganz so ernst.

Warum wollten Sie soziale Sachen machen?

Wir haben beide viel Kontakt nach Südamerika. Ich bin in Peru geboren, unsere Eltern sind dort aufgewachsen. Wir hatten das Gefühl, dadurch gelernt zu haben, was Not bedeutet, Armut, Hunger, was wirkliche Probleme sind. Aber Brunnen in Südamerika zu bauen ist nicht unsere Kernkompetenz. Wir wollten etwas in Deutschland machen.

Also ergriffen Sie die Initiative.

Zu der Zeit suchte ich gerade einen neuen Zivi. Ich wollte Plakate kleben, aber ein Freund kam auf die Idee: “Lass uns das wie ein Casting machen, Deutschland sucht den Superzivi.” Das lief dann über Radio Fritz. Und am Ende hatte ich eine Auswahl von 150 Bewerbern, wovon der Gewinner tatsächlich mein Zivi geworden ist. Das war eigentlich der Anfang der Sozialhelden.

Inwiefern?

Wir fanden es gut, auf diese Art Spaßiges mit Sozialem zu verbinden, und das Casting war ja ein echter Erfolg. Solche Aktionen wollten wir öfter machen: Dinge kombinieren, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen. Und dann haben wir mit unserer ersten Projektidee, “Pfandtastisch helfen”, bei der man sein Flaschenpfand spenden kann, gleich einen Preis gewonnen. Da hatten wir Geld zum Weitermachen.

Wie hoch war das Preisgeld?

Das war gar kein Geld, sondern ein Auto: ein Smart Roadster, dieser kleine Sportwagen. Das Dumme war, dass weder mein Cousin noch ich einen Führerschein hatten. Außerdem passte mein Rollstuhl da nicht rein.

Das hätte sich die Jury aber denken können, oder?

Die wussten gar nicht, dass ich im Rollstuhl sitze. Wir haben das Auto verkauft und überlegt: Entweder können wir mit dem Geld eine Weltreise machen oder unsere Idee mit den Pfandflaschen umsetzten. Die Berliner Tafel ist auf uns zugekommen und hat das in Berlin etabliert. Inzwischen sind wir mit unseren Pfandbon-Spendenboxen in 100 Berliner Kaisers-Filialen und auch anderswo in Deutschland vertreten. Und haben bei der Umsetzung eine Menge gelernt.

Was denn?

Dass viele Dinge daran scheitern, dass man sie sich selber nicht zutraut. Als wir mit “Pfandtastisch helfen” begonnen haben, wurden wir für verrückt erklärt – und wir haben uns auch nicht wirklich zugetraut, das umzusetzen, bis ein befreundeter Produktdesigner aus Holland eine Pfandbox für uns designt hat. Das hätten wir selber nie hingekriegt. Du musst einfach irgendwann den Mut haben, zu einer Herstellerfirma zu gehen und zu sagen, dass du ein Problem hast und Hilfe brauchst. Das traut man sich oft nicht, weil man sich zu klein fühlt. Aber das kann man lernen. Es ist wichtig, Dinge auch zu machen und nicht nur zu konzipieren. Powerpoints erstellen kann jeder. Und das Spezielle an den Sozialhelden ist ja gerade das Unerwartete: auf ungewöhnliche Art Gutes zu tun. Das ist unser Rock-n-Roll-Faktor.

Jetzt machen Sie die “Wheelmap”, eine Art virtuellen Stadtplan für Rollstuhlfahrer.

Nicht nur ein Stadtplan: eine weltweite Karte, mit der man erkennen kann, welche Locations rollstuhlgerecht sind und welche nicht. Wir sind zuerst grandios an der Umsetzung dieser Idee gescheitert, weil wir nicht das technische Know-how dafür hatten. Dann haben wir wieder ein Preisgeld, das wir gewonnen hatten – den Deutschen Engagement-Preis 2009 – für die Umsetzung genutzt und einfach richtige Programmierer bezahlt. Seitdem ist Wheelmap online und es funktioniert gut. Wir wollen jetzt auch Mobiltelefone einbinden und haben schon eine IPhone-App.

Wie geht das technisch?

Es geht darum, nicht nur von überall erfahren zu können, ob eine Location rollstuhlgerecht ist oder nicht, sondern das auch von überall eintragen zu können – so wie bei Wikipedia. Wir nutzen dafür die sogenannte Open-Street-Map, die funktioniert so ähnlich wie Google-Maps. Da gehören die Daten aber allen, man spricht von Open Data. Das Angebot macht ja nur Sinn, wenn die Daten für alle frei bleiben.

Sind es vor allem Rollstuhlfahrer, die in der Wheelmap Markierungen setzen?

Nicht nur. Wir haben mehrere hundert Einträge pro Tag. Es ist ja kein Hexenwerk, zu erkennen, ob ein Café am Eingang Stufen hat. Wir haben auch dabei wieder viel gelernt, etwa, dass es feine Unterscheidungen gibt: Barrierefrei ist etwas anderes als rollstuhlgerecht. Wir konzentrieren uns aber erst mal nur auf die Rollstuhlgerechtigkeit – und wollen jetzt mit den Besitzern der Locations darüber reden, was diese tun können, um ihren Ort rollstuhlgerecht zu gestalten.

Wie viele Einrichtungen in Berlin sind nicht rollstuhlgerecht?

Aus meiner Erfahrung etwa 70 Prozent – einfach, weil sie Stufen am Eingang haben. Das ist eigentlich machbar, wenn man ein bisschen Gehirnschmalz reinsteckt, aber das tun die wenigsten, weil sie es nicht auf dem Schirm haben. Ein Café-Betreiber hat ganz andere Sorgen, als eine Rampe zu bauen. Vielen fällt das auch gar nicht auf. Aber zum Beispiel Menschen, die gerade Eltern geworden sind, sagen mir, seit sie mit einem Kinderwagen unterwegs seien, merken sie auch was. Das ist spannend, weil es damit auf einmal ein Thema ist, das alle betrifft. Deshalb ist Wheelmap nicht bloß ein Behindertenprojekt. Auch Menschen mit Rollatoren sind eine Zielgruppe. Wir leben in einer Gesellschaft, die sich in den nächsten 20 Jahren radikal verändern wird, weil wir alle älter werden und relativ wenige junge Menschen dazukommen.

Aber die Idee kam von Ihnen als Rollstuhlfahrer?

Nein, sondern von einem Freund, der seit zwei Jahren bei den Sozialhelden aktiv ist. Er hatte keine Lust mehr, sich mit mir immer im gleichen Café zu treffen, von dem wir wussten, dass es rollstuhlgerecht ist. Er fand, ich sei ja nicht der einzige Rollstuhlfahrer in diesem Land und es würde doch Sinn machen, Rollstuhlfahrer zu diesem Thema zu vernetzten. Das Projekt ist natürlich stark mit dem Thema Behinderung verknüpft, und meine Person als Rollstuhlfahrer steht dabei sehr im Fokus. Aber wir als Sozialhelden wollen kein Verein für Menschen mit Behinderungen sein. Ich will nicht, dass es immer um mich als Rollstuhlfahrer geht. Klar funktioniert die Wheelmap mit mir als Medienperson super, aber wir sind ja ein Team. Trotzdem wollen die meisten Journalisten natürlich vor allem den Rollstuhlfahrer sehen.

Stresst Sie das?

Was soll ich sagen: Es gibt so eine gewisse Abstumpfung bei mir, und irgendwie verstehe ich das ja auch. Ich komme aus der Medienwelt, ich weiß, wie es läuft, und ich würde es auch so machen. Der Rollstuhlfahrer ist ein Aufmacher. Da versuche ich eben, wenn ich schon diese Aufmerksamkeit habe, Denkanstöße zu geben zu diesem Thema. Aber es ärgert mich, wenn ich das Gefühl habe, ein Journalist versteht nicht, was ich meine. Menschen mit Behinderung, das war auch Thema meiner Diplomarbeit, werden leider völlig einseitig dargestellt.

