Weshalb Kettenpostings niemandem helfen

Immer dieses „Am xx.xx. ist Weltkinderkrebs-Tag, teile das, um ein Zeichen zu setzen (…)“ – Blabla.

Wisst ihr was? …Und hey, ihr müsst jetzt ganz stark sein:
Es bringt uns nichts.
Solidarität ist super, keine Frage. Das kurzzeitige subjektive Gefühl, ein guter Mensch zu sein, wenn man solche Kettenpostings teilt, ist sicher auch toll –
Zumindest für Nichtbetroffene.

Menschen, die tatsächlich mit einer schweren Krankheit leben, haben davon allerdings nichts.
Die Postings sind aus vielen Gründen problematisch, ich führe sie nun gern aus meiner Perspektive als kranker junger Mensch auf:

Diese Kettenpostings machen nicht, wie darin suggeriert, auf eine Krankheit, bzw. die Menschen die damit leben, aufmerksam. Sie lenken vom Wichtigen ab, indem sie kranke Personen in eine Opferrolle stellen. Ihr kennt sicher alle die Bilder von leidenden, verkabelten Kindern in Krankenhäusern, die während der einschlägigen Tränendrüsen-Weihnachtsspendengalas im Fernsehen gesendet werden, die ich an sich als ziemlich pervers empfinde, da sie letztendlich nur dazu dienen, mit Minderjährigen in Krisenzeiten Geld zu erlangen. “ Ach, die armen Kinder“!“
Wo ist da der Informationsgehalt? „Schaut, da gibt’s Menschen, denen es dreckig geht.“ Und dann? Meist ist die Reaktion, dass es kurzzeitig Mitleid erregt, Menschen denken, wie schön es doch sei, dass sie das nicht hätten, ggf. wird es weiterverbreitet und anschließend wieder vergessen.
In Wirklichkeit ist es ihnen eigentlich ziemlich unwichtig, da sie sich mit dem Thema nicht ernsthaft auseinandersetzen, eigentlich gar keine betroffenen Personen näher kennen oder ihnen diese Auseinandersetzung zu kompliziert und komplex ist, vielleicht sogar Angst macht.
Aber für einen kurzen Moment der Gewissensberuhigung, der Selbstinszenierung – und Selbstbeweihräucherung ist es dann wieder gut genug.

Angst ist generell ein großes Thema bezüglich Krankheiten und Menschen, die davon betroffen sind. Angst ist eine wichtige Emotion, solange wir Menschen sie kontrollieren und hinterfragen. Angst verursacht Scheuklappen, macht unsicher. Das merke ich auch im Alltag: Ich erlebe manchmal Personen, die sich vor lauter Unsicherheit nicht trauen, mit mir zu reden, nicht wissen, ob sie mir in irgendeiner Weise zu nahe treten oder generell eine starke Befangenheit ausstrahlen. Dabei ist es doch eigentlich ganz einfach: Fragt nichts und tut nichts, was für euch auch übergriffig und unangenehm wäre.

Aber ich schweife ab. Zurück zum Thema.

Es gibt stattdessen Dinge, die dringend an die Öffentlichkeit müssen. Die sind nur leider nicht so spektakulär und lassen sich medial oder durch Kettennachrichten schlechter „vermarkten“ – Das Tränendrüsenprinzip greift da nicht.

Wusstet ihr, dass eine schwere Krankheit im Jugendalter und auch bei jungen Erwachsenen die komplette Schullaufbahn umkrempelt und „wir“ bei Langzeitüberleben gefährdet sind, in Frührente oder Arbeitslosigkeit zu landen?

Klinikunterricht ist selten ausreichend, ich persönlich habe äußerst unsensible Lehrer_innen im Krankenhaus erlebt, die die Lust am Lernen, das eh während der Krankheit schwerfällt, komplett ausgelöscht hatten.
Der Unterricht im Krankenhaus ist generell nicht so durchführbar, dass man den Anschluss an die Heimatschule garantieren kann. Es können oft maximal die Hauptfächer Deutsch, Englisch und Mathematik unterrichtet werden. Der Umfang ist aber bei Weitem nicht ausreichend.
In einigen Kliniken kommt zudem hinzu, dass nur Schüler_innen auf den onkologischen und psychiatrischen Stationen Unterricht erhalten.
Man verliert Jahre und sitzt noch in der Schule, während Gleichaltrige im 3. Semester studieren oder ihre Ausbildung bereits abgeschlossen haben. Irgendwie ein komisches Gefühl, wenn man obendrauf dann auch noch weiß, dass man sowieso keine 50 wird.

