Raul Krauthausen - Aktivist

Behinderteneinrichtungen und Inklusion – ein unvereinbarer Gegensatz?

Einrichtungen für Menschen mit Behinderung zeichnen sich nach wie vor durch paternalistische Strukturen aus. Obwohl sie sich nach außen hin oft als Vorreiter der Inklusion feiern, sind sie selbst ein Hinderungsgrund auf dem Weg zu realer gesellschaftlicher Teilhabe.

Als ich vor kurzem in den Sozialen Medien auf ein Video der Diakonie Bayern stieß, wurde mir das Dilemma rund um das Thema Inklusion und Behinderteneinrichtungen mal wieder drastisch bewusst:

In “Sendung mit der Maus”-Erklärvideo-Manier wird mit kleinen Playmobil-Männchen beschrieben, wie Menschen mit Behinderung in Deutschland leben – und was die Diakonie so Gutes dafür tut. Erzählt wird die Geschichte vom Rollstuhlfahrer Werner. Der Werner wohnt in einer Wohngruppe und arbeitet in einer Behindertenwerkstatt.Dabei lässt die Erzählweise des Sprechers keinen Zweifel aufkommen, dass dies die einzige für Werner mögliche Lebensweise ist.
Selbst entscheiden darf der Werner nix – kann er als behinderter Mensch ja auch gar nicht. Den Eltern vom Werner blieb offensichtlich nur die Möglichkeit, ihren Sohn in eine Einrichtung zu stecken. Das war in seinem Fall die Diakonie, hätte aber auch ein anderer Träger sein können.

Maximale Selbstbestimmung: Werner darf sich aussuchen, von wem er sich am liebsten helfen lassen will. Behauptet jedenfalls das Diakonie-Filmchen – bei meinem Heimexperiment habe ich erlebt, dass man sich in der Praxis nicht viel aussuchen kann, wenn man in einer Behinderteneinrichtuing lebt. Auch nicht, welcher Mensch einen wäscht, auf die Toilette setzt oder anzieht. Das bestimmte in meinem Fall alleine der Dienstplan.
Ganz offensichtlich meint die Diakonie es gut und glaubt, das Richtige zu tun. Dass hier auf erschreckende Weise die Misere vieler behinderter Menschen gezeigt wird, ist den Machern*innen scheinbar nicht bewusst: Der – natürlich mit dem Vornamen bezeichnete – Vorzeige-Behinderte hat keine Kontrolle über sein Leben, wird in jeder Entscheidung eingeschränkt und von Inklusion kann keine Rede sein.
Dass das Video bereits 4 Jahre alt ist und sich in der vergangenen Zeit nichts in dem Bereich geändert hat, ist zusätzlich bitter.
Auf kritische Twitter-Kommentare reagierte die Diakonie Bayern mit Unverständnis. Was Inklusion ist, scheint also Interpretationssache zu sein.

Ein Blick auf die Protagonisten

Zu den großen Trägern gehören die Lebenshilfe sowie die Behindertenhilfe des Deutschen Roten Kreuzes, die Diakonie und die Caritas. Die beiden letztgenannten sind mit Abstand die ältesten – sie blicken mittlerweile beide auf eine rund 170-jährige Geschichte zurück. Gegründet wurden sie im 19. Jahrhundert und hatten als Maßstab die christlichen Nächstenliebe, die allen Menschen helfen möchte. Das war zu jener Zeit gewiss ein guter Ansatz und hat das Leben vieler Menschen mit Behinderung bezogen auf die damaligen Zustände verbessert. Es wurden Förderschulen geschaffen und Arbeits- und Wohnmöglichkeiten in Behinderteneinrichtungen.
Heute allerdings geht es nicht mehr darum, behinderten Menschen Mitleid und Barmherzigkeit angedeihen zu lassen – und sie möglichst nach christlichen Maßstäben angemessen zu verwahren und zu beschäftigen.
Stattdessen geht es um gleichberechtigte Teilhabe und die Durchsetzung der Rechte von Menschen mit Behinderung u.a. nach den Kriterien der UN-Behindertenrechtskonvention. Nicht nach Ermessen barmherziger nichtbehinderter Menschen zugeteiltes Mitleid – sondern Durchsetzung unabdingbarer Gleichberechtigung. Nicht ein Leben in Sondereinrichtungen – sondern ein Leben in Selbstbestimmung.
Wenn allerdings Inklusion tatsächlich stattfinden würde, behinderte Menschen am ersten Arbeitsmarkt arbeiten, in eigenen Wohnungen mit Assistenz u.ä. leben würden – wäre das logischerweise das Ende aller Wohlfahrtseinrichtungen, die von der Ausbildung, Beschäftigung und der Verwahrung behinderter Menschen leben.
Inklusion würde also die mittlerweile riesigen Wirtschaftsunternehmen der Wohlfart abschaffen.

