Ich bin ein Aktivist.

Kategorie: Leben mit Behinderung

Was bedeutet Selbstbestimmt Leben für mich? Bezogen auf Artikel 9 und 19 der UN-Konvention: Das Recht auf Barrierefreiheit, ein selbstbestimmtes Leben und unabhängige Lebensführung.

Kinder, wie die Zeit vergeht. Es liegt jetzt also schon sechs Jahre zurück, als die Tinte von Deutschland auf der Ratifizierung der UN-Konvention für Menschen mit Behinderungen (UN-BRK) trocknete. Wie in jeder Beziehung gibt es dabei wohl Phasen der kompletten Euphorie (bei der Ratifizierung) und Zeiten der Ernüchterung (vier Jahre danach). Es ist wohl der Punkt gekommen, wo man die berüchtigte SMS an den Partner schreibt: “Wir müssen reden.”

Liebe Konvention,

ich war voller Glück, als du in mein Leben getreten bist, und besonders deine Sätze zu Artikel 9 (“Barrierefreiheit”) und 19 (“Recht auf selbstbestimmtes Leben und unabhängige Lebensführung”) haben es mir angetan. Als uns die damalige Regierung verkuppelt hat, dachte ich die ganze Zeit, sie sei dabei, aber irgendwie hat sie sich danach klammheimlich aus unserer Dreiecksbeziehung Mensch mit Behinderung, Konvention und Legislative bzw. Exekutive zurückgezogen. So sind laut dem Deutschen Institut für Menschenrechte weiterhin: “6 Bundesländer noch ohne Aktions- und Maßnahmenpläne zur Umsetzung der UN-BRK.”

Es bewegt sich was …

Ich weiß, dass sie immer noch da ist, weil sie die Zugänglichkeit (Artikel 9) zu Gebäuden verbessert hat. Auch der ÖPNV in Berlin ist zum größten Teil für Rollstuhlfahrer nutzbar, und so können Busse beispielsweise über Rampen bestiegen werden. Es sollten nur nicht zu viele (also zwei) Rollstuhlfahrer zur gleichen Zeit auf dieselbe Idee kommen. In einige Fördertöpfe wird auch immer mal wieder Geld gesteckt und damit werden Schulen und andere öffentliche Gebäude ausgebaut. Nur scheint die Exekutive noch nicht recht zu unserer Beziehung zu stehen und verleugnet uns auch gerne mal gegenüber dem Denkmal- und Brandschutz. Dabei scheinen die mir in dieser Beziehung besonders wichtig zu sein, weil es durch die auch schwer wird. Wie kann sich zum Beispiel der Brandschutz begründen, dass zwar Familien mit Kinderwägen auf den Berliner Fernsehturm kommen, aber Rollstuhlfahrer nicht? Oder auch, dass eine Veranstaltung im Bundestag mit 70 Rollstuhlfahrern von 100 Mitarbeitern des Technischen Hilfswerk geschützt wird. Was hat der Brandschutz gegen Menschen im Rollstuhl?

… aber nicht genug

Der Punkt mit dem Brandschutz führt mich auch zu der Selbstbestimmung. Als ich Letztens in der Bahn ein Pärchen belauscht habe, fragte sie ihn: “Warum soll denn alles barrierefrei umgebaut werden. Ist das nicht übertrieben? Wenn ein Rollstuhlfahrer kommt, dann helfen doch bestimmt auch Menschen beim Tragen.” Diese Meinung habe ich schon öfters gehört, und gerne frage ich dann: “Würdest du gerne jedes Mal wildfremde Menschen fragen, ob sie dich auf das WC im Keller tragen?”. Bei dem Gespräch in der Bahn sollte mein Lauschangriff nicht auffallen, deswegen habe ich dort die Frage nicht gestellt, und für mich gibt es da eigentlich nur eine Antwort: “Nein!” In dem Gedanken der Frau über unsere Beziehung fand ich es auch bemerkenswert, dass ein barrierefreier Umbau weiterhin als eine exklusive Maßnahme für eine bestimmte Gruppe von Menschen gesehen wird. Dabei habe ich auch schon Fußgänger in Aufzügen gesehen, Getränkelieferanten, die Bierkisten über eine Rampe schoben und Business-Leute, die an einer Ampel den Signalknopf drücken, damit sie danach wieder ins Smartphone versinken können, bis das grüne Männchen aufleuchtet.

