Kategorie: Leben mit Behinderung
Dieser Beitrag sollte eigentlich mit einem kinoreifen Trailer starten. Leider halten sich meine filmerischen Leistungen in Grenzen, und daher hier vielleicht ein kleines Storyboard, gesprochen mit der Stimme von Bruce Willis:
"Stellen Sie sich vor: Ihr Arbeitsweg hat einen unsichtbaren Feind, der Sie jeden Tag darüber nachdenken lässt, ob man einen Umweg nehmen sollte oder nicht … Unscheinbar … Niemand würde ihn für Ihre Umwege verdächtigen. Und er ist nicht allein: DER DEFEKTE AUFZUG! Diesen Sommer im Kino … Nach einer wahren Geschichte … Mit Nicole Kidman als Stimme des Aufzugs und Clint Eastwood als Aufzugstechniker …"
Der Trailer wird vielleicht kein Blockbuster wie blaue Typen auf Pandora, aber die "wahre Story" ist gegeben. Denn defekte Aufzüge können mir noch mehr den Tag versauen als ein Läuse-Flashmob auf meinem Leberwurstbrot oder eine "eingeschränkte Internet-Konnektivität". Als ich noch in Berlin-Schöneberg wohnte, hatte ich auf meinem täglichen Arbeitsweg vier dieser unscheinbaren Feinde vor mir: 1x in Schöneberg, 2x an der Friedrichstraße und 1x beim Ostbahnhof.
Wenn nur einer dieser Aufzüge seinen "schlechten Tag" hatte, dann begann eine Odyssee, die sogar für Homer zu verrückt gewesen wäre. Beispielsweise ist der eine Aufzug an der Friedrichstraße sehr gerne kaputt, und so musste ich dann über den Hackeschen Markt versuchen, zum Ostbahnhof zu kommen. Bei meinem 30-minütigen Arbeitsweg kamen pro defekten Aufzug etwa 15 Minuten dazu. Bei der Deutschen Bahn wäre das schon fast ein Meckergrund, aber für viele Rollstuhlfahrer ist das einfach nur Alltag.
Ärgerliche Situationen inklusive
Obwohl schon seit Jahrzehnten der barrierefreie Umbau von Bahnhöfen geplant und zum Teil durchgeführt wird, sind einige Bahnhöfe bisher immer noch nicht erreichbar, und auch die Informationsbeschaffung ist schwer. So werden zwar auf den Webseiten der BVG und der S-Bahn die defekten Aufzüge angezeigt, aber nicht gebündelt auf einer Seite, und auch an der Aktualität hapert es. Das führte bei mir schon zu ärgerlichen Situationen. So bin ich einmal für einen Pressetermin nach Hennigsdorf gefahren, um dort über Barrierefreiheit zu reden. Der S-Bahn-Aufzug war nicht als defekt gemeldet, obwohl er bei meiner Ankunft kaputt war. Zwischen Internet und Realität gibt es doch noch Unterschiede. So beschränkte sich mein Beitrag zu einem geplanten Zeitungsartikel dann auf den defekten Aufzug.
Luxus für die einen – Notwendigkeit für die anderen
An welchen Schrauben kann man nun drehen? Dass eine hochtechnische Anlage wie ein Aufzug ausfallen kann, ist verständlich und nachvollziehbar, aber wie kann man dann wenigstens die Menschen einfach und zuverlässig informieren? Ich habe schon oft mit Freunden über das Thema diskutiert, und wir sind zu keinen guten Schluss gekommen, weil die Aufzüge für die einen ein Luxusgegenstand sind und für andere alltagsnotwendig. Genau wie bei der Wheelmap sind Stufen für viele Menschen nicht sichtbar, weil sie keine Barriere sind, und somit würde es schwierig sein, wenn man auf defekte Aufzüge hinweisen müsste. "Schick einen Tweet, wenn der Aufzug defekt ist!" – das würde vielleicht noch funktionieren, aber wer schickt schon eine Nachricht, dass der Fahrstuhl intakt ist? Von dieser einen Frage kommt man dann schnell zum nächsten Problem, zum übernächsten und, und, und … Die Zuverlässigkeit sollten also die Betreiber garantieren.
Bisher kann die Zuverlässigkeit kaum überprüft werden, weil auf den Seiten des ÖPNV nur der Status quo und nicht die Vergangenheit dargestellt wird. Als Nutzer weiß man nicht, von wann die Störungsinformation ist. Der Besucher erfährt nicht, ob der Fahrstuhl in Griebnitzsee zum ersten oder hundertsten Mal kaputt ist. Für längerfristige Planungen (auch bei der Wohnungssuche) und für den Reparatur-Druck auf die Betreiber wäre so ein Verlauf sicherlich hilfreich.
Lösung in Sicht?
Mit einem neuen Projekt möchten wir bei den Sozialhelden das gerne verändern, indem wir auf Probleme mit Aufzügen hinweisen: Auf BrokenLifts.org werden die aktuellen Ausfälle von allen Berliner Aufzügen im ÖPNV sichtbar und jeweilige Statistiken abrufbar sein. Seit letztem Sommer haben wir die Daten von den Seiten der BVG und der Berliner S-Bahn gesammelt und versuchen diese nun auszuwerten. Gleichzeitig soll die Seite auch eine Übersicht über aktuelle Aufzugsstörungen liefern.
Die Darstellung der Informationen soll natürlich nur ein erster Schritt sein und kein Freibrief, dass der Aufzug in Hennigsdorf länger kaputt bleiben darf, weil es ja jeder wissen sollte. Wir finden, dass die Aufzüge schneller repariert werden müssen, damit jeder seinen Alltag ohne Umwege gestalten kann.
Bis es soweit ist, wird in meinem Kopf wohl noch des Öfteren der Trailer mit der Stimme von Bruce Willis ablaufen, wenn ich auf ein "Defekt"-Schild schaue.
Wie ist die Situation in anderen Städten? Würde sich da auch ein Trailer lohnen?
Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.
Raul Krauthausen und Petra Strack haben sich bei einer Flasche Rotwein über die Frage ausgetauscht, wer es eigentlich leichter hat, einen Partner zu finden: ein Mann oder eine Frau mit Handicap?
Raul: "Ich behaupte: Frauen. Und zwar, weil Frauen beim Erobern den passiven Part spielen und in unserer Gesellschaft eher den zu beschützenden Menschen darstellen. Männer müssen die starke Schulter sein, an die sich die Frau anlehnen kann. Deswegen dumm, wenn der Mann behindert ist."
