Schubladen in Köpfen öffnen

Immer wieder werde ich damit konfrontiert, dass Menschen mit Beeinträchtigung von der Gesellschaft unterschätzt werden. Häufig nehmen mich die Leute im ersten Gespräch aufgrund meiner körperlichen Einschränkung nicht komplett ernst.
Wenn ich mit selbstgeschriebenen Texten bei Poetry Slams auftrete, kommen nicht selten Zuschauer*Innen in der Pause zu mir und meinen: „Wirklich bewundernswert, dass du dich mit deiner Stottersymptomatik auf die Bühne traust.“
Teilweise kommt es sogar vor, dass Personen aus dem Publikum meinen, ich hätte die Spastik und das Stottern nur gespielt. Erst im Laufe des persönlichen Gesprächs wird ihnen klar, dass ich wirklich beeinträchtigt bin. Dabei bin ich froh, wenn mich diese Menschen ansprechen. Denn nur dann habe ich die Möglichkeit, darauf zu reagieren. Die meisten, die Vorurteile hegen, haben keine oder nur wenig Erfahrung im Umgang mit beeinträchtigten Menschen. Sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Das verunsichert sie. In diesen Augenblicken liegt die wahre Beeinträchtigung in den Denkmustern meiner Gesprächspartner*Innen. Aus Angst, etwas Falsches zu sagen, schweigt der Großteil. Aber nur, wenn viele, viele Gespräche zustande kommen, wird sich auf lange Sicht etwas ändern. Heute sehe ich es als meine Pflicht an, sowohl auf als auch neben der Bühne auf dieses gesellschaftlichen Missstand aufmerksam zu machen und Schubladen in den Köpfen der Menschen zu öffnen.
Auf der anderen Seite regen meine Bühnenaktivitäten aber auch Menschen an, selbst aktiv zu werden und an der Verwirklichung Ihrer Ziele zu glauben. Nach dem Motto: „Wenn der Kai das schafft, bekomme ich das auch hin.“ Diese motivierende Wirkung, die mein künstlerisches Schaffen auf Menschen haben kann, macht mich unheimlich stolz.
Nichtsdestotrotz werde ich noch heute, wenn ich mich im Beisein meiner Eltern beim Arzt oder auf einem öffentlichen Amt befinde, aufgrund meiner Beeinträchtigung meistens nicht in Gespräche mit einbezogen. Stattdessen sprechen die Personen häufig über mich in der dritten Person, zu meinen Eltern obwohl sich die Unterhaltung um meine Belange dreht. Diese Situationen verdeutlichen mir jedes Mal aufs Neue, wie viel Arbeit noch vor uns liegt, und wie viele Schubladen in den Köpfen noch geöffnet werden müssen.

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  1. Guten Morgen, vielen Dank fürs Teilen, Raul, und vor allem fürs Schreiben, Kai Bosch.

    Wenn andere Erwachsene zu meinen Eltern über mich redeten, obwohl ich dabei stand, dieses Bild Ihres Beitrages sagt für mich Einiges über das ähnliche Schicksal von Kindern und Behinderten aus, nämlich nicht gleichberechtigt gelten gelassen zu werden.

    Das Bild des Kindes, welches an der Hand mit der Mutter unterwegs ist, dann kommt wer Bekanntes vorbei, begrüßt die Mutter, guckt mich kurz an, dann wieder die Mutter an: „Is se gräsig heute?“ Mutter schämt sich, ruckelt etwas an meiner Hand und sagt sowas wie „Is se wohl öfter“. Der Gegenüber sagt aus diplomatischer Eleganz heraus: „Gabi is bisschen eigen, ne Gabi?“ und kneift mir in die Wange.
    Ich lächele brav, mit „eigen“ fühle ich mich nicht so schlecht, aber wieso geht es eigentlich um mich, wenn dann doch keiner mit mir reden will?

    Die beiden Erwachsenen beenden den peinlichen Vorgang der Beschäftigung mit meiner Person und unterhalten sich dann nur noch untereinander, ich bin gar nicht vorhanden. Die Großen reden und reden, mir wird langweilig, ich bewege mich. „Reiß Dich mal zusammen“, meine Mutter ruckelt noch mal an meiner Hand. „Es geht nicht alles nach Deinem Kopf!“ Bis zu diesem Zeitpunkt ging aber das ganze Gespräch nur und ausschließlich über meinen Kopf hinweg. Der diplomatisch elegante Gegenüber sagt jetzt: „Ich muss dann auch weiter, bis ander Mal“. Vielleicht guckt er dann noch einmal kurz auch mich an, eher aber nicht, ich bin raus aus dem Spiel.
    Als der diplomatische Gegenüber außer Hörweite ist, ruckelt meine Mutter wieder an meine Hand und tadelt: „Mit Dir blamiert man sich den ganzen Tag. Nächstes Mal bleibst Du Zuhause!“

    Das war so der Status meiner Kindheit, glücklicherweise war meine Mutter nicht konsequent beim Erziehen, ich war nächstes Mal wieder mit, ich lief gerne und guckte mir gerne das Leben um mich herum an.