Wie denn?

Entweder als Sorgenkinder, Opfer – oder in der Heldenrolle. Es gibt den paralympischen Helden, der Sportler des Jahres wird, oder das Opfer, das von der Krankenkasse im Stich gelassen wurde. Aber es gibt nichts dazwischen. Und mich stören so gewisse sprachliche Floskeln wie “an den Rollstuhl gefesselt sein”. Der Rollstuhl bedeutet für den Rollstuhlfahrer Freiheit und nicht Einschränkung, ohne Rollstuhl wäre man ziemlich gearscht. Da wird immer impliziert, dass mein Leben scheiße ist. Dabei ist mein Leben geil. Aber vielleicht bin ich ja scheiße, vielleicht bin ich ja ein Arsch.

Gibt es da so eine Art mitleidige Beißhemmung wie bei anderen Minderheiten?

Ja genau! Eine deutsch-türkische Beziehung ist fast genauso tabuisiert wie die Nichtbehinderter zu Behinderten. Das Phänomen tritt überall auf: In Filmen, die Behinderungen thematisieren, machen sich die meisten Regisseure nicht die Mühe, Behinderte als Schauspieler zu engagieren. Es wird ein gesunder Mensch in den Rollstuhl gesetzt. Das wird mit dem Kostenfaktor begründet. Aber wenn man einen authentischen Film machen will, dann kann man auch nicht einen Weißen zum Schwarzen machen. Es ist so ein bisschen meine persönliche Mission, auf solche Missstände hinzuweisen. Obwohl ich eine gewisse Frustrationstoleranz habe und weiß, dass ich mich selber vieler Klischees bediene. Ich spreche mich davon gar nicht frei.

Was hat man als Behinderter für Klischees?

Wenn ich einen Menschen mit Behinderung sehe, bin ich auch neugierig und frage mich die ganze Zeit Sachen, die sich keiner zu fragen traut. Und ich trau mich auch nicht zu fragen.

Sie haben auch Berührungsängste?

Ja, total, ich kann diese Tabus nachvollziehen. Ich bin mir zum Beispiel nicht sicher, ob ich mir eine Beziehung mit einer Rollstuhlfahrerin vorstellen kann.

Warum?

Ich schließe das nicht aus, aber ich hätte das Gefühl, damit ein Klischee zu erfüllen. Ich möchte in einer Beziehung nicht ständig über Behinderung reden müssen, weil beide behindert sind. Ich hatte beide Arten von Beziehungen: zu behinderten wie auch zu nicht behinderten Frauen. Beides war sehr kompliziert. Am stärksten verletzend war die Beziehung mit der Nichtbehinderten, weil wir einen starken gesellschaftlichen Druck gespürt haben. Dieses Gefühl, sich permanent rechtfertigen zu müssen bis hin zur Frage, ob wir auf der Straße Händchen halten können.

Warum sollte das nicht gehen?

Es zehrt unheimlich am Selbstbewusstsein, wenn alle gucken und du das Gefühl hast, du musst jetzt stark sein. Das ist schwierig, auch wenn dann sogar Freunde fragen, ob es nicht besser wäre, wenn der Partner ,anders’ wäre. Daran ist die Beziehung kaputtgegangen. Das hat mir klargemacht, dass ich das, was ich von anderen erwarte – dass ihnen Behinderungen gefälligst egal sein sollen – selber gar nicht versprechen kann.

War das eine schwere Selbsterkenntnis?

Das ist eine verzwickte Situation. Ich habe diesen Konflikt in mir, leide aber nicht daran. Ich finde es spannend, was in mir gerade passiert, was da draußen passiert. Ich erlebe das sehr intensiv an meiner eigenen Haut und versuche, die Menschen dafür zu sensibilisieren, ohne zu verlangen, dass sie sich ändern müssen.

Wie läuft das in Ihrem Freundeskreis?