Petra: "Ich glaube auch, dass Frauen es – zumindest in Bezug auf den ersten Schritt, auf das Kennenlernen – einfacher haben. Schon allein deswegen, weil ein oftmals mit einer Behinderung einhergehender Körperbau, nämlich zierlich, klein und mädchenhaft, bei Männern einen Beschützerinstinkt weckt und dadurch anziehend wirkt."
Raul: "Überzeugen Männer mit einer Behinderung also eher auf den zweiten Blick?"
Petra: "Ja, während bei Frauen der zweite Blick vielleicht gerade schwierig ist: Weil in dem ach so zart und hilflos wirkenden Körper ein starker Charakter steckt, der gar nicht beschützt werden will. Dieser enorme Widerspruch von Körper und Geist verwirrt den armen Mann.
"
Raul: "Dafür passt es im Bett dann wiederum: Der Mann nimmt die aktivere Rolle ein – schwierig für einen, der es nicht kann!"
Petra: "Stimmt zwar, dafür erfüllen wir aber selten das klassische Schönheitsideal von 'groß-schlank-sportlich' – für manche Männer die Voraussetzung, dass man überhaupt im Bett landet."
Raul: "Für Frauen ist das Äußere also, solange bestimmte Rahmenparameter stimmen, eher zweitrangig? Achten sie eher auf den Charakter, Charme, Wortwitz, Intelligenz, Erfolg, Reichtum – die klassischen Versorgerqualitäten halt?"
Petra: "Du merkst schon, dass wir hier gerade in totale Klischees verfallen, ja?"
Raul: "Ja, stimmt. Was aber für beide Geschlechter stimmt und kein Klischee, sondern die Realität ist, ist, dass ein behinderter Partner in optischer Hinsicht weniger repräsentativ ist als ein nichtbehinderter – denn dem klassischen Schönheitsideal von "groß, schlank, sportlich" entsprechen wir einfach nicht. Ganz makaber ist da ja die TV-Show aus England namens 'The UnDateables'. Christiane Link hat dazu einen tollen Artikel verfasst. Einigen wir uns also darauf, dass beide Geschlechter beziehungstechnisch gehandicapt sind. Die einen auf den ersten, die anderen auf den zweiten Blick?"
Petra: "Hmm. Grundsätzlich ja. Trotzdem leben wir beide nicht gerade wie Mönch und Nonne – mit irgendwas scheinen wir unser Handicap also ausgleichen zu können, oder? Aber womit?"
Raul: "Müssen wir das als behinderte Partner eigentlich? Unsere Behinderung mit etwas anderem 'ausgleichen'? Indem wir besonders 'lieb und nett' sind? Besonders dankbar? Besonders tolerant in anderer Hinsicht, z. B. Macken oder gar das Fremdgehen des Partners akzeptieren?"
Petra: "Weil alles besser ist als gar kein Partner? Hmmm. So viele Kompromisse würde ich nicht eingehen wollen, dann lieber Single und sich selbst treu bleiben."
Raul: "Und zum Thema Ausgleichen, jetzt mal im Sinne der körperlichen Auswirkungen einer Behinderung: Wenn der nichtbehinderte Partner die Behinderung ausgleicht, indem er Aufgaben der Assistenz übernimmt, wo ist da die Grenze?"
Petra: "Ganz schwieriges Thema! Lässt man den Partner gar nichts machen, muss man enorme Einschränkungen bzgl. seiner Privatsphäre hinnehmen. Übernimmt er hingegen zu viel, entsteht ein (beidseitiges!) Abhängigkeitsverhältnis. Meine persönliche Grenze: Beim Ausziehen darf er gerne helfen – beim Anziehen nicht.
"
Raul: "Dieses Thema ist endlos und je mehr man darüber nachdenkt, desto tiefer schraubt man sich mit seinen Gedanken nach unten und wird, wenn man es zu sehr betreibt, vielleicht sogar noch depressiv. Wir können an unserer Behinderung nichts ändern. Will ich auch gar nicht. Das einzige, was wir tun können, ist aufklären. Ob wir wollen oder nicht. Entweder man nimmt uns so wie wir sind, als Gesamtpaket, oder eben nicht.
Letztendlich glaube ich an die Liebe. Auch an die behinderte! Sie kommt, wenn sie kommt. Man kann es nicht beeinflussen und auch nicht weg- bzw. herbeireden. So wie bei den Nichtbehinderten eben auch."
Petra: "Na dann: Prost! Auf das Gesamtpaket!"
Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.
Dieses Internet ist ja Segen und Fluch zugleich. Wenn ich darüber nachdenke, wie viele Stunden ich pro Tag online bin, könnte ich meistens wohl nur noch meine Schlafstunden abziehen. Was nicht daran liegt, dass ich mit Surfen, Mailen, Schreiben oder Anstupsen irgendwas kompensieren will, sondern dass ich es für meine Kommunikation überaus wichtig finde. Gut, das Anstupsen vielleicht nicht so sehr, aber der Austausch, den man über das WWW betreiben kann, ist unglaublich.
Als Holger und ich über das richtige Medium für die Wheelmap nachgedacht haben, war unsere Überlegung nicht, ob wir es ins Internet stellen, sondern nur wie! Am besten gefiel uns die Idee, dass viele Menschen mitmachen können und somit eine kleine Bewegung entstehen kann für ein Thema, was jetzt nicht unbedingt den medialen Anreiz einer arabischen Revolution oder einer Finanzkrise hat, aber trotzdem sehr wichtig ist – nicht nur für 1,6 Millionen Rollstuhlfahrer. Unser Ziel war es damals nicht, dass wir ganz viele Fans auf eine Facebook-Page ziehen oder Newsletter verschicken, über die man dann auch auf andere Bewegungen oder Petitionen hinweisen kann. Wir wollten ganz einfach, dass Menschen an einer Plattform partizipieren können, um Medien zu zeigen: Das Thema ist wichtig!
Durch Sonderschulsysteme, Behindertenwerkstätten und eine Umwelt voller Barrieren hat man es jahrelang geschafft, dass Menschen mit Behinderung aus dem Gesellschaftsbild herausgehalten wurden. Obwohl in einem Café, einer Disko, im Supermarkt, an der Bar statistisch gesehen jeder Zehnte eine Behinderung haben müsste, sieht man niemanden.
