Raus aus dem Mittelalter

Peter Dinklage in Game of Thrones

Wie weit reicht das Mittelalter noch heute in unser Unterbewusstsein, wenn wir an Menschen mit Behinderungen denken? Blogger Raul Krauthausen wüsste nicht ob er in Games of Thrones überleben würde und fragt sich, wieviel weiter wir heute in der Gesellschaft sind.

Ja, ich muss an dieser Stelle etwas gestehen: ich habe bisher erst sehr wenige Folgen von Game of Thrones geschaut. Im Büro würde auf das Geständnis ein ungläubiges Kopfschütteln meiner Kollegen folgen oder Sätze mit „Aber aber…“ anfangen. In den wenigen Folgen die ich bisher gesehen habe, ist mir ein Darsteller durch seine Körpergröße aufgefallen und dass er eigentlich nicht sofort das spielt was man mit einem Kleinwüchsigen verbindet: einen Zwerg. Peter Dinklage spielt den Tyrion Lannister so wie man es sich in einer inklusiven Gesellschaft vorstellt: einfach so. Seine Kleinwüchsigkeit wird nicht andauernd zum Thema gemacht und er kann auch ab und zu ein Arschloch sein.

Eigentlich ist das in der Welt, die GoT darstellt gar nicht so verständlich. Wenn man von einer Zeit im Mittelalter ausgeht dann müsste man sich eigentlich vorstellen, dass Peter Dinklage nicht an der Gesellschaft teilnehmen, oder gar ein Krieger sein darf. Er hat einfach nicht die körperlichen Voraussetzungen dazu. Auch ich wäre im Mittelalter wohl nicht lange über die Runden gekommen bzw. wäre sehr abhängig von Menschen gewesen, die mich überall hinbringen müssten. Aus einer mittelalterlichen Perspektive heraus könnte ich verstehen, warum ein Kind mit Behinderung nicht mit aller Kraft über den nächsten Winter gerettet wird oder auf jeder Reise Rücksicht genommen wird. In Ken Follets „Säulen der Erde“ sind manchmal Schweine wichtiger als die eigene Tochter.

Zum Glück klingt das heute sehr unverständlich und sollte auch kein Thema mehr sein, aber manchmal habe ich doch das Gefühl, dass im Unterbewusstsein einiger Menschen noch heute das Mittelalter vorlebt. Obwohl wir die Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen in Menschenrechten festgeschrieben haben und uns an vielen Stellen auch bemühen diese herzustellen, gehen wir zu oft eine Kosten-Nutzen-Rechnung ein. Lohnt sich der Einbau eines Fahrstuhls wirklich? Muss der Kindergarten oder die Schule barrierearmer werden und kann ich es mir als Arbeitgeber leisten, einen Rollstuhlfahrer einzustellen? In vielen Bedenken schwingt das Mittelalter mit: Menschen mit Behinderung sind kein Mehrwert für die Gesellschaft, sondern eher ein Klotz am Bein.

Dieses Denken müssen wir ändern. Denn genauso wenig wie wir heute noch glauben, dass rothaarige Frauen grundsätzlich Hexen sind, die Erde eine Scheibe ist und die Blitze von Gott kommen, sollten wir auch nicht mehr glauben, dass Menschen mit Behinderungen eine Belastung für die Gesellschaft sind. Ich werde vielleicht kein Ritter der Tafelrunde mehr oder ein Krieger wie bei Game of Thrones, aber genau deswegen haben wir doch unsere Gesellschaft mit der Aufklärung aus dem Mittelalter herausgeholt, weil wir sie ausdifferenzieren wollten.

Es wird von keinem Mann mehr verlangt, dass er sein Feld für einen König bestellt oder für ein Königreich in den Krieg zieht, aber von Menschen mit Behinderungen wird immer noch verlangt, dass sie erstmal beweisen müssen, dass sie an der Gesellschaft teilhaben können, in dem sie es schaffen sehr sehr sehr sehr sehr viele Anträge auszufüllen und mehr zu geben als es Nichtbehinderte müssen.

Wenn also die nächste Folge von Game of Thrones beginnt, stellen sie sich einfach mal vor wie Tyrion Lannister in der heutigen Welt durchs Leben gehen würde und schicken sie mir gerne ihre Lebensentwürfe. Ich bin gespannt, ob wir das Mittelalter schon überwunden haben.

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

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