Da gibt es fast nur Nichtbehinderte. Demzufolge orientiere ich mich an Leuten, die meinem Lifestyle entsprechen, und versuche, meine Behinderung zwar nicht zu ignorieren, aber nicht zum Hauptthema zu machen.

Und wie ist es, wenn Sie neue Leute kennen lernen?

Keiner traut sich, die Frage zu stellen, was ich habe. Aber ich spüre, dass derjenige diese Frage die ganze Zeit im Kopf hat. Doch dieses Spannungsverhältnis ist relativ schnell abgebaut. Meistens dauert es nur einen Tag und man geht ganz locker damit um. Aber es ist ganz oft so, dass ich den ersten Schritt machen muss. Viele haben Berührungsängste, die gehen mir zwei Meter aus dem Weg – nicht weil sie sich ekeln, sondern weil sie Platz machen, damit ich vorbeikomme. In der Bahn lächelt man mir zu, aber keiner spricht mich an. Auf der Straße bekomme ich keine Flyer und in der Disco komme ich nicht als Flirtsubjekt in Frage. Als Rollstuhlfahrer bist du noch stärker als Männer sowieso in unserer Gesellschaft in der Verantwortung, das Eis zu brechen.

Fällt Ihnen das schwer?

Da schlummern in mir zwei Charaktere. Es gibt den Raul, der seine Behinderung managt. Ich manage, dass ich eine Assistenz habe oder dass die Orte, wo ich hinwill, barrierefrei sind. Das ist ein Management, das nach außen wie Selbstbewusstsein aussieht. Die andere Persönlichkeit in mir ist mein eigentlicher Charakter: Ich bin eher schüchtern. Wenn es darum geht, jemanden kennen zu lernen, zu flirten, bin ich so klein mit Hut. Ich habe meine Macken und dann noch den Rollstuhl! Da glaubt man, man müsse doppelt sympathisch sein.

Können Sie sich manchmal wie ein Arsch aufführen?

Auch das. Aber die Toleranzgrenze der Menschen ist da extrem hoch. Ich kann mir manche Dinge erlauben, wo die Leute nichts sagen, weil sie sich denken, der hat es doch eh so schwer. Aber ich pöbele ja auch nicht rum. Ich bin eher ein friedliebender Mensch.

Es sollte “fancy” sein, “nicht irgendein Scheiß”. Raul Krauthausen hat mit seinem Verein “Sozialhelden” viele Preise gewonnen. Sein Anliegen reicht aber noch weiter: Behinderungen nicht zu stigmatisieren.

Wichtige Nachricht für die Twitter-Gemeinde: “Die Medienschlampe stürmt heute mit dem japanischen TV einen Kaiser’s-Supermarkt und wird danach vom tip-Stadtmagazin interviewt”, schreibt Raul Krauthausen an diesem Dienstagvormittag. Zehn Tage lang begleiten ihn japanische Journalisten, filmen ihn beim Flanieren durch die Stadt. Die nächsten Tage dürften hektisch werden, grinst er. Als Krauthausen bei seinem Stammcafe “Bilderbuch” in Schöneberg vorfährt, hat er die Japaner bereits abgehängt. In seinem Rollstuhl. Krauthausen ist nur etwa einen Meter groß. Er leidet an der Glasknochenkrankheit. Nein. Er lebt damit. Ziemlich gut. Seinen Alltag bestreitet er hauptsächlich alleine, nur morgens und abends braucht er professionelle Hilfe. Das Klischee vom hilflosen Behinderten verabschiedet sich schnell, wenn man sich eine Weile mit ihm unterhält. Er erzählt anekdotenreich von seiner Vergangenheit und nippt gelegentlich an seinem Capuccino. Kaffee ist sein Genussmittel, genauso wie Zigaretten. Raul raucht. Gern. Manchmal etwas zu viel, sagt er.

