Gebt den Kindern das Kommando…

Barrierefreiheitscheck beim KiKA-Nachhaltigkeitstag: Die Kinder testen mit Augenbinden, Kopfhörern und Rollstühlen auf Barrierefreiheit.
Barrierefreiheitscheck beim KiKA-Nachhaltigkeitstag:
Die Kinder testen mit Augenbinden, Kopfhörern und Rollstühlen auf Barrierefreiheit.

Seit dem Jahr 2011 wird der Nachhaltigkeitstag des Kinderkanals KiKA jährlich veranstaltet. Viele engagierte Kinder kommen seitdem zusammen, um Ideen und Forderungen für eine bessere Zukunft zu entwickeln. Die gesammelten Forderungen wurden in einer Zukunftsdeklaration an den Rat für nachhaltige Entwicklung und an die UNEP übergeben.
Neben den Themen Datenschutz im Internet, nachhaltiger Papierkonsum und fair gehandelte Schokolade ging es auch um die Frage, wie behinderte und nicht-behinderte Menschen besser und inklusiv zusammenleben können.
Kann es Johannes?„-Moderator Johannes, Christoph aus der Sendung mit der Maus, das Team der Aktion Mensch und ich planten und gestalteten für die Kinder gemeinsam den Inklusionsworkshop. Zusammen mit den Schülern überlegten wir, wie Inklusion besser gelingen kann.

Barrierefreiheit checken

Teil der Aktion war auch ein Barrierefreiheitscheck des Gebäudes, in welchem die Konferenz stattfand. Mit Augenbinden, Kopfhörern und Rollstühlen ausgerüstet, zogen wir als blinde, gehörlose oder mobilitätseingeschränkte Menschen durch die Räume und entdeckten, wie (un)zugänglich ein Konferenzort sein kann und was man noch verbessern könnte zu sehen in der (KiKA-Sendung über den Nachhaltigkeitstag – ab Minute 4:50).
Die Kinder waren zwischen 8 und 14 Jahren alt. Was mich besonders berührte, waren die Geschichten und Erfahrungen, die sie zum Thema Behinderung zu erzählen hatten. Viele von ihnen waren an ihren Schulen in neu eingerichteten Inklusionsklassen und berichteten, dass es „ganz normal“ sei, dass die Sitznachbarin das Tafelbild vorgelesen bekommt, weil sie eine Sehbehinderung hat, oder der kleinwüchsige Klassenkamerad in der Schule einfach „nur klein“ sei und in Mathe die besten Noten schreibt.
Als es an das Experimentieren und Erkunden des Hauses auf Barrierefreiheit ging, bemerkten wir, wie schwierig es für blinde, mobilitätseingeschränkte oder gehörlose Menschen sein muss, zu reisen und sich an neuen Orten zurecht zu finden. Eine große Ungerechtigkeit, wie die Kinder feststellten.

Wir fordern!

Also schlugen sie vor, in ihrer Zukunftsdeklaration die Forderung aufzunehmen,

  1. dass es mehr Aufzüge und Rampen an öffentlichen Gebäuden wie z. B. Schulen geben sollte.
  2. Unternehmen, die keine oder zu wenige behinderte Menschen beschäftigen, sollten höhere Strafen zahlen.
  3. Und überhaupt soll es mehr Menschen mit Behinderung in der Werbung und den Medien geben.

Aber meine Lieblingsforderung war eine ganz andere:

Alle Politiker und Chefs von Unternehmen müssen sich für eine Woche im Jahr als Mensch mit Behinderung durch den Alltag bewegen, um die Barrieren selber zu erleben, die uns umgeben.

Eine großartige Idee, wie ich finde. Was fordert ihr?

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

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  1. Hallo Raul,

    deiner Lieblingsforderung kann ich mich nur anschließen. Nur durch mit mit Inklussion können wir unsere eigene Zukunft und die Zukunft unserer Kinder gestalten. Keine Frage. Aus meiner eigenen Behinderung und Erfahrung heraus kann Inklussion nur funktionieren, wenn sie im Kopf anfängt. Wir sind sicher auf einem guten Weg aber von der Akzeptanz des Andersseins von Menschen mit Behinderungen ist Deutschland noch weit entfernt.