Selbstbestimmung sieht anders aus

Barrierefreie Umbauten bringen allen was, aber kosten natürlich auch Geld. Und genau den Punkt – dachte ich – haben wir schon lange vor unserer Beziehung geklärt: Ich gebe dir, liebe Konvention, über unseren gemeinsamen Freund, den Staat, Geld in Form von Steuern, weil er am besten weiß, wie er in dich investieren kann. Mit den Subventionen für wunderbare Solarplatten auf privaten Dächern hat die Exekutive ja bewiesen, dass sie es kann. Also warum jetzt nicht einfach den barrierefreien Ausbau von Betrieben unterstützen? In vielen Fällen gibt es ja auch Programme dazu, aber die werden auch mal gut versteckt.

Das mit dem Geld ist für mich privat auch ein Problem, weil ich selbst nicht so viel Geld verdienen darf, da es sonst auf meine Assistenz angerechnet wird und ich so zu einem gewissen Teil arm gehalten werde. Selbstbestimmung sieht für mich anders aus.

Mit der Geduld am Ende

Jetzt sitzen wir hier, liebe Konvention, und ich kann nicht sagen, wie zufrieden oder unzufrieden ich mit deiner Umsetzung in Deutschland bin. Ich glaube aber, dass es ein bisschen schneller vorangehen könnte. An Schulen, Universitäten und im ersten Arbeitsmarkt sehe ich noch viel zu wenige Menschen mit Behinderungen, und wenn es nicht über die Subventionen geht, dann doch vielleicht über den rechtlichen Weg. Denn dafür wurdest du doch gemacht, du bist ein Menschenrecht, und ich mag dich so sehr, dass ich für dich nicht nur über sieben Brücken, sondern auch den Klageweg gehen würde. Aber soweit soll es doch eigentlich nicht kommen, und ich bitte einfach darum, dass das Thema Behinderung nicht mehr als ein Nischenthema betrachtet wird, sondern es geht uns alle an, und deswegen müssen wir alle an der Umsetzung der UN-BRK arbeiten. Papier ist zwar geduldig, nur ich bin es nicht.

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

Zurzeit suchen 200 Rampen neue Stufen zum Anlehnen, und wir SOZIALHELDEN vermitteln sie. Jeder Laden kann sich bewerben, um bei “Tausendundeine Rampe” dabei zu sein. Die Rampen sind aber auch nur ein weiterer Schritt zu mehr Barrierefreiheit, und es müssen noch viele Möglichkeiten folgen, findet Raul Krauthausen, der Mitinitiator der Aktion.

Letztens kam ein Kollege ins Büro und meinte enttäuscht: “Oh Mann, gestern war ich in einem Restaurant, was schon eine Rampe hatte.” Natürlich sollte für mich als Rollstuhlfahrer die Enttäuschung in seiner Stimme unverständlich sein, aber ich fand es auch schade. Denn seit ein paar Wochen versuchen wir die Rampen aus unserer Spendenaktion “Tausendundeine Rampe” zu den Geschäften, Bars oder Restaurants zu bringen. Die ersten der 200 Rampen sind auch schon auf dem Weg zu ihren neuen Stufen, und wir hoffen, dass sich noch viele Besitzer melden, die auch eine Rampe haben wollen.

Wenn der Fußgängerweg im Weg ist

Nichtsdestotrotz ist das nur eine Notlösung, und ich frage mich die ganze Zeit, wie man es noch besser machen kann? Wir freuen uns natürlich über jede Zusage, aber bedauern auch jede Absage, die von Ladenbetreibern aus nicht ganz freien Stücken kommt. So haben manche Betreiber nach Rücksprachen mit dem Ordnungsamt Bedenken, dass sie eine Strafe erwartet, wenn die mobile Rampe zu lange und zu weit auf die Straße ragt. Die Bemühungen vor Ort scheitern manchmal einfach an Verordnungen. Genau wie beim Brandschutz stellt sich in diesem Fall von Zugänglichkeit versus Fußgängerweg wieder die Frage, was wichtiger ist: eine Verordnung oder ein Menschenrecht?

Zwei Lösungswege?

Aus diesen Grübeleien heraus kommen wir im Büro immer öfter zu zwei Lösungen, die vielleicht radikal erscheinen, aber auch Diskussionen anstoßen könnten. Zum einen wären da die Subventionen, dass der barrierefreie Umbau bzw. die Verbesserung der Zugänglichkeit vom Staat gefördert werden sollte. Denn wer Solarplatten auf dem Dach fördert, sollte auch Rampen bezahlen können. Und auf der anderen Seite müsste vielleicht der rechtliche Weg viel öfters genommen werden. So erzählte mir Judy Heumann, die Sonderbeauftragte für die Belange behinderter Menschen der US-amerikanischen Regierung: Dass die USA heute soweit bei dem barrierefreien Zugang sind, wurde auch oft über den Klageweg entschieden. Heute wird die Wheelmap in den USA kaum gebraucht, weil viele öffentlich zugängliche Orte rollstuhlgerecht sind.