Dass sich nicht nur das japanische Fernsehen für den Mann interessiert, liegt an seinem Verein “Sozialhelden”, der Engagement mit Spaß verbinden soll. 2003 gründete er ihn gemeinsam mit seinem Cousin Jan Mörsch. Die beiden wollten schon lange etwas gemeinsam auf die Beine stellen. Es sollte sinnvoll sein, “nicht irgendein Scheiß”, aber trotzdem “fancy”, ausgefallen, raffiniert. Anfangs ging es noch dilettantisch zu, sagt Krauthausen. Erst im Laufe der Zeit habe man sich eine professionelle Arbeitsweise zugelegt. Die Projekte wurden größer. Und die Preise zahlreicher. Vielfach ausgezeichnet wurde etwa ihre Idee „Pfandtastisch helfen“: Spendenboxen für Pfandbons, direkt neben dem Automaten. Durchschnittlich 65 Euro pro Monat und Box kommen dadurch zusammen, 100 000 Euro jährlich. Es ist beileibe nicht seine erste berufliche Station. Nach seinem Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste machte er Praktika bei Internet-Agenturen, gründete selbst einige mit, knüpfte Kontakte in der Werbebranche. Als er 2007 gefragt wurde, ob er an einer Kampagne für eine Zigarettenmarke mitarbeiten möchte, musste Raul lange überlegen. “Was kommt danach, habe ich mich gefragt? Atomstromlobby? Landminen?”

Zur gleichen Zeit erhielt er die Möglichkeit, für den Rundfunk Berlin-Brandenburg zu arbeiten. Das erleichterte seine Entscheidung gegen die Kippenkampagne. Von Me­dien war er schon immer fasziniert. Vier Jahre arbeitete er in der Online-Redaktion des Jugendradios Fritz und entwarf mit seinen Kollegen ein neues Design für die Website. Mittlerweile hat Raul den rbb wieder verlassen. In den nächsten drei Jahren widmet er sich dem neuesten “Sozialhelden”-Projekt: Wheelmap.org, einem Onlineverzeichnis für barrierefreie Orte weltweit. Dafür erhielt er ein Stipendium von Ashoka, einer internationalen Organisation, die soziales Unternehmertum unterstützt. In seiner Jugend, sagt Krauthausen, habe er eine Ahnung von wirklicher Armut bekommen. Er ist gebürtiger Peruaner. Obwohl es ihm und seiner Familie finanziell gut gegangen sei. Erst Anfang der 90er-Jahre kam diese nach Deutschland. Vorher lebte er auch ein Jahr in Kolumbien. “Da ist mir klar geworden, was es bedeutet, überhaupt einen Filzstift zu besitzen”, sagt Krauthausen. Eine Einsicht, die sein soziales Engagement heute sicherlich motiviert, mutmaßt er. Mit seiner Behinderung aber habe das nichts zu tun. Reines Klischeedenken.

Überhaupt sei die Wahrnehmung von Behinderten in der Gesellschaft ein Problem. Besonders stört ihn die mediale Darstellung. Unreflektiert findet er diese, tränendrüßig. Formulierungen wie “an den Rollstuhl gefesselt” hält er für albern. Für ihn ist der Rollstuhl eine Befreiung, eine Möglichkeit, an der Welt teilzuhaben. Er möchte nicht als etwas Besonderes behandelt werden und kann sich kaum wiedererkennen, wenn er in der Zeitung über sich liest. Viel zu selten erfahre man auch etwas über andere Seiten von behinderten Menschen. Behinderte seien entweder Leidende oder Helden. Er aber will für keines von beidem gehalten werden. “Ich kann auch ein Arschloch sein und verdammt nochmal, ich sitze zwar im Rollstuhl, aber ficken würde ich trotzdem gerne”, sagt er.

Interview zum “Internationalen Tag der Behinderten”

Raul Krauthausen ist diplomierter “Design Thinker”. Jetzt schreibt er seine Magisterarbeit, arbeitet beim Jugendradio Fritz, plant Projekte mit den “Sozialhelden” und berät ehrenamtlich bei der Telefonseelsorge – ein Leben, das viel Energie braucht. Der 29-Jährige hat die Glasknochenkrankheit. tagesschau.de sprach mit ihm anlässlich des “Welttags der Behinderten”.

tagesschau.de: Hat der “Internationale Tag der Behinderten” eine Bedeutung für Sie?