Ich frage mich manchmal, warum wir uns nicht mehr Gehör verschaffen? Vielleicht ist es an der Zeit, mit Hilfe des Internets der Behinderten-Bewegung neuen Schwung zu geben. Projekte wie die Wheelmap sind doch nur ein ganz kleines Zahnrädchen im großen Ganzen. Wir könnten zum Beispiel Journalisten darüber aufklären, wie man heutzutage (nicht) über Menschen mit Behinderung berichtet. Blogs, Twitter und Facebook erleichtern den Austausch untereinander, und was noch wichtiger ist: die Kommunikation in eine, wie ich finde, interessierte Umwelt. Schon längere Zeit verfolge ich Julia Probst auf Twitter, die sich sehr engagiert dafür einsetzt, dass das Fernsehen auch für Gehörlose verständlich wird. Aber auch Christiane Link bloggt erfrischend selbstbewusst über die Unterschiede zwischen Großbritannien und Deutschland aus der Sicht einer Rollstuhlfahrerin. Heiko Kunert tut selbiges aus der Sicht eines Blinden. Ich könnte weiter aufzählen …
Im November letzten Jahres haben wir von Wheelmap es gemeinsam mit Kobinet Nachrichten und dem NDR geschafft, innerhalb von nur vier Tagen mehr als 25 Rollstuhlfahrer vor den Bundestag zu lotsen, um für einen Extra3-Beitrag auf die absurde Ausladung zum Tag der Menschen mit Behinderungen wegen zu vielen Rollstuhlfahrern aufmerksam zu machen.
Das war natürlich nur ein kleines Puzzlestück, aber es hat motiviert und gezeigt, dass es geht. Man kann auch den Sprung aus dem Internet in die Realität, auf die Straße oder in ein Gesetz schaffen.
Wenn wir bei den Sozialhelden über das Thema sprechen, sind wir meistens sehr optimistisch, weil viele Beispiele in der frühen Vergangenheit dafür sprechen, dass man Menschen mobilisieren kann. Wenn man sogar für Gesetzesvorhaben wie ACTA auf die Straße gehen kann, warum dann nicht auch für eine Brandschutznovellierung? Wenn das Internet dabei helfen kann, dass Minister und Bundespräsidenten zurücktreten, warum dann nicht auch bei einer Schulreform für mehr inklusiven Unterricht?
Kreativ sollte es sein!
Es wäre naiv zu glauben, dass für eine “Menschenrecht vs. Denkmalschutz”-Demonstration mehrere 10.000 Menschen wie bei der Anti-AKW- oder der Occupy-Bewegung auf die Straße gehen, und vielleicht ist das sogar nicht nachhaltig genug. Ich glaube, man braucht kreative Aktionen, die ein Nach- und Umdenken anstoßen. Frei nach dem Motto: “Nichts über uns – ohne uns!” Und wo, wenn nicht im Internet, kann man sich dazu am besten inspirieren lassen und Verbündete finden?
Aber bevor ich kurz bei Facebook zurückstupse, noch die Frage: Kennt ihr weitere tolle Aktionen, die auf soziale Probleme von Menschen mit Behinderung öffentlich aufmerksam gemacht haben?
Für alle, die einen tollen Hinweis haben, wartet dann dieses Video von Pro Informis im Internet.
Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.
Achtung! Dieser Artikel kann Spoiler-Material enthalten.
Vielleicht hat es der ein oder andere aufmerksame Leser schon mitbekommen: Aber ich mag Filme. Außergwöhnlich ist das vielleicht nicht und doch hat mir dieses Hobby schon die ein oder andere interessante Erfahrung für meine Arbeit gebracht. Nicht nur, dass ich meine Diplomarbeit über die Darstellung von Menschen mit Behinderungen im Deutschen Fernsehen geschrieben habe, es ist auch ein guter Gesprächseinstieg wenn man wenigstens ein bisschen Ahnung von Star Wars hat und man nicht die Vermutung äußert, dass Luke Skywalker und Darth Vader verwandt sein könnten.
Ab und zu schaue ich mir auch Filme über das Thema „Behinderung“ an, nicht unbedingt weil ich selbst betroffen bin (es schauen ja auch nicht alle Sportler, nur Sportfilme oder Kriminalisten nur den Tatort), sondern weil es mir einen interessanten Einblick auf die Sicht von Menschen mit Behinderung geben kann. Manchen Filmwissenschaftlern würden dabei graue Haare wachsen, wenn sie in Filmen ein Abbild auf die Realität suchen, aber manchmal ist der Blick hinter dem Blick doch sehr interessant.
Die Erlösung
Heutzutage ist der Blick sogar in 3D, wie beispielsweise bei „Avatar”: Ein Soldat der im Rollstuhl sitzt, bekommt die großartige Möglichkeit wenigstens virtuell wieder laufen zu können. In dem er den Avatar seines verstorbenen Bruder übernimmt.
Da es sein sehnlichster Wunsch ist, wieder laufen zu können, entwickelt er sich natürlich schnell zum besten Avatar und springt über Pandora wie Super Mario. In dieser Szene wird ein sehr bekanntes Muster sichtbar: die Erlösung. Es wird in der Geschichte davon ausgegangen, dass ein Mensch der im Rollstuhl sitzt oder eine andere Behinderung hat, sich nichts sehnlicher wünscht, als diese Beeinträchtigung loszuwerden. In „Avatar“ wird dies sogar so überspitzt, dass der Charakter am Ende durch die Verwandlung „geheilt“ wird.
Andere Filme sind da sogar ein bisschen drastischer und bringen die Erlösung durch den Tod, wie beispielsweise in „Das Meer in mir“. Der Hauptinhalt des Streifens ist zwar die Selbstbestimmung über das Leben und den Tod, aber der Protagonist ist ein querschnittgelähmter Mann, der einen sehnlichen Todeswunsch hat. Ich frage mich: wer soll hier erlöst werden? Er oder die die Verwandtschaft?
Denn in anderen Filmen sind Behinderte oft eine Belastung für die Familie. Dustin Hoffmann als „Rain Man“ nervt seinen Bruder Charlie am Anfang mit seinem Autismus und erst durch seine außergewöhnlichen Leistungen, beim Black Jack zu betrügen und Streichhölzer zu zählen, kommen sich die beiden näher oder besser geschrieben: akzeptiert Charlie ihn.
Man könnte jetzt sagen, dass meine Interpretationen der Filme stark konstruiert sind, vielleicht sind sie das auch, aber vielleicht haben es sich die Drehbuchschreiber auch ein bisschen zu einfach gemacht. Würde der Erlösungswunsch auch bei einem Nichtbehinderten so eindrucksvoll wirken? Oder hätte Dustin Hoffmann einen Oscar bekommen, wenn er „normal“ gewesen wäre?