Natürlich sind Klagen gegen Ladenbetreiber keine schöne Sache, und ich würde auch die Subventionen bevorzugen. Aber auch unsere Rampen-Verschenkaktion ist nur eine Übergangslösung, und es muss weitere Wege geben, damit wir vielleicht auch in Deutschland die Wheelmap bald nicht mehr brauchen.

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

VermögenserklärungLiebes Sozialamt, liebe Ursula von der Leyen,

warum tut ihr uns Menschen mit Assistenzbedarf so etwas an?

Wollt ihr, dass wir uns an dieser Gesellschaft beteiligen, so wie Menschen ohne Behinderung auch, oder wollt ihr permanent in unser Leben schauen und gucken, ob wir zur Sparmasse taugen?

Inklusion sieht anders aus!

Zornig,
Raul Krauthausen

Sex und Behinderung ist immer noch ein großes Tabu – so wie Pferdefleisch in Lasagne. Deswegen wird medial schnell auf die Sexualassistenz verwiesen, anstatt sich einmal richtig dem Thema zu nähern. Raúl Krauthausen möchte daher Liebesbeziehungen zwischen (Nicht)-Behinderten im Kino sehen, die mehr Komödie statt Tragödie sind.
 

Endlich ist es wieder soweit: Es kann über Frühlingsgefühle gesprochen werden! Obwohl der Kampf Sonne gegen Wolken bisher immer noch unentschieden ausgeht und sich der Winter noch nicht so ganz verabschiedet hat, werden in den nächsten Wochen wieder Artikel über Liebe, Partnerschaft und Sexualität in allen Medienformen auftauchen. Ich bin jetzt schon sehr gespannt, ob und wie das Thema Sex und Behinderung eine Rolle spielen wird. Vor ein paar Jahren habe ich noch geglaubt, dass das Thema noch unwahrscheinlicher in die Medien kommt als Pferdefleisch in Köttbullar und es weiterhin ein Tabuthema ist.
 

Tabus im Kino?

Anfang des Jahres hat es ein Film ins Kino geschafft, der eine neue Auseinandersetzung mit Liebe, Sex und Behinderung hervorrufen könnte. "The Sessions – Wenn Worte berühren" hat die Aufmerksamkeit auf das Thema Sexualbegleitung bzw. -assistenz gelenkt und somit an der Stelle angesetzt, die Filme wie "Ziemlich beste Freunde" bis auf ein Streicheln an den Ohren ausgelassen haben: Behinderte können und möchten auch Zärtlichkeiten empfangen. Aber warum schafft es ein Film in die Kinos, der einen sehr extremen Fall zeigt? Können Menschen mit Behinderungen nicht einmal auch in cineastisch aufgearbeiteten "normalen" Liebesbeziehungen gezeigt werden?
 

Das "Notting Hill-Prinzip"

In jedem Jahr kommen gefühlt hundert Filme ins Kino, in denen der Plot in etwa so abläuft: Er und sie treffen sich, irgendwas passiert, sie trennen sich, und zwei Stunden später, nach vielen Tränen und vielem Geknutsche, kommen sie zusammen. Das Publikum hat gelacht und geweint. Ich nenne das gerne das "Notting-Hill-Prinzip" – eine "normale" Liebesbeziehung mit viel "Haha" und ein bisschen "Wehweh" in 120 Minuten. Behinderte spielen in diesen Filmen fast nie eine bedeutende Rolle, außer es werden besonders dumme Charaktere gezeichnet, die dann mit einem Furzgeräusch auch noch das letzte Klischee erfüllen und das Publikum zum Lachen bringen sollen.
 

Warum kann es dieses "Notting-Hill-Prinzip" aber nicht mal bei einer Story mit einem behinderten Hauptakteur geben, der sich in eine Nicht-Behinderte (kann natürlich auch anders herum/ gleichgeschlechtlich sein) verliebt, irgendwas passiert, aber zum Schluss knutschen sie trotzdem? Und wenn man als Regisseur "ganz verrückt" sein will, könnte der Behinderte auch von einem echten Behinderten gespielt werden. ;-)
 

Beziehungen mit Seltenheitswert

Natürlich weiß ich, dass auch in 2013 im echten Leben die Beziehungen zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten etwas Seltenes sind. Leider. Aber es ist auch nicht immer der Therapie-Ansatz, und Partner sind schon gar keine Sexual-Assistenten. Wenn es in Filmen jedoch nur um das Prinzip der Therapie geht und Zeitungsartikel Sexualität und Behinderung in einer therapeutisch-medizinischen Dimension analysieren, dann wird es auch schwierig bleiben, Vorbehalte abzubauen.
 