Raul Krauthausen: Eigentlich ist es ein Tag wie jeder andere. Ich finde es nur schade, dass er so kurz nach dem Weltaidstag kommt und deswegen so wenig beachtet wird. Ich würde mir wünschen, dass an diesem Tag die mediale Öffentlichkeit ihre Aufmerksamkeit auf das Leben von Behinderten lenkt – und für Aufklärung sorgt.

tagesschau.de: Wo fehlt denn noch Aufklärung?

Krauthausen: Bei der Akzeptanz und Integration: Behinderte Menschen werden in eigens dafür geschaffenen Institutionen wie zum Beispiel in Sonderschulen verwaltet. Aber das Problem an Sonderschulen ist, dass sie “besonders” sind und die Schüler deswegen nie wirklich integriert werden. Es braucht mehr Aufklärung und Information darüber, dass es auch Integrationsschulen gibt. Und der Staat muss anfangen, mehr Geld dafür zu investieren statt zu sagen, dass seine Pflicht mit den Sonderschulen getan ist. Ich war in einem Modellprojekt, bei dem Kindergarten, Grund – und Gesamtschule Hand in Hand gearbeitet haben. So war ich nicht unter anderen Behinderten. Da hatte ich Glück – das hat nichts mit Können zu tun.

tagesschau.de: Welche Rolle hat die Integrationsschule für Sie gespielt?

Krauthausen: Wenn du die ganze Zeit unter gleichen Menschen mit Einschränkungen bist, dann hast du zum Guten wie zum Schlechten keinen Punkt, an dem du dich orientieren kannst. Der Nachteil an der Integrationsschule war, dass ich keinen Gesprächspartner hatte, der das gleiche Schicksal teilte wie ich. Der Vorteil war, dass ich mich an Menschen orientiert habe, die “der Norm entsprechen”, und versucht habe, mitzuhalten und meinen eigenen Weg zu finden – aber immer mit dem Ziel, auch mal einen richtigen Job zu finden. Sonderschulen bieten zwar auch Ausbildungen an, aber die sind oft nicht auf einem arbeitsmarktkompatiblen Niveau. Wenn man ausschließlich mit Behinderten zusammen ist, dann prägt das das Bild von “den anderen”. Ich kenne viele Behinderte, die sagen die Welt da draußen ist gefährlich, ungerecht, furchtbar. Aber wahrscheinlich sagen sie das, weil sie wenig Chancen hatten sich in ihr zu entdecken.

tagesschau.de: Inwiefern gefährlich, ungerecht, furchtbar?

Krauthausen: Es ist für Behinderte schwierig. Wenn es mancherorts keine Aufzüge gibt, nur Treppen. Oder für Blinde keine Speisekarten in Blindenschrift. Aber es ist das typische Henne-Ei-Problem. Weil so wenig Behinderte im Stadtbild präsent sind, richten sich nicht alle danach. Ich will niemandem Behindertenfeindlichkeit vorwerfen, aber es ist auch eine ganze Industrie, die dahinter steckt – wenn zum Beispiel nachmittags zu einer Sonderschule am Stadtrand 40 Kleinbusse geschickt werden um 40 Rollstuhlfahrer abzuholen, statt einfach das öffentliche Verkehrssystem auszuweiten.

tagesschau.de: Sie haben schon einige Interviews gegeben. Wie fühlt sich diese Aufmerksamkeit an?

Krauthausen: Ich finde es schade, dass ich diese Aufmerksamkeit nur bekomme, weil ich behindert bin und die Sachen, die ich mache, dadurch besonders werden. Ich fühle mich dann auf meine Behinderung reduziert. Ich wünsche mir, dass über meine Projekte berichtet wird, ohne dass ich darin vorkomme. Ich bin kein Held, weil ich im Rollstuhl sitze. Ich könnte genauso gut ein Arschloch sein – es würde sich keiner trauen das zu sagen. Das nervt. Ich werde oft in die Rolle des “Vorzeigebehinderten” gedrängt und scheine sie auch gut zu bedienen, aber ich warne davor: Es ist nur meine Sichtweise und nicht allgemeingültig auf alle anderen anwendbar.

tagesschau.de: Auf Ihrer Webseite sammeln Sie Behindertenwitze – warum?

