Die eigene Behinderung vererben

Eine Frage auf Facebook gibt den Anstoß:
Gibt es Rollstuhlfahrer hier, die auch Eltern sind?

Ich bin geburtsbehindert. Seit ich denken, kann nutze ich einen Rollstuhl. Meine erste Schwangerschaft war eine Sensation. Mir wurde sofort die Abtreibung nahegelegt. Das ist 30 Jahre her. Seit dem weiß ich, es ist eine meiner besten Eigenschaften, auf mich selbst hören zu können. 20 Jahre später wurde ich wieder schwanger. Und es hatte sich doch etwas bewegt. Wir sind weniger träge, als ich dachte. Die Abtreibung wurde mir erst dann nahegelegt, als bei der Feindiagnostik eine Behinderung zu erkennen war.

Nun lese ich diesen Post auf Facebook. Darunter gut 200 Einträge. Alles Rollstuhlfahrer, die Eltern sind. Sieh an, denke ich. Ich freu mich. Die Welt dreht sich doch. Und dann: Eine Frau sagt sie sei Rollstuhlfahrerin und ihr Kind habe die gleiche Behinderung. Oh wie schön, noch eine, denke ich. Der geht es wie mir. Die erste Frage, die kam: ob das nicht im Ultraschall zu sehen war? Mir fallen die Augen raus. Darum kann es doch unmöglich gehen! Schwups fühlt sie sich genötigt sich zu rechtfertigen. Nein, das sei nicht zu sehen gewesen. Na dann ist es ja gut, ist die joviale Antwort. Sonst wäre es ja auch … Sonst wäre es was? Ah, denke ich, das will ich auch wissen. Unverantwortlich? Zu verhindern gewesen? Fies gegen die Gemeinschaft? Doch es kommt keine Antwort. Erst spät schließt sich die klaffende Lücke: Sonst wäre es egoistisch.

Ach denke ich, das war geschickt. Eine Schwangerschaft ist oft höchst egoistisch. Der Fortbestand der Menschheit ist gesichert. All die Kinder um mich herum sind das Produkt egoistischer Handlungen. Doch hier ist egoistisch, wer billigend in Kauf nimmt, dass der Nachwuchs eine Behinderung haben wird. Dank vorgeburtlicher Untersuchungen unterlassen das heute nämlich die meisten. Zu meiner Freude gibt es noch Frauen, die auf Untersuchungen verzichten. Sie nehmen „die Gefahr“ einer Behinderung fast schon fahrlässig in Kauf. Es lebe die Anarchie im Mutterleib!

Hier werden aber (von der eigenen Gemeinschaft) diejenigen angeprangert, die es ok finden die eigene Behinderung zu vererben.

Warum eigentlich?

Ist es doch das schönste Signal, dass ein Leben mit einer Behinderung lebenswert ist. Dass wir trotz allem, was es zu erkämpfen gilt, glücklich sind. Es ist das untrügliche Zeichen, dass wir begehrt werden, dass wir schön und liebenswert sind und dass wir Kinder bekommen, denen wir all das auch zutrauen.



Eine Antwort zu “Die eigene Behinderung vererben”

  1. Wunderbar! Das unterschreibe ich auch! ?
    Ich (nicht sichtbar behindert und erst später wissend) habe diese Fragen in meiner ersten Schwangerschaft gehasst!
    „Na, was wird es denn?“
    – „Ein eigenes Kind!“ (nach 5Jahren unerfülltem Kinderwunsch!!)
    „Naja, Hauptsache gesund, hm!?“
    – „Nein, Hauptsache ist, dass wir beide endlich unser Wunschkind bekommen!“ war dann meine kurze Antwort.
    Länger wäre gewesen:
    „Ob dies dann eine Erkrankung, eine Störung oder eine Behinderung hat, ist uns völlig egal, denn wir werden es lieben so wie es ist! Auch wenn es nur ein paar Stunden, Tage, Wochen, Monate leben würde: wir hätten unser eigenes Kind, wären eine Familie! Nichts ist uns wichtiger im Moment! Unsere Liebe ist einfach groß genug!“
    Und ich KANN einfach NICHT verstehen, wie Menschen anders denken/fühlen können!
    Menschheit bedeutet Vielfältigkeit!
    Alles andere wäre doch unglaublich langweilig, oder?!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert