Ich bin nicht klein, sondern ein Konzentrat.

Wer mich kennt, weiß, dass ich kein großer Sportfan bin. Die EM in diesem Jahr hat mich genauso wenig interessiert wie der letzte Sieger irgendeiner Pop-Deutschland-sucht-Superstar-Staffel. Auch mein Interesse an den Olympischen und Paralympischen Spielen ließ in der Vergangenheit sehr zu wünschen übrig. Nicht, weil ich selbst keinen Sport außer vielleicht E-Hockey richtig ausüben könnte (ist das olympisch?), sondern einfach, weil ich den Pathos nicht ertragen kann. Ja, die Leistungen der Sportler sind toll, aber bei den Kommentatoren und Berichten zum Behindertensport kam mir in den letzten Jahren immer zu viel "Trotz der Behinderung"-Tonalität mit ins Spiel. Auch Bundespräsident Joachim Gauck kommt in seiner Rede bei den Paralympics nicht drum herum.

Deswegen fand ich es Anfang des Jahres umso interessanter, als ich in einem Artikel gelesen habe, dass Sir Philip Craven, des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), am liebsten das Wort "Behinderung" aus dem Wortschatz der Paralympischen Spiele streichen möchte, weil es von den sportlichen Leistungen ablenkt. Es scheint im ersten Moment utopisch, dass das Wort Behinderung aus der Berichterstattung verschwindet, aber die Intention von Graven ist nachvollziehbar. Denn nicht nur bei Sportlern, sondern auch bei anderen Menschen mit Behinderungen steht das "B-Wort" in Artikeln gerne im Mittelpunkt. Ob es nun bei Stephen Hawking ist, bei dessen Assistenten-Suche die Behinderung wichtiger zu sein scheint als seine wissenschaftlichen Erkenntnisse, oder Sänger Thomas Quastoff, dessen Contergan-"Schädigung" aktuell wieder häufiger benannt wird als seine musikalischen Leistungen.

Bei den Sozialhelden haben wir darüber nachgedacht, wie eine klischeefreie Berichterstattung erreicht werden kann, wenn man das "B-Wort" schon nicht vermeiden kann. Und so haben wir vor zwei Wochen Leidmedien.de gestartet und sind gespannt, was passiert. Auch die Paralympionikin Christiane Reppe hat dankenswerterweise mitten in den Paralympics-Vorbereitungen einen Artikel zu Leidmedien geschrieben. Als Testimonial wirbt sie neben der Olympiakandidatin Franziska Schreiber in der inklusiven ARD-und-ZDF-Kampagne für die Berichterstattung zu den olympischen und paralympischen Spielen. Der Claim: "Zwei Sportlerinnen – Ein Ziel – Erste sein".

Ich gebe zu, dass meine Begeisterung für die Paralympics in den letzten Wochen doch zugenommen hat. Der Grund ist wahrscheinlich mein persönlicher Bezug zu einigen Sportlern und das gestiegene mediale Interesse. Es ist das neue Gesprächsthema im Büro. Sogar ein Poster von Heinrich Popow hängt in meiner Küche! Ich freue mich über die zwei Wochen in London und hoffe, dass die Begeisterung für den Sport steigt und die Vorbehalte gegenüber Behinderungen sinken. Nichtsdestotrotz ist mein Wunsch, dass ich mir die nächsten Spiele in Rio nicht mehr mit einem politischen Interesse an der Sprache anschauen werde, sondern nur noch allein wegen einiger sehr spannender Sportarten.

Apropos: Welche paralympischen Sportarten gefallen euch am besten?

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

Es sind wohl die Sätze, die viele Kinder von ihren Eltern gehört haben: "Kind, was willst du in Berlin? Da ist es doch viel zu gefährlich!" – Obwohl die Eltern vielleicht keine Ahnung haben oder zu viel Kraftklub hören, würde ich ihnen bei ein paar Geschichten aus meiner Vergangenheit zustimmen. Denn auch vor mir hat die Gewalt nicht Halt gemacht.

Ich liebe Berlin. Nicht erst seit gestern, sondern schon immer. Also seit ich die Stadt bewusst wahrnehmen kann und mich in ihr bewegen kann. Doch so sehr ich alle Vorzüge der Hauptstadt genieße, habe ich leider auch schon Erfahrungen mit den Schattenseiten gemacht: Gewalt.

Als ich elf Jahre alt war und an einer Bushaltestelle in Lichterfelde darüber nachdachte, wie man die Zeit hier besser totschlagen könnte, wurde ich geschlagen, und zwar von einem kleinen Jungen. Es ist zwar nichts passiert, aber auf den Schreck folgte die Angst. Denn in dem Moment fühlte ich mich wehrlos. Ich habe den ganzen Tag geweint und darüber nachgedacht, wollte mein Zimmer nie wieder verlassen. Meine Gedanken ähnelten wohl denen vieler Gleichaltriger und hatten nichts damit zu tun, dass ich hilflos im Rollstuhl oder kleiner bin, sondern einfach, dass ich keine Chance hätte, mich zu wehren. Und so realisierte ich auch, dass es nichts bringt, sich von seiner Angst leiten zu lassen, und stand irgendwann wieder an der Bushaltestelle und wurde da nie wieder geschlagen.

Viel später war ich dann mal von einer Party in der Nacht vom Kottbusser Tor auf den Weg nach Schöneberg. Damals wie heute würde der "Kotti" keinen Preis in der Kategorie "angstfreie Zone" gewinnen. Freunde von mir fürchten sich auch schon tagsüber vor den herumlungernden Menschen. Ich habe mich irgendwie daran gewöhnt, weil es nicht das einzige Bild ist, das ich von der Kreuzberger U-Bahn-Station kenne. Aber an diesem Abend beschlich mich auch eine undefinierbare Angst. So machte ich die Musik auf meinem Smartphone ein bisschen lauter und wollte schnell zur Station. So richtig abgelenkt hatte es mich nicht und ich dachte darüber nach, was mich verunsicherte: War es die Dunkelheit? Waren es die Menschen, die dort in einer mir nicht verständlichen Sprache lautstark redeten? Waren es die alkoholisierten Fahrgäste, die auf die U-Bahn warteten? Es passierte nichts. Ich stieg in die Bahn, ärgerte mich über die Angst, die ich vor "dem Fremden" hatte. Es war sehr interessant, wie der Ärger über mich selbst meine Angst ersetzte.

In Schöneberg angekommen – einem Stadtteil, der in Berlin als "sicher" gilt –, war die Angst komplett verflogen. Auf meinem Nachhauseweg von der U-Bahn-Station zu meiner Wohnung begegneten mir unabhängig voneinander drei Männer, die mir in den Schritt griffen/ greifen wollten und anzügliche Bemerkungen machten. Beim Ersten wusste ich nicht, wie mir geschah … Beim Zweiten konnte ich irgendwie ausweichen und der Situation entfliehen. Beim Dritten hab ich wild rumgeschimpft und ihn angeschrien, so dass er wegrannte. Ich kochte vor Wut. Die Angst war nicht zurückgekommen, sondern nur die Erkenntnis, dass in einer Stadt mit 3,5 Millionen Menschen einfach auch verrückte Menschen sind, die sich nicht an Stadt- und Vorurteile halten.

Als mir wenige Monate später mein Handy im Wedding (es hätte bestimmt auch jeder andere Bezirk sein können) geklaut wurde, nahm ich die Sache fast zynisch. Ich schrieb damals in meinem Blog, dass es wohl auch eine Art der Gleichberechtigung bzw. Inklusion ist, wenn auch Behinderte bestohlen werden. Das war natürlich nur ein dummer Gedanke, aber wie soll man anders damit umgehen, wenn man sich nicht zuhause oder außerhalb von Großstädten verstecken will!?

Sind euch schon ähnliche Sachen geschehen, und was kann man dagegen machen?

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

Nicht nur Männer mit Schlapphüten können geheime Treffen an mysteriösen Platzen ausmachen. Auch Raul Krauthausen hat in bester James Bond-Manier einen Vertrauensmann getroffen und sehr interessante Informationen über die Schattenseiten von Menschen mit Behinderung bekommen.

Die folgenden Informationen wurden mir von einer geheimen Quelle zugetragen. Der Einfachheit halber nennen wir die Quelle mal R.K.. Vor ein paar Wochen habe ich mich mit R.K. an einer dunklen Stelle am Westhafen getroffen. Zwischen Matrosen und Piraten, in einer schwarz-weissen Gasse erzählte mir R.K. davon, dass auch Menschen mit Behinderung kriminell sein können. Mir fiel vor Erstaunen fast meine Mütze ins Wasser, aber er erzählte weiter: “Weißt du: Ein Vorteil für Behinderte ist doch die positive Diskriminierung nach dem Motto ‘nein der arme Rollstuhlfahrer kann doch nichts schlimmes machen’” Ich dachte in dem Moment an meinen Rucksack, der eigentlich groß genug ist, einen ganzen Wocheneinkauf darin verschwinden zu lassen.

R.K. arbeitete in einer Stelle, die auch Gelder für Menschen mit Behinderung bewilligt und in einem zehnminütigen Vortrag erläuterte er mir, dass sich auch einige Behinderte in dem Moment wenn es um Geld geht, sich manchmal behinderter machen, als sie sind. Die Begründung von R.K. ist nachvollziehbar: Es gibt Behinderte, die finden, dass der Staat schon genug Geld an ihnen weggespart hat und somit ihre Selbstbestimmung beschränken. Um die benötigte Assistenz finanziert zu kriegen.  “Deswegen machen sich wohl manche behinderter, um dann selbstbestimmter zu sein?”, frage ich zusammenfassend. “Ja ja” sprach R.K. unvermittelt weiter: “das ist zwar verständlich, aber trotzdem nicht richtig. Oder? Denn wenn das auffliegt, könnten sich die Regelungen/Prüfungen und Gängelungen vielleicht sogar noch verschärfen.”

An uns fährt ein großer Tanker vorbei und deswegen verstehe ich R.K., der selbst im Rollstuhl sitzt, nicht gut und schweife in meinen Gedanken ab. Ich muss an das barrierefreie Gefängnis in Düsseldorf denken und frage mich, ob ein Gefängnis für einen Rollstuhlfahrer nicht einfach auch von einer Treppe eingeschlossen werden kann. Ganz ohne Gitterstäbe. Ich steige in das Gespräch wieder ein, als R.K. das Wort “Krüppel” nutzt. Ich wollte ihn schon korrigieren, bis er meinte: “Jaja sorry Spacko, Krüppel’ etc. darf man nicht sagen, aber wir sind doch hier unter uns.” Ich nickte und dachte an viele Gespräche in denen ich die Wörter schon nutzte, obwohl ich weiß wie politisch unkorrekt sie sind. Ich versuche das Gespräch noch  auf etwas anderes zu lenken: “Kennst du das YouTube-Video bei der ein Rollstuhlfahrer einen Räuber aufhält?” “Nee, kenne ich nicht” antwortet R.K. “aber eigentlich ist das auch langweilig. Weißt du irgendwann will ich auch mal in der Zeitung lesen: ‘Achtung Behinderte Banditen – Rollstuhlfahrer überfallen Geschäfte’” Wir fangen beide an zu lachen, bei der Vorstellung, wie die Panzerknacker aus einer Sparkasse rollen.

R.K. wollte noch viel erzählen, aber es war ein typischer Berliner Sommertag und es begann zu regnen.