Die Schauspieler
Das Schema eines hilflosen Menschen mit Behinderung, der sich wieder wünscht zu laufen oder lieber sterben würde, wenn er schon nicht normal sein kann, ist in der Filmsprache genauso einleuchtend, wie ein russischer Spion, eine naive Blondine oder Til Schweiger als Frauenheld. Apropos Til Schweiger, auch er hat einmal in einem Klamaukfilm so getan, als ob er im Rollstuhl sitzt, nur um an einen Basketball zu kommen. „Avatar“, „Rain Man“ und „Wo ist Fred“ balancieren dabei auch auf einer Gratwanderung in meinem Kopf: Auf der einen Seite finde ich es gut, dass es durch aufwendige Produktionen und berühmte Schauspieler Behinderungsthemen schaffen, in eine breite Öffentlichkeit zu kommen, aber auf der anderen Seite kann die Intention auch Vorurteile nur bestärken: Behinderte wollen „normal“ sein oder müssen („in ihren Möglichkeiten“) mit außergewöhnlichen Taten beeindrucken.
Beim Filmdreh konnte wahrscheinlich kein Mitarbeiter mit einer Behinderung seine Bedenken äußern, weil wohl keiner anwesend war. In keinen der bisher aufgezählten Filme spielte ein Realbehinderter die Hauptrolle. Und so, wie es aussieht, wird auch Christian Ulmens “Einer wie Bruno” so tun, als ob. Wenn eine chinesische Schauspielerin eine japanische Geisha spielt oder Didi Hallervorden in seinem Theater Schauspieler verfärbt, überschlagen sich die Feuilletons mit Empörungen oder kulturellen Analysen. Dass in den meisten Filmen, die sich mit dem Thema Behinderung auseinandersetzen, keine Behinderten mitspielen sind, lässt einen kalt.
Die Ausrede, dass es keine (guten) Schauspieler mit Behinderungen gibt, lasse ich nicht gelten! ChrisTine Urspruch beispielsweise, bekannt aus dem Münsteraner Tatort, die auf die Spitzen zu ihrer Kleinwüchsigkeit besser kontert als der FC St. Pauli oder die talentierten Theaterschauspieler Jana Zöll und Peter Radtke. Dass es so wenige Schauspieler mit Behinderungen gibt, bedingt sich aber zu einem gewissen Teil auch aus der Nichtsichtbarkeit von Schauspielern mit Handicaps. Es motiviert nicht unbedingt Schauspieler zu werden, wenn man keine Vorbilder in Filmen sieht bzw. keine Aussicht auf Engagements hat.
Die Liebe
Mir sind wirklich nur wenige Filme bekannt, in dem ein Mensch mit einer Behinderung mitspielt. In „Me too“ ist das der Fall und dieser Film ist auf verschiedenen Ebenen sehr gelungen. Nicht nur, dass der Hauptdarsteller Pablo Pineda das Bild über Menschen mit Down-Syndrom zurechtrückt, der Film versucht sich auch an dem schwierigen Thema Liebe zwischen (Nicht-)Behinderten. Im Gegensatz zum Film „Vincent will Meer“ der wohl die seichtteste Form des Behindertenfilms ist, in dem sich auf einem Roadtrip ein Junge mit Tourette-Syndrom in eine Magersüchtige verliebt, versucht der Film „Me too“ einen Behinderten und eine Nicht-Behinderte zusammenzubringen. Leider bleibt der Film es am Ende schuldig, ob aus „dem einen Mal“ mehr werden könnte.
Auch der Film „Renn wenn du kannst“ ließ mich unentschlossen zurück. In der Dreiecksbeziehung zwischen einer Frau, einem Rollifahrer und dessen Zivi kam es zu keinem Knutschfinale, wie man es aus so vielen romantischen Sommerkomödien kennt. Warum konnte sie nicht mit dem Rollstuhlfahrer zusammenkommen? Gut, der Typ war schon anstrengend und hat sie zurückgewiesen, aber warum nicht mal ein Happy End? Naja, wenigstens ist sie nicht aus Mitleid mit ihm zusammengekommen.
So wie man aber auch alles mögliche in Star Wars hineininterpretieren kann, ist das wohl auch mit den ganzen angesprochenen Filmen möglich. Vielleicht bin ich auch ein bisschen zu kritisch, aber wenn man über die Sympathiewerte eines Chewbakkas diskutieren kann, warum nicht mal über die Erlösungstheorie in Avatar? Mir geht so wenigstens nicht der Gesprächsstoff für die nächsten Partys aus. Davor gehts aber erstmal ins Kino.
Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.
Nachdem ich das letzte Mal das Kino also nicht besucht habe (Danke, Miley Cyrus!), hatte es mich mit Chips und Cola nun doch noch in ein Lichtspielhaus getrieben. Denn überraschenderweise war "Ziemlich beste Freunde" im rollstuhlgerechtesten Kino der Stadt, und das muss man dann irgendwie schon mal ausnutzen. Außerdem möchte ich ja mitreden können, wenn mich schon alle fragen: "Hast du den Film gesehen?" "Nein?!" "Oh, das musst du unbedingt machen, der ist …" und so weiter.
In kürzester Zeit hat mich der Film mitgerissen, dabei war nicht unbedingt der Identifizierungsprozess mit dem Hauptdarsteller (ich habe einfach keine Villa und kein Geld) im Vordergrund, sondern der tolle Umgang mit dem Thema "Selbstbestimmt leben mit Assistenz".
Auch ich bin auf Assistenten angewiesen, die mir im Alltag assistieren, oder besser gesagt: "meine Arme und Hände sind", wenn ich sie brauche. Gleichzeitig sind Assistenten aber keine Diener, wie man es sich vielleicht vorstellt. Genau wie im Film trägt auch keiner meiner "Assis" einen weißen Kittel. Das würde ich, genau wie Phillippe im Film, auch nie wollen. Denn Assistenten sind weder Diener noch Krankenschwestern. Das würde mich kränker machen, als ich in Wirklichkeit bin.
Ich kann keinem Assistenten sagen, dass ich am Abend gerne ein schönes Roastbeef haben möchte, sondern muss mit ihm einkaufen gehen und dann beim Kochen genaue Anweisungen geben. Und wenn es dann nicht schmeckt, ist es meine Schuld. Schließlich habe ich falsch angeleitet. In meiner WG gibt es klare Regeln. Wenn ich mal wieder an der Reihe bin, das Bad zu reinigen, und versuche, es zu verdrängen, dann sagen meine Mitbewohner nicht zu meinen Assistenten: "Nun mach doch mal das Bad sauber", sondern sie müssen es mir sagen, und ich muss dann früher oder später mit meinem Assistenten im Bad stehen.
Dieses "selbstbestimmte Leben" bringt mich trotzdem manchmal in ein Dilemma, weil ich auf der einen Seite nicht bedient werden möchte, es aber auf der anderen Seite auch komisch finde, jedes Mal neben meinem Assistenten zu stehen und zuzusehen, wie er putzt etc.