Krauthausen: Dinge werden dann ein Stück mehr Normalität, wenn man über sie lachen kann. Ich glaube, es kommt mehr darauf an, wie man die Witze erzählt als dass man sie erzählt. Ein und derselbe Witz kann lustig oder verletzend sein. Ein Kind meinte letztens zu mir “Guck mal Papa, ein Zwerg!” Ich habe gelacht – der Vater hatte wohl einen Kloß im Hals. Das tut mir leid, weil das Kind doch nur ehrlich war. Und außerdem finde ich, dass Zwerg eine schöne Metapher für einen kleinen Menschen ist.

Raul hat die Glasknochenkrankheit und gehört dennoch zu den aktivsten Studenten der Stadt

Na, gehen wir später ‘nen Kaffee trinken?”. Die blonde Redakteurin von Radio Fritz lächelt. “Klar, ich komm dann vorbei”, sagt Raul und streicht mit Daumen und Zeigefinger über seinen Kinnbart. Das tut er oft. Der 26-jährige Student kommt sportlich zu seinem neuen Halbtagsjob in der Online-Abteilung des Senders: blaue Chucks, beiger Kapuzenpulli. Sein braunes Haar ist lässig kurz geschnitten. Auf dem Weg zu seinem Schreibtisch in einem hellen Großraumbüro im ersten Stock grüßen ihn alle, sowohl der Pförtner am Haupteingang, als auch die Moderatoren, die hinter dicken Glaswänden in den Aufnahmestudios sitzen. “Ich bin halt ein bunter Hund”, erklärt Raul. Sein Assistent Gregor lächelt. Er weiß, dass Raul ohne ihn den Weg durch die langen Flure des Gebäudes nicht zurücklegen könnte. Raul sitzt im Rollstuhl.

Und das Zeit seines Lebens. Schon früh fanden Ärzte heraus, dass Raul Osteogenesis imperfecta, sogenannte Glasknochen hat. Die Eltern, die damals noch in Südamerika lebten, beschlossen nach Deutschland auszuwandern, sobald ihr Kind alt genug für die lange Reise wäre. Die seltene erblich bedingte Bindegewebsstörung könne dort am besten versorgt werden, sagten die Ärzte. So landete die kleine Familie in Berlin.

Dort schrieb sich Raul nach seinem Abitur in den Studiengang Gesellschafts- und Wirtschaftkommunikation an der Universität der Künste (UdK) Berlin ein. Nebenbei gründete er mit Freunden die “Internetagentur fabrik neue medien GmbH”. Zwei Mal war er Synchronsprecher des Kinder-Anwalts in der Serie “Ally Mc Beal”. Letztes Jahr hat Raul eine Ausbildung als Telefonseelsorger angefangen – und jetzt hat er schon vor seinem Abschluss einen Job bei dem Sender. “Wenn ich auf etwas stolz bin, dann darauf, dass ich mittlerweile meinen Lebensunterhalt selbst verdiene. Das ich so unabhängig wie möglich bin”, sagt er. Seine Stimme klingt zu hoch für die eines 26-Jährigen, doch sie hat auch etwas Beharrliches.

Diese Eigenschaft macht sich nicht nur in Rauls Lebenslauf, sondern auch an seinen WG-Regeln bemerkbar: Erstens sollen sich seine beiden nicht behinderten Mitbewohner wegen ihm keine Umstände machen. Zweitens bezahlt er mehr Miete. Ausgleichende Gerechtigkeit, findet er. “Immerhin kann ich nicht im Haushalt helfen.” Er will niemandem zur Last fallen.