Ein Kumpel meinte neulich: "Natürlich frage ich mich bei einer Rollstuhlfahrerin eher, wie/ ob eine Beziehung klappen könnte. Auch in sexueller Hinsicht. Ich würde mir Fragen stellen und Sorgen machen, was bei einer Frau ohne Behinderung sicher erst mal nicht so wäre." Und weiter fragte er mich, ob es denn, wenn es bei einer Partnerschaft mit der Behinderung Probleme gäbe, für nichtbehinderte Partner auch Beratungen geben würde. Ich wusste es nicht. Es gibt zwar eine Menge Beratungen, aber die fokussieren sich schnell auf den behinderten Partner, oder die Berater haben selbst eine Behinderung. Das kann auf den nichtbehinderten Partner abschreckend wirken.
 

Lösung gesucht

Es wäre natürlich schön, wenn ich jetzt an dieser Stelle eine Lösung präsentieren könnte, aber leider ist mir die zündende Idee noch nicht gekommen. Vielleicht liegt eine Möglichkeit der Überwindung schon darin, dass nicht nur extreme Fälle erzählt werden. Kann nicht die wunderbare Teal Sherer mal eine Liebeskomödie mit George Clooney drehen? Das Notting-Hill-Prinzip at its best!?
 

Ich bin ratlos. Was meint ihr: Wie kann man die Berührungsängste beim Thema Beziehung, Partnerschaft, Sex und Behinderungen abbauen?
 

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

Ist Inklusion nicht dann erfolgreich, wenn man sie nicht mehr benennt? Und führen manche gut gemeinte Inklusions-Aktionen nicht sogar zur Exklusivität? Raúl Krauthausen hat in den letzten Wochen viel darüber nachgedacht.

Nach der Veröffentlichung meines letzten Artikels wurde ich öfter gefragt, was mir denn an dem Inklusionstanz nicht gefällt? In dem Artikel hatte ich es am Ende schon angedeutet, aber die Antwort war sehr verkürzt, und ich habe deswegen ein bisschen länger darüber nachgedacht. Seitdem das Wort “Inklusion” die Welt erblickte und zu einem politischen Baby geworden ist, werden besonders oft Menschen mit Behinderungen gefragt, was für sie denn Inklusion bedeutet. Ich antworte dann gerne, dass auch zu mir Busfahrer unfreundlich sein sollen oder ich auch mal in einer Schlange stehen will. Denn nur weil ich im Rollstuhl sitze, möchte ich nichts Besonderes sein. Weder im Alltag noch in der Politik. Daher sind Busfahrer manchmal “inklusiver” als einige gut gemeinte Veranstaltungen.

Ein bisschen Unverständnis
Deswegen ist auch der Inklusionstanz für mich ein bisschen unverständlich. Denn der Inklusionstanz ist ein Tanz, den es nicht geben dürfte. Denn es geht hier um Alltag und nicht um eine Tanzveranstaltung. Ich habe dann Bedenken, dass daraus eine Exklusivität entsteht: eine “Randgruppe” (schlimmes Wort) tanzt dafür, um damit ihren Willen zur gleichberechtigten gesellschaftlichen Teilhabe zu demonstrieren. Der Tanz und das Video sind toll gemacht, der Song von Andreas Bourani passt dazu, aber genau diese exklusive Rolle möchte ich nicht einnehmen. Ich frage mich dann immer, ob es auch einen Bartträgertanz oder einen Arbeitslosentanz gibt?

Der Tanz ist nur ein Beispiel, und natürlich kann man auch argumentieren, dass in dem Tanz auch Nicht-Behinderte vorkommen und per Definition auch Inklusion für alle da ist. Aber je mehr man nur diesen Begriff betanzt und dabei Behinderte auftreten, umso mehr werden sie mit dem Begriff definiert werden, als Nicht-Behinderte.
Homer Simpson sagte mal in einer Folge: “Was soll mir schon passieren? Ich bin gelb, männlich und im besten Alter. Ich regiere die Welt!”, und leider hat er damit Recht (bis auf die gelbe Hautfarbe). Verschiedene Gruppen (wie zum Beispiel Männer) werden nie einen Tanz brauchen, um ihren Anspruch in der Gesellschaft geltend zu machen. Die Gruppen, die um Anerkennung in der Gesellschaft kämpfen müssen, können durch Veranstaltungen, Tänze, Demonstrationen noch mehr auf ihr Defizit beschränkt werden oder ihr auch ein Alibi geben á la: “Ja schaut mal, es gibt doch Veranstaltungen für euch.”

