Podcast: „Im Aufzug“ – Folge 18: Kevin Kühnert, wie regiert man in der Dauerkrise?

Kevin Kühnert

In der heutigen Folge habe ich einen Gast, den ich schon lange aus der Ferne beobachte. Mittlerweile ist er der Generalsekretär der SPD – mit gerade einmal 33 Jahren. Die Rede ist natürlich Kevin Kühnert.

Im Aufzug spreche ich mit ihm über seine Leidenschaft fürs Autofahren, wie er es schafft nicht abzuheben und wie er es aushält derart viel zu arbeiten. Denn wer die Doku „Kevin Kühnert und die SPD“ gesehen hat (die ich übrigens sehr empfehlen kann), der kann im Ansatz nachvollziehen, was einem das Politikerdasein abverlangen kann. Ich freue mich, dass er heute die Zeit gefunden hat, mit mir eine Runde Aufzug zu fahren.

Aufzugtür auf, für Kevin Kühnert!

Hier findest du mehr über Kevin Kühnert:

Erwähnte Links und Herzensangelegenheit:


Transkript

00:00:01

Raúl Krauthausen: Bevor es heute losgeht. Ihr wisst, was jetzt kommt. Wie immer der Hinweis auf Steady. Mit Steady könnt ihr diesen Podcast nämlich finanziell unterstützen mit einem kleinen monatlichen Beitrag. So helH ihr mir und dem Team, den Podcast SchriJ für SchriJ unabhängig zu produzieren. Jetzt unter raul.de/aufzug informieren und Unterstützerinnen werden. Unterstützerinnen erhalten vorab Zugang zu neuen Folgen und werden namentlich im Podcast genannt. Diese Woche geht also der Dank an die Unterstützerinnen Beate, Karin, Gundhild, Bodo, SebasUan und MaJhias. Vielen Dank! In der heuUgen Folge habe ich einen Gast, den ich schon lange aus der Ferne beobachte.

MiJlerweile ist er der Generalsekretär der SPD mit gerade einmal 33 Jahren. Die Rede ist natürlich, wer hat es geahnt, von Kevin Kühnert. Im Aufzug spreche ich mit ihm über seine LeidenschaH fürs Autofahren, wie er es scha\, nicht abzuheben und wie er es überhaupt aushält, derart viel zu arbeiten. Denn wer die Doku Kevin Kühnert und die SPD gesehen hat, die ich übrigens sehr empfehlen kann, der kann im Ansatz nachvollziehen, was einem das PoliUkerdasein abverlangen kann. Ich freue mich, dass er heute die Zeit gefunden hat, mit mir eine Runde Aufzug zu fahren. Aufzug Tür auf für Kevin Kühnert. Die Tür geht auf. Und wer kommt rein? Ich fasse es nicht. Kevin Kühnert. Cool, dass du da bist.

00:01:43

Kevin Kühnert: Ich danke dir für die Einladung.

00:01:44

Raúl Krauthausen: Sag mal, gab es mal einen awkward Moment bei dir in einem Aufzug, den du erlebt hast?

00:01:50

Kevin Kühnert: Huh? Ich glaube nicht. Nicht mehr awkward als Aufzüge halt immer awkward sind mit an die Decke gucken, keinen Blickkontakt suchen und manchmal auch komischer Fahrstuhl Dudelmusik, die ich in Hotels, in denen ich bin, gelegentlich hören kann. Ne, aber sonst nichts, was mir besonders in Erinnerung geblieben wäre.

00:02:08

Raúl Krauthausen: Ich war mal im Bundestag oder Reichstag Gebäude, da war irgendeine Veranstaltung zum Thema Inklusion und dann wollte irgendein AfD PoliUker auch in den Aufzug, in dem ich schon drin war. Das war sehr unangenehm.

00:02:22

Kevin Kühnert: Ja, das sUmmt. Und ich bin ja, ist jetzt meine erste Wahlperiode im Bundestag. Insofern kenne ich es ja leider nur mit AfD, muss man sagen. Aber es ist echt blöd, weil das steht denen ja nicht immer auf die SUrn geschrieben, dass sie AfD Leute sind. Und wenn du permanent damit rechnen musst, AfDler um dich herum zu haben und das nicht so genau weißt, macht das nicht so richUg Freude. Und manchmal hat man auch so eine Ahnung. Dann erwischt man sich bei seinen eigenen Vorurteilen. Aber häufig ist die Trefferquote recht hoch.

00:02:49

Raúl Krauthausen: Das ist eine super Frage, die mir gerade einfällt, weil wenn du also du hast auch das Problem, dass du manchmal nicht genau weißt, wer ist das mir gegenüber? Hast du eine Technik, wie du damit umgehst?

00:03:00

Kevin Kühnert: Nein, ich. Also ich bin erst mal freundlich. Also das, was ich so an normalen Freundlichkeit Form im Alltag habe, zum Beispiel wenn jemand im Aufzug kommt, zumindest einmal so zu nicken oder irgendwas grummeln. Das mache ich erst mal, weil wenn sich dann herausstellt, dass er von der AfD ist, dann muss ich mich dafür jetzt auch nicht verfluchen, sondern ich konnte es ja nicht wissen. Und in der Annahme, dass es in unserer GesellschaH auch Rechtsradikale gibt, jetzt keinen mehr zu grüßen ist ja nun auch nicht der richUge Umgang mit der Realität. Ja, also ich gehe da recht entspannt glaube ich mit um.

00:03:32

Raúl Krauthausen: Aber tendenziell ist es wahrscheinlich bei uns beiden so, dass uns mehr Leute wiedererkennen als wir sie.

00:03:37

Kevin Kühnert: Ja, das ist so, ähm, manchmal. Vielleicht kennst du das auch so lusUge SituaUonen, wo Leute anfangen zu sagen Ach, wir haben uns schon mal irgendwo getroffen und dann fangen sie an zu überlegen, Skatgruppe, Fußballverein oder so. Und dann weiß ich, ich habe bis heute nicht den Weg gefunden, ihnen letztlich zu sagen, Ich glaube, sie kennen mich, aber ich kenne sie nicht. Und das klingt ja doof, aber so ist es halt.

00:03:59

Raúl Krauthausen: Ein Tipp für mich. Felix Lobrecht hat mir mal erzählt, das am schnellsten geht diese SituaUon vorbei, wenn man das macht, was sie wollen.

00:04:07

Kevin Kühnert: Fotos und …

00:04:09

Raúl Krauthausen: Fotos und Gramm. Ja, weil wenn du da anfängst zu diskuUeren, das dauert alles länger.

00:04:13

Kevin Kühnert: Ja, absolut. Genau. Einfach machen. Ich habe da so einen Tacker- Photolächeln. Das kann ich anknipsen, wenn es gebraucht wird. Ja, absolut. Und bei mir ist immer die Gefahr. Man darf sich als PoliUker dann nicht in so eine. Ach, wo ich Sie gerade treffe. Ich häJe da mal eine Frage Diskussion verwickeln lassen, weil dann kommen manchmal Leute und wollen mit einem über die Sondermüll Richtlinie diskuUeren, weil sie ihnen da letztens was aufgefallen ist. Und zwei Stunden später findet man sich in einer wüsten Diskussion wieder. Das sollte man, sollte man tunlichst verhindern.

00:04:44

Raúl Krauthausen: In der PoliUk reden wir auch noch ganz, ganz ausführlich. Ich habe ähnliche SituaUonen bei bei mir als jemand, der sich für Inklusion einsetzt, dass ich ganz oH von Menschen mit Behinderungen gefragt werde Sag mal, wie mache ich das mit dem Behindertenparkplatz vor meiner Tür, wo ich dann denke so, weiß ich nicht.

00:05:01

Kevin Kühnert: Ja, ja, ja.

00:05:02

Raúl Krauthausen: Überall woanders, das ist überall anders.

00:05:04

Kevin Kühnert: Ja.

00:05:05

Raúl Krauthausen: Ähm, ist ja auch föderal gelöst, oH. Und also mir tut es dann auch so leid, weil ich will ja helfen, aber gleichzeiUg keine Ahnung.

00:05:11

Kevin Kühnert: Ja klar, du bist dann auch nicht der Universal Experte für alles. Nein, Lars Klingbeil, mein Parteivorsitzender, häJe mir das mal erzählt in der Zeit, als er noch DigitalpoliUker im Bundestag sind die Kolleginnen und Kollegen immer gekommen, wenn das iPhone nicht mehr gegangen ist. Du bist doch DigitalpoliUk. Erkennst du, dass man irgendwie in Ordnung bringen kann?

00:05:27

Raúl Krauthausen: So wie an Weihnachten, wenn man zur Familie kommt?

00:05:30

Kevin Kühnert: Kurz dabei der General kummerkasten, bei dem alles abgeladen werden kann.

00:05:33

Raúl Krauthausen: Okay, du kommst auch aus Schöneberg, habe ich gelesen. Und witzigerweise sind wir beide Schöneberger Pflanzen sehr gut.

00:05:42

Kevin Kühnert: Ja.

00:05:42

Raúl Krauthausen: Ich habe meinen Kaffee damals immer im Double abgeholt, in der Akazienstraße, hab sehr viel Zeit meines Lebens in einem Kaffee Bilderbuch verbracht, weil es eines der wenigen heute gerechten Cafes ist und habe diese Wohnung nur gefunden in der Belzig erstraße damals, weil das eine leerstehende LadengeschäH war, wo sich eigentlich nur Dönerbuden beworben haJen, aber die Hausverwaltung nicht wollte, dass da das Haus dann nach nach Essen riecht und meine MuJer denen dann angeboten hat okay, wir mieten willst und da bist aber ne Wohnung und kein Gewerbe. Wie hast du denn deine Wohnung gefunden?

00:06:19

Kevin Kühnert: Die die WG, in der ich bis heute bin, Haben wir, die habe gar nicht ich gefunden, sondern die hat einer derjenigen, mit denen ich damals eingezogen bin, gefunden. Wir waren so lose im Freundeskreis verabredet, dass wir uns vorstellen können.

Zusammenzuziehen und waren alle auf der Suche. Und es galt so ein bisschen das Prinzip Jeder hält halt die Augen offen und sagt, wenn er was findet. Und die meldeten sich irgendwann und sagten Hm. Wir sind durch Schöneberg gelaufen und da war irgendwie, da war, sind wir an einem Haus gewesen und da waren Bauarbeiter und die haben gerade an irgendeiner Wohnung was umgebaut und wir haben einfach mal nachgefragt, ob die schon vergeben ist. Die Wohnung und war sie nicht und.

00:06:56

Raúl Krauthausen: Das geht noch.

00:06:57

Kevin Kühnert: Ja gut, das ist jetzt auch schon viele Jahre her miJlerweile. Und irgendwie hat das dann alles glücklich funkUoniert. Und ein paar wenige Wochen später saßen wir bei dem Vermieter im Büro und haben alles unterschrieben. Und ein Glück, was glaube ich heute so noch unwahrscheinlicher wäre, als es damals schon der Fall war.

00:07:14

Raúl Krauthausen: Ja, total. Wir haben ja das Thema Wohnungsnot. Glaubst du wirklich, man liest da ja auch so einiges? Glaubst du wirklich, dass Neubauten die Lösung sind?

00:07:24

Kevin Kühnert: Also ich mache ja WohnungspoliUk, also von allen Seiten BaupoliUk, aber auch mit Bestand und so im Bundestag. Und wenn ich in den ganzen Jahren, wo ich mich jetzt damit beschäHige, eins gelernt habe, dann es gibt nicht die eine Maßnahme, die das Problem löst, sondern es ist ein Mix aus Maßnahmen. Wenn wir über Berlin konkret reden oder auch viele größere Städte in Deutschland, dann ist es einfache MathemaUk. Berlin ist eine Zuzugstadt. Das kann man an den Zahlen seit vielen Jahren sehen. Und wo mehr Menschen hinziehen, muss auch mehr Kapazität geschaffen werden. Ansonsten werden Leute verdrängt, und zwar nach Marktmechanismus. Das heißt, die, die am wenigsten Kohle haben, fliegen raus und die, die mehr haben, greifen sich dafür die Wohnung. Das ist glaube ich nicht das, was die meisten von uns wollen und deswegen muss man dagegen auch auch anbauen. Aber die meisten Menschen haben ja glücklicherweise heute in der Stadt schon eine Wohnung und deren Frage ist eher wie bleibt meine Wohnung noch halbwegs bezahlbar, Wie werde ich nicht mit fadenscheinigen Gründen wegen einer Eigenbedarf skündigung da rausgedrängt usw.. Und deswegen gilt es das alles gleichzeiUg zu machen, also das eine tun, ohne das andere zu lassen. Nur so kann das funkUonieren mit der Bezahlbarkeit, mit den Kapazitäten und auch mit der Durchmischung, die wir brauchen. Und da haben wir noch gar nicht über Klimaschutz im Gebäudebereich gesprochen, da haben wir noch nicht über Barrierefreiheit als Baustandard gesprochen. Also wir wollen ganz viel von den Wohngebäuden in Deutschland, und das ist gar nicht so leicht, das alles hinzukriegen.

00:08:54

Raúl Krauthausen: Ich habe mich neulich gefragt Ja, wir haben jetzt den Bauminister Gallwitz, die jetzt auch gesagt hat, dass sie einen Großteil dieser Wohnung barrierefrei machen will. Warum sie nicht sagt, alle Wohnungen müssen barrierefrei sein, Weil eigentlich macht es ja gar keinen Sinn, wenn dann nur die Behinderten ihre Wohnung haben, aber niemanden besuchen können.

