Mein Körper und ich

Beine gucken unter einer Bettdecke hervor

Es ist kompliziert. Menschen mit Behinderung haben so stark mit komischen Bildern über sich zu tun, dass auch die eigene Wahrnehmung darunter leiden kann.

Es ist der Kellner, der im Restaurant nicht mich fragt, sondern meinen Gegenüber, was ich essen will. Es ist das dritte Mal binnen einer Stunde, dass jemand mir Hilfe anbietet; dabei sitze ich nur friedlich in meinem Rollstuhl. Es ist auch Alltag, dass Leute mich eine Inspiration nennen, nur weil ich – friedlich in meinem Rollstuhl sitze.

Rennt bitte nicht weg, auch dieser Text beginnt mit Jammern, aber ich verspreche die Kurve zu kriegen. Es ist halt so, dass Menschen mit Behinderung zumindest einen Vollzeit-Job täglich verrichten, nämlich das Wegräumen der komischen Bilder über sie.

Wir können uns drehen und wenden, aber die Behinderung macht einen großen Teil des Bildes ab, welches von Menschen gemacht wird, wenn sie eine haben. Ist ja auch auffällig, so eine Sache.
Wir checken Menschen binnen eines Wimpernschlags, können gar nicht anders. So viele Informationen. So wenig Zeit. Dummerweise eignet sich eine sichtbare Behinderung bei Menschen als besonders erfolgreicher Eye-Catcher, und dies vergrößert den Spalt zwischen Bild und Wahrheit.

Klar, wir leben in einer Zeit definierter Schönheitsideale. Eine sichtbare Behinderung gewinnt da keinen Blumentopf. Umso stärker droht die Verlockung den eigenen Körper auch kritisch zu sehen oder ihn möglichst wegzudenken. Doch dies ist kein guter Ratgeber.

Der Blogger Tony Kurian hat eindringlich beschrieben, wie er langsam ein positives Verhältnis zu seinem Körper aufbaute. Er ist blind und war viele Jahre davon überzeugt nicht schön zu sein. Kurian engagiert sich in Bewegungen, kämpft für Rechte von Menschen mit Behinderungen, kapselte aber den persönlichen Körper von diesem gesellschaftlichen Akt ab. So viel Mist war ja auch beiseite zu räumen. Da blieb das eigene auf der Strecke. Kurian bilanziert, wie dann ein langer und schmerzhafter Prozess der Annäherung begann, zuerst über Literatur zu Behinderung und Sexualität. Er durchdrang, wie klischeebedingt Schönheitsideale sind und wie wenig sie sich darin von den Bildern über Behinderung unterscheiden. Die Befreiung kam für Kurian über den Sport. Der ließ ihn seinen Körper wahrnehmen, also für wahr nehmen; irgendwann auch abseits gesellschaftlich definierter Normen. Da ist es keine Hilfe, wenn Behinderungen über einen Kamm geschoren werden, wie die Bloggerin Jessica Gimeno bilanziert. Das gesamtgesellschaftliche Phänomen des „Victim-Blaming“ mache auch nicht vor Behinderungen halt, oder: „Die Kraft des positiven Denkens hat absurde Ausmaße angenommen.“ Denn die Kehrseite der Verkettung des Menschenbildes mit einer Behinderung ist jene, in der die Behinderung abgetan wird. Gimeno spricht davon, wie Menschen mit mentalen Problemen ein „Freude ist eine Wahlmöglichkeit“ an den Kopf gehauen wird, oder in den Worten eines mit ihr befreundeten Bloggers: „Leute töten mit Sonnenschein.“

Solch ein Prozess der Emanzipation von all diesem Zeug ist schwierig, weil Behinderung durchaus in erster Linie ein gesellschaftliches Thema ist, kein persönliches. Die Behinderung taucht auf, wenn ein Zugang verwehrt wird und die Erwartungen an Menschen mit Behinderung automatisch zu gering sind. Das behindert. Die Behinderung gießt sich in Beton, wenn sie anderes überlagert, wie in der autobiografischen Erzählung der Bloggerin Jess Marion, in der sie sich an ihre Schulabschlussfeier in der achten Klasse erinnert: Obwohl sie Bestnoten hatte, erhielten ihre MitschülerInnen Preise in diesem und jenem Fach, während sie am Ende einen „Spezialpreis“ erhielt, für ihre „Inspiration“. Wenn Leistung ignoriert wird, setzt sich die geringe Erwartungshaltung fort; laut der blinden Marion sind 60 Prozent aller blinden und sehbehinderten Amerikaner arbeitslos. Liegt das wirklich an fehlenden Talenten und Qualitäten?

Diese Erfahrungen machen zuweilen hart. Auch blind für den eigenen Körper, der einem den Schlamassel zwar nicht eingebrockt hat, sondern mehr die Umgebung, aber wer ist schon Champion im Differenzieren? Inspiration kann dann sein: in einer Welt Erfolg gehabt zu haben, die nicht für einen gebaut worden ist.

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  1. Lieber Raúl,
    du hattest mein Interesse am Text direkt mit dem ersten Absatz. Umso überraschter las ich dann: „Rennt bitte nicht weg, auch dieser Text beginnt mit Jammern…“.
    Ich empfand das gar nicht als Jammern. Und hier ein großes Jammern von mir: es nervt mich, dass so oft wichtige schlechte Erfahrungen, die nur wenn sie geteilt werden auch nachvollziehbar sind, so oft abgetan werden als „jammern“.
    Danke, dass du so viel teilst!!

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