tip Berlin: „Du bist Berlin: Der Klischeeverächter“

Es sollte „fancy“ sein, „nicht irgendein Scheiß“. Raul Krauthausen hat mit seinem Verein „Sozialhelden“ viele Preise gewonnen. Sein Anliegen reicht aber noch weiter: Behinderungen nicht zu stigmatisieren.

Wichtige Nachricht für die Twitter-Gemeinde: „Die Medienschlampe stürmt heute mit dem japanischen TV einen Kaiser’s-Supermarkt und wird danach vom tip-Stadtmagazin interviewt“, schreibt Raul Krauthausen an diesem Dienstagvormittag. Zehn Tage lang begleiten ihn japanische Journalisten, filmen ihn beim Flanieren durch die Stadt. Die nächsten Tage dürften hektisch werden, grinst er. Als Krauthausen bei seinem Stammcafe „Bilderbuch“ in Schöneberg vorfährt, hat er die Japaner bereits abgehängt. In seinem Rollstuhl. Krauthausen ist nur etwa einen Meter groß. Er leidet an der Glasknochenkrankheit. Nein. Er lebt damit. Ziemlich gut. Seinen Alltag bestreitet er hauptsächlich alleine, nur morgens und abends braucht er professionelle Hilfe. Das Klischee vom hilflosen Behinderten verabschiedet sich schnell, wenn man sich eine Weile mit ihm unterhält. Er erzählt anekdotenreich von seiner Vergangenheit und nippt gelegentlich an seinem Capuccino. Kaffee ist sein Genussmittel, genauso wie Zigaretten. Raul raucht. Gern. Manchmal etwas zu viel, sagt er.

Dass sich nicht nur das japanische Fernsehen für den Mann interessiert, liegt an seinem Verein „Sozialhelden“, der Engagement mit Spaß verbinden soll. 2003 gründete er ihn gemeinsam mit seinem Cousin Jan Mörsch. Die beiden wollten schon lange etwas gemeinsam auf die Beine stellen. Es sollte sinnvoll sein, „nicht irgendein Scheiß“, aber trotzdem „fancy“, ausgefallen, raffiniert. Anfangs ging es noch dilettantisch zu, sagt Krauthausen. Erst im Laufe der Zeit habe man sich eine professionelle Arbeitsweise zugelegt. Die Projekte wurden größer. Und die Preise zahlreicher. Vielfach ausgezeichnet wurde etwa ihre Idee „Pfandtastisch helfen“: Spendenboxen für Pfandbons, direkt neben dem Automaten. Durchschnittlich 65 Euro pro Monat und Box kommen dadurch zusammen, 100 000 Euro jährlich. Es ist beileibe nicht seine erste berufliche Station. Nach seinem Studium der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Universität der Künste machte er Praktika bei Internet-Agenturen, gründete selbst einige mit, knüpfte Kontakte in der Werbebranche. Als er 2007 gefragt wurde, ob er an einer Kampagne für eine Zigarettenmarke mitarbeiten möchte, musste Raul lange überlegen. „Was kommt danach, habe ich mich gefragt? Atomstromlobby? Landminen?“

Zur gleichen Zeit erhielt er die Möglichkeit, für den Rundfunk Berlin-Brandenburg zu arbeiten. Das erleichterte seine Entscheidung gegen die Kippenkampagne. Von Me­dien war er schon immer fasziniert. Vier Jahre arbeitete er in der Online-Redaktion des Jugendradios Fritz und entwarf mit seinen Kollegen ein neues Design für die Website. Mittlerweile hat Raul den rbb wieder verlassen. In den nächsten drei Jahren widmet er sich dem neuesten „Sozialhelden“-Projekt: Wheelmap.org, einem Onlineverzeichnis für barrierefreie Orte weltweit. Dafür erhielt er ein Stipendium von Ashoka, einer internationalen Organisation, die soziales Unternehmertum unterstützt. In seiner Jugend, sagt Krauthausen, habe er eine Ahnung von wirklicher Armut bekommen. Er ist gebürtiger Peruaner. Obwohl es ihm und seiner Familie finanziell gut gegangen sei. Erst Anfang der 90er-Jahre kam diese nach Deutschland. Vorher lebte er auch ein Jahr in Kolumbien. „Da ist mir klar geworden, was es bedeutet, überhaupt einen Filzstift zu besitzen“, sagt Krauthausen. Eine Einsicht, die sein soziales Engagement heute sicherlich motiviert, mutmaßt er. Mit seiner Behinderung aber habe das nichts zu tun. Reines Klischeedenken.

Überhaupt sei die Wahrnehmung von Behinderten in der Gesellschaft ein Problem. Besonders stört ihn die mediale Darstellung. Unreflektiert findet er diese, tränendrüßig. Formulierungen wie „an den Rollstuhl gefesselt“ hält er für albern. Für ihn ist der Rollstuhl eine Befreiung, eine Möglichkeit, an der Welt teilzuhaben. Er möchte nicht als etwas Besonderes behandelt werden und kann sich kaum wiedererkennen, wenn er in der Zeitung über sich liest. Viel zu selten erfahre man auch etwas über andere Seiten von behinderten Menschen. Behinderte seien entweder Leidende oder Helden. Er aber will für keines von beidem gehalten werden. „Ich kann auch ein Arschloch sein und verdammt nochmal, ich sitze zwar im Rollstuhl, aber ficken würde ich trotzdem gerne“, sagt er.

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