00:09:13

Kevin Kühnert: Das sUmmt. Und deswegen wollen wir es im Neubau auch wirklich als als absolut weitreichenden STANDARD. Wir haben. Also wir fördern ja nicht nur Neubau, sondern wir fördern ja auch Umbauten und da haben wir es einfach zum Teil mit sehr alter Gebäudesubstanz in Deutschland zu tun, altes Fachwerk und Ähnliches, was wir natürlich aus guten Gründen nicht abreißen wollen. Das ist ja auch prägend für viele Städte. Und nicht jedes dieser Gebäude kriegst du wirklich. Da kriegst du zum Teil Barrieren abgebaut, aber du kriegst sie nicht barrierefrei in dem Sinne, wie Barrierefreiheit definiert ist heutzutage. Aber

wenn ein Gebäude jetzt neu entsteht, dann muss das sowohl zum drin wohnen als auch zum Besuchen, also für die Nutzung, wofür es nun mal da ist, barrierefrei gemacht sein. Und mir ist das auch noch mal wichUg zu sagen, damit das dann nicht immer aus der Community selber so quasi so beJelnd eingefordert werden muss. Das ist auch gar nicht teurer, das sagen auch die Leute. Ich bin gerade diese Woche in Marzahn Hellersdorf bei einem Neubauprojekt einer städUschen WohnungsbaugesellschaH gewesen, die sagen, das sind Peanuts am Ende. Was? Was das schlussendlich bedeutet? Manche haben ja dann vor Augen und denken dann, das sind dann Wohnungen, wo die, die die Waschbecken weiter unten sind, zwingen usw. Darum geht es ja erst mal gar nicht, sondern es geht darum, dass man mit einem Rolli rangieren kann da drin, dass die Schwellen, wenn es in die Wohnung reingeht und auf den Balkon raus, dass die maximal zwei ZenUmeter betragen, dass man drüber kommt. Und das ist etwas, das können alle Bauherren in Deutschland problemlos leisten, ohne dass eine Luxuswohnung draus wird.

00:10:44

Raúl Krauthausen: Das heißt, wenn jetzt in den Medien gesagt wird, Frau Geiwitz will

400.000 neue Wohnungen schaffen, meint es auch den Altbestand.

00:10:51

Kevin Kühnert: Ja, also was wir damit meinen, ist, wir zählen alles dort rein, wo eine neue Wohneinheit entsteht, die vorher so nicht da war. Das kann zum Beispiel. Du hast von deinem Weg damals in Schöneberg erzählt. Das kann zum Beispiel bedeuten, dass ein vormaliger Gewerberaum in Wohnraum umgewandelt wird. Das ist in vielerlei Hinsicht gar nicht abwegig, denn wir haben europaweit mit die meiste Einzelhandelsfläche in Deutschland pro Kopf und wir lieben alle unseren inhabergeführte Einzelhandel um die Ecke. Aber die StaUsUk spricht eine klare Sprache, nämlich dass dieser Einzelhandel weniger Raum brauchen wird in den nächsten Jahren. Und das heißt, da wird zum Teil was frei. Und natürlich kann da auch Wohnraum rein. Homeoffice wird dazu. Führen, dass manche Bürogebäude nicht mehr als Bürogebäude gebraucht werden, sondern auch innen umgebaut werden können.

00:11:40

Raúl Krauthausen: Und dann leer bleiben.

00:11:41

Kevin Kühnert: Absolut genau. Man kann aus bestehenden Gebäuden, die bisher nicht Wohnraum waren, auch Wohnraum machen. Sie übrigens auch sehr klimaschonend, weil man muss nicht von Grund auf mit viel Beton das neue Haus hochziehen, sondern etwas vereinfacht gesagt man macht ein bisschen was am Trockenbau, man zieht die Wände anders, man baut eine Nasszelle rein und dann geht es los.

00:12:00

Raúl Krauthausen: Hast du schon im Gebälk gewohnt?

00:12:01

Kevin Kühnert: Nein, nicht immer in Schöneberg, aber im direkten Umfeld. Also heute ist das ja Tempelhof. Schöneberg. So ist ja der Bezirk, so ein Fusionsding. Und mein Leben hat sich aber genau in diesem Bezirk immer abgespielt. Ich bin im St. Josef Krankenhaus geboren.

Schöneberger Wissen Das ist ein Steinwurf rüber. Auf der anderen Seite der S Bahn Trasse es zwei S 25, dann gab es einen kleinen. Dann waren die ersten Jahre in Marientorf, dann kurzer

Ausflug nach Steglitz, rüber nach Lankwitz, dann ging es nach Lichtenrade mit meinen Eltern und die erste eigene Bude, die war dann halt in Schöneberg. Also das ist wie bei so vielen in Berlin, man ist das ja, man ist das Kind einer besUmmten Stadt Ecke und bei mir war es eben der Berliner Südwesten.

00:12:43

Raúl Krauthausen: Fühlst du dich auch manchmal so unsicher, wenn du dann plötzlich in Ostberlin stehst? Also ich kenne zum Beispiel Straßenbahn, also ich fühl U Bahn, ich weiß ungefähr okay, die U2 fährt, da lagen, die U1 fährt da lang, aber wenn da steht miiii, keine Ahnung.

00:12:56

Kevin Kühnert: Hm, das sUmmt. Also dieses sich zu Hause fühlen und wirklich wissen, wie alles genau funkUoniert, das habe ich so halt in Westberlin und vor allem im Südwesten. Aber ich fühle mich nicht unwohl und auch nicht unsicher. Ich bin ja Jahrgang. Es ist ganz lusUg bei uns in der Familie. Ich bin Jahrgang 89, also Mauerfall Jahrgang und meine Eltern sind Jahrgang 61, also Mauerbau Jahrgang. Das heißt, die sind in ihrem eingemauerten Westberlin großgeworden. Und auch wenn ich im im vereinigten Berlin großgeworden bin, bin ich natürlich wie jedes Kind in den Bewegungsräumen meiner Eltern groß geworden. Die sind natürlich weiterhin in den Straßen einkaufen gegangen, wo sie vorher waren, in die Restaurants usw. und so fort. Aber es gab ein paar Sachen, die mich rausgeholt haben, nämlich zum Beispiel, dass ich Vereinssport gemacht habe. Ich habe 15 Jahre Handball gespielt, und das war ein echter Beitrag zum Zusammenwachsen der Stadt in. Der Verband war so klug, dass die Ligen nicht in Staffel, Ost und Staffelwest geteilt waren, sondern wir mussten berlinweit unterwegs sein. Und so sind wir an den Wochenenden zum Handballspielen nach Hellersdorf oder so gefahren, wo ich sonst nie hingefahren wäre.

Natürlich, und bin von klein auf damit groß geworden, dass die ganze Stadt mein Bewegungsradius ist. Und das prägt eigentlich so meine Sicht auf Berlin bis heute.

00:14:10

Raúl Krauthausen: Ja, ich meine jetzt auch nicht unsicher im Sinne von Gewalt oder so, sondern einfach so im Sinne von ich muss dann halt auf den Plan gucken oder Google Maps oder was auch immer ausbauen, um zu wissen, wo hält die ein 13 eigentlich?

00:14:20

Kevin Kühnert: Das sUmmt. Also ich glaube, ich könnte bei den S und U Bahn Strecken im Berliner Westen mit ein klein bisschen Nachdenken würde ich glaube ich alle StaUonen auch in der richUgen Reihenfolge hinkriegen. Das kann ich jetzt bei der U5 am Ende nicht mehr genau sagen. Was vorher genau jetzt da genau kommt, muss ich passen.

00:14:38

Raúl Krauthausen: Aber wenn du jetzt sagst Marzahn Hellersdorf, da hast du jetzt irgendwie Wohnungen besichUgt bzw. Häuser gesehen, ist es so, wie man sich das vorstellt. Also PlaJenbau ist relaUv trist, wenig los oder gibt es irgendwie dann. Also wie macht man diesen Bezirk schmackhaH für Leute, die alle immer in Schöneberg gewohnt haben?

00:14:58

Kevin Kühnert: Gegenfrage Muss das überhaupt sein? Weil da wohnen ja auch vorher schon Menschen und nach meinem Eindruck nicht nur gezwungenermaßen, sondern viele fühlen sich da sehr wohl. Und das ist ja wie fast immer im Leben Der Mensch ist ein

GewohnheitsUer, er wird mit irgendwas groß und findet das erst mal normal. Also da so wie das Wort es sagt. Es ist für ihn die Norm. Man hat es so kennengelernt und das ist das normalste der Welt. Und insofern finden dort viele PlaJenbauten jetzt auch erst mal per se, also weder unzweckmäßig, sie sind sehr zweckmäßig und auch gar nicht zwingend hässlich. Und auch ich muss zum Beispiel sagen, ich würde, wenn ich es mir aussuchen könnte, mal lieber in einen Neubau als in den Altbau einziehen. Stuck an der Decke gibt mir persönlich jetzt nicht so wahnsinnig viel. Ich habe es lieber funkUonal und quadraUsch, prakUsch, gut und insofern gibt es da schon schon eine Nachfrage für. Es geht halt um wie immer um die Qualität. Eine PlaJe kann so und so sein, eine PlaJe kann seit 40 Jahren nicht gemacht sein, da pfeiH es zum nicht erneuerten Fenster durch. Es kostet Schweine viel Geld bei den Energiekosten, es ist kalt, das ist ungewöhnlich. Oder Die PlaJe ist gemacht worden oder neu gebaut worden und ist auf dem neuesten STANDARD. Da gibt es Gebäudetechnik, da kann man Heizung zentral steuern usw.. Also PlaJe ist nicht gleich PlaJe, so wie nicht jeder Altbau eine schöne 120 Quadratmeter Wohnung beinhaltet, sondern manchmal auch ganz schön runtergerockt sein kann.

00:16:24

Raúl Krauthausen: Ich habe vor ein paar Jahren mal ein Gespräch gehabt mit Fan Bowle Menzel. Ich weiß nicht, ob du den kennst, der er wohnt auch in Berlin und der beschäHigt sich sehr intensiv mit Tiny Houses. Mit diesen Holzhäusern, die dann teilweise auf Anhängern gebaut sind. Und der hat gesagt, wir haben in Deutschland oH die Fehlannahme, auch stadtplanerisch, dass je mehr Quadratmeter, desto glücklicher die Menschen.

00:16:46

Kevin Kühnert: SUmmt.

00:16:47

Raúl Krauthausen: Und er sagt Das sUmmt aber eigentlich gar nicht, weil Wohnglück kann man auch anders messen. Und er hat dann total schöne Kriterien entwickelt, zum Beispiel ein Kriterium ist Kann ich da, wo ich bin, so sein, wie ich bin? Ja. Oder Eine andere These war Kann ich meine Freunde fußläufig erreichen? Es Pantoffelnähe nannte er es. Und dass diese Kriterien sehr häufig gar nicht berücksichUgt werden beim Bau von Häusern oder Wohnungen oder Stadtplanung, weil man denkt, viel ist viel, hilH viel. Es gibt Menschen, die sind todunglücklich im Schloss und super glücklich im Zelt.

00:17:21

Kevin Kühnert: Absolut. Das ist das Gleiche wie in der Forschung zum Thema Einkommen. Es gibt irgendwann eine Grenze, ab der steigt das Wohlbefinden nicht mehr mit noch mehr Einkommen, sondern da geht es dann um die Frage Was mach ich denn mit den Möglichkeiten, die mir gegeben sind? So ist es mit dem Wohnraum tatsächlich auch. Wir haben auch in Deutschland, speziell auch in Berlin, staUsUsch zu viel Wohnraum verbraucht. Muss man ganz klar sagen. Wir gehen hart auf die 40 Quadratmeter pro Nase miJlerweile zu. Und das ist.

00:17:49

Raúl Krauthausen: Vielleicht verdoppelt in den letzten 50 Jahren, habe ich gelesen.

00:17:52

Kevin Kühnert: Ja. Jetzt muss man fairerweise dazu sagen das liegt ja nicht immer daran, dass die Leute so maßlos sind und das unbedingt wollten. Ich meine, das hat ja dann, man muss

das ja auch sauber halten, alles und bezahlen, sondern das sind eher die Merkmale eines Mangel Wohnungsmarktes, wie wir es jetzt in Berlin haben und auch deshalb so gefragt ist vorhin nach Neubau. Auch deshalb ist in einer wachsenden Stadt Neubau so wichUg. Nicht nur damit alle irgendwo unterkommen, sondern damit das permanente Bäumchen wechsel dich spiel, was ein Wohnungsmarkt nun mal ist. Familien werden größer, Familien werden kleiner, Kinder ziehen aus, Partnerinnen und Partner lassen sich scheiden oder versterben. Das alles gehört zum Leben dazu und verändert unseren Wohnraumbedarf. Aber ein Wohnungsmarkt, der kompleJ leer gefegt ist, wo ich nichts mehr finde, führt halt irgendwann dazu, dass immer mehr Leute in unpassendem Wohnraum sitzen. Verwitwete ältere Frauen sitzen in 120 Quadratmeter Altbauwohnung, die sie mal mit Mann und zwei Kindern bewohnt haben und Familien, die mal als Studibärchen in einer Anderthalb Zimmer Wohnung eingezogen sind, leben da heute mit zwei Kindern zusammen, weil sie nichts finden. Und das alles sind Merkmale von einem Wohnungsmarkt, der keine LuH zum Atmen lässt. Wir sagen immer, wir brauchen auf einem gesunden Wohnungsmarkt eine Leerstandsquote von drei, vier, 5 % ungefähr. Dann kann munter durch getauscht werden. Berlin ist bei 0,7 0,8, je nach Betrachtung. Das ist viel zu wenig.