Jeden Tag habe ich 12 Stunden Assistenz. Und das seit über 7 Jahren. Da kann es auch schon mal vorkommen, dass mein Assistent ohne mich einkaufen geht, genauso wie ich es auch manchmal ohne meinen Assistenten mache.
Es war schade, dass der Protagonist in "Ziemlich beste Freunde" so reich war, weil leider dadurch ein interessantes Thema nicht zur Sprache kam: die Bezahlung von Assistenten. Im Gegensatz zu Phillippe leben die meisten Rollstuhlfahrer (mich eingenommen) nicht in großen Villen und kaufen sich auch nicht für tausende von Euro Bilder, sondern gehen verschiedenen Berufen nach. Da kommt es oft zu Konflikten mit der Assistenzbezahlung. Denn diese werden über das Sozialamt bezahlt, und wenn ich in meinem Job "zu viel" verdiene, werden die Leistungen gekürzt, und ich müsste selber für die Kosten aufkommen oder müsste erst gespartes Geld aufbrauchen, bevor es Unterstützung gibt. Aus diesem Grund darf ich in keinem Job Vollzeit arbeiten und frage mich dann, worin hier eigentlich die Selbstbestimmung liegt?
Natürlich würde ich es gerechtfertigt finden, dass ich für die Kosten aufkommen sollte, wenn ich sie mir auch leisten könnte. Aber wenn man "was Soziales mit Medien und Internet" macht, ist man weit davon entfernt, sich einmal in der Woche Unterstützung für den Haushalt zu leisten, und schon gar nicht 12 Stunden am Tag.
Nichtsdestotrotz kann ich jetzt endlich die Frage "Wie fandest du den Film?" mit "Großartig!" beantworten, und ich hoffe, dass es in Zukunft noch mehrere Filme geben wird, in dem nicht die Beeinträchtigung, sondern die Menschlichkeit im Mittelpunkt steht.
Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.
Es ist die Qual der Wahl: Gefühlte 20 Kinofilme stehen zur Auswahl, acht Filme fallen raus, weil man von denen noch nie etwas gehört hat, fünf, auf die man sich einfach nicht einigen kann, einer ist mit Miley Cyrus, und trotzdem bleiben noch sieben Filme übrig … Ein Rollstuhlfahrer hat es an der Stelle meistens einfacher: “In welchem Kinosaal gibt es Rollstuhlplätze?” “Saal 1 und 2, aber in Saal 1 kann nur einer rein!” Und schnell ist der Film gefunden. Diese Auswahlerleichterung fällt unter das ominöse Wort “Brandschutz”.
Dieser Brandschutz hat mir persönlich schon so manche Kinoabende mit Begleitung verdorben und sogar mal dazu geführt, dass eine Veranstaltung für Menschen mit Behinderung im Bundestag wegen zu vielen Rollstuhlfahrern abgesagt wurde. Dabei drängen sich bei mir zwei Fragen auf:
Erstens: Steht der Brandschutz über der UN-Konvention für Menschen mit Behinderung, einem Menschenrecht? Und die zweite Frage: Wer soll hier eigentlich wovor geschützt werden? Haben Betreiber oder die Feuerwehr Angst, dass Rollstuhlfahrer nicht schnell genug das Gebäude verlassen können oder dass Rollifahrer den Notausgang blockieren?
Die Fragen stelle ich mir vor allem, weil sie mir bisher niemand so richtig beantworten konnte. Bei manchen Diskussionen kommt es mir so vor, dass sich hinter Argumenten versteckt wird, weil sich über die Hintergründe keine Gedanken gemacht wurden, sondern die Argumentation die Zeiten überdauert, wie der Trugschluss, dass eine Erdnuss eine Nuss ist. Seit mir letztens eine Freundin erzählt hat, dass die gleichen Brandschutzargumente schon in den Siebzigerjahren gebracht wurden – und auch da schon Besserung versprochen wurde –, glaube ich, dass die langsam mahlenden Mühlen in diesem Fall defekt sind.
Beim Brandschutz entsteht die kuriose Situation, dass eine fremdbestimmte Übervorsorge das selbstbestimmte Leben einschränkt. Vielleicht könnten auch ganz einfache Tests einmal das Gegenteil beweisen: Wenn es um den Brandschutz im Kino geht, dann könnte man doch den Test machen, wer bei einem Feueralarm am schnellsten aus dem Kino wäre.
In den USA werden manchmal extra Brandschutzräume gebaut, in die man bei einem Brandfall als Rollifahrer fahren soll und dann 30 Minuten in Sicherheit ist. Dies ist vielleicht keine Ideallösung, aber zumindest schon mal ein Lösungsangebot.
Natürlich erwarte ich keine Änderung von heute auf morgen. Was ich erwarte ist, dass die Diskussion an der Kinokasse, am Eingang des Fernsehturms und weiteren Orten weiter geht, als mit dem Wort "Brandschutz" beendet zu werden. Warum können sonst ganze Rollstuhlbasketballmannschaften im Flugzeug fliegen, aber nicht gemeinsam ins Kino gehen?
Ich bin an dem einen Abend dann doch nicht mehr in den Film gegangen. Es war der Streifen mit Miley Cyrus.
Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

Ein Bekannter schrieb neulich eine Hörermail an den Bayerischen Rundfunk, mit dem Hinweis die Formulierung “an den Rollstuhl gefesselt” im Zusammenhang mit dem Physiker Stephen Hawking doch bitte in Zukunft zu überdenken.
Darauf die Antwort des BR:
Sehr geehrter Herr…,
vielen Dank für Ihre Zuschrift.
Es freut uns sehr, dass Sie begeisterter Stammhörer von Bayern 2 und B5 aktuell sind.
Der Begriff, der Ihnen sauer aufstößt, ist ein durchaus gebräuchlicher und ich empfinde ihn auch nicht als diskriminierend.
Auch das Bild, das Ihnen dabei durch den Kopf geht, wäre mir nicht in den Sinn gekommen.
Aber es kann nicht schaden, wenn wir darauf hingewiesen werden, dass die Sorgfalt im Umgang mit der Sprache gar nicht groß genug sein kann.Mit freundlichen Grüßen
…Programmredaktion B5 aktuell und Nachrichten
Es liegt noch viel Arbeit vor uns…
Meine Mail an das Management vom CinemaxX-Kino am Potsdamer Platz:
Rollstuhlfahrern am 15.11.2011 (gestern) um 19 Uhr Einlass zum Saal 14 des CinemaxX am Potsdamer Platz verweigert.