Gratwanderung zwischen “gut” und “gut gemeint”
Doch was will ich eigentlich? Es ist immer einfach zu schreiben, was einen an anderen Projekten stört, und mir ist es auch ganz wichtig festzuhalten, dass es gut ist, wenn es überhaupt Projekte gibt und Personen oder Gruppen etwas machen, weil nur Aktionen uns weiterbringen, die nicht schon in der Planung sterben. Wir bei den SOZIALHELDEN probieren deswegen auch vieles aus und arbeiten dann mit dem konstruktiven Feedback weiter. Uns fällt dabei auch auf, wie schwer die Gratwanderung zwischen einem “guten” inklusiven Projekt und einer “gut gemeinten” eher exklusiven Idee ist. Gerade war ich mit meinen Kollegen Lili und Andi an der d.school in Potsdam, bei der zwei Studentengruppen Projekte entwickeln sollten, die Behinderungen kommunizieren, die im Alltag oder in den Medien vorkommen könnten. Die Ergebnisse sollten aber nicht als Projekte für Behinderte erkennbar sein.

Viele Ideen
Eine Idee war die Veranstaltung eines komplett barrierefreien Festivals, was ja eigentlich schon so der Anspruch an ein Festival wäre, aber wir wissen ja, wie weit Anspruch und Realität auseinander liegen können. Wir kamen jedoch auch schnell zu den Fragen: Ist das dann nicht exklusiv, oder kann es zu sehr die Diskussion nur auf Menschen mit Behinderung konzentrieren, anstatt die Kunst und Kultur zu zeigen? Nach vielen Diskussionen wollten die Studenten dann eher den Weg verfolgen, wie man bestehende Festivals barrierefreier machen kann, also wie man den Eventmanager dazu bringt, überhaupt über die Frage nachzudenken, und wie man es mit anderen künstlerischen Darbietungen, wie einem Deaf Slam, bereichern kann. Als ein kleines Puzzleteil in dem großen Festival. Das Wort Inklusion würde nirgends fallen, aber vielleicht wäre das der Erfolg?
Nun gut, genug gegrübelt. Ich gehe jetzt weiter tanzen. ;-)

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

“Wir sind laut geworden” titelten Ende Dezember Blogs von Menschen mit Autismus. Als ich das las, hatte ich ein bisschen Gänsehaut, denn viele Autisten fühlten sich bei der Berichterstattung über den Attentäter von Newton stigmatisiert. Es formte sich ein Online-Protest, und durch die gute Vernetzung haben es die Aktivisten geschafft, dass unter anderem Spiegel Online eine Richtigstellung schrieb und sich mehr mit dem Thema auseinandersetzen möchte. Ich fand es einfach toll, dass man die Berichterstattung nicht so hingenommen hat, sondern aktiv mit sehr kreativen Artikeln versucht hat, Differenzierungen einzubringen.

 

In der Gesellschaft wahrgenommen?

Dabei musste ich daran denken, dass ich vor gut einem Jahr an gleicher Stelle über eine neue Art der Behindertenbewegung geschrieben hatte. In dem Text behauptete ich, dass besonders durch das Internet neue Vernetzungsmöglichkeiten entstehen können und dadurch auch eine neue Art des Protests möglich ist. Die oben beschriebene Aktion würde meine Behauptung bestätigen, und auch die Paralympics im letzten Jahr haben viel dazu beigetragen, dass behinderte Menschen nicht mehr nur eine Randgruppe sind, sondern auch in der Gesellschaft wahrgenommen werden sollten. Meine Gänsehaut verschwindet aber sehr schnell, wenn ich mir die gesellschaftspolitische Welt jenseits von London oder der Blogosphäre anschaue. Erst vor kurzem habe ich in einem Artikel gelesen, dass im Bundestag die erste Gehörlose ein Praktikum absolvierte. Was eigentlich eine Erfolgsmeldung ist, warf bei mir die Frage auf: Warum erst jetzt?

Zudem kann die Praktikantin auch weiterhin nicht jeder Diskussion folgen, weil nicht immer ein Gebärdensprachdolmetscher zur Verfügung steht. Aber sollte das nicht schon lange normal sein, dass wenigsten die Parlamentsdebatten gedolmetscht werden?

 

Politische Beteiligung für Menschen mit Behinderung

Auch bei anderen Gelegenheiten beobachte ich, dass einige politische Gestaltungsmittel weiterhin nicht barrierefrei sind. Zum Internationalen Tag der Menschenrechte fasste die Christoffel-Blindenmission (CBM) es so zusammen: “Viele andere können ihr Recht nicht ausüben, da der Zugang zu Wahllokalen blockiert ist oder Wahlzettel nicht barrierefrei verfasst sind.” Ob also im Bundestag oder an der Wahlurne, die politische Beteiligung für Menschen mit Behinderung ist weiterhin unausgereift. Natürlich ist es sehr einfach, an dieser Stelle zu meckern und überall nur die Stufen und keine Rampen zu sehen, und ich stimme auch Petra Strack zu, die für das Chrismon-Magazin einen kleinen Beitrag schrieb, in dem sie neben den Rechten auch die Pflichten von Menschen mit Behinderung fordert. Einigen Pflichten kann ich aber nur nachkommen, wenn ich ins Gebäude komme. Dann kann ich auch selbstbestimmt mein Kreuz auf einen Zettel setzen und vielleicht auch die falsche Wahl treffen.