00:19:21

Raúl Krauthausen: Du bist VollblutpoliUker, hast also bisher 33, wenn ich das richUg recherchiert habe. Seitdem du poliUsch akUv bist, glaube ich, habe ich dich auch wahrgenommen. Gibt es eine Frage, die du wirklich nicht mehr hören kannst? Oh.

00:19:37

Kevin Kühnert: Das wiederum ist jetzt eine gute Frage. Ähm, dass mir spontan nichts einfällt, spricht erst mal dafür, dass es noch nicht so eine kompleJe Nervfrage gibt. In letzter Zeit ist es ein bisschen die Frage geworden, wie es mit meiner Wohnungssuche aussieht. Da habe ich aber selber dafür gesorgt, dass die Frage andauernd gestellt wird. Ja, ja, das ist weiterhin so.

00:19:56

Raúl Krauthausen: Aus dem goldenen Tipp. Nee, wahrscheinlich nicht. Sonst häJest du eine.

00:19:59

Kevin Kühnert: Nein. Genau. Also es ist einfach ein Drama.

00:20:02

Raúl Krauthausen: Was ich an deiner Person so faszinierend finde. Ich habe auch, glaube ich, halb Deutschland die Doku gesehen in der ARD Mediathek. Sechs Teile, wo einfach deine Karriere innerhalb von drei Jahren nachgezeichnet wird oder einfach du begleitet wirst. Wie schaffst du es, bei all dem ganzen Rummel nicht abzuheben?

00:20:22

Kevin Kühnert: Das also Danke, wenn du das so wahrnimmst. Ich selber bin ja da total befangen und kann das wahrscheinlich mit am schlechtesten bewerten. Natürlich ho\ man, oder Ich hoffe, dass ich nicht abheben und dass ich so geerdet, wie es irgendwie geht, bleibe. Aber natürlich haben sich in meinem Leben auch Sachen verändert. Das wäre jetzt naiv zu sagen, dass das nicht der Fall ist. Das Dasein als Bundestagsabgeordneter bringt einfach gewisse Rahmenbedingungen mit sich. Die habe ich mir jetzt nicht ausgesucht, sondern die sind gegeben. Angefangen von der Frage, was man da an Einkommen irgendwie hat und auf welche Privilegien man so zurückgreifen kann. Das ist natürlich nicht das, was dem

gesellschaHlichen DurchschniJ zur Verfügung steht und insofern gibt es immer eine gewisse Verzerrung. Aber ich versuche einfach so wenig wie möglich in meinem Alltag zu ändern, ob das jetzt die WohnsituaUon ist. Also dann habe ich eben schon gesagt, daran würde ich jetzt gerne mal was ändern, Aber ich finde es jetzt erst mal überhaupt nicht unpassend, dass ein Bundestagsabgeordneter vom Grundsatz her in einer WG wohnt. Und da habe ich auch gar kein Problem mit. Ich nutze weiterhin ganz normal die öffentlichen VerkehrsmiJel in der Stadt. Ich bin so in meinem. Unterwegs, wie ich es immer gewesen bin. Ich gehe weiter in meine Stammkneipe. Ich versuche mir möglichst viel davon weiterhin zu bewahren. Vor allem, weil ich dort Leute treffe, von denen ich glaube, dass sie so ganz gut einfach den gesellschaHlichen DurchschniJ meiner Stadt widerspiegeln. Und das ist ja die größte Gefahr, dass du dich irgendwann nur noch mit Leuten umgibst, von denen du glaubst, das ist die GesellschaH. Aber das ist überhaupt gar nicht die GesellschaH.

00:22:01

Raúl Krauthausen: Wenn man die Doku sieht, dann merkt man Da stelle ich mir zumindest die Frage Wie viele Stunden am Tag arbeitest du eigentlich? Es sind besUmmt 60 Stunden die Woche. Das ist doch nicht untertrieben.

00:22:13

Kevin Kühnert: Nein, das ist also das ist eher noch deutlich mehr. Insbesondere jetzt. Also die Doku endet ja am Wahlabend der Bundestagswahl 2021. Danach ist ja noch mal ein bisschen was passiert. MiJlerweile bin ich jetzt Generalsekretär der SPD und darf so im Nebenjob die Parteizentrale mit 200 BeschäHigten noch leiten. Das macht das alles nicht einfacher. Ich kann es nicht so genau beantworten, weil ich bin ja. Also ich bin ja zur PoliUk als Hobby gekommen. Und eigentlich ist bei mir das passiert, was die Leute immer so als Ideal beschreiben. Ich habe ein Stück weit mein Hobby zum Job machen können, zumindest mal für eine Zeit. Und insofern geht Freizeit und Arbeit irgendwie auch ineinander über. Ich kann sagen, wie viel am Tag ich im SchniJ mit PoliUk beschäHigt bin. Ich will aber eigentlich nicht sagen, dass das alles Arbeit ist. Wenn ich weiterhin zu meinem. SPD Ortsverein, so heißt das bei uns die kleinste Gruppe vor Ort gehe, dann ist es für mich keine Arbeit, sondern das ist, da gehe ich als demokraUscher Mensch und als Sozialdemokrat hin, weil ich davon überzeugt bin, dass das ein Teil von Willensbildung in unserer GesellschaH ist, dass ich mit Menschen in meiner NachbarschaH mich zusammen setze und dass wir über die Dinge unseres Viertels und des täglichen Lebens rede. Und dafür musste ich nicht Abgeordneter werden, um das zu machen. Anderes im Plenum des Deutschen Bundestages sitzen oder bei Anne Will abends. Ja, das ist Arbeit. Da würde ich so als einfaches SPD Mitglied nicht sitzen. Insofern die Woche ist voll mit PoliUk, aber vieles davon wäre auch ohne den Job der Fall.

00:23:52

Raúl Krauthausen: Da sieht man, dass du sehr viel Auto fährst und also selber fährst, nicht nur gefahren bist, sondern du fährst meistens selbst. Und ich habe mich gefragt und das ist auch der Grund, warum ich keinen Führerschein will. Ich will gar nicht selber fahren müssen, weil das macht ja auch müde. Und wenn du dann keine Ahnung vier Stunden im Auto sitzt, von einer Sitzung zur nächsten fährst und dann abends noch zu Anne Will fährst, selber fährst. Also das saugt doch auch unfassbar viel Energie. Oder bedeutet Autofahren für dich auch irgendwie abkapseln? Du bist dann erst mal bei dir allein für dich.

00:24:24

Kevin Kühnert: Witzigerweise ist das manchmal so, also ich. Manche wundern sich immer,

wenn man als Berliner sagt, man hat überhaupt einen Führerschein oder fährt gelegentlich Auto. Ich bin halt am Stadtrand, lange Jahre, dann unten in in Lichtenrade, du kannst das einordnen.

00:24:35

Raúl Krauthausen: Ja, da braucht.

00:24:36

Kevin Kühnert: Man halt großgeworden. Genau das ist jetzt nicht Berlin MiJe, sondern da gibt es auch eine S Bahn Verbindung und die fährt auch schnell in die Innenstadt. Genau. Aber sobald man am Stadtrand sich so quer bewegen will, ist es dann durchaus schwierig oder was transporUeren will. Also es war schon sinnvoll und nöUg, einen Führerschein zu haben. Ich habe aber nie ein Auto besessen. Ich habe immer. Ich habe immer so Carsharing mit meiner MuJer quasi gemacht. Meine MuJer ist unter der Woche zur Arbeit gefahren mit dem Auto und ich habe es mir halt abends oder am Wochenende fürs Ehrenamt für die PoliUk geschnappt, um das zu machen, was ich dann gemacht habe. Und jetzt, mit der Zeit, ist es echt so geworden, dass ich zum Leidwesen meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die mich eigentlich immer davon abhalten wollen, dass ich manchmal sehr gerne auch selber auch mal eine längere Strecke Auto fahre, weil ich das total genieße, dann die Tür hinter mir zuzumachen und dann mal kurz durchzuatmen und diese Ruhe wirken zu lassen, Weil um den ganzen Tag ist um mich herum Gewusel, immer will jemand was, immer begleitet jemand. Und so neJ es gemeint ist, aber das ist ja auch Stress, wenn immer Leute anwesend sind. Es gibt immer eine Erwartungshaltung und einfach mal zu wissen, die nächsten drei Stunden sind jetzt für mich und ich kann jetzt hier, wenn ich Lust drauf habe, mal jetzt Schlager Radio an und singe Schlager mit. Und wenn ich schweigen will, dann schweige ich einfach. Das finde ich Luxus durchaus auch.

00:25:55

Raúl Krauthausen: Und manchmal können sie auch gefahren werden.

00:25:58

Kevin Kühnert: Ja, das passiert auch. Ich kann. Als Abgeordneter kann ich. Im Stadtgebiet von Berlin kann ich die FahrbereitschaH des Deutschen Bundestages nutzen. Also jetzt nicht für die Freizeit, aber dienstlich sozusagen. Und manchmal ist das auch einfach nöUg, weil der Tag ist super durchgetaktet und auch die, die Wege müssen einfach zack, zack gehen. Es gibt aber übrigens auch die Wege, die definiUv mit den Öffis einfach schneller sind. Also da kokeuere ich dann auch nicht mit. Hoher Herr Kühnert fährt U Bahn der feine Herr, sondern das ist einfach, wenn ich vom Willy Brandt Haus in Kreuzberg unten am. Tor in den Bundestag rüber fahre. Eine Strecke, die ich sehr häufig in die eine wie in die andere Richtung mache. Dann sind es mit der U6 vier StaUonen und das ist viel, viel schneller. Oder mit der S Bahn zwei.

00:26:45

Raúl Krauthausen: StaUonen.

00:26:46

Kevin Kühnert: Oder M 41, und das ist viel schneller, als sich zu fast jeder Tages und Nachtzeit mit dem Auto durch den Stadtverkehr durchzuquälen. Und auch das gehört halt zur Berlinkompetenz dazu. Man muss wissen, auf welcher Strecke welches VerkehrsmiJel am Ende das andere aussUcht.

00:27:02

Raúl Krauthausen: Ich bin ja seit 15 Jahren im, sagen wir mal mehr oder weniger gesellschaHspoliUschen Bereich unterwegs. Das Thema Inklusion ist ja eines meiner großen Themen. Und ich frage mich, ob Macht etwas Gutes ist. Meine MuJer sagt Wenn man Geld und macht, wir haben den Charakter.

00:27:18

Kevin Kühnert: Dann sollen wir mal als Gast in einem Podcast ist nicht mit Gegenfragen arbeiten. Aber hier kann ich jetzt nicht anders. Wenn du sagst du, stellst du die Frage, zu welcher Antwort kommst du denn bisher?

00:27:26

Raúl Krauthausen: Also manchmal wünschte ich mir, ich häJe Macht. Und dann und da käme auch gleich noch eine Frage hinterher Macht macht ja auch was mit an und irgendwann ist vielleicht auch zu viel Macht wieder da kannst du nur noch scheitern.

00:27:39

Kevin Kühnert: Ja, also ich. Ich rede es mir vielleicht ein Ticken schön, aber das, was mich immer beruhigt, ist In unserer GesellschaH vergeben wir Macht ja auf Zeit, das ist DemokraUe. Also wir wählen und dann haben auch Leute Macht. Das ist zweifelsohne so, ich bin einer von Was sind wir? 736 Bundestagsabgeordnete. Auf jeden Fall sind wir ein paar zu viel und wir sind für vier Jahre gewählt. Und so lange sind wir der Gesetzgeber in Deutschland.

00:28:08

Raúl Krauthausen: Und natürlich Markus Söder Heißt oder?

00:28:11

Kevin Kühnert: Ja, genau. Und natürlich ist das demokraUsche Macht. Also das gibt uns eine sehr einflussreiche PosiUon, aber die haben wir nicht durch Blutsrecht, nicht, weil wir in die richUge Familie geboren wurden oder weil wir über Grundbesitz verfügen oder was es halt so in der Geschichte für Spielregeln gab, nach denen Macht vergeben wurde, sondern wir haben das demokraUsch erlangt durch Leute, die uns gewählt haben. Und wenn die finden, dass wir mit der Macht Unfug machen, dann können sie uns beim nächsten Mal abwählen und jemand anderem die Macht geben oder sich selber darum bewerben. Und das finde ich unter allen Versuchen, die man bisher in der Geschichte unternommen hat, das Gemeinwesen zu organisieren, ist das ja erst mal der zivilisierteste, der uns so eingefallen ist. Ich würde nicht ausschließen, dass der Menschheit noch mal was OpUmales einfällt, aber es ist schon, es ist schon ganz gut. Aber es gibt auch Machtmissbrauch da so auch Parlamentarierinnen und Parlamentarier sind ein QuerschniJ durch die GesellschaH. Das heißt, auch bei uns gibt es Arschlöcher und Egozentriker und Gewinnmaximierer. Also alles, was es in der GesellschaH gibt, gibt es bei uns auch. Das sieht man dann, wenn irgendwelche Masken, Skandale oder so gibt ja Leute, die das Privileg haben, im Bundestag zu sein und dann und echt gutes Geld auch verdienen und trotzdem der Versuchung erliegen, noch richUg Reibach daneben machen zu wollen. Das, da würde ich sagen, das macht nicht die Macht, sondern das ist ein Charakter, der vorher schon angelegt ist, der ja den Charakter hat man oder man hat ihn nicht.

00:29:42

Raúl Krauthausen: Aber wenn man ich weiß ja, das hat mein PoliUklehrer auch gesagt, ja, die

DemokraUe ist die beste, zivilisierteste Form, blablabla. Und dann denke ich so Ja, was ist eigentlich egal, wenn ich gewählt habe? Trotzdem habe ich oH als Bürgerin das Gefühl, es ändert sich ja doch nichts. Und hier steht auch wieder eine Frage Hat die PoliUk überhaupt noch die Macht, die sie gerne häJe?

00:30:04

Kevin Kühnert: Da würde ich differenzieren, weil die PoliUk sind sehr unterschiedliche Akteure. Und wenn ich jetzt mal als rein als Parlamentarier spreche, kann ich als solcher jetzt auch ein großes Klagelied singen und sagen, Parlamentarier in Zeiten der Krise zu sein. Und wir sind ja seit Jahren in unterschiedlichsten Krisen. Genau. Zeiten der Krise sind für Parlamentarier nicht die besten Zeiten, weil das, was eigentlich unser Business ist, nämlich einen Sachverhalt von Grund auf durchdringen, sich erschließen, sich langsam Gedanken machen, mit vielen Akteurinnen und Akteuren sprechen, Argumente abwägen, zu einem Kompromiss kommen, Gesetze machen.

00:30:45

Raúl Krauthausen: Dafür Zeit zu haben.

00:30:46

Kevin Kühnert: Die Zeit haben wir häufig gar nicht. Wir arbeiten im Krisenmodus, nicht bei jeder Frage, aber bei vielen. Also jetzt allein dieses Jahr Preisbremsen, Entlastungspakete, alle wollen richUgerweise, dass es schnell geht. Genau. Und dann hat man eben nicht die Zeit zu sagen Ich würde jetzt gerne einfach mal eine Nacht drüber schlafen oder eine Anhörung im Ausschuss machen, um mal möglichst viele Expertenmeinungen dazu zu hören. Und das ist eine schwierige Abwägung, weil ich kann im Einzelfall erklären, warum das Entlastungspaket zackig gehen muss, weil die Leute haben jetzt Geld, Not und brauchen das Geld nicht in einem Jahr, sondern sofort. Aber natürlich laufen wir dabei Gefahr, dass sich das so ein pflegt. Als neues Normal Gesetzgebung wird halt zack zack auf dem Verordnungsweg aus dem Ministerium den. Vor die Füße gekippt und dann gilt Friss oder sUrb. Du hast einen halben Tag Zeit. Oder noch weniger. Guck es dir halt an. Und wenn du nicht mit sUmmst, dann verwerst du den Leuten die dringend notwendigen Reformen oder so. Das ist auf Dauer kein guter Zustand für für die DemokraUe. Insofern Wir müssen den Umgang von mit DemokraUe in Zeiten der Krise und der des digitalen InformaUonszeitalter. Es sind ja alles Beschleuniger für für unser Leben. Das müssen wir als Kulturtechnik eigentlich erst noch erschließen. Ich würde mir manchmal fast so eine Enquetekommission im Bundestag wünschen, die sich genau mit dieser Frage mal beschäHigt Wie machen wir eigentlich DemokraUe in Zeiten extremer Beschleunigung und KrisenhaHigkeit?

00:32:17

Raúl Krauthausen: Also, weil das ist, das wird ja sich nicht ändern. Also seit keine Ahnung, seit Nine Eleven, da habe ich zum Ersten Mal bewusst miterlebt, was es bedeutet, wenn Dinge nicht mehr so sind wie du. Immer geglaubt, dass das sie bleiben. Und seitdem sind wir in der Krise, habe ich das Gefühl, zumindest irgendeine Krise. Und nein, das wahrscheinlich auch mit dem Internet immer beschleunigter geworden. Da gebe ich dir total recht. Erste Hoffnung, dass wir das kulturell, technisch gelernt bekommen, kulturtechnisch gelernt bekommen.

00:32:44

Kevin Kühnert: Ja, dass also die Menschheitsgeschichte ist ja eine Geschichte der

permanenten Anpassung auch an Gegebenheiten. Und mal gibt es dann irrtümliche Anpassungen, die müssen korrigiert werden. Aber ich bin kein Kulturpessimist. Also meistens fällt der Menschheit dann doch auch irgendwann was Gutes ein, wie sie mit Herausforderungen umgeht. Und wir im PoliUkbetrieb müssen. Wir können schon an manchen Stellen auch auch schneller werden, ohne dass es problemaUsch wird. Also zum Beispiel redet jetzt bei uns der GeschäHsordnungsausschuss gibt ja für alles ein Ausschuss in Deutschland über die Frage, ob wir nicht auch mal zu stärker digitalen AbsUmmungen im Bundestag kommen. Weil ganz ehrlich, wir verplempern in einer Sitzungswoche schon wahnsinnig viel Zeit damit, dass wir an irgendwelchen Wahlurnen stehen und da so kleine PlasUkkärtchen reinwerfen, dass wir im Plenum Hände heben und zum Teil dann sogar noch mal aufstehen müssen für SchlussabsUmmung. Und das können andere Parlamente anders, digitaler, ohne dass die Qualität der Entscheidungen darunter leidet. Also wir können. Wir haben schon auch noch OpUmierungsmöglichkeiten in unserer Arbeit. So ist es nicht.

00:33:55

Raúl Krauthausen: Gibt es eine Entscheidung, die du oder sagen wir mal ein ein Thema, wo du zuletzt deine Meinung geändert hast?

00:34:02

Kevin Kühnert: Ja, ganz offensichtlich in diesem Jahr beim Thema Waffenlieferungen in ein Kriegsgebiet, also Ukraine, da galt in der deutschen PoliUk über Jahre der Grundsatz In Kriegs und Krisengebiete sollte man keine Waffen liefern. Auch ziemlich pauschal. Also da hat jetzt auch meistens niemand dazugesagt. Also nicht in solche Kriegsgebiete, wo komische Leute Krieg machen, sondern das war ein allgemeiner Satz, den fast alle, nicht alle in der PoliUk in Deutschland so vertreten haben. Und so waren ja auch die Umfragen. Noch wenige Tage vor der PuUnschen Invasion in der Ukraine gab es eine Umfrage, wo fast 80 % gesagt haben Nein, keine Waffenlieferung. Die DebaJe gab es ja schon. Soll man die Ukraine prävenUv sozusagen bewaffnen, damit sie sich wehren kann? Naja, und dann kam die Invasion. Wir sahen und da sieht man die Stärke des mulUmedialen Zeitalters. Wir sahen alle die Bilder. Es war nicht nur irgendwie das, man hörte da ist jetzt Krieg, sondern wir haben gesehen, wie Bomben einschlagen, wie verzweifelte Menschen in Kellern sitzen, dass es Tote gibt, dass dieser endlos lange Militärtross auf Kiew zufährt. Und das macht ja was mit Menschen, weil die halt sagen okay, meine Haltung ist eigentlich, das sollte es nicht geben, so einen Krieg und man sollte den auch nicht mit Waffen unterstützen. Aber jetzt sehe ich, dass da leiden Menschen schuldlos, die haben nichts falsch gemacht und werden überfallen, werden gefoltert, werden getötet. Und was bleibt mir jetzt als Handlungsmöglichkeit, um das zu verhindern? Was habe ich kurzfrisUg in der Hand, um deren Leid zu lindern? Und wenn mir dann nichts einfällt, was ich kurzfrisUg für sie tun kann, dann muss ich hinterfragen, ob das, was ich bis gestern für falsch gehalten habe, nicht doch erst mal sein muss. Und da haben wir geändert die Einschätzung.

00:35:47

Raúl Krauthausen: Aber in diesen Zeiten ist es super schwer geworden, Pazifist zu sein. Also zu sagen ich bin grundsätzlich aber eigentlich gegen Waffen.

00:35:54

Kevin Kühnert: Ja, ich bin nie Pazifist gewesen, deswegen habe ich den Schmerz in Anführungszeichen sozusagen nicht. Ich will aber eine Lanze auch brechen für Leute, die wirklich dezidiert sich als Pazifisten begreifen, weil ich das eine völlig legiUme PosiUon finde,

über die man sich auch nicht lächerlich machen muss. Und wer in dem konkreten Fall jetzt eine pazifisUsche Grundhaltung aufrecht erhält, dem finde ich, sollte man auch nicht vorwerfen, der Ukraine gegenüberstehe. Nein, der ist kein PuUnversteher und der ist auch nicht unsolidarisch mit irgendwem konkret, sondern in einer in einer Dilemma SituaUon. Also der Bruch von internaUonalem Recht. Das eine Dilemma SituaUon, weil man ihn eigentlich nur damit beantworten kann, selber zu MiJeln zu greifen, die man eigentlich für falsch hält. In so einer DilemmasituaUon, sich dem Dilemma zu verweigern und zu sagen Ich bleibe bei der Grundhaltung, ist eine eine PosiUon, die ich jetzt konkret in dem Fall nicht einnehme, die ich aber für vollkommen vertretbar und diskutabel halte.

00:36:54

Raúl Krauthausen: Gibt es eine Illusion, die du aufgeben musstest, seitdem du in der PoliUk akUv bist? Hm, dann kann ich mal ein Beispiel geben. Ich habe vor ein paar Jahren mal Ursula von der Leyen getroffen und damals war sie noch Arbeitsministerin.

00:37:09

Kevin Kühnert: Das ist schon eine Weile her.

00:37:10

Raúl Krauthausen: Und sie meinte das erst in ihrem Amt, wenn sie verstanden hat, dass wir eigentlich eine Art Gender Quote brauchen, also Frauenquote brauchen im Unternehmen, weil mit Freiwilligkeit und das, was immer gesagt wurde, wir müssen appellieren und bla. Das einfach nie geholfen hat und sie das aber lange geglaubt hat, dass man durch Eigenleistung es schaffen kann. Und das war für eine CDU PoliUkerin schon, sagen wir mal, da hat sie vielleicht sogar auch die Kanzlerinnenkandidatur gekostet, im Laden mit dieser PosiUon Arbeitsminister genannt zu sein.

00:37:42

Kevin Kühnert: Das sUmmt. Es gibt. Es gibt so schöne Momente. Gut, jetzt haben wir gerade über die Waffenlieferung gesprochen. Das ist. Das ist natürlich vergleichbar. Und wie bei Ursula von der Leyen auch Es ist die Realität am Ende, die einen dazu häufig bringt, doch noch mal etwas anders zu beleuchten, weil weil dann etwas prakUsch wird. Und wenn man dann Verantwortung trägt, kann man sich nicht nur zurückziehen auf eine grundsätzliche Überlegung, sondern man muss dann ganz konkret in der Sache sagen, was das jetzt in diesem Fall bedeutet. Wenn ich es in meinen Themenbereich beim Bauen und Wohnen übersetze, dann würde ich sagen, spreche ich heute sicherlich differenzierter über, zum Beispiel über Wohnungseigentümer, als ich das früher gemacht häJe, weil ich mehr über die Unterschiedlichkeit von Eigentümern miJlerweile weiß. Also ich habe keine andere Sicht darauf, wie den Wohnungsmarkt idealerweise sein sollte, aber mir ist schon sehr daran gelegen, dass wir nicht zum Beispiel alle in einen Topf werfen und so tun, als sei jeder, der privat Wohnraum besitzt, automaUsch dadurch ein Halsabschneider und wäre quasi geneUsch darauf gepolt, sich jetzt irgendwie mieterfeindlich zu verhalten. Das ist nachweislich nicht der Fall und da bin ich deutlich differenzierter in meiner ArgumentaUon miJlerweile unterwegs, als ich das vielleicht noch vor ein paar Jahren gewesen wäre.

00:39:06

Raúl Krauthausen: Ja, gleich geht’s weiter. Wenn du diesen Podcast unterstützen möchtest, dann kannst du das mit einem kleinen monatlichen Beitrag tun. Im Gegenzug kannst du aktuelle Folgen vorab hören. Und du wirst, sofern du das möchtest, hier im Podcast auch

namentlich genannt. Alle Infos findest du auf Raoul de. Aufzug. Ende der Service Durchsage. Viel Spaß beim zweiten Teil der Folge. Da gibt es ein poliUsches Erfolgserlebnis, dass du gemacht hast. Oder sagst du Ja, gell?

00:39:45

Kevin Kühnert: Ja, also ich glaube, es gibt immer das eine, woran man sein ganzes Leben zurückdenkt. Und das ist das erste, das erste Mal, wo man richUg einen Unterschied selber gemacht hat. Und ich habe, als ich bei den Jusos angefangen habe, bei den Jusos in Berlin und da im Landesvorstand gewesen bin, da haben wir uns mit, wie man das in der SPD damals viel gemacht hat, mit Hartz IV und den Auswirkungen von Hartz IV und der SituaUon von Menschen in Hartz IV beschäHigt. Und dann haben wir irgendwann uns auch mal genauer angeguckt, Was ist eigentlich in diesem Regelsatz drin, den die Leute kriegen?

Wofür ist denn dieses Geld so vorgesehen? Und dann sind wir gestoßen auf den Anteil für Mobilität. Der lag bei irgendwas, 25 € um und bei. Und dann stellten wir fest Moment mal, das Ticket, was in Berlin vom öffentlichen, von den öffentlichen Verkehrsbetrieben verkauH wird für Menschen, die Grundsicherung bekommen, das ist ja teurer als das, was die eigentlich für Mobilität vom Staat zugebilligt kriegen. Wie kann denn das sein? Das ist ja eine Milchmädchenrechnung. Und dann haben wir, wie man das dann in so einer Partei macht, haben wir einen Antrag geschrieben. Also wir haben auf Papier geschrieben, was sich daran ändern sollte, haben das bei den Jusos in Berlin beschlossen, haben das auf den Parteitag der Berliner SPD geschickt. Das ist dort beschlossen worden. Die Berliner SPD ist damit in Wahlkampf gezogen, hat das in die KoaliUonsverhandlungen eingebracht. Der Senat hat das so auf den Weg gebracht und dann wurde es irgendwann Gesetz. Und dann ist der SozialUcket Preis von, ich glaube davor 36 € auf 27,5 €. Das war dann der Anteil für Mobilität gesenkt worden und das werde ich nie vergessen. Ich bin dann auf einen S Bahnhof in Berlin gegangen, auf meinem Weg zu keine Ahnung wohin und habe auf diesen Automaten an dem Tag, als es losging geklickt. Und auf dieses Feld mit dem Berlin Ticket hieß das dann und dann stand da 27,5 €. Und das ist ein ganz besonderer Moment zu wissen, das steht da jetzt, weil ich mich mit anderen zusammen dafür eingesetzt habe. Das ist, glaube ich, das, was die WissenschaH Selbstwirksamkeit nennt. Und das ist ein ganz, eine ganz erfüllende Angelegenheit.

00:41:50

Raúl Krauthausen: Super. SUchwort Selbstwirksamkeit. Ich habe neulich ein Wikipedia ArUkel gelesen über Sankos. Also versunkene Kosten und versunkene Kosten gibt es ja sehr, sehr viele, die wir auch im Alltag kennen. Keine Ahnung. Wir haben jetzt so lange in unserem Leben LoJo gespielt und nie gewonnen. Aber jetzt muss ich dranbleiben, oder? Also es gibt ja viele solcher versunkenen Kosten und das gleiche mache ich die ganze Zeit. Die Beobachtung mit Hartz4 oder vielleicht demnächst Bürgergeld, das wir. Wir erhöhen dann ja den Hartz IV Satz um 5 € und es kostet dem Staat Milliarden. Aber alle wissen alle, sowohl die kein Hartz4 bekommen als auch die PoliUker innen als auch die, die es bekommen, dass 5

€ nichts sind und gerade in Zeiten von InflaUon usw. Aber es war am Ende Arsch teuer und alle sind unzufrieden. Und das ist mit dem Bürgergeld was jetzt 53 € mehr sind, vielleicht sogar noch mit ähnlich schlimmen, ähm sagen wir mal Dingen, die die man Bürger ihnen aufzwingen kann, weil Friedrich Merz dagegen ist. Das wird jetzt auch keine RevoluUon werden.

00:42:55

Kevin Kühnert: Nie eine RevoluUon nicht, aber das Bürgergeld ist deutlich mehr als nur plus

53 € im Monat. Dann wäre es auch keine Reform, dann wäre es halt eine Preisanpassung. Aber die Bürgergeld Reform ist schon auch eine Strukturreform, bei der wir versucht haben, sehr genau zuzuhören, was uns die Leute aus der Praxis gerade in den Jobcentern gesagt haben. Als Beobachtung aus den letzten Jahren nämlich. Also zum Beispiel haben sie immer darum gebeten Lasst uns unseren Job machen, nämlich in Arbeit vermiJeln und hört auf, dafür zu sorgen, dass wir die Wohnungen von Menschen ausmessen müssen, um festzustellen, ob da zwei Quadratmeter zu viel sind. Und lasst uns also hört auf, uns Kontoauszüge sorUeren zu lassen, um zu gucken, ob da zu viel Vermögen auf dem Konto ist, sondern gebt uns die Möglichkeit, alles dafür zu tun, dass die Leute wieder in ihn in Arbeit kommen können, nachhalUg in Arbeit kommen können. Denn das ist häufig aus dem Blick geraten Wofür machen wir das alles? Das Ziel ist, dass Leute, die in die Erwerbslosigkeit gerutscht sind, dass die wieder auf eigenen Beinen stehen können. DauerhaH. Das wollen ja auch fast alle Betroffenen selbst. Das ist ja Erwerbslosigkeit ist eine Macht, Leute, kreuzunglücklich ist eine ganz beschissene SituaUon im Leben. Und das WichUgste ist, erst mal da wieder rauszukommen. Und dieses System, Jobcenter und alles drum herum, da muss jeder SchriJ sich die Frage stellen lassen, was tut dieser SchriJ dazu, dass das wahrscheinlicher wird, dass die Leute wieder in Arbeit kommen. Und deshalb sagen wir beim Bürgergeld dieser Vorrang, das zum Beispiel in irgendwelche Saisonjobs vermiJelt wird, anstaJ zu gucken, wie kann ich jemanden, auch wenn es ein bisschen länger dauert, weiter qualifizieren, weil das, was die. Einmal gelernt hat, wird vielleicht nicht mehr gebraucht, weil der technische FortschriJ das übernommen hat. Dass da die Qualifizierung den Vorrang jetzt künHig hat und die Leute nicht gedrängt werden, möglichst schnell in einer Maßnahme zu sein. Das ist schon ein wichUger Systemwechsel. Aber ja, wir müssen uns da nichts vormachen. Leute, die lange raus sind, um wieder auf den Arbeitsmarkt zu bringen und sie auch wieder zur Teilhabe an der GesellschaH zu bringen. Das kostet an Energie, aber auch an Geld deutlich mehr, als einfach nur jeden Monat 502 € jetzt zu überweisen, sondern das ist ganz viel Arbeit. Wir machen das ja in einem Programm, das sich in vielen Programmen aber das prominenteste, das prominenteste ist der soziale Arbeitsmarkt. Und da finanziert der Staat über mehrere Jahre quasi den Lohn von Langzeiterwerbslosen, die in einem Unternehmen wieder arbeiten, weil sie so lange raus sind und noch nicht so leistungsfähig am Anfang sind. Zahlt der Staat am Anfang bis zu 100 % des Lohns und dann auch nach ein, zwei Jahren immer noch 80 70 %, bis irgendwann eine Leistungsfähigkeit da ist, bei der der Arbeitgeber sagt jetzt kann ich das kompleJ übernehmen, jetzt ist das ein ganz voll funkUonsfähige Arbeitnehmer, so wie das hier bei uns nöUg ist. Und klar, das kostet. Wenn man es rein volkswirtschaHlich betrachtet oder eher betriebswirtschaHlich betrachtet, kostet es erst mal wahnsinnig viel Geld. Aber volkswirtschaHlich betrachtet ist das natürlich die beste InvesUUon, die wir machen können, weil in die Selbstständigkeit von Leuten zu invesUeren ist.

00:46:08

Raúl Krauthausen: Aber ich verstehe. Also klar habe ich schon auch damals verstanden. Was mich nur an der Sache stört, ist, dass man jetzt schon das Gefühl hat, das Bürgergeld wird keinen InflaUonsausgleich haben. Das heißt, die Preise werden teurer, aber 53 € sind dann wahrscheinlich wieder InflaUonsausgleich gerade mal. Und dann haJe ich vor vier, fünf Jahren ein Gespräch mit jemandem vom Deutschen InsUtut für WirtschaHsfragen und der sagte, der Mindestlohn müsste eigentlich bei 14 € liegen. Das hat er vor fünf Jahren gesagt, um nicht in Altersarmut zu leben. Das heißt, wir verschieben das die ganze Zeit, kosten in die ZukunH, weil wir genau wissen Menschen, die so und so viele Jahre Mindestlohn bekommen

haben und so viele Jahre Bürgergeld bekommen haben, altersarm leben. Und das müssen wir auch einlösen, dass man für sich selber sorgen kann.

00:46:58

Kevin Kühnert: SUmmt. Es gibt ja eine klare ArmutsdefiniUon, auch wissenschaHlich, nämlich dass wenn bei 60 % vom sogenannten Medianeinkommen alles was darunter geht, ist, ist die armutsgefährdete Zone. Was ist ein Medianeinkommen, wenn man quasi alle Einkommen in Deutschland der Größe nach in so eine Reihe nebeneinander stellt und den ganz in der MiJe rausnimmt, dass es der Medianlohn oder das Medianeinkommen und davon 60 % das ist die Grenze zur Gefährdung runter. Das ist sozusagen, ich sage es jetzt in meinen Worten, das ist dann sozusagen die Streuweite. Wir wollen ja nicht den Normlohn in Deutschland haben, dass alle das Gleiche kriegen. Das wäre auch ein bisschen komisch. Das heißt, man sagt das, was der DurchschniJslohn ist, da kann man mit ein bisschen mehr gut leben, da kann man auch mit ein bisschen weniger durchaus gut leben. Aber wenn es zu weit davon abweicht nach unten insbesondere, dann sind Dinge des täglichen Bedarfs usw. nicht mehr gewährleistet. Dann wachsen einem die Wohnkosten über den Kopf, dann geht es in VerschuldungssituaUonen staUsUsch gesehen häufig rein. Und das ist ein ziemlich hoher Anteil von Menschen in Deutschland von über 15 %, die im zumindest armutsgefährdeten Bereich unterwegs sind, vielfach auch wirklich Armutsbetroffene. Und der Lohn alleine verrät noch nicht zwingend, ob, ob das der Fall ist oder nicht. Da muss man gucken, Vollzeit oder TeilzeitbeschäHigung. Also man kann mit Vollzeit Mindestlohn sicherlich keine großen Sprünge machen, aber in besUmmten KonstellaUonen, wenn es vielleicht auch Double Income Haushalt ist, geht das schon. Aber in anderen geht es eben auch nicht. Deswegen gibt es ja zusätzliche ergänzende Leistungen wie Wohngeld, Kinderzuschlag und anderes, weil wir genau wissen, dass wir unter ErwerbstäUgen auch viele in Deutschland haben, die trotzdem nicht gut damit über die Runden kommen. Aber die sollen ja einen Mehrwert von ihrer Arbeit wirklich spüren. Am Ende soll mehr möglich sein, als wenn sie einfach sagen würden Leck mich, ich bleib zu Hause. Das ergibt so alles keinen Sinn. Und deswegen ist das immer so ein so ein Austarieren, was wir da machen. Und was die Rente angeht, haben wir ja ein bisschen auch ein paar Behelfsbrücken gemacht, weil wir finden, wenn jemand lange gearbeitet hat, selbst wenn es häufig zu sehr niedrigen Löhnen war, was fürchterlich ist, dann soll daraus keiner keine, keine Grundsicherungsrente am Ende werden. Deshalb haben wir zum Beispiel die Grundrente eingeführt, bei der die Spielregel lautet Wer 35 Jahre gearbeitet und oder Kinder erzogen und oder Angehörige gepflegt hat, der kann. Auf jeden Fall eine Rente oberhalb des Grundsicherungsniveau.

00:49:40

Raúl Krauthausen: 35 Jahre arbeiten. Da musst du mit 25 angefangen haben zu arbeiten, wenn du Kinder großgezogen hast. Wenn Leute pflegen, muss das in der Familie. Also ich habe manchmal das Gefühl, das sind dann so Zahlen, die dann im Idealzustand funkUonieren, aber oH einfach nicht die Realität. Zumindest von Leuten, die ich kenne, die Job wechseln, mein halbes Jahr arbeitslos sind. Das sammelt sich ja an mit der Zeit.

00:50:01

Kevin Kühnert: Das sUmmt.

00:50:02

Raúl Krauthausen: Erst mal, das auch eher unrealisUsch.

00:50:03

Kevin Kühnert: Ist. Ja, also ich will jetzt nicht zu Uef ins Detail reingehen, so was ist schon berücksichUgt. Also das ist jetzt nicht einfach nur die AddiUon von jedem Erwerbsmonat, sondern zum Beispiel Arbeitslosengeld I Zeiten oder so sind auch berücksichUgt mit da drin. Also das ist jetzt nicht mit der Stechuhr alles festgehalten. Aber klar, die Biografien werden immer bunter, aus unterschiedlichsten Gründen und aus total legiUmen Gründen. Und EinzelfallgerechUgkeit ist in der PoliUk etwas super schwer zu erreichen. Das heißt also, ich glaube, gute PoliUk beschäHigt sich immer wieder mit neu, muss sich immer wieder konfronUeren mit UngerechUgkeiten und dann das Regelwerk weiter anpassen, um möglichst viele davon auszumerzen. In dem Wissen, dass wir das. Das ist wieder der Esel, dem man die Möhre vor die Nase hält. An so einer Angel. Genau. Er wird nie zubeißen können, aber er bewegt sich zumindest in die richUge Richtung. Und das ist das, was wir, was wir zumindest auch versuchen.

00:51:03

Raúl Krauthausen: Du hast gerade über den Median gesprochen von Einkommen haben. Ich als Mensch mit Behinderung, der auf Assistenz angewiesen ist, bin auch vom Median betroffen, mehr oder weniger, weil die Assistenz ja vom Amt bezahlt wird, quasi. Und solange ich arbeite, da habe ich ein besUmmtes Vermögen nicht überschreiten und Einkommen und das ist der Median arm, wenn ich das richUg sehe und ich kann davon leben, das ist auch alles okay, aber alles, was ich da drüber verdienen würde, würde eingezogen werden zu einem sehr großen Prozentsatz. Und ich darf nicht sparen. Mehr als 50.000 €, glaube ich. Wenn ich arbeitslos wäre, dann würde dieses Sparvermögen auf 25.000 € fallen. Und ich verstehe die ArgumentaUon dahinter. Aber es haben uns viele Leute in Behörden gesagt, das zu prüfen. Ja ist teurer als das, was wir erstens finden. Und zweitens es wird man gleichgesetzt mit jemandem, der arbeitslos ist. Was, wie du selber sagst, ein temporärer Zustand sein soll, habe ich ja mein Leben lang behindert bin, hat die aktuelle KoaliUon vor diesem Zustand zu ändern?

00:52:08

Kevin Kühnert: Ganz ehrliche Antwort. Da bin ich gar nicht Uef genug im Thema drin, um es dir genau sagen zu können. Also ich weiß, für manche ist es dann immer schwer verständlich, aber wir sind nicht alle in der PoliUk in allen Themenbereichen gleich gut drin. Und ich kann dir jetzt sagen, ich höre dir zu und verstehe die SituaUon und finde erst mal, dass mein GerechUgkeitsempfinden verletzt ist bei dem was du sagst, weil ich das so nicht logisch finde und weil für Dinge, für die Menschen nichts können, sondern die schicksalhaH uns gegeben sind, sollte es keine staatlichen RestrikUonen oder Bestrafungen oder wie auch immer man es nennt geben, weil das hat sich ja niemand ausgesucht. Arbeitslosigkeit hat sich übrigens auch in der Regel niemand ausgesucht, weshalb wir ja jetzt auch sagen, zumindest in den ersten Jahren gibt es auch sehr große Schonvermögen usw., nämlich genau aus den genannten Gründen, also weil die Leute in den Jobcentern uns gesagt haben, das ist zu kompliziert, das alles zu prüfen, haltet uns den Rücken für die VermiJlung frei, haltet den Betroffenen den Rücken frei, dass sie sich auf das Finden von Arbeit konzentrieren können und setzt sie nicht unter Druck. Und übrigens und es hat also am Ende geht es um Menschenbild. Immer. Das darf man nicht vergessen. Wir diskuUeren immer drüber in so einer in so einer Einzelfallbetrachtung, dann kommen anekdoUsche Sachen. Ich kenne einen Arbeitslosen und der hat sich nicht angestrengt oder der findet das ganz geil oder so. Darum geht es ja gar nicht. Es geht darum, dass niemand von uns und das gilt übrigens für

Arbeitslosigkeit wie für eine Behinderung davor gefeit ist, auch betroffen sein zu können. Und unser Sozialstaat sollte so gestaltet sein, dass für den Fall, dass einem etwas passiert, man dann nicht ins Bodenlose fällt, sondern dass man sich auf ein festes Netz verlassen kann und dass das dann nicht in Frage gestellt ist und dass man nicht im Einzelfall jemanden nachweisen muss, dass man sich tüchUg angestrengt hat und hier kein übler Nutzniesser von sozialstaatlichen Leistungen ist. Und das ärgert mich, dass wir diese, diese diese Menschenbild und GesellschaHsbild Ebene häufig verlassen und abgleiten in so ein sehr revanchisUsches. Jetzt zahlen wir es dem Florida, Rolf und seinesgleichen quasi mal zurück und zeigen den Arbeitslosen, wie man sie ordentlich zum Arbeiten triezen kann, als wüssten sie nicht selber, wie blöd die SituaUon eigentlich ist.

00:54:30

Raúl Krauthausen: Ja, und dass Menschen mit Behinderung ähnlich wie Arbeitslose immer als Kostenfaktor gesehen werden und nicht. Auch als Menschen, die vielleicht beitragen können zur GesellschaH. Was mich zum Thema PoliUk bringt.

00:54:42

Kevin Kühnert: Darf ich da nur ganz kurz. Ja, weil das finde ich. Also man stößt ja dann manchmal erst selber über ArUkel oder so drauf, wenn man, wenn man ganz persönlich aktuell nicht auf den Abbau von Barrieren, also ganz egoisUsch betrachtet, jetzt nicht darauf angewiesen ist, dann muss man sich ja häufig einfach mal konfronUeren, um zu wissen, was passiert eigentlich drumherum. Und ich war echt schockiert, als ich zum Beispiel mitgekriegt habe, dass er im. Dass wir zwar über die Vereinten NaUonen völlig zurecht darauf verpflichtet sind, dass der öffentliche Nahverkehr in Deutschland seit diesem Jahr barrierefrei zu sein hat. Und dann kommt das Sternchen mit dem großen Aber. Es gibt aber Ausnahmen davon, nämlich wenn quasi eine WirtschaHlichkeitsprüfung ergibt, dass sich das nicht rechnet, weil da nach allgemeiner Auffassung nur alle Jubeljahre mal jemand mit einem Rolli vorbeikommt. Und dafür muss ja dann kein Aufzug oder so gemacht werden. Also das ist ja nun, das ist ja schon einfach zu sagen, eine Struktur steht einem eigentlich zu, aber wenn die Betroffenen nicht quasi Schlange vor Ort stehen und deutlich machen, dass es viele von ihnen gibt oder sich die ZukunH bei uns meldet und uns verrät, wie viele Betroffene es wohl in ZukunH geben wird, was wir ja gar nicht wissen, Dann machen wir es nicht. So funkUoniert PrävenUon und so funkUoniert Gemeinwohl und Daseinsvorsorge natürlich nicht.

00:56:01

Raúl Krauthausen: Was glaubst du denn? Sind gerade wir Menschen über ein Thema gesprochen? Probleme, die Menschen mit Behinderung in Deutschland gerade haben?

00:56:08

Kevin Kühnert: Kommt darauf an, natürlich, über welche Form von Behinderungen wir sprechen. Also klar, der Abbau von physischen Barrieren im Alltag ist ein ein Dauerbrenner Thema. Übrigens haben Menschen mit einer mit einer körperlichen BeeinträchUgung gemein. Mit ganz vielen, mit kleinen Kindern, mit Seniorinnen und Senioren, die nicht mehr so mobil sind usw.. Also es ist eine riesen Gruppe in der GesellschaH und das tri\ uns im Baubereich. Also bei Gebäuden nicht nur Wohngebäuden, sondern zum Beispiel öffentliche Gebäude usw. sind die zugänglich oder nicht? Das betri\ den Straßen und Verkehrsbereich. Ich habe ein paar Jahre KommunalpoliUk gemacht und weiß um Fragen von Bordsteinabsenkung und ähnlichem mehr. Also das sind die sind die Klassiker. Natürlich.

Dann geht es um Teilhabe am Arbeitsmarkt. Arbeitgeber sind ja zum Beispiel in Deutschland

dazu verpflichtet, größere Arbeitgeber einen besUmmten Anteil ihrer Arbeitsplätze fix auch an.

00:57:07

Raúl Krauthausen: Ab 20 Mitarbeiterinnen 5 %.

00:57:10

Kevin Kühnert: Genau an Menschen mit Schwerbehinderung auch zu vergeben. Sie können sich aber davon. Ja, ich glaube, man muss es so sagen freikaufen. Sie können eine monatliche Abgabe bezahlen und dann darauf verzichten, das durchzusetzen und unterlaufen damit unseren Anspruch, den wir eigentlich verfolgen, nämlich einen inklusiven Arbeitsmarkt, also nicht einen separaten Arbeitsmarkt für Menschen mit BeeinträchUgung, sondern einen wirklich inklusiven Arbeitsmarkt zu schaffen. Und das ist für einen Sozialdemokraten Kern Spielfeld natürlich auf dem Weg.

00:57:41

Raúl Krauthausen: Aber was ist zum Beispiel, dass, wenn Volkswagen eine WerkstaJ für behinderte Menschen beauHragt, dann Dreiecke zu verpacken, die das zu 50 % auf ihre BeschäHigtenquote im eigenen Laden anrechnen können?

00:57:52

Kevin Kühnert: Nein, das wusste ich tatsächlich nicht. Das heißt, die eine Zulieferung sozusagen, verschieben Sie in eine WerkstaJ. Und das können Sie auf Ihre StammbelegschaH anrechnen lassen. Ja, das ist das nicht, dass in.

00:58:04

Raúl Krauthausen: Den WerkstäJen kein Mindestlohn verdienen. Das ist ja auch ein riesiges Problem.

00:58:09

Kevin Kühnert: Ich habe wirklich vorher jetzt nicht nachgeguckt, Wie stehst du zu dem Thema Mindestlohn? Weil. Also natürlich diese Taschengelder, die in WerkstäJen gezahlt werden, da brauchen wir keine Sekunde drüber diskuUeren. Das hat mit dem Anspruch, jeder nach seinen Möglichkeiten, jeder nach seinen Fähigkeiten nichts zu tun. Mein letzter Kenntnisstand war, dass die WerkstaJräte, da gibt es ja Zusammenschlüsse auch in Deutschland, Leute, die für WerkstäJen, also Betroffene, die für WerkstäJen sprechen, die dort arbeiten, dass die sich für ein anderes Modell mehrheitlich ausgesprochen haJen, nämlich für das Basisgeld. Ja, genau so heißt es. Wie siehst du.

00:58:44

Raúl Krauthausen: Das? Also es ist ja noch völlig unklar, was Basisgeld eigentlich genau bedeutet. Ich habe den Eindruck, dass die Leute, in denen WerkstaJräten sitzen, das dann letztendlich auch eingeredet bekommen. KämpH lieber alle für das Basisgeld, ohne gleichwerUg informiert zu werden über mögliche AlternaUven, die es bereits schon gibt. Also es gibt ja zum Beispiel das Budget für Arbeit, wo man ja letztendlich die gleichen Gelder, die eine WerkstaJ bekäme, theoreUsch einsetzen könnte, um jemanden direkt bei Volkswagen anzustellen, auch anzustellen und nicht nur zu beschäHigen. Und wir wissen jetzt zum Beispiel in Berlin Brandenburg, dass viele BeschäHigte in WerkstäJen gar nicht informiert werden über ihre Rechte und AlternaUven, weil es intrinsisch nicht moUviert ist, in den WerkstäJen Wohlfahrtssbetrieben Unternehmen ihre besten Mitarbeiterinnen an den

allgemeinen Arbeitsmarkt abzugeben. Aber die ja nur, wenn sie ausgelaufen. Quasi funkUonieren und ja auch untereinander irgendwie in Konkurrenz stehen.

00:59:42

Kevin Kühnert: Das ist also, als ich da das letzte Mal drüber gehört habe über diese Frage Mindestlohn, WerkstäJen ja oder nein? Und von diesem Basisgeld gehört habe, ist mir genau der Gedanke, den du gerade ausgesprochen hast, in den Sinn gekommen. Ich häJe mich gar nicht getraut, ihn auszusprechen, weil also einerseits fragt man sich, werden Menschen instrumentalisiert und wird ihnen was eingeredet? GleichzeiUg denkt dann irgendwie, dass das Engelchen auf meiner linken Schulter in mir. Warum traust du denn denen jetzt gleich erst mal wieder nicht zu, deinen eigenen Gedanken zu haben, sondern dass sie sich was haben einflüstern lassen?

01:00:12

Raúl Krauthausen: Bekomme auch sehr viel Ärger von den Leuten in den sowohl WerkstaJräten, von WerkstäJen selbst, aber auch sehr viel Zuspruch von Menschen, die es dann einmal raus gescha\ haben. Hm.

01:00:22

Kevin Kühnert: Ja, also ich. Ja, ich, ich tue mich, tu mich ganz schwer damit, weil wer bin ich sozusagen aus meinen Also ich muss eine Haltung dazu haben. Das verlange ich mir poliUsch einfach von meinem Menschenbild herab zu sagen, so wie es ist, ist das definiUv nicht gerecht. Wir alimenUeren Leute, die ganz regulär einer Arbeit nachgehen und ja, auch Werte schaffen, die andere dann auch zu Geld machen und die in den allgemeinen WirtschaHskreislauf reinfließen. Ganz klassisch, so wie der Weg raus daraus aussieht, dass das. Da tue ich mich echt schwer mit die die richUge Antwort darauf zu finden. Aber es zeigt eben, was für komische Konstrukte wir manchmal in der GesellschaH bauen. Wir müssen ja eh den Lebensunterhalt von Menschen bestreiten. Das heißt, was wir im Moment machen ist, wir zahlen ihnen ein symbolisches Taschengeld und demüUgen viele von ihnen einfach auch, weil wir dadurch ja zum Ausdruck bringen, dass wir das irgendwie doch nicht als richUger Arbeit ansehen, um ihnen dann im zweiten SchriJ noch mal deutlich mehr Geld an anderer Stelle obendrauf zu geben, damit sie dann wirklich die Kosten der UnterkunH usw. bestreiten können. Also das ist die doppelte DemüUgung. Erstens einen schlechten, eine schlechte Vergütung für die geleistete Arbeit und dann noch später zu zeigen, Na ja, und jetzt gibt es noch eine sozialstaatliche Leistung, damit ihr exisUeren könnt am Ende.

01:01:44

Raúl Krauthausen: Das ist halt Outsourcing, also dass dann letztendlich auch die Betriebe wie WerkstäJen, die eigentlich dafür zuständig wären, mit den Geldern, die sie bekommen, dafür zu sorgen, dass Menschen arbeitsfähig werden oder da, wo es nicht geht, die AlternaUven zu überlegen, letztendlich dann sagen ja, die verdienen ja bei uns so wenig, jetzt muss der Staat wieder herhalten. Also ich finde es auch problemaUsch und ich haJe mal ein Gespräch vor ein paar Jahren mit Jens Spahn. Damals war der noch im Finanzministerium und der sagte mir, dass er als FinanzpoliUker schon auch beobachtet, dass sehr viel Geld ausgegeben wird, in dem Bereich aber gefühlt nicht mehr bei den Betroffenen ankommt und er die Frage stellt Wer profiUert gerade? Und das finde ich eine spannende Frage, weil ich sehr häufig auch beobachte, dass sie aus Unternehmen, Entscheider innen, GeschäHsführung, Projektverantwortliche alle nicht Behinderte sind in diesen

Wohlfahrtsunternehmen. Und die Behinderten sind dann nur die BeschäHigten ganz unten. Und es gibt sehr wenig Durchlässigkeit.

01:02:42

Kevin Kühnert: Ich überlege gerade, wer die wer die Einfluss also wo wirklich an einflussreichen poliUschen oder Behördenstellen in Deutschland Menschen sitzen, die mir bekannt sind als als Menschen mit Behinderungen.

01:02:52

Raúl Krauthausen: Und Olaf König als SPD Mitglied Chefin der Lebenshilfe, spricht über Behinderung, teilweise wie über Kinder. Und das finde ich persönlich, muss ich ganz ehrlich sagen, das weiß ich auch von mir problemaUsch. Und warum sprechen nicht Betroffene für sich selbst? Ja.

01:03:11

Kevin Kühnert: Nein, danke für die PerspekUve. Ich bin merkt, ich bin ich bin wir in einem. Ich weiß, was ich falsch finde, aber ich bin mir noch nicht an allen Stellen so sicher, was das gerade für richUg zu finden.

01:03:22

Raúl Krauthausen: Du hast gerade öffentliche Gebäude genannt als Thema Barrierefreiheit. Das war mir noch wichUg. Ich spreche da echt mal als AkUvist, der.

01:03:29

Kevin Kühnert: Mal.

01:03:29

Raúl Krauthausen: Kurz ausreden. Aber öffentliche Gebäude sind ja nach jurisUschen DefiniUonen, Schulen, Bibliotheken und Rathäusern, aber nicht McDonalds, Starbucks und das Kino. Und wir verbringen aber 90 % unseres Lebens in privaten Unternehmen, die in Deutschland nicht verpflichtet sind, zur Barrierefreiheit. Außerdem Sie haben eine Website und die Website muss dann barrierefrei sein. Und das hat dann so Blüten getragen, jetzt mit dem Barrierefreiheit stärkungsgesetz, dass er verabschiedet wurde, dass der Bankautomat bis 2035 für blinde Menschen, weil ein Automat und Digitales barrierefrei sein muss. Aber ob der Bankautomat in einem Bankgebäude steht mit Stufen am Eingang, das muss nicht barrierefrei sein. 2035. Ich weiß nicht, ob wir überhaupt noch Bankautomaten brauchen. Ja, das ist die erste Frage. Aber die zweite Frage ist Warum tut sich Deutschland so schwer, die PrivatwirtschaH zu verpflichten, barrierefrei zu werden? Andere Länder haben das hinbekommen.

01:04:27

Kevin Kühnert: Da teilen wir den gleichen Schmerz, weil ich auch glaube, dass dahinter ein Missverständnis steht, nämlich dass etwas, was privatwirtschaHlich betrieben wird, die öffentliche. Gar nichts anzugehen hat. Das ist aber nicht der Fall. Weil, und jetzt argumenUere ich mal als BaupoliUker mit dem Themenbereich, den wir da bearbeiten und kommen auf einen ganz ähnlichen Punkt wie du. Wir stellen erst mal einem Unternehmen, was irgendwo ein LadengeschäH oder so hat. Wir stellen denen erstmal Grund und Boden und einen öffentlichen Raum zur Verfügung. Das heißt, wir lassen sie in unsere Innenstädte, damit sie dort, was ihr gutes Recht ist, wirtschaHlich täUg sein können und auch gewinnorienUert wirtschaHlich täUg sein können. Aber es ist völlig legiUm und geradezu

geboten, dass wir eine Gegenleistung erwarten. Das sieht man daran, dass wir von ihnen Steuern abverlangen, zumindest wenn sie nicht Amazon oder so was am Ende sind. Das kriegen wir dann aber auch noch mal irgendwie hin. Und wir sollten als sie auch als Teil, also mit verpflichtet sehen, was zur öffentlichen Infrastruktur beizutragen, zum Beispiel Zugang auch zu ihren sanitären Anlagen zu lassen. Ist mir völlig egal für wen. Weil sie nutzen den öffentlichen Raum. Sie sind darauf angewiesen und wollen geradezu, dass viele Leute mobil sind, zu ihnen kommen. Und dann muss man im Gegenzug natürlich auch was anbieten. Und dafür muss das Gemeinwesen vertreten durch die demokraUsch gewählte PoliUk und die Verwaltung, die dahinter steht, Spielregeln schaffen. Und daher sollten wir uns überhaupt nicht zurückhalten und glauben, wir pushen da irgendwie der PrivatwirtschaH mit rein, sondern es ist geradezu unser Job, ihr Vorgaben in einem gewissen Rahmen.

01:06:09

Raúl Krauthausen: Aber wir haben also die SPD haJe so viele Gelegenheiten, das zu tun. Wir haJen das Behindertengleichstellungsgesetz, wir haJen das Barrierefreiheit stärkungsgesetz, demnächst kommt das Bundesteilhabegesetz und demnächst kommt die Reform des AnUdiskriminierungsgesetzes. Und ich fürchte, es wird dort wieder versäumt werden, die PrivatwirtschaH zu verpflichten. Zur Barrierefreiheit Und in Österreich haJe man eine 10- jährige Übergangszeit, bis die letzte McDonalds Filiale irgendwas zu tun hat. Und wenn wir da nicht mehr über diese zehn Jahre sprechen, dann dauert es 20 Jahre, bis überhaupt was passiert. Mindestens. Und ich mache mir große Sorgen, ob wir hier letztendlich auch wirklich dem Trugschluss aufliegen, dass das einem ja nur ein paar Behinderte sind. Weil du hast ja gesagt, wir wissen nicht, was die ZukunH bringt. Die GesellschaH wird immer älter. Das ist das Problem. Wovor haben wir Angst?

01:07:01

Kevin Kühnert: Genau. Aber dass wir das nicht abtun oder dass unsere Haltung zumindest nicht ist, das sind ja nur ein paar Behinderte, Ist nicht so wichUg. Sieht man ja an den Entscheidungen, die wir für den Neubau jetzt ja getroffen haben. Das Problem ist nur natürlich Der Großteil unserer Gebäude werden nicht in den nächsten 123 Jahren gebaut, sondern sind die, die schon.

01:07:19

Raúl Krauthausen: 100 Jahre.

01:07:19

Kevin Kühnert: Da sind, mit denen wir arbeiten müssen. Und klar, ich häJe natürlich, ich könnte jetzt fünf Minuten lang Beispiele bringen, wo das dann in der Praxis Folgefragen aufwirH. So wie bei jeder Mietwohnung. Wer trägt denn bauliche Veränderungskosten eigentlich? Also der das GeschäH, was drin ist, ist ja nicht immer der Eigentümer des Gebäudes, sondern das ist vielleicht irgendeine Immobilienholding. Zahlt die den Umbau oder muss das GeschäH das machen?

01:07:42

Raúl Krauthausen: Wird das auf die Kreditplanung.

01:07:44

Kevin Kühnert: Oder wird das auf die Miete dann am Ende umgelegt? Das darf nicht das Problem der Betroffenen am Ende sein. Das darf nicht die Ausrede sein, es nicht zu machen. Aber natürlich hängen da Folgefragen dran, die, die durch durchdacht werden müssen. Aber

was ja schon mal offensichtlich ist und das finde ich echt sehr bemerkenswert. Der Markt, wenn man so will, funkUoniert ja hier überhaupt nicht, weil ein logisches Marktdenken würde ja bedeuten, dass Unternehmerinnen und Unternehmer, Eigentümerin und Eigentümer sich die schiere StaUsUk angucken und erkennen, wie viele Millionen Menschen jetzt und in ZukunH darauf angewiesen sind, dass Barrieren abgebaut werden, um zu parUzipieren und damit auch einkaufen zu können beispielsweise. Und dass sie da trotzdem für sich keine Schlüsse oder viele keine Schlüsse daraus ziehen, zeigt ja, dass sie anscheinend bereit sind, auf einen ganz erheblichen Teil auch potenzieller KundschaH und damit Umsatz und Gewinn zu verzichten. Und das finde ich auf eine schaurige Art bemerkenswert, dass der Markt hier nicht so funkUoniert, wie er gerne sich selber immer preist.

01:08:47

Raúl Krauthausen: Hoffen wir, dass in der aktuellen KoaliUon, die sich das ohne Beteiligung der CDU CSU vielleicht verbessert. Aber wenn nicht, glaube ich, dass sehr viele Menschen sehr poliUkverdrossen machen lassen. Zumindest die mit Behinderung, weil da viele Hoffnungen auch drauf liegen. Und auch angekündigt wurden in dem KoaliUonsvertrag, dass man sich besUmmte Dinge angucken will und da strenger werden möchte.

01:09:12

Kevin Kühnert: Ich nehme die Hoffnung sehr ernst, aber ich bin nicht fürs Hoffen da. Das wäre als PoliUker eine komische PosiUon, jetzt hier die Daumen zu drücken und mitzuhoffen. Sondern manches, was du mir heute gesagt hat, war mir so konkret nicht bewusst. Und insofern ist das.

01:09:29

Raúl Krauthausen: Liegt vielleicht auch daran, weil es insgesamt zu wenig behinderte Menschen in der PoliUk gibt. Also mir fällt jetzt ein aus deiner Partei. Den Frosch.

01:09:37

Kevin Kühnert: Den ich gerade kürzlich im Wahlkampf in Niedersachsen besucht habe und der jetzt direkt gewählter Landtagsabgeordneter im niedersächsischen.

01:09:45

Raúl Krauthausen: Landtag ist der Schwerbehindertenvertreter der SPD. Jemand ohne sichtbare Behinderung?

01:09:50

Kevin Kühnert: Hm. Ja und? Also natürlich. Also wenn man erst mal den Anspruch hat, dass die GesellschaH halbwegs oder das gesellschaHliche Gruppen halbwegs anständig vertreten sind. Wir wollen das nicht auf die NachKommastelle. Genau. DemokraUe ist keine StaUsUk, Aber da kann man erst mal sagen Ganz offensichtlich sind Menschen mit Behinderung unterrepräsenUert in der PoliUk. Und was ich aber auch erlebe, ist, dass diejenigen, die dann da sind, halt auch häufig in eine blöde PosiUon gebracht werden, weil sie haben eigentlich einen ganz anderen poliUschen Hintergrund. KonstanUn zum Beispiel macht MobilitätspoliUk, und zwar nicht nur durch eine inklusive Brille, sondern ganz generell natürlich für alle. Da ist der Aufsichtsrat in seinem kommunalen Verkehrsverbund vor Ort und wird dann gleich in diese Ecke reingesteckt. Jetzt sag doch du mal, wie inklusive PoliUk aussehen kann. Natürlich kann er dazu was beitragen, aber ich möchte ja auch als schwuler Mann in der PoliUk nicht, dass ich darauf festgelegt bin, QueerpoliUk am Ende im Bundestag machen zu müssen, sondern ich möchte mir schon gerne selber aussuchen, was ich mein

Arbeitsschwerpunkt am Ende ist. Es ist die doppelte ProblemaUk, wenn Gruppen nicht ausreichend vertreten sind und daneben eben auch ein allgemeines Bewusstsein einfach fehlt.

01:11:10

Raúl Krauthausen: Ja, total. Ich haJe neulich ein ganz interessantes Gespräch mit und das heißt neulich vor ein paar, anderthalb Jahren Oh GoJ, mit dem Bundespräsidenten. Und ich habe dem.

01:11:21

Kevin Kühnert: AmUerenden.

01:11:21

Raúl Krauthausen: Genau. Und ich habe ihn gefragt, Was sind denn eigentlich Themen, die dich jetzt gerade beschäHigen vor anderthalb Jahren? Und er meinte die soziale UngerechUgkeit im Sinne des Klimawandels und dass jetzt Maßnahmen gemacht werden müssen, die vielleicht unpopulär sind usw.. Da gibt es ein Thema für dich, wo du sagst, das sind die größten poliUsch gesellschaHspoliUschen Aufgaben, die uns bevorstehen.

01:11:46

Kevin Kühnert: Also die größte. Das ist schwer, das ist schwer zu sagen. Aber ich, also geprägt jetzt von den Erfahrungen der letzten Monate, glaube ich schon, dass die, dass die Energiefrage eine so allumfassende ist, weil da alles mit drinsteckt. Da steckt die Komponente des Klimaschutzes drin. Also was sind die Energiequellen, auf die wir zurückgreifen? Da steckt globale GerechUgkeit, GeopoliUk mit drin. Wer verfügt über Energie, wer handelt mit Energie? Was machen die Leute, die damit handeln? Tun sie es auf eine demokraUsche Art und Weise ihre MachtposiUon nutzen oder nicht? Da steckt die Frage konkret für Deutschland drin, ob wir IndustrienaUon bleiben, was mit einem hohen Energiebedarf, was für die Frage von Arbeitsplätzen, Einkommen, Steuerauxommen und letztlich einfach Wohlstand eine ganz entscheidende ist. Also Energie ist wahnsinnig entscheidend für den Weg, den unsere GesellschaH in den nächsten Jahren gehen wird. Aber ich tue mich schwer, eine Sache so zu priorisieren, weil natürlich anderes mindestens genauso entscheidend für für die FunkUonalität ist ja, alleine Frieden so zu nennen. Es klingt immer nach so einer Nacht. Nach so einer. Nach so einem billigen Begriff. Dann sagt man halt, alle sind für Frieden. Aber das sehen wir ja jetzt in den letzten Monaten. Was für eine existenzielle Voraussetzung das eigentlich dafür ist, dass wir uns auch mit anderen Fragen beschäHigen können.