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

Es fällt immer leicht zu meckern. Auch in meinem letzten Blogbeitrag habe ich ziemlich vom Leder gezogen und es ging erschreckend einfach. Kurz danach wurde ich jedoch von einer Freundin gefragt: “Und was macht dir nun Freude?”
Erschreckenderweise fiel mir darauf nicht so viel ein, wie erwartet. Die Frage hat mich immer weiter beschäftigt. Beruhigenderweise schossen mir mit der Zeit immer mehr Beispiele durch den Kopf als Blitze in den Berliner Fernsehturm:

  • Ich freue mich, wenn mir durch meine Behinderung Menschen freundlicher begegnen. Auch wenn es einige für “positive Diskriminierung” halten, genieße ich es, auf der Straße angelächelt zu werden.
  • Ich freue mich, wenn ich durch meine Perspektive im Alltag Sachen entdecke, die andere vielleicht nicht sehen.
  • Ich freue mich, dass ich eine Begleitperson auf Reisen, ins Kino/Theater umsonst mitnehmen kann und somit auch mit neuen Menschen ins Gespräch komme.
  • Ich freue mich und bin leicht gerührt wenn sich Designer und Kreative neue Produkte ausdenken, die das Leben von Menschen mit Behinderung in seiner Würde ernst nehmen und durch ihren Nutzen erleichtern. Wie zum Beispiel dieser Kinderwagen.
  • Ich freue mich, dass ich mit der USB-Stromversorgung an meinem Rollstuhl auf Veranstaltungen meinen Handy-Akku und auch den mancher Teilnehmer retten kann.
  • Ich freue mich, wenn Filme wie “Ziemlich beste Freunde” von mehreren Millionen Menschen gesehen werden. Und die Themen von Menschen mit Behinderung mitleidsfrei und empathisch in die Gesellschaft getragen werden.
  • Ich freue mich, wenn es spürbare Verbesserungen bei der Bahn gibt und nicht nicht mehr einfach alles als “unmöglich” abgelehnt wird. Natürlich ist hier auch noch Potential nach oben.
  • Ich freue mich, wenn ich Menschen überraschen kann, die mir wegen meiner Behinderung weniger zutrauen.
  • Ich freue mich aber auch, wenn man mich (ohne falsche Rücksicht auf meine Behinderung) kritisiert, auch wenn es weh tut.
  • Ich freue mich, dass ich die Chance bekommen habe auf Probleme von Rollstuhlfahrern mit Projekten wie Wheelmap.org und BrokenLifts aufmerksam zu machen.
  • Ich freue mich, dass die Arbeit der SOZIALHELDEN als inklusiv wahrgenommen wird. Nicht weil es bei uns ein “Projekt” ist, sondern Selbstverständlichkeit.
  • Ich freue mich, wenn ich einen neuen Behindertenwitz höre.
  • Ich freue mich, dass ich mich darüber freuen kann.

Und jetzt die Frage zurück: Was macht dir Freude?

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

Vor kurzem war ich bei meinem alten Arbeitgeber und seiner Nacht der Talente. Eine großartige Veranstaltung, bei der Musiker und Poetry-Slammer jeweils gegeneinander antreten und die Gunst des Publikums für sich gewinnen müssen. Die Poetry-Slammerin Katja Hofmann hat mir dabei besonders gut gefallen, weil sie mit ihrem kurzen, görenhaften Text "Ich hasse das …" viele Beispiele nannte, die nerven. Mich nerven auch so manche Sachen, weshalb ich mir gedacht habe, dass ich diese hier mal zusammentrage:

  • Es nervt mich, wenn Behinderungen gegeneinander ausgespielt werden und damit die Diskussionen um Barrierefreiheit in den Hintergrund geraten. Das ist ein gefundenes Fressen für all jene, die die eigentlichen Behinderer sind. Die sagen dann: "Ihr (Betroffenen) wisst ja selber nicht, was ihr wollt, wie sollen wir dann richtig handeln?"
  • Es nervt mich, wenn sich prominente Behinderte in ihren Positionen nicht mehr für Menschen mit Behinderung einsetzen. (Hallo, Herr Schäuble!)
  • Es nervt mich auch, wenn man sich immer zu Behinderten-Themen äußern muss, nur weil man eine Behinderung hat.
  • Es nervt mich, wenn Menschen mit Behinderung die "Jeder-Kann-Es-Schaffen"-Show abziehen, und habe doch auch manchmal den Eindruck, dass ich selber als solcher gesehen werde und dieses Klischee scheinbar irgendwie bediene.
  • Es nervt mich, dass sich viele Menschen nicht trauen, mir ihre ehrliche, auch negative Meinung zu sagen. Denn wie schon Funny van Dannen singt: "Auch Lesbische, Schwarze, Behinderte können ätzend sein."
  • Es nervt mich, wenn andere Menschen mit mir verwechselt werden, nur weil sie die gleichen äußeren Eigenschaften (Behinderung, Rollstuhl, Mütze aufm Kopf) haben.
  • Es nervt mich, wenn der verantwortliche Architekt nicht nachgedacht hat, bevor er eine rollstuhlgerechte Toilette in den Keller eines Cafés gebaut hat. Ohne Aufzug.
  • Es nervt mich, wenn der Denkmal- oder der Brandschutz wichtiger sind als das Menschenrecht auf Teilhabe und Menschen mit Behinderung ausgeschlossen werden.
  • Es nervt mich, wenn Fitnessclubbesitzer uneinsichtig sind und einen Rollstuhlfahrer nicht mehr bei sich trainieren lassen.
  • Es nervt mich, wenn ich das Gefühl habe, dass Dankbarkeit von mir erwartet wird, obwohl ich Barrierefreiheit für selbstverständlich halte.
  • Es nervt mich, wenn mir ständig Leute erzählen, dass sie "auch jemanden kennen, der eine Behinderung hat", das aber nicht zwangsläufig heißt, dass das jetzt eine prima Gesprächsgrundlage ist.
  • Es nervt mich, wenn andere Leute denken, ich würde leiden und hätte es ja soooo schwer im Leben.
  • Es nervt mich, wenn ich als "der Starke" gesehen werde, der "trotz seiner Behinderung" das alles schafft, auch wenn ich manchmal heulen könnte.
  • Es nervt mich, dass ich als Krüppel aus dem "Beuteschema" falle und schnell als "der beste Freund", dem man alles erzählen kann, gelte. Selten jedoch als möglicher "Beziehungspartner" in Frage komme.
  • Ich nerve mich selbst, wenn ich andere Menschen zu sehr mit dem Thema Behinderung behellige und dabei selber oft den Wald vor lauter Bäumen nicht sehe und die Erfolge, die erreicht wurden, nicht mehr wahrnehme.
  • Es nervt mich, dass mich so viel nervt und dass dieser Beitrag nicht so gut klingt wie der von Katja Hofmann.
  • Es nervt mich, dass ich nach dem Schreiben dieses Artikels nicht mehr weiß, wie man sich richtig verhält. Aber wir Menschen sind einfach manchmal genervt.