Bestehende Systeme werden gefestigt

Statt Inklusion voranzutreiben, drehen die großen Einrichtungen der Wohlfahrt nur an kleinen Stellschrauben. Denn jedes Mal, wenn sie etwa einen höheren Verdienst für Mitarbeiter*innen in Behindertenwerkstätten fordern, eine neue Wohnform für behinderte Menschen entwickeln oder nach mehr Geld für die Pflege rufen, verfestigen sie dadurch ihr bestehendes System. Und in ihrem System können Werner und andere behinderte Menschen aus gutem Grund nicht mitbestimmen.

Sehr treffend bringt dies die GRÜNEN-Politikerin Corinna Rüffer auf den Punkt. Sie schrieb Mitte März einen Kommentar auf Facebook:

Wenn ein inklusiver Arbeitsmarkt das Ziel ist, würde ich jeden politischen Vorschlag danach überprüfen, ob er ein bestehendes Sondersystem stabilisiert …

Dabei bezog sie sich auf einen Kobinet-Artikel, in dem die Bundesvorsitzende der Lebenshilfe und Aufsichtsrats-Mitglied bei Aktion Mensch Ulla Schmidt ein höheres Entgelt für Mitarbeiter*innen in Behindertenwerkstätten fordert. Dabei kommen einem gleich mehrere kritischen Gedanken in den Sinn:

  • Zum einen war Ulla Schmidt von 2001 bis 2009 Bundesministerin für Gesundheit – in dieser Zeit hat sich in Sachen Behindertenrecht nicht viel getan.
  • Zum anderen ist Schmidt mittlerweile Vorsitzende der Lebenshilfe – ist also fraglos Unterstützerin des Wohlfahrtssystems. Und könne – als Vorsitzende – ja einfach den gesetzlichen Mindestlohn in den Lebenshilfe-Werkstätten geltend machen. Tut sie aber offensichtlich nicht.
  • Und selbst wenn sie das tun würde, stünden wir wieder vor dem oben genannten Problem: Inklusion wird verhindert, um die Existenz der Sondereinrichtungen nicht zu gefährden.

Man muss es klar sagen: Über 100 Euro mehr oder weniger für Behindertenwerkstattangestellte zu diskutieren, ist pure Augenwischerei. Hier wird ein kleines Pflaster auf eine riesige, schwelende Wunde geklebt – die sich dadurch nie bessern wird.
Freiwillig werden lukrative Pflege-Imperien, die u.a. durch eine Masse an staatlichen Subventionen unterstützt werden, sich nicht abschaffen. Hier ist der Gesetzgeber gefragt, der streng nach den Forderungen der UN-Behindertenkonvention Inklusion umsetzen muss.
Weitere Infos zu diesem Thema findet ihr bei: Ability Watch.

(sb)

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5 Enlightened Replies

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  1. Kleinigkeiten – Fädenrisse | 7. April 2018
  1. Thomas Müller sagt:

    Hallo Herr Krauthausen,

    ich arbeite seit über 25 Jahren im System der professionellen Eingliederungshilfe und hoffe, dass allein dieser Umstand meine Meinung nicht diskreditiert. Denn obwohl – oder weil – ich Teil des von Ihnen oft kritisierten Hilfesystems bin, teile ich viele Ihrer Auffassungen.
    An einer Stelle in diesem Artikel möchte ich Ihnen jedoch gerne widersprechen bzw. wüsste ich gerne, wie die Idee weiter gedacht aussähe. Dass eine vollständig umgesetzte Inklusion ein Ende sämtlicher Wohlfahrtseinrichtungen bedeutete, stimmt m.E. nur, wenn Sie damit die stationären Behinderteneinrichtungen meinen. Laut einer Übesicht der überörtlichen Sozialhilfeträger lebten 2016 bundesweit ca. 212 TSD Menschen mit Behinderungen in stationären Wohneinrichtungen. Würden diese Menschen in eigenen Wohnungen mit der individuell erforderlichen Assistenz leben, gäbe es zwar keine Einrichtungen mehr, aber die Wohlfahrtsorganisationen hätten weiterhin Bestand. Die organisatorischen Bedingungen und die Abrechnungsmodalitäten würden sich ändern, aber das steht mit der Umsetzung des BTHG ja ohnehin bevor.
    Was ich bei der Diskussion bisher nie verstanden habe ist, wie eine hundertprozentige Umsetzung der Inklusion praktisch funktionieren kann, wenn mehr als 200 TSD Menschen mit – teils sehr hohem – Assistenzbedarf die Einrichtungen verlassen. Bereits jetzt – und das wird zurecht kritisiert – ist die gute Unterstützung in den Einrichtungen häufig nicht gegeben, weil geeignete Assistenzkräfte nicht zu finden sind. Wie also könnte man den Assistenzbedarfen der Menschen in eigener Häuslichkeit gerecht werden?

    Schöne Grüße

    Thomas Müller

  2. Hallo Herr Krauthausen,
    herzlichen Glückwunsch zum Grimme Award! es tut mir gut zu sehen, das dass der Einsatz für Inklusion doch auch Würdigung erfährt. Ich Teile ihr Unbehagen hinsichtlich der Umsetzung und des Gebrauches dieses Begriffes. Auch deshalb weil ich in meiner Arbeit täglich mit der Diskrepanz zwischen gesetzlich fixierten Anspruch und realer Umsetzung der UN- BRK konfrontiert bin. warum muss im „reichen “ Deutschland ein Kleinkind über sechs Monate auf seinen neuen Rollstuhl warten? Warum torpedieren die Schulbehörden den Ausbau einer Schule für Alle, wo sie nur können? Und warum gibt es für zwei Kinder im Rollstuhl eine pädagogische Fachkraft- für eines jedoch nur noch eine Hilfskraft?
    Dies sind Vorkommnisse, die mich empören. Als Mensch, als Bürgerin dieses Landes und als Heilpädagogin.
    Zur Zeit scheint Ausgrenzung wieder populär zu werden. Es trifft alle die nicht zu den „Bestimmern“ gehören – Frauen, Alte, Kinder, Menschen mit Behinderung, Psychisch Kranke…
    Und da braucht es Menschen die dagegen halten – Sie tun es jeden Tag und ganz Viele die mit und für Menschen arbeiten tun es auch !
    Gutes Gelingen

  3. Kai sagt:

    Wäre nicht schlecht, wenn der Werner sich nicht nur aussuchen dürfte, wer ihm helfen kann, sondern auch, ob man ihm helfen soll. Eigentlich selbstverständlich. Denke ich mal.

  4. Silke Lutz sagt:

    Ich stimme Herrn Krauthausen vollkommen zu: Diesen Einrichtungen fehlt es an Transparenz, Durchlässigkeit und Offenlegung der Einnahmen für die Öffentlichkeit.

    Die Behindertenwerkstätten bieten wenig Perspektiven auf den 1. Arbeitsmarkt wieder Fuß zu fassen. Außerdem wird dies verhindert, da sie ja von den Subventionen leben, die sie für mich bekommen. Die Menschen sind nur eine Geldquelle. Wenn Sozialarbeiter den Behinderten mitteilt: Sie dürfen froh sein, dass Sie in der Lebenshilfe beschäftigt sind und das letzte Glied in der Gesellschaft sind. Traurig! Lebenshilfe Rastatt

    Des Weiteren finden immer wieder sexuelle Übergriffe von Behinderten Mitarbeiterin im Arbeitsbereich auf Frauen und Gruppenleiterinnen statt. Thema „behinderte Menschen“, Sexualität wird kaum diskutiert. Diese Übergriffe geschehen innerhalb der Arbeitsbereiche, jeder kann zusehen. Behindertenwerkstätten und Wohnheime halten einen Deckel darauf.

    Suche einen Journalisten der ebenfalls einen Artikel über die Lebenshilfe Rastatt Murgtal schreibt, um die Verantwortlichen zum Nachdenken zu bringen.

    http://www.spiegel.de/karriere/gewalt-gegen-frauen-mit-behinderung-wie-sie-sich-schuetzen-koennen-a-1188330.html

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