Barrieren im Kopf als Taktgeber? Schluss damit!

„Zur Umsetzung von Inklusion müssen zunächst Barrieren im Kopf abgebaut werden.“

Dieser Satz hängt mir nur noch zum Hals raus. Nicht nur, weil wir ihn dank des über 10-jährigen Bestehens der UN-Behindertenrechtskonvention seit mehr als einem Jahrzehnt in jeder Rede zu hören bekommen, sondern auch, weil er eine völlig falsche Herangehensweise ist.

Wer die Überzeugung proklamiert, man könne erst dann wirksam für Inklusion, Teilhabe und Selbstbestimmung sorgen, wenn die bequeme Mehrheitsgesellschaft ihre Vorurteile überwunden habe, erhebt eben diese Mehrheitsgesellschaft zum Taktgeber. Aber auch ganz praktisch funktioniert das nicht: Vorurteile werden durch Begegnung bekämpft. Wie aber soll das funktionieren, wenn gerade diese beliebige Begegnung mit Menschen mit Behinderung erst ermöglicht werden kann, wenn Nicht-Behinderte sich für Veränderungen bereit erklären?

Der Ist-Zustand in der Aufklärung der Mehrheitsgesellschaft funktioniert oft nur über Bande – im wörtlichen Sinne: Plakatwände, Bücher und nette Filmchen sollen persönliche Begegnungen ersetzen und Vorurteile abbauen. Was könnte man für reale Konfrontationen zwischen Nicht-Behinderten und behinderten Menschen ermöglichen, würde man die für diese Kampagnen genutzten Gelder anderweitig ausgeben? Selbst wenn man der derzeitigen Vorgehensweise eine gewisse Fähigkeit zur Sensibilisierung und zum Abbau von geistigen Barrieren zugestehen mag, ist im Moment des Vorbeigehens an der Littfasssäule noch keine einzige real existierende Barriere abgebaut. Die Effizienz zur Transformation einer Gesellschaft will ich arg anzweifeln.

Nein, Barrieren müssen zuerst ganz faktisch abgebaut werden. Das ist einerseits ohnehin humanitäre Verpflichtung, ermöglicht andererseits ganz im Gegenteil zu netten Postern sofortige Selbstbestimmung, direkte Teilhabe und sorgt so effizient durch Berührung für einen Abbau der Barrieren in den Köpfen.

„Aber Constantin, wie sollen wir denn Entscheidungsträger und Leitungspersönlichkeiten in den unterschiedlichen Bereich der Gesellschaft zur Umsetzung von Barrierefreiheit und Teilhabe behinderter Menschen bringen, wenn diese nicht zunächst aufgeklärt wurden?“

Meine Antwort auf diese Frage ist simpel: Wir haben im Jahr 2020 kein Defizit an Wissen, keinen Mangel an Aufklärung – erst recht nicht in Führungsebenen und bei Entscheidungsträgern. Diejenigen, die noch immer das Abbauen realer Barrieren verhindern und Teilhabe einschränken, machen dies aus Absicht oder Bequemlichkeit. Beides ist und darf in unserer Gesellschaft, die im letzten Jahr Jahr 70 Jahre Grundgesetz feierte, keine Ausrede sein. Und sollte es tatsächlich noch Führungspersonen geben, die aus Unwissenheit agieren, so muss man deren Qualifikation und Vorausschau auf sich permanent verändernde gesellschaftliche Rahmenbedingungen hinterfragen.

Barrieren in Köpfen benötigen keine Baugenehmigung, kein Budget und keinen Masterplan. Sie zu überwinden braucht nur Begegnung. Lasst uns die Ressourcen, die zur Verfügung stehen, in den Abbau echter Hindernisse einsetzen.

