Raul Krauthausen - Aktivist

„Manchmal vergesse ich, dass du im Rollstuhl sitzt.” – Meine Behinderung & ich

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Immer wieder höre ich den Satz: „Ich sehe dich nicht (mehr) als Behinderten.“ – Was wohl gut gemeint ist, kommt bei mir leider nicht immer so an.

Immer wieder versuchen Menschen, oft Menschen ohne Behinderungen, mich von meiner Behinderung zu trennen. Nicht nur ich, auch andere Menschen mit Behinderungen kennen die Sätze, die anfangen mit: „Manchmal vergesse ich, dass du im Rollstuhl sitzt.”

Wenn man solche Dinge zu mir sagt, dann ist es wahrscheinlich gut gemeint. Oder vielleicht denkt man, es wäre nett und motivierend. Aber ich empfinde es nicht so. Im Gegenteil.

Meine Behinderung beeinflusst mich immer und überall. Ich kann (und will) sie nicht einfach ablegen, wie ein unbequemes Hemd oder einfach ignorieren, wenn ich vor einer Stufe stehe. Alle Erfahrungen, mein Alltag und auch meine Gedanken befassen sich jeden Tag damit. Meine Behinderung ist Teil meiner Identität. Und das ist gut so.

Wenn ich vor Barrieren stehe, heißt es oft: „Das Leben geht weiter. Lass dich davon nicht unterkriegen. Denk nicht so viel darüber nach.“

Aber genau das kann und will ich nicht! Ich denke die ganze Zeit darüber nach.

Ich denke darüber nach, ob ich genug Zeit und Energie habe, die Dinge zu tun, die ich tun möchte, ohne ständig jede Eventualität einplanen zu müssen. Wie lange brauche ich mit dem Rollstuhl von A nach B? Was mache ich, wenn ein Aufzug auf dem Weg defekt ist? Ich denke darüber nach, welche Aktivitäten für mich sicher sind und wie ich für diese Priorität einräumen kann. Welchen Rollstuhl nehme ich am besten? Den Elektrischen, mit dem ich keine Treppen hoch kann aber unabhängig bin? Was wenn meine Freunde lieber spontan woanders hin wollen, und ich am Ende mit dem Elektrorollstuhl nicht mitkommen kann? Ich denke darüber nach, wie ich mich fühle, bevor ich das Haus verlasse. Habe ich Lust, mich von meinem Assistenten im Schieberollstuhl zur Veranstaltung bringen und abholen zu lassen? Wie damals, als ich Kind war? Wie weit muss ich das im Voraus planen? Was mache ich, wenn ich früher/später gehen will, mein Assistent aber noch/schon frei hat?

Ich denke über meine Behinderung nach und ich will mich gar nicht darüber beschweren, denn ich fühle mich gut als behinderter Mensch – auch wenn ich mir wünschen würde, in einer barrierefreieren Welt zu leben, die es etwas unnötiger machen würde, ständig über Behinderungen nachdenken zu müssen.

Meine Behinderung gehört zu mir und ist von überwältigender Wichtigkeit für mich. Wenn Menschen mich von meiner Behinderung zu trennen versuchen, dann leugnet man die Kraft meiner Behinderung und den enormen Einfluss, den sie auf mein Leben hat.

Für Menschen ohne Behinderungen ist das vielleicht schwer oder gar nicht nachvollziehbar, weil auch jedes Selbstexperiment mit Rollstuhl, dunkler Sonnenbrille oder Kopfhöhrern irgendwann endet. Meistens dann, wenn es nervt oder weh tut. Oft bleibt dann der Gedanke übrig, dass man die Behinderung „ablegen” kann, weil das ja auch das Selbstexperiement gezeigt hat. Für Menschen mit Behinderung ist es jedoch langfristig gar nicht möglich die eigene Behinderung zu vergessen. Ich habe es eine Zeit lang versucht. Ich wollte meine Behinderung in den Hintergrund schieben. Das Ergebnis?
Es hat nicht funktioniert.
Ich habe mich selbst belogen. Ich habe mehr Dinge zugesagt, als ich in der Zeit schaffen konnte. Egal wie sehr ich es versuchte, meine Behinderung zu verleugnen, es gelang mir nicht und ich wurde frustriert, traurig und unternahm immer weniger.

Das Ignorieren von Behinderungen kann auch nach hinten losgehen, wenn man der Person mit Behinderung die Schuld für ihre Einschränkungen gibt, weil man diese nicht wahr haben will. Dass ich beispielsweise einen Rollstuhl nutze, bedeutet auch, dass ich mehr Zeit für einige Strecken brauche und es ist dann keine Faulheit, wenn ich später komme oder vielleicht auch gar nicht. Wenn man solche Tatsachen ignoriert, weil die „Behinderung doch kein Teil” von mir ist, dann wird das früher oder später zu Missstimmungen in Teams oder Beziehungen führen. Denn es ist nicht meine Schuld, dass ich eine Behinderung habe und, dass mein Körper anders funktioniert als die meisten anderen Körper, die ich so kenne. Kein Wille und kein Glaube, keine Medizin, keine Technik können das ändern.

Ich definiere mich deswegen als behindert, weil ich es einfach bin. Ich beleidige mich nicht damit, weil dieses „behindert“ keine Beleidigung für mich ist. Ich lasse mich nicht dadurch definieren, denn es definiert mich eh. Ich stelle mir nur eine Frage: bin ich behindert oder werde ich behindert?

Wenn ich sage „Ich bin behindert“, dann ist das kein Selbstmitleid, keine Selbstaufgabe und kein Eingeständnis für Schwäche. Ich bin stark, wertvoll und behindert. Ich bin liebevoll, mitfühlend, selbstbestimmt und habe Glasknochen.

Das sind keine Widersprüche: Ich sage und bestimme, wer und wie ich bin.

Ich habe mit vielen Menschen mit Behinderungen gesprochen, die es genau so empfinden. Wenn wir sagen „Wir sind und werden behindert“, dann machen wir uns, unsere Körper und unsere Bedürfnisse geltend.

Deshalb ist meine Bitte:
Ignoriert unsere Behinderungen nicht. Wir brauchen keinen Trost. Wir brauchen Empathie und eine barrierefreie Welt.

Update:
„Queer Cripple“ sieht es ganz genauso:
http://queercrip.tumblr.com/post/104876484937/please-stop-saying-dont-let-your-disabilities
(Danke an Rebecca Maskos für den Hinweis)

3 Enlightened Replies

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  1. HeikeHaberla sagt:

    DAS IST WICHTIG;;ICH GEHE AM ROLLARTOR;;UND SEHE OFFT WENN bUSS VOLL IST IST ES FURCHTBAR KEIN PLATZ: DIE ROLLSTULLFAHRER MÜSSEN EIN PLATZ HABEN FÜR EIN ROLLSTUHLFAHRER;;:

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