Doch ganz ohne Hilfe geht es nicht. Jeden Morgen kommt einer von Rauls Assistenten und hilft ihm, sich fertig zu machen. Zum Beispiel kümmert er sich in der geräumigen Küche um Frühstück. Genau wie der Rest der Erdgeschosswohnung zeigt der Raum keine Indizien dafür, dass einer seiner Bewohner im Rollstuhl sitzt und gerade mal hüftgroß ist. Alles in der Wohnung sieht unerreichbar für Raul aus, auch der Ikea-Schreibtisch in seinem Zimmer. “Nur wenn ich in meinem normalen Rollstuhl sitze”, erklärt der Student gelassen. “Ich habe noch einen Elektrorollstuhl. Der ist höhenverstellbar.” Mit dem kann er auch alleine zur Uni fahren, zumindest zum nahe gelegenen Medienhaus der UdK. Dort hat Raul manchmal Filmseminare. Noch ein knappes Jahr, dann will er sein Diplom in der Tasche haben.

Um überhaupt studieren zu können, hat Raul damals einen Härtefall-Antrag gestellt. “Mit meinen Noten allein hätte ich es wahrscheinlich nicht geschafft”, sagt er nachdenklich. “Manchmal wird man als Behinderter eben doch bevorzugt behandelt. Deshalb finde ich es auch arrogant, so zu tun, als ob ich mein Leben nur aus eigener Kraft gemeistert hätte”. Er streicht mit Daumen und Zeigefinger über seinen Kinnbart. Seine Finger gleichen denen eines Kleinkindes.

Freunde zu finden, war für Raul nicht immer einfach. Um mehr Leute an der Uni kennenzulernen, verzichtete er dort auf die Begleitung von Assistenten. So klappte es zwar mit den Bekanntschaften, aber an einer Uni, deren acht Gebäude über ganz Berlin verteilt sind, wurde es mit der Fortbewegung oft schwierig. Außerdem sind die meisten UdK-Gebäude Altbauten, und nicht überall gibt es Aufzüge.

Auch im Medienhaus hatte Raul oft Schwierigkeiten. Den Aufzug dort gibt es noch nicht sehr lange, und auch jetzt sind längst nicht alle Räume mit ihm erreichbar. “Ich muss meine Kommilitonen oft bitten, mich irgendwohin zu tragen oder zumindest zu schieben. Das ist mir unangenehm.” Doch Raul hat sich daran gewöhnt. Außerdem bekommt er sowieso ständig Hilfe angeboten, auch ohne darum zu bitten. Wenn er zum Beispiel mit seinem Rollstuhl vor einer Treppe steht, bekommt er in kürzester Zeit mindestens fünf Hochtrage-Angebote. “Einer der Vorteile meiner Behinderung ist, dass alle immer nett zu mir sind”, sagt Raul und lacht laut. Die Unbefangenheit, die er in Bezug auf seine Krankheit an den Tag legt, überträgt sich auch auf sein Umfeld. Doch es gab auch Momente, in denen er sich in der Uni etwas verloren fühlte. Zum Beispiel wenn er vor der Entscheidung stand, sich ständig in einen Seminarraum tragen zu lassen oder die UdK-Behindertenbeauftragte Susanne Hagen zu bitten, den Raumplan zu ändern. “Ich wollte nie, dass wegen mir ein Seminar in einen anderen Raum verlegt werden muss”, sagt er. Mit Susanne Hagen hatte Raul nur einmal zu tun: bei seiner Immatrikulation. Und die anderen zehn Körperbehinderten Studierenden der UdK? “Keine Ahnung wo die sich rumtreiben”, sagt er und lacht. “Ich hab die irgendwie noch nie gesehen. Schade eigentlich!”

Jetzt wird daraus wohl auch nichts mehr. Denn Raul muss nicht mehr so oft in die Uni. “Schön, aber auch traurig”, findet er. Doch der Radiojob macht ihm Spaß, und im Radio-Fritz-Gebäude ist das Kaffeetrinken auch viel gemütlicher, als in der Uni-Cafeteria. Da macht es auch nichts, dass Raul eigentlich gar keinen Kaffee trinkt.