01:13:18

Raúl Krauthausen: Wenn man jetzt die aktuellen PoliUkerinnen beobachtet der aktuellen Regierung habe ich mir schon immer öHer die Frage gestellt Kann man ab einer besUmmten PosiUon eigentlich nur noch verlieren? Also Robert Habeck hat wahrscheinlich mit ganz anderen Idealen gestartet, als er jetzt am Ende rausgekommen ist. Olaf Scholz Auch das ist wahrscheinlich für alle PoliUkerinnen so. Warum macht man das dann noch?

01:13:42

Kevin Kühnert: Na ja, man macht es ja. Man macht es ja vielleicht gar nicht, um zu gewinnen in dem Sinne, was die Öffentlichkeit als gewinnen. BegreiH. Also häufig werden ja dann Urteile oder zwischen Urteile über Personen der PoliUk gesprochen auf Grundlage von aktuell schlechten Umfragewerten. Jemanden, der wirklich als Überzeugungstäter oder

Täterin in der PoliUk ist, müssen Umfragen oder auch persönliche Beliebtheitswerte, noch dazu miJen in der Wahlperiode, bis zu einem gewissen Grad egal sein. Nicht, weil wir uns abschoJen sollen von der Wirklichkeit und sagen Es interessiert mich nicht, wenn Menschen KriUk an meiner Arbeit äußern. Doch, doch, das muss uns interessieren und auch beschäHigen. Aber wenn ich von meinem Handeln überzeugt bin und glaube, das, was ich beauHrage, was ich tue, wo ich Prioritäten setze und auch anderes nicht mache, das ist vom Ende her gedacht, nach meiner Überzeugung richUg für unsere GesellschaH. Dann muss ich durchhalten, das auf dem Weg dahin erst mal Leute sagen, die Veränderung stört mich, vor der habe ich Angst. Ich glaube nicht daran, dass dein Versprechen sich einlösen lässt, wenn. Wenn Willy Brandt seine OstpoliUk nach dem Prinzip Finger in die LuH und mal gucken, von wo der Wind weht gemacht häJe, HäJe es keine OstpoliUk gegeben, dann häJe der Eiserne Vorhang vielleicht noch viel länger gehangen, wenn nicht Leute für GleichberechUgung der Geschlechter oder so eingetreten wären. Zu einer Zeit, als man noch nicht Preise dafür verliehen bekommen hat, sondern wo man verspoJet und ausgelacht wurde. Wo würden wir heute stehen? Also ich glaube, wenn man eine Überzeugung wirklich Uef in sich drin hat, dann ist es immer noch unangenehm, Shitstorms zu bekommen und runtergeschrieben zu werden. Aber dann kann man das aushalten, weil man es ja, weil man eine so Uefe Überzeugung hat, dass die einem Energie geben sollte.

01:15:35

Raúl Krauthausen: Was nervt dich kolossal?

01:15:37

Kevin Kühnert: Och, ich bin eigentlich ein ziemlich relaxter Typ. Schlechter Kaffee nervt mich und ansonsten bin ich eigentlich nicht so aus der Ruhe zu bringen.

01:15:47

Raúl Krauthausen: Das merkt man aber. Du hast gerade gesagt, Fähnchen in den Wind hängen bzw. Finger in die LuH halten und gucken, von wo der Wind weht. So jemand, der das so offensichtlich macht, ist Markus Söder.

01:15:58

Kevin Kühnert: Ja.

01:15:58

Raúl Krauthausen: Und ich frage mich sind wir so vergesslich als Menschen, dass wir dem alles durchgehen lassen? Also der mal ist, dafür WindkraH, dann ist er dagegen, dann ist er irgendwie für Bienen reJen, dann ist er dagegen und wieder zurück.

01:16:12

Kevin Kühnert: Und Markus Söder kann man ganz viel über PoliUk lernen und nicht und das meine ich nicht im Sinne von so sind alle in der PoliUk und wir sind alle schlimm und Wendehälse, sondern man lernt anhand von Markus Söder und seinen Beliebtheits und zwischendurch auch immer wieder Beliebtheitswerten, wie die MehrheitsgesellschaH auf PoliUk guckt, nämlich sehr kurzfrisUg und sehr sprunghaH. Tatsächlich, auch das ist manchmal zum Schmerz von Leuten wie mir. Aber es ist ja wichUg, das zu wissen. Wir in der PoliUk gehen häufig von einem viel, viel, viel zu hohen Grad an Vorwissen aus. Wir gehen davon aus, dass viel mehr Leute Zeitungen lesen, Tagesschau gucken und sich in der Tiefe mit Themen beschäHigen, als es der Fall ist. Wir in der PoliUk gehen oH davon aus, wenn wir ein Argument bei Anne Will am Sonntagabend gebracht haben, dann hat es die NaUon

mitbekommen. Aber eigentlich haben es nur die mitbekommen, die schon recht gut informiert sind. Wir machen uns lusUg über Nachrichten bei RTL II, ohne zu realisieren, dass, wenn man dort mit seiner Nachricht vorkommt, es vielleicht wirklich mal bei Leuten ankommt, die noch nicht sich schon seit Jahren mit diesem Gedanken beschäHigt haben.

Und Markus Söder, über den ich viel Schlechtes sagen kann, hat glaube ich auf eine auf eine schlumpyaHe Art verstanden. Dass die GesellschaH so ist. Und was man ihm vorwerfen muss, ist, dass er es auf eine völlig egozentrische und poliUsch banale Art und Weise sich zunutze macht.

01:17:48

Raúl Krauthausen: Und dass es weh tut.

01:17:49

Kevin Kühnert: Ja, er macht PoliUk, also er macht Entertainment. Ja, guck dir seinen InstagramauHriJ an. Hashtag Söder ist. Aber das finden Leute interessant und. Und dass wir das ein AkUvist und ein BerufspoliUker sich darüber mokieren und lusUg machen, das kann er gut ab, weil wir häJen den auch sonst nicht gewählt. Das heißt, wir sind gar nicht sein Zielpublikum. Aber dass Normalos in Anführungszeichen in Bayern sagen, das ist einer vom Volk, der geht irgendwie ins Bierzelt und ist ne Haxe und trinkt eine Maß Bier und isst gerne auch Volksfesten. Und zwischendurch macht er halt ein bisschen PoliUk. Und was der da genau macht, das ist mir eh zu kompliziert. Hauptsache irgendwie in meinem Leben ändert sich nicht so viel. Das ist halt ein weitverbreitete Genügsamkeit und Vorstellung und das triggert er auf eine ziemlich unnachahmliche Art und Weise. Und insofern muss man ihm handwerklich fast ein bisschen auch können. Ja, muss man. Muss man können. Da gehört eine Menge eine Menge dazu. Das sage ich nicht mit besonders großem Respekt, weil wie gesagt, der setzt das nicht für die gute Sache ein. Aber wie sagt man in Bayern so schön A Hund ist er scho.

01:19:03

Raúl Krauthausen: Ich häJe noch so viele weitere Fragen. Wir haben schon so.

01:19:05

Kevin Kühnert: Hart, aber wir können jetzt nicht mit Markus Söder.

01:19:07

Raúl Krauthausen: Auyören und Markus Söder auyören. Aber lass uns vielleicht zum Ende hin noch mal darüber sprechen Was machst du, wenn du von diesem ganzen poliUschen Betrieb keinen Bock mehr hast und abzuschalten? Ich gucke dann gerne dann eine Serie oder treffe mich mit Freunden. Kann man überhaupt. Also du hast gar kein Leben. Du hast ein Hobby zum Beruf gemacht, Das heißt, deine Freunde sind PoliUk, akUv in der PoliUk akUv?

Kann man in der PoliUk überhaupt Freunde haben?

01:19:35

Kevin Kühnert: Ja, das kann man auf jeden Fall. Das also nicht. Es ist wie immer im Leben. Nicht jede FreundschaH ist dann immer von Dauer und manchmal werden FreundschaHen auch enJäuscht. Aber das ist nicht nur in der PoliUk so, sondern das kommt halt vor. Aber natürlich geht das. Vor 20, 30 Jahren hat man das anders gesehen.

01:19:54

Raúl Krauthausen: Lars Klingbeil Ein Freund oder ein Kollege?

01:19:56

Kevin Kühnert: Ja, das ist ein Freund, also auch ein Kollege. Aber wenn wir keine Kollegen mehr wären, wären wären wir immer noch Freunde. Und das ist ja der feine Unterschied. Also unsere Beziehung beruht nicht darauf, dass wir uns alle paar Tage im Bundestag oder im Willy Brandt Haus sehen, sondern auf einer persönlichen Verbindung, die wir zueinander aufgebaut haben und die wir, die wir pflegen und die wir auch dort pflegen, wo die Öffentlichkeit mal nicht zuguckt. Und das ist schon schon ganz wichUg. Aber ich brauche, um wirklich rauszukommen. Ich brauche dann einfach auch mal Orte, wo ich nur für mich bin.

Also ich mache das beim Fußballgucken und am allerliebsten mache ich es in den Bergen, weil die Berge so der maximale Kontrast zu meinem PoliUkalltag sind. Da bin halt ich mit der Natur und in den meisten Fällen ist da weit und breit sonst niemand. Das heißt, ich selber kann mich gedanklich mit was anderem beschäHigen und es kommt auch so schnell niemand um die Ecke und sagt Ach Mensch, Herr Kühnert, dass ich Sie hier treffe, was ich Sie schon immer mal fragen wollte, sondern da ist einfach Sendepause und das finde ich ganz toll.

01:21:04

Raúl Krauthausen: Gibt es eine OrganisaUon, ein Thema, für das sich unsere Hörerinnen und Hörer interessieren könnten, das du besonders wichUg findest?

01:21:14

Kevin Kühnert: Das ist jetzt eine privilegierte SituaUon, dass ich irgendwas Highlight sein kann. Ich bin ja, ich mach es jetzt einfach mal ganz, ganz ad hoc aus der aus der aktuellen SituaUon heraus. Jetzt ist ja fängt gerade die es läuH die FußballweltmeisterschaH und alle alle Welt redet über Katar und die MenschenrechtssituaUon usw.. Ich unterstütze jetzt schon eine ganze Weile eine OrganisaUon mit dem Namen Liebe kennt keine Pause, die sich insbesondere gegen Homophobie und Queerfeindlichkeit in Katar, aber generell auch rund um solche Großereignisse einsetzt, die dafür eintriJ, dass nur weil große Events in fragwürdigen Umfeldern stazinden, dass deswegen nicht Grundstandards unseres Miteinanders ausgesetzt werden dürfen. Und wenn das nicht gewährleistet werden kann, dass man dann eben dorthin solche Events, ob sie Olympia oder Fußball, WM oder sonst was heißen, nicht vergeben darf. Und dafür würde ich schon gerne gerne werben. Und ja, freue mich der der Erfinder dieser ganzen AkUon, Bernd Reisig, ist jetzt auch gerade mit der Innenministerin, die auch Sportministerin ist, in Katar gewesen. Fand ich auch eine super Entscheidung, ihn auch selber als queeren AkUvisten mitzunehmen, sodass die Kataris das auch wissen, wer da kommt. Und das ist natürlich eine wohl gesetzte diplomaUsche ProvokaUon gewesen und so was schätze ich sehr. Und ich finde, so ein Engagement verdient Unterstützung. Gerade da, wo wir nicht uns in der Komfortzone eines CSDs in Berlin bewegen, sondern wo für queere Rechte zu kämpfen wirklich ein Kampf um Leib und Leben im Alltag auch bedeutet.

01:22:59

Raúl Krauthausen: Das doch mal ein schöner Gedanke. Vielen Dank, lieber Kevin, für deine Zeit. Der Aufzug kommt an. Die Tür geht auf. Wo geht es jetzt für dich hin?

01:23:08

Kevin Kühnert: Jetzt geht es tatsächlich nach Hause. Da freu ich mich drauf.

01:23:11

Raúl Krauthausen: Sehr gut. Dann wünsche ich dir einen schönen ResJag.

01:23:15

Kevin Kühnert: Dir auch.

01:23:16

Raúl Krauthausen: Dankeschön.

01:23:16

Kevin Kühnert: Bis bald.

01:23:17

Raúl Krauthausen: Bis bald. Danke fürs Mi{ahren, wenn ihr mögt und euch diese Folge Spaß gemacht hat. Bewertet diese Folge bei Apple, Podcast, SpoUfy oder wo auch immer ihr zuhört. Alle Links zur Folge. So wie die Menschen, die mich bei diesem Podcast unterstützen, findet ihr in den Shownotes. Schaut da gerne mal rein. Wenn ihr meine Arbeit unterstützen möchtet, würde ich mich freuen, euch bei Steady zu begrüßen. Mit einer Steady MitgliedschaH bekommt ihr exklusive Updates von mir und die Gelegenheit, mich zweimal im Jahr persönlich zu treffen. Im Aufzug ist eine ProdukUon von Schönleinmedia. Ich freue mich auf das nächste Mal hier im Aufzug.



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