  2. Unsere Kinder sind hier schon viel weiter als wir selber. Meine gehen seit Beginn mit Kindern in die Schule, die körperlich und geistig gehandicapt sind. Als meine Große dieses Jahr ins Gymnasium kam und sie die vielen Treppen wahrnahm, war das Erste, was sie sagte: „Mama, die Emma (ihre Freundin, die sich im Rollstuhl bewegt) kann ja hier gar nicht in die Schule gehen!“ Emma ist ein Jahr jünger und es ist tatsächlich noch heute in weiterführenden Schulen ein Problem mit dem Rollstuhl von A nach B zu gelangen. Ich hoffe die Schärfung des Bewusstseins unserer Jüngsten wird in naher Zukunft dazu führen, dass Inclusion wirklich gelebt und nicht nur scheinheilig auf den Lippen getragen wird. Danke Raul, dass du ehrliche Öffentlichkeitsarbeit leistest!

  3. Danke Kirsten, genau dieses Bewusstsein meine ich wenn ich sage Inklussion fängt im Kopf an. Die Kinder machen es uns doch vor wie es geht. Gebt den Kindern das Kommando, besser kann man es nicht sagen, Rauls Ideen und Projekte sind so wichtig weil sie den Finger immer wieder in unsere grosse gesellschaftliche Wunde legen das Behinderung etwas schlechtes, negatives ist. Ich sage nach 42 Lebensjahren mit einer angeborenen Körperbehinderung. Ich möchte um nichts in der Welt mit „Normalos“ tauschen. Sie hat mir schon sehr viel Positives in meinem Leben beschert. Auch wenn man immer wieder an Grenzen kommt aber die gehören auch bei Nichtbehinderten zum Leben dazu. Ich hätte noch eine weitere Forderung an uns alle „Warum kann Behinderung nicht normal sein – eine andere Hautfarbe ist doch auch normal“!! Raul mach einfach weiter so!!

  4. Hi,
    diese Homepage ist echt sehr interessant. Ich teile diese Meinung, dass Inklusion bereits bei den ganz „Kleinen“ anfangen sollte. Vor kurzem hatte ich ein sehr interessantes Gespräch mit einem Menschen, der ebenfalls körperlich beeinträchtigt war. Das war eigentlich, wenn ich so darüber nachdenke .. so traurig es auch ist .. eins der wenigen Male, wo ich die Chance bekam die anderen Sichtweisen kennenzulernen. Während dem Gespräch war ich sehr fasziniert von seiner positiven Lebenseinstellung und über normale Höhen und Tiefen, die jeder irgendwann einmal hat. Dieses Gespräch beeindruckte mich sehr, sodass ich mir die Frage stellte, warum man „solche“ Menschen sehr wenig in der Stadt sieht bzw. wieso man sich so schwer tut einfach normal zu sein und sich zu unterhalten. Mir wurde zum ersten Mal richtig klar, dass es echt beschwerlich in der Stadt oder in öffentlichen Gebäuden sein kann. Vor allem wenn es an einem Mangel an Barrieren scheitert, finde ich es sehr bedauerlich, dass man sich aufgrund dessen recht wenig begegnet. Aber irgendwie -nachdem ich ein bisschen darauf geachtet habe- viel mir auch auf, dass es in einigen Bars, Cafès oder Restaurants auch nicht immer einfach als Rollstuhlfahrer ist. Ich glaube deswegen auch, dass es einigen „gesunden“ Menschen einfach an Erfahrung mangelt, sich ganz normal zu unterhalten und in Kontakt zu treten (sowie es die Kinder einfach tun – ohne sich irgendetwas zu denken). Ich hoffe deswegen, dass sich die Inklusion weiter in den Kita ’s und Schulen durchsetzt, da ich glaube, dass wir sehr viel von einander lernen könnten und der Umgang miteinander im Erwachsenenleben unbeschwerter werden könnte.

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