Sehr geehrte Frau…,
gestern abend wurde mir und einer befreundeten Rollstuhlfahrerin ein Kinobesuch verweigert, weil Ihr Brandschutz im Saal 14 (19 Uhr, Dreiviertelmond) nur einen Rollstuhlfahrer zulässt.
Ich finde dies mehr als ärgerlich, wenn man spontan und offenbar umsonst durch den kalten Herbst fährt, um an der Kasse zu erfahren, dass man nicht hineinkommt.
- Wieso hat der Saal nur einen Rollstuhlplatz?
- Ist es so abwegig, dass Rollstuhlfahrer mit anderen Rollstuhlfahrern in’s Kino wollen?
- Warum wird der Film auf absehbare Zeit nur in diesem Saal gezeigt?
- Ihr Kollege ging auf meinen Vorschlag nicht ein, den Film an einem anderen Tag in einem anderen Saal zu zeigen.
- Wer hat Ihr Kino, welches offensichtlich gerade saniert wurde, geplant?
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich sehe darin keine böse Absicht oder so. Ich fühle mich auch nicht persönlich angegriffen oder irgendwie mutwillig diskriminiert. Ich bin eher der pragmatische Typ und frage mich, warum es Ihrer Kinokette “CinemaxX am Potsdamer Platz” nicht gelingt auf der Website http://www.cinemaxx.de zu erklären, dass es nur einen Rollstuhplatz gibt!? Es handelt sich um Saal 14. Wie es bei den anderen Sälen Ihres Hauses ist, kann ich leider ebenfalls nicht ersehen.
- Wie stehen Sie persönlich eigentlich dazu, dass der Brandschutz für uns Rollstuhlfahrer immer wieder als Totschlagargument verwendet wird, gegen den man ja angeblich nichts unternehmen kann?
- Was gedenken Sie zu tun, um solche Situationen in Zukunft zu vermeiden und einen Kinobesuch von zwei Rollstuhlfahrern (Keine ganze Schulklasse) gleichzeitig zu ermöglichen?
- Und an wen müsste man sich wenden, wenn Sie dafür nicht zuständig sind?
Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.
- Kettcar
An diese Redewendung muss ich manchmal denken, wenn ich in Zeitungen und Magazinen über „Behinderung“ lese. Der begrüßenswerte Anspruch von Journalisten_innen, auf Randthemen wie Behinderungen aufmerksam zu machen, führt oft zu Artikeln, die mich zum Fremdschämen veranlassen. So werden beispielsweise Sätze und Wörter gebraucht, die heute nicht mehr verwendet werden sollten: „Sorgenkind“, „an den Rollstuhl gefesselt“, oder „er leidet an Glasknochen“. Denn in der Realität ist oft das Gegenteil der Fall: Ich selbst betrachte mich nicht als jemanden, um den man sich „Sorgen“ machen sollte. Genauso wenig bin ich an den „Rollstuhl gefesselt“, sondern ich schnalle mich freiwillig an! Die wirkliche Fesselung wäre erst dann da, wenn ich keinen Rollstuhl hätte. Denn ein Rollstuhl bedeutet für mich Freiheit und nicht Einschränkung. Auch ist die Annahme, dass ich an „Glasknochen leide“, eine typische Sicht der Nichtbehinderten. Für viele Menschen mit Behinderung ist die Tatsache, behindert zu sein, einfach Fakt. Genauso wie eine Haarfarbe oder die Schuhgröße. Mal schränkt sie einen ein, mal nicht.
Ein Rollstuhl bedeutet für mich Freiheit
Besonders die emotionale Aufladung von Behinderungen geht weit an den Zielen vorbei. In vielen Charity-Veranstaltungen, zuletzt beim Tribute to Bambi, werden Geschichten erzählt, die mit der Würde des Menschen mit Behinderung und der Empathie des Zuschauers spielen. Das soll Mitleid erzeugen und die Spenden in die Höhe treiben. Dabei sollte in einer guten Darstellung gerade nicht die Behinderung im Vordergrund stehen, sondern der Mensch mit seinen facettenreichen Eigenschaften, für den man Empathie entwickeln kann. Mitleid, Scham oder schlechtes Gewissen sind hier oft fehl am Platz und helfen den Beteiligten in den seltensten Fällen nachhaltig.
Journalisten_innen neigen dazu, die Extreme einer Person beziehungsweise einer Geschichte hervorzuheben und zu überhöhen. Dann überstrahlt das schwere „Schicksal“ des „Sorgenkinds“, alles, was diesen Menschen über seine Behinderung hinaus auszeichnen könnte. Das andere Extrem ist der „Superkrüppel“, jener Mensch, der seine Behinderung offenbar „überwunden“ hat, den Mount Everest mit seinem Rollstuhl erklimmt, und als Held gefeiert wird. Wenn jemand etwas „trotz“ statt „mit“ seiner Behinderung schafft, dann ist es sofort eine besondere Leistung. Dabei liegt doch die Wahrheit, wenn wir ehrlich sind, höchstwahrscheinlich in der Mitte. Aber warum sehen wir sie nicht? Wo bleiben die blinde Kassiererin, der Erzieher mit Down- Syndrom oder die Bankangestellte im Rollstuhl?
Auf der anderen Seite sollen auch keine Hürden entstehen, über ein Thema nicht zu schreiben, weil man Angst vor der Wortwahl hat. Daher wäre es an der Zeit, Weiterbildungen für Medienschaffende anzubieten, damit Artikel erscheinen, die es nicht nur gut gemeint haben, sondern einfach gut sind
Dieser Text entstand für eine Themen-Beilage des “Bundesministerium für Arbeit und Soziales” anläßlich der “einfach machen”-Kampagne. Die Beilage erschien in der Novemberausgabe der Zeitschrift “Journalist“.
Ich bin seit meiner Geburt behindert. Meinen Eltern verdanke ich, dass sie immer versucht haben, mich so “normal” wie möglich zu erziehen. Sie legten großen Wert darauf, dass ich keine Sonderbehandlung bekam, die sich nur aus der Tatsache meiner körperlichen Einschränkungen ergab. Keine Benachteiligung, aber auch keine Bevorzugung: Ich sollte als selbständiger Mensch heranwachsen und meine Behinderung als “normal” und nicht als “schlimmes Schicksal” wahrnehmen lernen.