 

Präsenz in der Gesellschaft

Ich glaube für diese Veränderungen brauchen wir keinen Inklusionstanz* oder Partys, die sich explizit an Rollstuhlfahrer wenden, sondern einfach eine Präsenz in der Gesellschaft. So wollten die Redakteure vom Spiegel nicht mit Absicht Menschen mit Autismus zu Massenmördern stigmatisieren oder Politiker nicht mit Vorsatz Menschen mit Behinderungen von Praktika ausschließen, aber manchmal fehlt einfach nur die Kenntnis, weil man vielleicht selbst noch nie einen Menschen mit Behinderung getroffen hat.

In diesem wichtigen Wahljahr wünsche ich mir, dass mehr Menschen mit Behinderung auch in die “wahre” Politik einbezogen werden und ihre Statements und Forderungen nicht nur in Blogs, auf Sportevents oder eigenen Veranstaltungen äußern können, sondern am besten im Parlament mit einem Gebärdensprachdolmetscher daneben.

* Ich habe nichts gegen die Gestaltung des Inklusionstanzes der Aktion Mensch, aber in meiner Vorstellung sollte Inklusion kein Gegenstand eines Tanzes sein, sondern einfach da sein. Wie bei diesem barrierefreien Musikvideo.

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

"Als ich das letzte Mal in einem Schuhgeschäft war …" – und schon schauen mich manche Leute auf der Party komisch an. Fragende Blicke, und ich kann förmlich die Gedanken sehen: "Wieso geht ein Rollstuhlfahrer in ein Schuhgeschäft?" Ich habe einen kurzen Augenblick gewartet, ob mich jemand fragt. Ehrlich gesagt, hätte ich mich auch auf die Frage gefreut, weil sie nicht zum ersten Mal gekommen wäre. Immer wieder fragen mich Menschen: "Sag mal, Raul, kaufst du dir eigentlich auch Schuhe?" Ein kleiner Blick an meine Füße würde zwar die Frage von selbst beantworten, aber ich verstehe, was hinter der Frage für eine Frage steckt: "Braucht ein Rollstuhlfahrer eigentlich mehr als ein Paar Schuhe?" Je nach Laune und Person belustigt mich die Frage oder nervt auch einfach, besonders wenn sie von Leuten gestellt wird, die man erst vor fünf Minuten kennengelernt hat.

Irgendwann habe ich mich dann aber doch gefragt, ob es nicht auch anderen Rollstuhlfahrern so geht, und eine Gruppe bei Facebook gegründet: "Sätze, die Menschen im Rollstuhl ständig hören". Über Nacht sind mehrere hundert Rollstuhlfahrer der Gruppe beigetreten und haben ihre Sätze geteilt.

Á la Hollywoodmanier habe ich in den letzten Wochen darüber nachgedacht, für die interessantesten Sätze einen "Floskar" zu vergeben. Und das sind meine Gewinner:

Die beste Frage in der Kategorie "Sportlich, das zu fragen" geht an:
"Schaust du eigentlich gerne Fußball?"

Der Satz in der Kategorie "Warum fragt man das nicht jede Frau einfach so auf der Straße" geht an:
"Kannst du eigentlich Kinder bekommen?"

Ein weiteres Schmuckstück kommt aus der Kosmetikecke:
"Lackierst du dir eigentlich die Fußnägel?"

In der Kategorie: "Netzwerk des Jahres", geht der Floskar an:
"Sag mal du kennst doch bestimmt XY? Der sitzt ja auch im Rollstuhl."

In einer geselligen Runde würde ich auch manchmal den Floskar gerne für die Frage vergeben:
"Darfst du eigentlich was trinken, wenn du nachher noch fährst?"

Und zum Abschluss, natürlich noch der Floskar für die tragische Liebesgeschichte, die in der Facebookgruppe gepostet wurde:
"Ja, ich mag dich – aber nur als Kumpel …" 3 Minuten Pause "… und das hat ganz bestimmt nichts mit deiner Behinderung zu tun … Verstehst du?"

Was für Antworten fallen Euch auf diese Fragen ein? Hinterlasst sie gerne hier als Kommentar!

Noch mehr Listen:
Die Facebook-Gruppe: "Sätze, die Menschen im Rollstuhl ständig hören"
Manchmal bin ich genervt.
Manchmal bin ich erfreut.

