Raul Krauthausen - Aktivist

Gehwalt

Es sind wohl die Sätze, die viele Kinder von ihren Eltern gehört haben: "Kind, was willst du in Berlin? Da ist es doch viel zu gefährlich!" – Obwohl die Eltern vielleicht keine Ahnung haben oder zu viel Kraftklub hören, würde ich ihnen bei ein paar Geschichten aus meiner Vergangenheit zustimmen. Denn auch vor mir hat die Gewalt nicht Halt gemacht.

Ich liebe Berlin. Nicht erst seit gestern, sondern schon immer. Also seit ich die Stadt bewusst wahrnehmen kann und mich in ihr bewegen kann. Doch so sehr ich alle Vorzüge der Hauptstadt genieße, habe ich leider auch schon Erfahrungen mit den Schattenseiten gemacht: Gewalt.

Als ich elf Jahre alt war und an einer Bushaltestelle in Lichterfelde darüber nachdachte, wie man die Zeit hier besser totschlagen könnte, wurde ich geschlagen, und zwar von einem kleinen Jungen. Es ist zwar nichts passiert, aber auf den Schreck folgte die Angst. Denn in dem Moment fühlte ich mich wehrlos. Ich habe den ganzen Tag geweint und darüber nachgedacht, wollte mein Zimmer nie wieder verlassen. Meine Gedanken ähnelten wohl denen vieler Gleichaltriger und hatten nichts damit zu tun, dass ich hilflos im Rollstuhl oder kleiner bin, sondern einfach, dass ich keine Chance hätte, mich zu wehren. Und so realisierte ich auch, dass es nichts bringt, sich von seiner Angst leiten zu lassen, und stand irgendwann wieder an der Bushaltestelle und wurde da nie wieder geschlagen.

Viel später war ich dann mal von einer Party in der Nacht vom Kottbusser Tor auf den Weg nach Schöneberg. Damals wie heute würde der "Kotti" keinen Preis in der Kategorie "angstfreie Zone" gewinnen. Freunde von mir fürchten sich auch schon tagsüber vor den herumlungernden Menschen. Ich habe mich irgendwie daran gewöhnt, weil es nicht das einzige Bild ist, das ich von der Kreuzberger U-Bahn-Station kenne. Aber an diesem Abend beschlich mich auch eine undefinierbare Angst. So machte ich die Musik auf meinem Smartphone ein bisschen lauter und wollte schnell zur Station. So richtig abgelenkt hatte es mich nicht und ich dachte darüber nach, was mich verunsicherte: War es die Dunkelheit? Waren es die Menschen, die dort in einer mir nicht verständlichen Sprache lautstark redeten? Waren es die alkoholisierten Fahrgäste, die auf die U-Bahn warteten? Es passierte nichts. Ich stieg in die Bahn, ärgerte mich über die Angst, die ich vor "dem Fremden" hatte. Es war sehr interessant, wie der Ärger über mich selbst meine Angst ersetzte.

In Schöneberg angekommen – einem Stadtteil, der in Berlin als "sicher" gilt –, war die Angst komplett verflogen. Auf meinem Nachhauseweg von der U-Bahn-Station zu meiner Wohnung begegneten mir unabhängig voneinander drei Männer, die mir in den Schritt griffen/ greifen wollten und anzügliche Bemerkungen machten. Beim Ersten wusste ich nicht, wie mir geschah … Beim Zweiten konnte ich irgendwie ausweichen und der Situation entfliehen. Beim Dritten hab ich wild rumgeschimpft und ihn angeschrien, so dass er wegrannte. Ich kochte vor Wut. Die Angst war nicht zurückgekommen, sondern nur die Erkenntnis, dass in einer Stadt mit 3,5 Millionen Menschen einfach auch verrückte Menschen sind, die sich nicht an Stadt- und Vorurteile halten.

Als mir wenige Monate später mein Handy im Wedding (es hätte bestimmt auch jeder andere Bezirk sein können) geklaut wurde, nahm ich die Sache fast zynisch. Ich schrieb damals in meinem Blog, dass es wohl auch eine Art der Gleichberechtigung bzw. Inklusion ist, wenn auch Behinderte bestohlen werden. Das war natürlich nur ein dummer Gedanke, aber wie soll man anders damit umgehen, wenn man sich nicht zuhause oder außerhalb von Großstädten verstecken will!?

Sind euch schon ähnliche Sachen geschehen, und was kann man dagegen machen?

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

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  • Iwi

    Ich war mal vor einigen Jahren mit meinem Cousin abends in der Stadt unterwegs. Stadt heißt in diesem Fall Ort mit etwa 40T Einwohnern und wir waren beide ca. 17 Jahre alt. Mein Cousin war schon immer oft in Prügeleien verwickelt, während mir das noch nie und glücklicher Weise bis heute nicht passiert ist.

    Damals lief uns als es bereits dunkel war jemand über den Weg, den er wohl kannte und die beiden waren nicht gut aufeinander zu sprechen. Leider hat sich mein Cousin sehr leicht provozieren lassen. Der andere war in Begleitung mehrerer Jungs und war auch deutlich größer als wir beide. Und tatsächlich flogen nach kurzem ein paar Fäuste und mein Cousin ging schnell zu Boden. Geschlagen geben wollte er sich aber natürlich nicht. Das konnte ich nicht mit ansehen und wollte das stoppen. Ich habe nicht überlegt, was ich tun soll, es passierte einfach: ich stellte mich vor diesen um einen Kopf größeren Jungen und sagte, das solle aufhören. Er hielt auch gleich die Faust vor mein Gesicht. Ich ließ meine Hände unten baumeln weil nichts in mir nach Kampf zuckte und sagte mit weinerlich zitternder Stimme, er solle doch aufhören und einfach weiter gehen. Ich hatte einfach Angst.Um seinen Stolz zu wahren, lachte er mich erst aus und ging dann wirklich weiter.Was ich da gemacht habe, hatte gar nichts mit Mut zu tun, eher wahrscheinlich mit Ehrlichkeit. Und ich glaube, es ist wirklich das Beste, ehrlich und offen zu zeigen, was man gerade denkt/fühlt. Das aber natürlich ohne Gewalt. Das wird dann in der jeweiligen Situation schon das richtige sein. So wie auch du, Raul, den dritten Mann in Schöneberg wild angeschrien hast, hat dieser von mir gesehen, dass ich feige bin, nicht kämpfen will und Angst habe. Da hat es ihm wahrscheinlich auch keinen Spaß mehr gemacht und vielleicht hat er hinter seiner Schale ja auch ein klein wenig Mitleid gehabt und hatte jetzt einen vertretbaren Grund, aufzuhören.
    Nebenbei möchte ich noch sagen, dass ich schon des öfteren in Berlin war und mir dort noch nie sowas begegnet ist. Egal, wo man lebt, solche Situationen werden einem während eines Lebens ein paar Mal begegnen. Berlin ist als ganzes auch nicht gefährlicher als andere Orte. Komplett verhindern kann man das vielleicht nicht, aber sich nicht provozieren zu lassen und es selbst nicht herauszufordern hilft schon viel.

  • Nina92

    Das ist mal wieder wunderbar ironisch.
    Gleichberechtigung und Inklusion – aber bitte nur bei den positiven Sachen!
    Die ganzen negativen Seiten – schön weg mit denen von den Behinderten.
    Fast schon zynisch.

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