Stellt Euch das mal vor: Ein Jahr lang würden wir all das Geld für schicke Plakatkampagnen, all die Arbeitskraft und all unsere Kontakte in … sagen wir z.B. das Zugänglichmachen aller Musik-Festivals in Deutschland setzen. Oder alle Kinos mit Hörschleifen ausstatten. Oder oder oder. Was wären das für großartige Möglichkeiten Begegnungen zu schaffen, nachhaltig Zugänge und Teilhabe für behinderte Menschen zu öffnen und ja, letztlich auch Aufklärung zu betreiben? Und das Jahr darauf machen wir das wieder. Lasst uns daraus eine dauerhafte Herausforderung machen: Jedes Jahr einen Bereich zugänglich und barrierefrei machen. Lasst uns #BarrierenBrechen!

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  1. Guten Morgen, besten Dank Constantin Grosch für den anregenden Beitrag, auf den mich Raul Krauthausen hinwies.
    Constantin Grosch regt an:
    “Stellt Euch das mal vor: Ein Jahr lang würden wir all das Geld für schicke Plakatkampagnen, all die Arbeitskraft und all unsere Kontakte in … sagen wir z.B. das Zugänglichmachen aller Musik-Festivals in Deutschland setzen. Oder alle Kinos mit Hörschleifen ausstatten. Oder oder oder. Was wären das für großartige Möglichkeiten Begegnungen zu schaffen, nachhaltig Zugänge und Teilhabe für behinderte Menschen zu öffnen und ja, letztlich auch Aufklärung zu betreiben? Und das Jahr darauf machen wir das wieder. Lasst uns daraus eine dauerhafte Herausforderung machen: Jedes Jahr einen Bereich zugänglich und barrierefrei machen”

    Diese Beispiele sind konkrete Vorschläge, das ist gut daran und Barrieren würden dadurch faktisch abgebaut, aber sie reduzieren Menschen mit Behinderungen auf Konsumenten bzw. besteht die Gefahr, dass sich sowohl die Musikfestival-Betreiber als auch die Kinobetreiber freuen dürfen, denn sie werden mehr Besucher haben, da Inklusion eine Regierungsaufgabe ist, können sie darauf pochen, dass Hörschleifen, Rampen etc, vordere Plätze staatlich finanziert werden sollen, und sie dann selbstverständlich jeden Gast super gerne gegen Eintrittsgeld begrüßen.
    Die betreffenden Anbieter dürfte dieser Vorschlag freuen, und faktisch würden eventuell mehr Menschen mit Behinderungen Kinokarten und Festivalkarten kaufen, falls ihnen nicht weitere Barrieren auf dem Weg ans Ziel begegnen.
    Ich wünsche mir zu aller erst, dass Menschen mit Behinderungen einen festen Platz in politischen Gremien erhalten, auf lokaler, regionaler, auf Landesebene.
    Keine Entscheidung dürfte beschlossen werden ohne Zustimmung eines “Rates für Menschen mit Behinderungen”. Dies brächte meiner Meinung nach den entscheidenden Wandel, denn Menschen mit Behinderungen würden als gleichberechtigte Teilnehmer am politischen Willensbildungsprozess gewürdigt und nicht wiederum nur als durchaus willkommene Konsumenten.
    Konsequenter wäre, jegliche Parlamentsbeschlüsse scheiterten im Bundesrat, wenn die Zustimmung des “Rates der Menschen mit Behinderungen” fehlt.
    Sowas wäre zu schaffen, es wäre zutiefst demokratisch, denn es wäre inklusiv.

    Das so ein Vorschlag ein “Riesengebrüll” auf Seiten der aktuellen Besitzstandswahrer hervorrufen wird, liegt auf der Hand – gut “brüllen” können aber nicht nur Menschen ohne Behinderungen.

    Die konsequente parlamentarische Inklusion muss eingefordert werden, das wäre die Ebene, auf die es ankommt.

  2. Guten Tag Raul Krauthausen, jetzt war ich heute am Alexanderplatz, auf der Suche des Wohnhauses, in dem der Rabbiner Dr. Hermann Grünfeld gelebt habe, ich konnte so ziemlich überall hin, wurde aber nicht viel schlauer dabei, bin aber mit vielen Fragen nach Hause gefahren. Jetzt denke ich gerade an meinen “Rat der Menschen mit Behinderungen” und stelle mir jetzt vor, die würden, genauso wie bisher die Menschen, die Zugang zu den parlamentarischen Gremien haben, barrierefreien Zugang, auch wieder nicht wollen, was ich will, nämlich eine gleichberechtigte Kulturpolitik, d. h. ich möchte z. B. am Alexanderplatz genauso wie in Lichterfelde, nicht nur all die schönen Kirchenhäuser und Friedhöfe bestaunen, sondern auch sehen, welche jüdische Geschichte es dort gab.
    Das könnte natürlich sein, dass ich mit meinem Anliegen gar nicht weiter käme, weil vielleicht die Menschen mit Behinderungen dann gar nicht anders abstimmen als die Menschen ohne Behinderungen.
    Ja, das kann passieren, da muss ich dann eben mit meinem Appell weiter dran bleiben, aber ich weiß ja nicht, was passiert, wenn Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt teilhaben können, nicht nur theoretisch. Das ist legitim, ich weiß es ja nie.
    Es muss deshalb noch etwas anderes dazu kommen. Ich nehme als Beispiel mal den Wahlkampf. Es gibt Menschen wie ich, die sind nicht gläubig, deswegen könnte ich, wenn ich kandidieren würde für ein Regierungsamt, nicht meine Reden mit “mit Gottes Hilfe” “im Vertrauen auf Gott” u.s.w. beenden, d.h. ich könnte die “Marke” Christentum, die einen hohen Bekanntheitsgrad hat und durchaus positiv besetzt ist, nicht in dieser Weise zur Anwendung bringen, wohingegen es Kandidat Armin Laschet für das Amt des Bundeskanzlers oder Bettina Jarasch für das Amt der Bürgermeisterin von Berlin tun können.
    D.h. Politiker mit Glauben können hier einen Wettbewerbsvorteil im Wahlkampf nutzen, den Ungläubige nicht nutzen können, denn sie machten sich lächerlich damit, es wäre nicht authentisch, es hülfe ihnen nicht.
    Hier müsste es eine Verpflichtung geben, den Glauben in einer bestimmten Phase des Wahlkampfes bis zur Wahl selbst in jeder Hinsicht weg zu lassen aus dem “politischen Wettkampf”, auch bei Reden auf Festlichkeiten kein Gottesbezug, egal wie man ihn begreifen will, die, die ihn nicht begreifen wollen, sind immer exkludiert an dem Punkt.
    In der Präambel des Grundgesetzes gibt es einen Gottesbezug, ich habe auf das Grundgesetz deswegen gut schwören können, kann ich noch immer. Für den Wahlkampf aber, für die Politik möchte ich nicht, dass der Gottesbegriff zum Einsatz gebracht wird, und das könnte man per Gesetz, dafür bräuchte man keine Grundgesetzänderung, regeln.
    Ich bin ausgetreten aus der katholischen Kirche, weil ich nun einmal nicht mehr an Gott glaube, was nicht heißt, dass ich den Menschen als höchste Kreatur des Universums ansehe – ich kann Rätsel auch mal Rätsel sein lassen.
    Am Alexanderplatz wie in Lichterfelde sehe ich stets die schönen Dinge der christlichen Kirchen, die anderen schönen Dinge muss ich mühsam suchen und sehe sie dann auch nur manchmal, gleiches gilt für die unschönen Dinge. Ich habe mir die Suche nach vergessenen jüdischen Geschichten zur Aufgabe gemacht, es gibt viele anderen vergessene Minderheiten, die nicht aus der Zugehörigkeit zum Christentum schöpfen können.
    Ein fairer Wahlkampf wäre ein Wahlkampf, der sich Disziplinen sucht, die keinen in einen Nachteil setzen.

    Demokratie ist keine kurzweilige Sache, ich aber bin eine Verehrerin der parlamentarischen Demokratie, das bin ich auch als Mensch mit Behinderung. Ich lindere meinen Schmerz mit Hilfe von Sprache und Schreiben, Schreiben, Schreiben, ich bin überzeugt, dass das auch ein ganz wichtiger Beitrag zur Inklusion ist, besten Dank für den Beitrag und das Forum.

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