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

Es hat nur fast ein Jahr gedauert und schwups wurde die Veranstaltung "Menschen mit Behinderungen" im Deutschen Bundestag wiederholt. Nur zur Erinnerung: Im Oktober 2011 wurden 300 Behinderte zu der Veranstaltung wieder ausgeladen, weil sich zu viele Rollstuhlfahrer angemeldet hatten.

Gemeinsam mit den Satire-Magazin Extra 3 hatten wir auf diese kuriose Situation hingewiesen. In dem damaligen Ausladungsschreiben stand aber schon das Versprechen, dass die Veranstaltung wiederholt wird – aber nur auf Einladung.

Einer der Auserwählten

Ich hatte also Glück, am 26. und 27. Oktober zu den "Auserwählten" zu gehören. Es trafen sich 300 Menschen mit Behinderungen in Berlin, die "Experten", wie sie später von Politikern genannt werden würden. Schon auf dem Weg zum Bundestag habe ich mich über die ganzen Wagen vom Technischen Hilfswerk (THW) gewundert. Es ist zwar nichts Außergewöhnliches, dass mehrere Besuchergruppen durch den Regierungssitz tanzen, aber während der feierlichen Ansprache vom Bundestagspräsidenten Norbert Lammert bin ich fast aus dem Sitz gefallen: Die fast 100 THWler waren für uns circa 70 Rollstuhlfahrer da. Im Falle einer Evakuierung hätte ich also 1,4 für mich gehabt, die mir irgendwie geholfen hätten. Denn im Brandfall bin ich ja total hilflos und so – das hat mir der Brandschutz schon oft genug gesagt.

Politiker? Fehlanzeige

Um das spannende Ende vorweg zu nehmen: Es brannte nicht, und die THWler saßen mit in den Ausschüssen, in denen wir über Behindertenpolitik im Zusammenhang mit Wirtschaft, Infrastruktur, Gesundheit, Europa etc. diskutierten. Auch wenn die Diskussionen und die Vorstellungen am Ende des zweiten Tages gut waren, habe ich etwas vermisst: die Politiker. Ich fühlte mich, als ob man (B)Eulen nach Athen trägt und sich Behinderte untereinander austauschen, aber es von Abgeordneten nicht gehört wird.
Zum Schluss haben zwar alle Fraktionsvertreter versichert, dass sie die Ergebnisse der Arbeitsgruppen in ihre Parteien tragen werden, nur glaube ich nicht so recht daran. Ich hätte mir im Bundestag mehr Politiker als THWler gewünscht, um mit ihnen über die Behindertenpolitik zu diskutieren und nicht mit anderen Betroffenen, die die Probleme ja kennen.

Keine neuen Ergebnisse

Während der Veranstaltung hatten ich und auch ein paar andere Gäste schon das Gefühl, dass wir Behinderten für ein paar gute Bilder hergehalten haben und die Veranstaltung nur ein Ventil für uns "Experten" sein sollte. Denn die Ergebnisse sind nicht neu. Ob es um besseren Zugang zum Arbeitsmarkt, mehr Geld für inklusive Schulen oder Subventionen für den barrierefreien Bau geht, das sind für viele Teilnehmer keine neuen Notwendigkeiten.

Nur ein Teilerfolg

Die Veranstaltung im Bundestag war für mich nur ein Teilerfolg. Wenigstens waren jetzt – im Gegensatz zu 2011 – Menschen mit Behinderungen schon mal im Bundestag, aber das nächste Mal hoffentlich auch zusammen mit Politikern! Und bis dahin muss man wohl auch ein bisschen an der Politik vorbeiarbeiten, um Barrieren abzubauen. So haben die Sozialhelden gemeinsam mit Bergfürst am Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen die Spendenaktion "Tausendundeine Rampe für Deutschland" gestartet, um so viel Geld wie möglich für kleine Barriere-Überbrücker zu sammeln. Vielleicht spenden ja auch ein paar Politiker.

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

Als ich vor einigen Wochen ins Büro gekommen bin, lag eine Zeitschrift auf dem Tisch. Überschrift: "Das Schicksal des Wolfsmädchen", dazu ein Bild von einem Mädchen mit starker Gesichtsbehaarung. Man muss dazu sagen, dass das Boulevardmagazin von der ganzen Aufmachung her nicht gerade als seriös durchgehen würde, aber trotzdem las ich mir die Geschichte von dem Wolfskind durch (ein Ausdruck, den man angeblich "seit dem Mittelalter" sagt), dass ein ganz normales Leben in Indonesien führen will. Unweigerlich musste ich an die Freakshows aus dem Mittelalter denken, die auch heute noch manchmal für einen Witz in Comic-Sendungen wie den Simpsons herhalten. Aber das Mittelalter scheint noch lange nicht vorbei, sondern der Jahrmarkt wurde nur durch einen Fernseher oder eine Zeitung ersetzt. So schreibt auch Rebecca Maskos in einem Artikel auf Leidmedien.de über die mediale Weiterführung der Freakshow:

Einige körperliche Besonderheiten wurden in den Freak-Shows überzeichnet dargestellt, zum Beispiel, wenn ein auffällig pigmentierter Mensch zusätzlich geschminkt und so aus ihm der "Leoparden-Junge" wurde. Solche Vermischungen von Mensch und Tier waren üblich, oft gab es einen "Dogfaced Boy", – einen "hundegesichtigen Jungen" –, oder einen "Affenmenschen". Neben der bloßen Ausstellung ihrer Andersartigkeit zeigten die Freaks ganz normale Tätigkeiten wie eine Zigarette anzuzünden oder einen Brief zu schreiben – taten dies aber zum Beispiel mit den Füßen, weil ihnen die Arme fehlten. [...] Elemente der Freakshows, der Kuriositätenkabinette oder der Hofnarren kann man auch in heutigen medialen Darstellungen behinderter Menschen wieder entdecken. Was der Freak Show-Direktor früher machte, erledigt heute der Trailer im Boulevard-Fernsehen. Die moderne Freakshow ist der TV-Beitrag oder der Printboulevardbericht über einen behinderten oder "kranken" Menschen, der aber doch erstaunliche Dinge leistet und überraschend "normal" lebt.

Mediale Verlagerung

Besonders dieses "normal" Leben ist für viele TV-Produzenten der Mehrwert einer Geschichte, warum man daraus auch eine ganze Sendereihe machen kann. So startete Sat.1 jetzt "Die große Welt der kleinen Menschen", in der kleinere Menschen bei ihrer Arbeit gezeigt werden. Dabei wird zwar auf die Benny-Hill-Musik verzichtet, was der Spiegel noch positiv herausstellt, aber an anderer Stelle kommt dann doch wieder Musik, die an den Soundtrack von "7 Zwerge" erinnert, als drei kleine Männer im Wald arbeiten.

Im Büro haben wir darüber diskutiert, warum sich Menschen für Sendungen wie "Die große Welt der kleinen Menschen" hergeben. Eine Antwort hatten wir nicht gefunden, aber es gab die Vermutung, dass sich die Menschen noch nicht mal bewusst sind, wie sie in einem Beitrag dargestellt werden. Vielleicht wollten die Menschen wirklich nur zeigen, wie sie arbeiten, aber dass danach irgendwelche "witzige" Musik dazugemischt wird, verändert sich die Tonalität des Beitrags. Es ist auch nichts Neues, dass Scripted Reality die Menschen anders darstellen lassen kann, als sie es wollen.

Aus eigener Erfahrung

Eine kleine Kostprobe habe ich auch vor ein paar Wochen bekommen, als die BILD in einem Beitrag auch mich erwähnt hatte. Unter der Überschrift "Wie man über Menschen mit Behinderungen richtig berichtet" wurde auch ich als Aktivist dargestellt, der angeblich Behindertenwitze sammelt, die dann in einer Top 5 zum Besten gegeben wurde. Es ist zwar toll, dass sich die BILD dem Thema Berichterstattung bzw. Umgang mit Menschen mit Behinderungen annimmt, aber genau aus dem Grund ist dann auch die Witzesammlung fehl am Platz. So lustig auch manche Witze sind, hat es auf der Seite erst mal nichts zu suchen, wenn man doch eigentlich Respekt fördern möchte. Oder?

Es steht natürlich auch jedem Behinderten frei, sich im Fernsehen oder sonst wo lächerlich zu machen, beispielsweise bei dem Dschungelcamp oder dem größten Showtalent mitzumachen, aber dafür müsste der Dschungel vielleicht erst mal barrierefrei sein, und die Protagonisten müssen sich bewusst darauf einlassen.

Denn getreu der neuen Aktion "Zeichen setzen" der Aktion Mensch bedeutet für mich Inklusion: auch das Recht haben, Rinderhoden im Dschungelcamp zu essen.

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

Es war sechs Wochen lang wieder ungewöhnlich ruhig in der Stadt, der Bahn und irgendwie auch im Netz. Jede zweite meiner Mails bekam eine Antwort, dass gerade irgendjemand im Urlaub ist und man sich doch an seinen Kollegen wenden kann. Einige der Absender sind junge Mütter oder Väter, und ihre Mails klingen so wie früher am letzten Schultag: FEEERIEN! Da muss ich dann auch immer an meine Schulzeit denken, wie ich auch versucht habe, der Erste zu sein, der nach der Zeugnisübergabe nach draußen stürmt. (weiterlesen …)