Darum frage ich: Was nervt dich? Lass es raus!

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

Dieser Beitrag sollte eigentlich mit einem kinoreifen Trailer starten. Leider halten sich meine filmerischen Leistungen in Grenzen, und daher hier vielleicht ein kleines Storyboard, gesprochen mit der Stimme von Bruce Willis:
"Stellen Sie sich vor: Ihr Arbeitsweg hat einen unsichtbaren Feind, der Sie jeden Tag darüber nachdenken lässt, ob man einen Umweg nehmen sollte oder nicht … Unscheinbar … Niemand würde ihn für Ihre Umwege verdächtigen. Und er ist nicht allein: DER DEFEKTE AUFZUG! Diesen Sommer im Kino … Nach einer wahren Geschichte … Mit Nicole Kidman als Stimme des Aufzugs und Clint Eastwood als Aufzugstechniker …"

Der Trailer wird vielleicht kein Blockbuster wie blaue Typen auf Pandora, aber die "wahre Story" ist gegeben. Denn defekte Aufzüge können mir noch mehr den Tag versauen als ein Läuse-Flashmob auf meinem Leberwurstbrot oder eine "eingeschränkte Internet-Konnektivität". Als ich noch in Berlin-Schöneberg wohnte, hatte ich auf meinem täglichen Arbeitsweg vier dieser unscheinbaren Feinde vor mir: 1x in Schöneberg, 2x an der Friedrichstraße und 1x beim Ostbahnhof.

Wenn nur einer dieser Aufzüge seinen "schlechten Tag" hatte, dann begann eine Odyssee, die sogar für Homer zu verrückt gewesen wäre. Beispielsweise ist der eine Aufzug an der Friedrichstraße sehr gerne kaputt, und so musste ich dann über den Hackeschen Markt versuchen, zum Ostbahnhof zu kommen. Bei meinem 30-minütigen Arbeitsweg kamen pro defekten Aufzug etwa 15 Minuten dazu. Bei der Deutschen Bahn wäre das schon fast ein Meckergrund, aber für viele Rollstuhlfahrer ist das einfach nur Alltag.

Ärgerliche Situationen inklusive

Obwohl schon seit Jahrzehnten der barrierefreie Umbau von Bahnhöfen geplant und zum Teil durchgeführt wird, sind einige Bahnhöfe bisher immer noch nicht erreichbar, und auch die Informationsbeschaffung ist schwer. So werden zwar auf den Webseiten der BVG und der S-Bahn die defekten Aufzüge angezeigt, aber nicht gebündelt auf einer Seite, und auch an der Aktualität hapert es. Das führte bei mir schon zu ärgerlichen Situationen. So bin ich einmal für einen Pressetermin nach Hennigsdorf gefahren, um dort über Barrierefreiheit zu reden. Der S-Bahn-Aufzug war nicht als defekt gemeldet, obwohl er bei meiner Ankunft kaputt war. Zwischen Internet und Realität gibt es doch noch Unterschiede. So beschränkte sich mein Beitrag zu einem geplanten Zeitungsartikel dann auf den defekten Aufzug.

Luxus für die einen – Notwendigkeit für die anderen

An welchen Schrauben kann man nun drehen? Dass eine hochtechnische Anlage wie ein Aufzug ausfallen kann, ist verständlich und nachvollziehbar, aber wie kann man dann wenigstens die Menschen einfach und zuverlässig informieren? Ich habe schon oft mit Freunden über das Thema diskutiert, und wir sind zu keinen guten Schluss gekommen, weil die Aufzüge für die einen ein Luxusgegenstand sind und für andere alltagsnotwendig. Genau wie bei der Wheelmap sind Stufen für viele Menschen nicht sichtbar, weil sie keine Barriere sind, und somit würde es schwierig sein, wenn man auf defekte Aufzüge hinweisen müsste. "Schick einen Tweet, wenn der Aufzug defekt ist!" – das würde vielleicht noch funktionieren, aber wer schickt schon eine Nachricht, dass der Fahrstuhl intakt ist? Von dieser einen Frage kommt man dann schnell zum nächsten Problem, zum übernächsten und, und, und … Die Zuverlässigkeit sollten also die Betreiber garantieren.
Bisher kann die Zuverlässigkeit kaum überprüft werden, weil auf den Seiten des ÖPNV nur der Status quo und nicht die Vergangenheit dargestellt wird. Als Nutzer weiß man nicht, von wann die Störungsinformation ist. Der Besucher erfährt nicht, ob der Fahrstuhl in Griebnitzsee zum ersten oder hundertsten Mal kaputt ist. Für längerfristige Planungen (auch bei der Wohnungssuche) und für den Reparatur-Druck auf die Betreiber wäre so ein Verlauf sicherlich hilfreich.

Lösung in Sicht?