Aber je älter ich wurde, desto häufiger merkte ich, wie mir von meinen Mitmenschen das untrügliche Gefühl gegeben wurde, dass ich anders bin als andere. Neben meiner körperlichen Einschränkung – durch die ich selber nur zu oft erfuhr, was es zum Beispiel bedeutet, dass Treppen unüberwindbare Hindernisse für mich sind, während sie für andere selbstverständlicher Teil des Alltags sind – stellte ich oft auch ein verändertes Verhalten meiner Mitmenschen fest. Sie gehen anders mit mir um als mit Menschen ohne Behinderung, sie reagieren verschüchtert, irritiert, bemitleiden mich oder lassen mir übertriebene Fürsorge und Anerkennung zukommen. Neben dem alltäglichen Anstarren erlebe ich entwürdigendes Verhalten, wenn mir über den Kopf gestreichelt oder auf die Schulter geklopft wird. Auf der Straße treffe ich Menschen, die mir Geld zustecken. Es darf vermutet werden, dass diese Behandlung mit darin begründet liegt, dass es im Alltag und durch die Medien zu wenig Kontakt mit Menschen mit Behinderung gibt.
Als bemitleidenswert gelte ich oft aus dem – offenbar von vielen vorausgesetzten – Grund, dass ich es angeblich “so viel schwerer” habe. Dass der Alltag eines Menschen mit Behinderung oft in der Tat “schwerer” oder mit “mehr Aufwand” zu bewältigen ist, spielt dabei eine nebensächliche Rolle. Entscheidend ist, dass mit dem Mitleid unwissentlich Minderwertigkeit ausgedrückt wird. Viele Menschen bemühen sich im Umgang mit Menschen mit Behinderung, nichts falsch zu machen und wirken manchmal etwas hilflos und verkrampft. Als überkompensatorisches Verhalten dient mitunter übertriebene Freundlichkeit, Fröhlichkeit und Bewunderung. Erfolge, die ich zu verzeichnen hatte, wurden stets übergebührlich hervorgehoben und übertrieben gelobt. Als ich laut darüber nachgedacht habe, meinen Job zu kündigen, wurde mir aufgeregt der Rat erteilt, dies bloß nicht zu tun – wer könne schon sagen, ob ich noch mal “etwas bekommen” würde.
Allgegenwärtig ist die Erfahrung, nicht gleichwertig wahrgenommen zu werden. Am deutlichsten wird dies, wenn ich in Begleitung unterwegs bin, die grundsätzlich als verantwortliche Ansprechperson wahrgenommen wird und an die Fragen gestellt werden, die eindeutig an mich gerichtet sind. So auch in der Bank, wenn ich in Begleitung meines Assistenten meine Bankangelegenheiten regeln will, aber sämtliche Aussagen und Handlungen der Bankangestellten an meinen Assistenten gerichtet und nur er per Augenkontakt adressiert wird. Obwohl er zu keinem Zeitpunkt etwas sagt, auf die Blicke nicht reagiert und nur ich Antworten gebe und Fragen stelle, wird fortgesetzt verweigert, mich als Gesprächspartner zu akzeptieren, selbst nachdem das Gegenteil offensichtlich geworden ist.
Diese Formen herabsetzender Behandlung, die rein auf meine Behinderung zurückzuführen sind, zeigen sich auch regelmäßig mit Menschen, die es eigentlich “gut” mit mir meinen. Privatere Themen wie Sex, Beziehung, Alter und Freizeit werden grundsätzlich ausgeklammert. Zu Geburtstagen werde ich oft nicht eingeladen, bei Partys nicht gefragt und bei Urlaubsplänen außen vor gelassen, weil die peinliche Situation vermieden werden soll, in der gemeinsam erkannt wird, dass die entsprechende Aktivität nicht barrierefrei möglich ist. Ich habe oft das Gefühl, dass Menschen, die in alltäglichen Situationen das Gespräch über meine Behinderung suchen, gerade dadurch eine unangenehme Situation schaffen, dass sie krampfhaft “normal” mit mir umgehen wollen – gerne auch unter explizitem Verweis darauf, dass man sich persönlich schon mit der “Problematik” auseinandergesetzt habe. Meine Behinderung wird dann, gegen meinen Willen, doch zum Thema und mehr, zum Mittelpunkt der Diskussion, obwohl ich persönlich daran nicht immer Interesse habe. In solchen Situationen wurde ich wiederholt mit der Aussage konfrontiert: “Ich finde es toll, wie du mit deiner Behinderung umgehst.” Mit dem Gestus, wie schön es doch sei, dass man so offen und ungezwungen über alles reden könne, suhlt man sich in der eigenen Toleranzfähigkeit. Ob ich will oder nicht – ich werde immer und zuallererst mit meiner körperlichen Beschaffenheit identifiziert. Diese Stigmatisierung zeigt sich selbst an dem merkwürdig kollegialen Gruß, mit dem sich “Rollstuhlfahrer” untereinander begegnen, um sich als “Leidensgenossen” zu verbrüdern.
Ich habe – bis zu einem gewissen Grad – gelernt, mich im Kontakt mit unbekannten Menschen gegen konstante Herabwürdigung durchzusetzen. Dabei hat sich gezeigt, dass ich den ersten Schritt machen muss, damit sich die Situation, die zunächst immer verstockt und unangenehm ist, entspannt. Hauptsächlich kommt dabei Humor, Ironie und Sarkasmus zum Einsatz, um das Eis zu brechen – auch wenn ich dadurch bei den Kollegen als Clown mit ewig guter Laune verschrien bin. Eine subtile Methode der Abwehr ist auch die dezente Provokation durch das Einstreuen “pikanter” Informationen in Nebensätzen: Indem ich selbst die Stichworte liefere, die einem allgemeinen Tabu zu unterliegen scheinen, löst sich die anfänglich immer bestehende Spannung.
Offeneren Formen von herabwürdigendem Mitleid begegne ich aber auch mit Kampfeslust. Steckt man mir Geld zu, lehne ich gerne mit dem Satz ab: “Ich verdiene wahrscheinlich mehr als Sie.” In anderen Fällen muss ich nur ruhig und sachlich auf meiner Position beharren, um die Situation zu “klären”. Will ein Busfahrer wegen angeblich bereits bestehender Verspätung die Rampe nicht herausholen, blockiere ich die Tür. Diese Menschen sind nicht in einem besonderen Maß behindertenfeindlich, sie sind schlicht zu jedem unfreundlich. Daher reicht hier der Verweis auf mein verbrieftes Recht. All diese Formen der “Sonderbehandlung” sind eine grundlegende Lebenserfahrung, die sich bis heute fortsetzen. Für mich ist das insofern bemerkenswert, dass ich mein Leben lang bemüht war, mich durch meine Taten und meinen Charakter der Welt zu stellen, nicht “als Mensch mit Behinderung”. Wegen meiner Behinderung bewertet, gemessen und wahrgenommen zu werden, ist das Letzte, was ich will – mehr noch: Es verletzt mich. Zweifelsohne bedeutet diese Situation ein enormes Spannungsverhältnis, einen ständigen Spagat, weil ich meine Behinderung nicht leugnen kann oder möchte, ja durch sie sogar bisweilen eine Art “Expertenstatus” habe. Zu hinterfragen wäre, woher diese Unsicherheit meiner nichtbehinderten Mitmenschen mir gegenüber kommt. Die Antwort ist – soviel lässt sich sagen – vielschichtig und komplex.