    Das über „Meinen-Kopf-Weg-Reden“ hörte faktisch auf, als ich in die Grundschule kam, es gab eine Ordnung: „Wer was zu sagen hat, meldet sich per Handzeichen, bitte gut sichtbar, mit hoch gestrecktem Arm“ Es war faktisch eher ein „Armzeichen“ hieß aber „Handzeichen“, vielleicht lag das auch an der Geschichte des Nationalsozialismus, dass man den gereckten Arm des redewilligen Schülers nicht „Armzeichen“ nennen wollte.

    Ich hatte etwa zwei Jahre lang nichts zu sagen, ich war das gar nicht gewohnt, mir fiel nichts an, ich schrieb aber gerne und ich malte gerne. „Die Beteiligung im Unterricht muss besser werden“ hatte ich im Zeugnis stehen, am Ende des ersten Halbjahrs, des zweiten Halbjahres. „Gabi, Du machst mir Sorgen“, sagte die Lehrerin. „Du musst mehr mitmachen!“

    Wenn ich etwas muss, was ich nicht kann, versuche ich mir ersatzweise eine Lösung zu schaffen, z. B. ich nehme mir vor, ein Mal jede Stunde was zu sagen, ohne eigenes Interesse daran, einfach nur, damit die diplomatische Gegenseite zufrieden ist. Das habe ich, meine ich, damals gemacht.

    Dann merkte ich, dass es in der Schule ganz anders war, als zu Hause, wenn ich etwas dort gesagt hatte. „Gut Gabi“ „Gut Gabi“ Am besten konnte Gabi eine Flaschenbeschreibung, aber doch wieder schriftlich. „Ein sich verjüngender Flaschenhals“, was für ein Wort! Ich war wie elektrisiert davon und schrieb über diese zu beschreibende Flasche die erste „1“ meines Lebens, es sollten noch einige kommen, „5“ und „6“ kam auch, im Durchschnitt eine „3“ – unauffällig eben.

    Die Schule, später die Uni habe ich geliebt, weil ich eine Schreibstimme hatte dort, Zuhause war ich ein umhegter „Versorgungsfall“ und gewollter Anteil an einem Plan, der sich „Familie“ nannte.

    Victor Klemperer schrieb, dass die Sprache für ihn immer die Stange zum Balancieren gewesen ist, auch wenn es noch so schwierig war im Leben, er meinte seine Sprache damit – das ist auch meine Balancierstange, schon immer. Die brauche ich. Heute muss mir keiner mehr sagen „Gut Gabi“, ich bin 53 und weiß inzwischen selbst, wann ich zu mir selbst sagen kann „Gut Gabi“ oder „Schlecht Gabi“ – Balancieren geht nur alleine auf dem schmalen Seil der Worttänzer, das ist meine Welt.

  2. Und noch etwas zur Schublade,
    „Schreiben Sie doch ein Tagebuch“ empfahl die Ergotherapeutin vor Jahren. – Ich war misstrauisch, denn wer ein Tagebuch schreibt, so war meine damalige Vorstellung, schiebt es dann in die Schublade. Das Konzept kannte ich schon aus meiner Kindheit – da hatte ja auch keiner etwas dagegen wenn ich mein Geschreibsel dezent verlegte und es niemandem vorhalten wollte.

    „Schreiben Sie doch Gedichte“ ermunterten mich wieder Andere – das tu ich auch manchmal, aber Gedichte kann ich nur selten, meistens wenn es mir schlecht geht, ich möchte aber auch schreiben, wenn es mir gut geht.

    „Schreiben Sie doch Kolumnen“ sagte komischerweise keiner, ich glaube, die Schublade gab es für meine Ratgeber nicht, für mich gab es sie schon – aber ich halte mich gar nicht an die Schubladen – Wörter liegen nicht in Schubladen, sie leben zwischen Dir und Mir, und darauf kommt es an.

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