Mit einem neuen Projekt möchten wir bei den Sozialhelden das gerne verändern, indem wir auf Probleme mit Aufzügen hinweisen: Auf BrokenLifts.org werden die aktuellen Ausfälle von allen Berliner Aufzügen im ÖPNV sichtbar und jeweilige Statistiken abrufbar sein. Seit letztem Sommer haben wir die Daten von den Seiten der BVG und der Berliner S-Bahn gesammelt und versuchen diese nun auszuwerten. Gleichzeitig soll die Seite auch eine Übersicht über aktuelle Aufzugsstörungen liefern.
Die Darstellung der Informationen soll natürlich nur ein erster Schritt sein und kein Freibrief, dass der Aufzug in Hennigsdorf länger kaputt bleiben darf, weil es ja jeder wissen sollte. Wir finden, dass die Aufzüge schneller repariert werden müssen, damit jeder seinen Alltag ohne Umwege gestalten kann.

Bis es soweit ist, wird in meinem Kopf wohl noch des Öfteren der Trailer mit der Stimme von Bruce Willis ablaufen, wenn ich auf ein "Defekt"-Schild schaue.

Wie ist die Situation in anderen Städten? Würde sich da auch ein Trailer lohnen?

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

Raul Krauthausen und Petra Strack haben sich bei einer Flasche Rotwein über die Frage ausgetauscht, wer es eigentlich leichter hat, einen Partner zu finden: ein Mann oder eine Frau mit Handicap?

Raul: "Ich behaupte: Frauen. Und zwar, weil Frauen beim Erobern den passiven Part spielen und in unserer Gesellschaft eher den zu beschützenden Menschen darstellen. Männer müssen die starke Schulter sein, an die sich die Frau anlehnen kann. Deswegen dumm, wenn der Mann behindert ist."

Petra: "Ich glaube auch, dass Frauen es – zumindest in Bezug auf den ersten Schritt, auf das Kennenlernen – einfacher haben. Schon allein deswegen, weil ein oftmals mit einer Behinderung einhergehender Körperbau, nämlich zierlich, klein und mädchenhaft, bei Männern einen Beschützerinstinkt weckt und dadurch anziehend wirkt."

Raul: "Überzeugen Männer mit einer Behinderung also eher auf den zweiten Blick?"

Petra: "Ja, während bei Frauen der zweite Blick vielleicht gerade schwierig ist: Weil in dem ach so zart und hilflos wirkenden Körper ein starker Charakter steckt, der gar nicht beschützt werden will. Dieser enorme Widerspruch von Körper und Geist verwirrt den armen Mann. ;-)"

Raul: "Dafür passt es im Bett dann wiederum: Der Mann nimmt die aktivere Rolle ein – schwierig für einen, der es nicht kann!"

Petra: "Stimmt zwar, dafür erfüllen wir aber selten das klassische Schönheitsideal von 'groß-schlank-sportlich' – für manche Männer die Voraussetzung, dass man überhaupt im Bett landet."

Raul: "Für Frauen ist das Äußere also, solange bestimmte Rahmenparameter stimmen, eher zweitrangig? Achten sie eher auf den Charakter, Charme, Wortwitz, Intelligenz, Erfolg, Reichtum – die klassischen Versorgerqualitäten halt?"

Petra: "Du merkst schon, dass wir hier gerade in totale Klischees verfallen, ja?"

Raul: "Ja, stimmt. Was aber für beide Geschlechter stimmt und kein Klischee, sondern die Realität ist, ist, dass ein behinderter Partner in optischer Hinsicht weniger repräsentativ ist als ein nichtbehinderter – denn dem klassischen Schönheitsideal von "groß, schlank, sportlich" entsprechen wir einfach nicht. Ganz makaber ist da ja die TV-Show aus England namens 'The UnDateables'. Christiane Link hat dazu einen tollen Artikel verfasst. Einigen wir uns also darauf, dass beide Geschlechter beziehungstechnisch gehandicapt sind. Die einen auf den ersten, die anderen auf den zweiten Blick?"

Petra: "Hmm. Grundsätzlich ja. Trotzdem leben wir beide nicht gerade wie Mönch und Nonne – mit irgendwas scheinen wir unser Handicap also ausgleichen zu können, oder? Aber womit?"

Raul: "Müssen wir das als behinderte Partner eigentlich? Unsere Behinderung mit etwas anderem 'ausgleichen'? Indem wir besonders 'lieb und nett' sind? Besonders dankbar? Besonders tolerant in anderer Hinsicht, z. B. Macken oder gar das Fremdgehen des Partners akzeptieren?"

Petra: "Weil alles besser ist als gar kein Partner? Hmmm. So viele Kompromisse würde ich nicht eingehen wollen, dann lieber Single und sich selbst treu bleiben."

Raul: "Und zum Thema Ausgleichen, jetzt mal im Sinne der körperlichen Auswirkungen einer Behinderung: Wenn der nichtbehinderte Partner die Behinderung ausgleicht, indem er Aufgaben der Assistenz übernimmt, wo ist da die Grenze?"
Petra: "Ganz schwieriges Thema! Lässt man den Partner gar nichts machen, muss man enorme Einschränkungen bzgl. seiner Privatsphäre hinnehmen. Übernimmt er hingegen zu viel, entsteht ein (beidseitiges!) Abhängigkeitsverhältnis. Meine persönliche Grenze: Beim Ausziehen darf er gerne helfen – beim Anziehen nicht. ;-)"

Raul: "Dieses Thema ist endlos und je mehr man darüber nachdenkt, desto tiefer schraubt man sich mit seinen Gedanken nach unten und wird, wenn man es zu sehr betreibt, vielleicht sogar noch depressiv. Wir können an unserer Behinderung nichts ändern. Will ich auch gar nicht. Das einzige, was wir tun können, ist aufklären. Ob wir wollen oder nicht. Entweder man nimmt uns so wie wir sind, als Gesamtpaket, oder eben nicht.
Letztendlich glaube ich an die Liebe. Auch an die behinderte! Sie kommt, wenn sie kommt. Man kann es nicht beeinflussen und auch nicht weg- bzw. herbeireden. So wie bei den Nichtbehinderten eben auch."