Die Auseinandersetzung mit dem Thema “Behinderung” ist noch immer mit tiefen Vorurteilen beladen – auch bei mir selbst. Nach Jahrhunderten der Ausgrenzung und “Verwaltung” von Menschen mit Behinderung in Sondereinrichtungen, ihrer Einstufung als “unwertes Leben” und Vernichtung während des Nationalsozialismus sowie mangelhafter Integration und fortwährender Stigmatisierung hierzulande, sind längst nicht alle historischen und sozialen Barrieren beseitigt. Zu fordern wäre nicht weniger als ein Perspektivwechsel gemäß der Disability Studies: Nicht die Menschen mit Behinderung müssen auch am Leben der Nichtbehinderten teilnehmen können, ganz umgekehrt müssen Menschen ohne Behinderung ein Recht darauf haben, mit Menschen mit Behinderung zu sammenzuleben. Die Akzeptanz der sozialen Barriere wird in dieser Perspektive verweigert und entlarvend gegen ihre Erzeuger gewendet. Denn nach Ansicht der modernen Disability Studies ist “Behinderung” das Produkt von abwehrenden Gefühlen, welche beim Anblick ungewöhnlicher Körper ausgelöst werden. Dieser die Behinderung zuschreibende Blick derjenigen, die sich dadurch selbst als “normal” definieren können, produziert auch die “Unheimlichkeit” der Behinderung. Damit wird die übliche Perspektive umgekehrt: Behinderung wird zum sozialen Abwehrkonstrukt, mit welchem dem Unwohlsein über die Fragilität des eigenen Körpers etwas entgegengesetzt werden soll. Behinderung ist daher kein Thema, das nur Menschen mit Behinderung betrifft. Das soll nicht heißen, dass Nichtbehinderte eine Pflicht hätten, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, damit sie Menschen mit Behinderung akzeptieren können – obwohl auch dies sicherlich oft angebracht wäre. Aber wenn ich Behinderung als ein zentrales Thema der Gesellschaft betrachte, dann nicht, weil ich selbst behindert bin, sondern weil die Art und Weise, wie in der Gesellschaft mit Menschen mit Behinderung und Behinderung umgegangen wird, etwas über diese selbst verrät. Am Grad der Integration lässt sich das Verhältnis der Gesellschaft zu Körperlichkeit, Krankheit, Leid und Tod im Allgemeinen ablesen und eine Auskunft über das Verständnis von Solidarität und Mitmenschlichkeit erlangen. Allerdings müssen sich auch Menschen mit Behinderung fragen, wie sie gesehen werden wollen und sich entsprechend verhalten.
Aus der Erziehung meiner Eltern und meiner persönlichen Einstellung entwickelte sich während des Studiums die Absicht, nicht zum Thema Behinderung zu forschen – oder gar meine Diplomarbeit über die betreffenden Problematiken der Disability Studies zu schreiben. Auch wenn ich diese Absicht nach einigen Jahren wieder aufgegeben habe. Während des Studiums beschloss ich, dass ich keine Sonderrolle einnehmen möchte und schwor mir, kein “Berufsbehinderter” zu werden, der sich die gesellschaftliche Zuschreibung “Behinderter”, unter der er leidet, auch noch affirmativ auf die Visitenkarte schreibt. Denn aus der Sicht nichtbehinderter Menschen könnte ein solches Interesse zudem als Selbsttherapie, als überzogener Bewältigungsversuch der eigenen Situation bewertet werden.
Ich wollte nicht einer dieser Vorzeigeminderheitenvertreter sein, den man zu jeder Gelegenheit zum Thema befragt, weil ich “als Behinderter” über Bedürfnisse und Belange von Menschen mit Behinderung so viel besser Bescheid wüsste und für sie sprechen könne. Ich studierte Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der UdK Berlin, weil es mir als praxisnahes Studium galt und mich der Konsum und die Produktion von Medien und Werbung interessierten. Ich entwickelte Kampagnen für große Unternehmen und merkte wie nur selten, dass ich auch durch meine Taten respektiert wurde und nicht nur durch die Tatsache meiner Behinderung.
In der Hoffnung, die Beschäftigung mit dem Kapitel Behinderung für mich dadurch vorerst abschließen zu können, habe ich mit meiner Diplomarbeit eine Verbindung zwischen meinen medienwissenschaftlichen Studien und meiner höchst persönlichen Lebens- und Erfahrungswelt hergestellt, auch wenn sich aus der Themenstellung dieser Arbeit zweifellos ein gewisses Distanzproblem ergab. Mich hatte das Gefühl beschlichen, dass ich mich noch einmal mit dem Thema auseinandersetzen muss. Es schien mir, dass ich vor meiner Behinderung weglaufe und ich hatte das Gefühl, dass es Zeit wäre, sich ihr inhaltlich zu stellen. Eine Einladung in die Jury des “International Disability Film Festival – Wie wir leben 2009″ in München zeigte mir, wie spannend es sein kann, sich der Frage zu widmen, wie und in welcher Form sich die Massenmedien mit dem Thema “Behinderung” beschäftigen. Über 100 Filme, in denen Menschen mit Behinderung als Protagonisten vorkamen oder die sich mit den sozialen Bedingungen und Folgen von Behinderung auseinandersetzten, habe ich gesehen und bewertet: Einerseits anhand von ästhetischen Kriterien und andererseits entlang der Frage, wie mit dem Thema Behinderung umgegangen wird. Was mir dabei auffiel und was mich zunächst überraschte, war, dass sich die auf dem Filmfestival gezeigten Filme radikal von den Filmen, Berichten und Reportagen unterschieden, die im Fernsehen gesendet wurden. Sie gingen fortschrittlicher, offener und ehrlicher mit dem Thema Behinderung um, als ich es von den üblichen TV-Formaten und den Spiel- und Fernsehfilmen gewohnt war. Diese Erfahrung bildete den Hintergrund der Entscheidung – entgegen meiner erklärten Absicht, nicht zum Fachtheoretiker für Disability Studies zu werden – meine Diplomarbeit über die Darstellung von Menschen mit Behinderung im Deutschen Fernsehen zu schreiben und dieses Blog über mein Leben als Rollstuhlfahrer zu führen.