Hausunterricht, bzw. Privatlehrer_innen zu beauftragen, ist auch nicht immer möglich – Es ist ein langes Antragsverfahren, das oft vom Schulamt abgelehnt wird.
Wie war’s bei mir? Meine Mutter bekam einen Anruf vom Amt, dass eine Deutsch-Lehrerin für 1-3. Klässler gerade „frei“ wäre. Genial, wenn man ein_e Jugendliche_r in der Mittelstufe ist und irgendwann mal das Abitur anstrebt.
So geht es nicht nur mir, sondern vielen anderen. Auch jungen Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen, die ihnen zeitweise eine Beschulung in Gruppen unmöglich machen.
Nachhilfe oder Onlineunterricht wäre eine Möglichkeit, allerdings kostet das an seriösen Instituten über hundert Euro monatlich, die idR. privat aufgebracht werden müssen. In manchen Fällen, gerade bei psychischen Behinderungen kann zumindest Onlineunterricht vom Jugendamt übernommen werden. Der Weg dahin ist allerdings auch nicht immer einfach.

Das Geld betroffener Familien wird oft knapp, da eine Krankheit nicht nur das Leben der betroffenen jungen Person umwirft, sondern die gesamte Familie mitnimmt.
Die Angehörigen laufen Gefahr, psychische Erkrankungen zu entwickeln. Einige müssen ihre Arbeit pausieren, bzw. kündigen, weil sie selber nicht mehr arbeitsfähig sind oder für ihr Kind da sein müssen/wollen. Das stürzt die Familie auch noch in einen finanziellen Ruin. Wirkliche finanzielle Unterstützung ist in solchen Fällen nicht vorgesehen.
Zumindest für Familien krebskranker Kinder gibt Vereine, die Familien in solchen Situationen helfen. Das ist sehr wichtig und wird dringend benötigt. Allerdings scheinen ähnliche Angebote für Familien nicht-onkologisch erkrankter Kinder nicht oder nur in geringer Anzahl zu existieren.

Nochmal zurück zur Schulbildung:
Wie behalten die Kids dann trotzdem noch Anschluss? Es ist alles selbstorganisierte Recherchearbeit. Das Internet spielt eine wichtige Rolle.
Aber nicht nur für die Schule, sondern auch um der Isolation entgegenzuwirken. Kontakt mit Gleichaltrigen, Klassenkamerad_innen und alten Freund_innen kann schnell zu Ende gehen. Oft bleiben nur Wenige. Manchmal darf man das Krankenzimmer nicht verlassen oder ist zu schwach, um in die frische Luft zu gehen. Besuch kann auch sehr anstrengend sein. Darum sind Chatprogramme oder auch Dienste wie Facebook oder Twitter Gold wert.
Darüber kann man kommunizieren, vielleicht sogar Menschen in der selben Situation finden, sich informieren oder lernen. Zum Lernen ist das Internet essenziell, wenn man krank ist. Auch, wenn man bereits aus dem Krankenhaus entlassen ist und wieder in die Schule reintegriert ist. je nach Krankheit gibt es Spätfolgen oder chronische Probleme, die den Schulbesuch erschweren. Ohne Netz und selbstorganisiertem Lernen wäre man aufgeschmissen.
Es gibt uns auch die Möglichkeit, uns abzulenken, wenn wir akute Beschwerden haben.
Musik war für mich persönlich bisher immer DIE Kraftquelle schlechthin. Und der Wunsch, später mal alle Instrumente zu lernen, die ich spielen möchte und alle Künstler_innen live zu sehen, die mich mit ihrer Musik immer abgelenkt und gestärkt haben.
Anderen geht es genauso, vielleicht in anderen Kontexten, sei es Sport, Tiere, Videogames, Quantenphysik oder anderes.
Zum Glück gibt es in immer mehr Kliniken Internetzugang, aber leider ist es kein Standard.

Generell sollte so viel geändert werden. Bildungsmöglichkeiten geschaffen werden. Aber dafür benötigt es nunmal erst die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, wo wir schon wieder bei der einseitigen Tränendrüsen-Darstellung wären.
Alle ernsthaft chronisch kranken Menschen sollten eine bessere Lobby bekommen, die ihre wirklichen Interessen berücksichtigt – Unabhängig von der Art ihrer Erkrankung.
Dafür ist die richtige Repräsentation ein wichtiger Grundpfeiler.

Ich glaube, ich könnte ewig so weitermachen, denn noch weitere Dinge laufen so schief in unserer Gesellschaft und den Kliniken.

Meine Sicht kann auf keinen Fall für alle sprechen. Ich bin nur Einer von Vielen – Und diese Viele sind es wert, gehört zu werden.

Und wenn ihr so ein Kettenposting das nächste Mal seht, dann überlegt doch bitte einmal: Was bezwecke ich damit? Teile ich das für mich, oder tue ich den Menschen, um die es geht, damit einen Gefallen? Wie werden die Menschen in dem Posting dargestellt? Ist ihnen das nützlich?
Am Wichtigsten ist jedoch: Hört „uns“ zu. Teilt „unsere“ Beiträge.
Nur so erhalten schwer kranke Menschen neben ehrlicher Solidarität tatsächlich Gehör.

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