Petra: "Na dann: Prost! Auf das Gesamtpaket!"

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

Dieses Internet ist ja Segen und Fluch zugleich. Wenn ich darüber nachdenke, wie viele Stunden ich pro Tag online bin, könnte ich meistens wohl nur noch meine Schlafstunden abziehen. Was nicht daran liegt, dass ich mit Surfen, Mailen, Schreiben oder Anstupsen irgendwas kompensieren will, sondern dass ich es für meine Kommunikation überaus wichtig finde. Gut, das Anstupsen vielleicht nicht so sehr, aber der Austausch, den man über das WWW betreiben kann, ist unglaublich.

Als Holger und ich über das richtige Medium für die Wheelmap nachgedacht haben, war unsere Überlegung nicht, ob wir es ins Internet stellen, sondern nur wie! Am besten gefiel uns die Idee, dass viele Menschen mitmachen können und somit eine kleine Bewegung entstehen kann für ein Thema, was jetzt nicht unbedingt den medialen Anreiz einer arabischen Revolution oder einer Finanzkrise hat, aber trotzdem sehr wichtig ist – nicht nur für 1,6 Millionen Rollstuhlfahrer. Unser Ziel war es damals nicht, dass wir ganz viele Fans auf eine Facebook-Page ziehen oder Newsletter verschicken, über die man dann auch auf andere Bewegungen oder Petitionen hinweisen kann. Wir wollten ganz einfach, dass Menschen an einer Plattform partizipieren können, um Medien zu zeigen: Das Thema ist wichtig!

Durch Sonderschulsysteme, Behindertenwerkstätten und eine Umwelt voller Barrieren hat man es jahrelang geschafft, dass Menschen mit Behinderung aus dem Gesellschaftsbild herausgehalten wurden. Obwohl in einem Café, einer Disko, im Supermarkt, an der Bar statistisch gesehen jeder Zehnte eine Behinderung haben müsste, sieht man niemanden.

Ich frage mich manchmal, warum wir uns nicht mehr Gehör verschaffen? Vielleicht ist es an der Zeit, mit Hilfe des Internets der Behinderten-Bewegung neuen Schwung zu geben. Projekte wie die Wheelmap sind doch nur ein ganz kleines Zahnrädchen im großen Ganzen. Wir könnten zum Beispiel Journalisten darüber aufklären, wie man heutzutage (nicht) über Menschen mit Behinderung berichtet. Blogs, Twitter und Facebook erleichtern den Austausch untereinander, und was noch wichtiger ist: die Kommunikation in eine, wie ich finde, interessierte Umwelt. Schon längere Zeit verfolge ich Julia Probst auf Twitter, die sich sehr engagiert dafür einsetzt, dass das Fernsehen auch für Gehörlose verständlich wird. Aber auch Christiane Link bloggt erfrischend selbstbewusst über die Unterschiede zwischen Großbritannien und Deutschland aus der Sicht einer Rollstuhlfahrerin. Heiko Kunert tut selbiges aus der Sicht eines Blinden. Ich könnte weiter aufzählen …

Im November letzten Jahres haben wir von Wheelmap es gemeinsam mit Kobinet Nachrichten und dem NDR geschafft, innerhalb von nur vier Tagen mehr als 25 Rollstuhlfahrer vor den Bundestag zu lotsen, um für einen Extra3-Beitrag auf die absurde Ausladung zum Tag der Menschen mit Behinderungen wegen zu vielen Rollstuhlfahrern aufmerksam zu machen.

Das war natürlich nur ein kleines Puzzlestück, aber es hat motiviert und gezeigt, dass es geht. Man kann auch den Sprung aus dem Internet in die Realität, auf die Straße oder in ein Gesetz schaffen.

Wenn wir bei den Sozialhelden über das Thema sprechen, sind wir meistens sehr optimistisch, weil viele Beispiele in der frühen Vergangenheit dafür sprechen, dass man Menschen mobilisieren kann. Wenn man sogar für Gesetzesvorhaben wie ACTA auf die Straße gehen kann, warum dann nicht auch für eine Brandschutznovellierung? Wenn das Internet dabei helfen kann, dass Minister und Bundespräsidenten zurücktreten, warum dann nicht auch bei einer Schulreform für mehr inklusiven Unterricht?

Kreativ sollte es sein!
Es wäre naiv zu glauben, dass für eine “Menschenrecht vs. Denkmalschutz”-Demonstration mehrere 10.000 Menschen wie bei der Anti-AKW- oder der Occupy-Bewegung auf die Straße gehen, und vielleicht ist das sogar nicht nachhaltig genug. Ich glaube, man braucht kreative Aktionen, die ein Nach- und Umdenken anstoßen. Frei nach dem Motto: “Nichts über uns – ohne uns!” Und wo, wenn nicht im Internet, kann man sich dazu am besten inspirieren lassen und Verbündete finden?

Aber bevor ich kurz bei Facebook zurückstupse, noch die Frage: Kennt ihr weitere tolle Aktionen, die auf soziale Probleme von Menschen mit Behinderung öffentlich aufmerksam gemacht haben?

Für alle, die einen tollen Hinweis haben, wartet dann dieses Video von Pro Informis im Internet.

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

Achtung! Dieser Artikel kann Spoiler-Material enthalten.

Vielleicht hat es der ein oder andere aufmerksame Leser schon mitbekommen: Aber ich mag Filme. Außergwöhnlich ist das vielleicht nicht und doch hat mir dieses Hobby schon die ein oder andere interessante Erfahrung für meine Arbeit gebracht. Nicht nur, dass ich meine Diplomarbeit über die Darstellung von Menschen mit Behinderungen im Deutschen Fernsehen geschrieben habe, es ist auch ein guter Gesprächseinstieg wenn man wenigstens ein bisschen Ahnung von Star Wars hat und man nicht die Vermutung äußert, dass Luke Skywalker und Darth Vader verwandt sein könnten.

 

Ab und zu schaue ich mir auch Filme über das Thema „Behinderung“ an, nicht unbedingt weil ich selbst betroffen bin (es schauen ja auch nicht alle Sportler, nur Sportfilme oder Kriminalisten nur den Tatort), sondern weil es mir einen interessanten Einblick auf die Sicht von Menschen mit Behinderung geben kann. Manchen Filmwissenschaftlern würden dabei graue Haare wachsen, wenn sie in Filmen ein Abbild auf die Realität suchen, aber manchmal ist der Blick hinter dem Blick doch sehr interessant.

Die Erlösung
Heutzutage ist der Blick sogar in 3D, wie beispielsweise bei „Avatar”: Ein Soldat der im Rollstuhl sitzt, bekommt die großartige Möglichkeit wenigstens virtuell wieder laufen zu können. In dem er den Avatar seines verstorbenen Bruder übernimmt.

Da es sein sehnlichster Wunsch ist, wieder laufen zu können, entwickelt er sich natürlich schnell zum besten Avatar und springt über Pandora wie Super Mario. In dieser Szene wird ein sehr bekanntes Muster sichtbar: die Erlösung. Es wird in der Geschichte davon ausgegangen, dass ein Mensch der im Rollstuhl sitzt oder eine andere Behinderung hat, sich nichts sehnlicher wünscht, als diese Beeinträchtigung loszuwerden. In „Avatar“ wird dies sogar so überspitzt, dass der Charakter am Ende durch die Verwandlung „geheilt“ wird.

 

Andere Filme sind da sogar ein bisschen drastischer und bringen die Erlösung durch den Tod, wie beispielsweise in „Das Meer in mir“. Der Hauptinhalt des Streifens ist zwar die Selbstbestimmung über das Leben und den Tod, aber der Protagonist ist ein querschnittgelähmter Mann, der einen sehnlichen Todeswunsch hat. Ich frage mich: wer soll hier erlöst werden? Er oder die die Verwandtschaft?

 

Denn in anderen Filmen sind Behinderte oft eine Belastung für die Familie. Dustin Hoffmann als „Rain Man“ nervt seinen Bruder Charlie am Anfang mit seinem Autismus und erst durch seine außergewöhnlichen Leistungen, beim Black Jack zu betrügen und Streichhölzer zu zählen, kommen sich die beiden näher oder besser geschrieben: akzeptiert Charlie ihn.

 

Man könnte jetzt sagen, dass meine Interpretationen der Filme stark konstruiert sind, vielleicht sind sie das auch, aber vielleicht haben es sich die Drehbuchschreiber auch ein bisschen zu einfach gemacht. Würde der Erlösungswunsch auch bei einem Nichtbehinderten so eindrucksvoll wirken? Oder hätte Dustin Hoffmann einen Oscar bekommen, wenn er „normal“ gewesen wäre?

 

Die Schauspieler
Das Schema eines hilflosen Menschen mit Behinderung, der sich wieder wünscht zu laufen oder lieber sterben würde, wenn er schon nicht normal sein kann, ist in der Filmsprache genauso einleuchtend, wie ein russischer Spion, eine naive Blondine oder Til Schweiger als Frauenheld. Apropos Til Schweiger, auch er hat einmal in einem Klamaukfilm so getan, als ob er im Rollstuhl sitzt, nur um an einen Basketball zu kommen. „Avatar“, „Rain Man“ und „Wo ist Fred“ balancieren dabei auch auf einer Gratwanderung in meinem Kopf: Auf der einen Seite finde ich es gut, dass es durch aufwendige Produktionen und berühmte Schauspieler Behinderungsthemen schaffen, in eine breite Öffentlichkeit zu kommen, aber auf der anderen Seite kann die Intention auch Vorurteile nur bestärken: Behinderte wollen „normal“ sein oder müssen („in ihren Möglichkeiten“) mit außergewöhnlichen Taten beeindrucken.

 

Beim Filmdreh konnte wahrscheinlich kein Mitarbeiter mit einer Behinderung seine Bedenken äußern, weil wohl keiner anwesend war. In keinen der bisher aufgezählten Filme spielte ein Realbehinderter die Hauptrolle. Und so, wie es aussieht, wird auch Christian Ulmens “Einer wie Bruno” so tun, als ob. Wenn eine chinesische Schauspielerin eine japanische Geisha spielt oder Didi Hallervorden in seinem Theater Schauspieler verfärbt, überschlagen sich die Feuilletons mit Empörungen oder kulturellen Analysen. Dass in den meisten Filmen, die sich mit dem Thema Behinderung auseinandersetzen, keine Behinderten mitspielen sind, lässt einen kalt.

 

Die Ausrede, dass es keine (guten) Schauspieler mit Behinderungen gibt, lasse ich nicht gelten! ChrisTine Urspruch beispielsweise, bekannt aus dem Münsteraner Tatort, die auf die Spitzen zu ihrer Kleinwüchsigkeit besser kontert als der FC St. Pauli oder die talentierten Theaterschauspieler Jana Zöll und Peter Radtke. Dass es so wenige Schauspieler mit Behinderungen gibt, bedingt sich aber zu einem gewissen Teil auch aus der Nichtsichtbarkeit von Schauspielern mit Handicaps. Es motiviert nicht unbedingt Schauspieler zu werden, wenn man keine Vorbilder in Filmen sieht bzw. keine Aussicht auf Engagements hat.

 

Die Liebe
Mir sind wirklich nur wenige Filme bekannt, in dem ein Mensch mit einer Behinderung mitspielt. In „Me too“ ist das der Fall und dieser Film ist auf verschiedenen Ebenen sehr gelungen. Nicht nur, dass der Hauptdarsteller Pablo Pineda das Bild über Menschen mit Down-Syndrom zurechtrückt, der Film versucht sich auch an dem schwierigen Thema Liebe zwischen (Nicht-)Behinderten. Im Gegensatz zum Film „Vincent will Meer“ der wohl die seichtteste Form des Behindertenfilms ist, in dem sich auf einem Roadtrip ein Junge mit Tourette-Syndrom in eine Magersüchtige verliebt, versucht der Film „Me too“ einen Behinderten und eine Nicht-Behinderte zusammenzubringen. Leider bleibt der Film es am Ende schuldig, ob aus „dem einen Mal“ mehr werden könnte.

Auch der Film „Renn wenn du kannst“ ließ mich unentschlossen zurück. In der Dreiecksbeziehung zwischen einer Frau, einem Rollifahrer und dessen Zivi kam es zu keinem Knutschfinale, wie man es aus so vielen romantischen Sommerkomödien kennt. Warum konnte sie nicht mit dem Rollstuhlfahrer zusammenkommen? Gut, der Typ war schon anstrengend und hat sie zurückgewiesen, aber warum nicht mal ein Happy End? Naja, wenigstens ist sie nicht aus Mitleid mit ihm zusammengekommen.

So wie man aber auch alles mögliche in Star Wars hineininterpretieren kann, ist das wohl auch mit den ganzen angesprochenen Filmen möglich. Vielleicht bin ich auch ein bisschen zu kritisch, aber wenn man über die Sympathiewerte eines Chewbakkas diskutieren kann, warum nicht mal über die Erlösungstheorie in Avatar? Mir geht so wenigstens nicht der Gesprächsstoff für die nächsten Partys aus. Davor gehts aber erstmal ins Kino.

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

Nachdem ich das letzte Mal das Kino also nicht besucht habe (Danke, Miley Cyrus!), hatte es mich mit Chips und Cola nun doch noch in ein Lichtspielhaus getrieben. Denn überraschenderweise war "Ziemlich beste Freunde" im rollstuhlgerechtesten Kino der Stadt, und das muss man dann irgendwie schon mal ausnutzen. Außerdem möchte ich ja mitreden können, wenn mich schon alle fragen: "Hast du den Film gesehen?" "Nein?!" "Oh, das musst du unbedingt machen, der ist …" und so weiter.

In kürzester Zeit hat mich der Film mitgerissen, dabei war nicht unbedingt der Identifizierungsprozess mit dem Hauptdarsteller (ich habe einfach keine Villa und kein Geld) im Vordergrund, sondern der tolle Umgang mit dem Thema "Selbstbestimmt leben mit Assistenz".

Auch ich bin auf Assistenten angewiesen, die mir im Alltag assistieren, oder besser gesagt: "meine Arme und Hände sind", wenn ich sie brauche. Gleichzeitig sind Assistenten aber keine Diener, wie man es sich vielleicht vorstellt. Genau wie im Film trägt auch keiner meiner "Assis" einen weißen Kittel. Das würde ich, genau wie Phillippe im Film, auch nie wollen. Denn Assistenten sind weder Diener noch Krankenschwestern. Das würde mich kränker machen, als ich in Wirklichkeit bin.

Ich kann keinem Assistenten sagen, dass ich am Abend gerne ein schönes Roastbeef haben möchte, sondern muss mit ihm einkaufen gehen und dann beim Kochen genaue Anweisungen geben. Und wenn es dann nicht schmeckt, ist es meine Schuld. Schließlich habe ich falsch angeleitet. In meiner WG gibt es klare Regeln. Wenn ich mal wieder an der Reihe bin, das Bad zu reinigen, und versuche, es zu verdrängen, dann sagen meine Mitbewohner nicht zu meinen Assistenten: "Nun mach doch mal das Bad sauber", sondern sie müssen es mir sagen, und ich muss dann früher oder später mit meinem Assistenten im Bad stehen.

Dieses "selbstbestimmte Leben" bringt mich trotzdem manchmal in ein Dilemma, weil ich auf der einen Seite nicht bedient werden möchte, es aber auf der anderen Seite auch komisch finde, jedes Mal neben meinem Assistenten zu stehen und zuzusehen, wie er putzt etc.

Jeden Tag habe ich 12 Stunden Assistenz. Und das seit über 7 Jahren. Da kann es auch schon mal vorkommen, dass mein Assistent ohne mich einkaufen geht, genauso wie ich es auch manchmal ohne meinen Assistenten mache.

Es war schade, dass der Protagonist in "Ziemlich beste Freunde" so reich war, weil leider dadurch ein interessantes Thema nicht zur Sprache kam: die Bezahlung von Assistenten. Im Gegensatz zu Phillippe leben die meisten Rollstuhlfahrer (mich eingenommen) nicht in großen Villen und kaufen sich auch nicht für tausende von Euro Bilder, sondern gehen verschiedenen Berufen nach. Da kommt es oft zu Konflikten mit der Assistenzbezahlung. Denn diese werden über das Sozialamt bezahlt, und wenn ich in meinem Job "zu viel" verdiene, werden die Leistungen gekürzt, und ich müsste selber für die Kosten aufkommen oder müsste erst gespartes Geld aufbrauchen, bevor es Unterstützung gibt. Aus diesem Grund darf ich in keinem Job Vollzeit arbeiten und frage mich dann, worin hier eigentlich die Selbstbestimmung liegt?

Natürlich würde ich es gerechtfertigt finden, dass ich für die Kosten aufkommen sollte, wenn ich sie mir auch leisten könnte. Aber wenn man "was Soziales mit Medien und Internet" macht, ist man weit davon entfernt, sich einmal in der Woche Unterstützung für den Haushalt zu leisten, und schon gar nicht 12 Stunden am Tag.

Nichtsdestotrotz kann ich jetzt endlich die Frage "Wie fandest du den Film?" mit "Großartig!" beantworten, und ich hoffe, dass es in Zukunft noch mehrere Filme geben wird, in dem nicht die Beeinträchtigung, sondern die Menschlichkeit im Mittelpunkt steht.

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.