Wenn die Behinderung mit Vorurteilen kommt: “Du siehst heute fit aus! Das heißt, du warst nie wirklich krank.”

Krank zu sein, bedeutet nicht krank auszusehen. 
Behindert zu sein, heißt nicht behindert auszuschauen. 

Das sind beides Konzepte, die für meine Mitmenschen oft schwer zu verstehen sind. Zu häufig habe ich von meinem Umfeld gehört, dass ich meine Krankheit nur vorspiele, weil ich heute gar nicht krank aussehe, während ich gestern vor Schmerzen stöhnend auf dem Boden lag, unfähig mich zu bewegen. Für diese Menschen ist der Fall schnell klar: Jemand der behauptet krank zu sein, der muss krank aussehen. 

Doch das ist Quatsch. Ich lebe seit ungefähr zehn Jahren mit mehreren chronischen Krankheiten, die diverse Einschränkungen mit sich bringen. Eine besonders große Herausforderung ist der chronische Schmerz am ganzen Körper, der mich oft von einer Sekunde auf die andere überrascht. Eine falsche Bewegung meines Rückens kann genügen, um mich für Wochen oder gar Monate außer Gefecht zu setzen. 

Wenn das passiert, verkrieche ich mich meist für viele Wochen in meinen vier Wänden. Meine einzigen sozialen Kontakte beschränken sich dann auf Ärzte, Physiotherapeuten und die Menschen, die sich in dieser Zeit um mich kümmern. Während solcher Phasen sind einfache tägliche Aktivitäten, wie z. B. morgens zu Duschen, eigentlich schon zu viel. Mich ausgehtauglich herzurichten? Viel zu anstrengend. Meine Existenz beschränkt sich auf mein Sofa. Doch diese Episoden sind für die meisten Menschen in meinem Umfeld nicht sichtbar. In diesen Momenten bin ich bewusst alleine. 

Ich kann schlecht schätzen, wie viele meiner Tage so aussehen – und es gibt schlimmere und weniger schlimme solcher Phasen. In den schlechten Zeiten fehlt mir teilweise sogar die Energie, um mit Freunden via Nachrichten in Verbindung zu bleiben. Über Wochen völlig isoliert von der Außenwelt zu sein, ist immens belastend. 

Nun stell dir vor, nach Wochen voller Schmerzen und Isolation kommt endlich der Tag, an dem du vom Sofa aufstehen kannst und es sogar schaffst nach dem Duschen ein wenig Haarspray aufzulegen und eine Runde durch den Park zu laufen. Mit einem Lächeln auf den Lippen genießt du die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut, die du die letzten Wochen nur durch ein Fenster bewundern durftest. 

Und dann kommst du nach Hause und findest eine Nachricht in deinem Postfach, die sagt, dass du im Park gesehen wurdest, während du fröhlich vor dich hinsingend deine Runden gedreht hast, obwohl du doch behauptest, schwer krank zu sein. Und das alles, während andere Menschen hart arbeiten müssen, damit du dir ein schönes Leben machen kannst. So schnellt verblasst deine Freude über den besseren Tag und weicht Tränen über die Ignoranz deiner Mitmenschen.

Mit diesem Vorurteil werde ich ständig konfrontiert und jedesmal aufs Neue frage ich mich, was von mir als chronisch Kranke erwartet wird. Heißt chronisch Krank und behindert zu sein, dass ich ein Leben im Elend führen muss, damit man meine Erkrankung nicht anzweifelt? Bedeutet behindert sein, dass ich mein Leben automatisch nicht genießen kann? Müssen wir uns als Menschen mit Behinderung tatsächlich ständig rechtfertigen, wenn wir, wie die meisten Nichtbehinderten ebenso, versuchen das Beste aus unserem Leben zu machen, nur weil unser Umfeld denkt, unsere Leben müssen minderwertig sein?

Ich glaube nicht. Behinderte Menschen haben genauso ein Recht auf ein glückliches Leben, wie jeder andere Mensch. Und keine chronisch kranke Person sollte sich zuhause verkriechen müssen, aus Angst man würde sie oder ihn anzweifeln, verurteilen oder gar angreifen. Jeder von uns – damit meine ich alle Menschen, ob mit Behinderung oder ohne – versucht ein möglichst erfülltes Leben zu führen und das wäre doch so viel einfacher, wenn wir alle aufhören würden, gegenseitig übereinander zu urteilen.

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  1. Guten Morgen Raul Krauthausen für den Hinweis auf den schönen Beitrag von Karina Sturm. „Du wurdest gesehen..“ Man wird ja viel gesehen heutzutage. Als ich vor Jahren erkrankte, wurde ich auch viel gesehen, genauso wie heute, denn ich bewege mich sehr viel draußen und selbst wenn ich den „gelben Schein“, die AU hatte, sah ich bestimmt für Manchen „topfit“ aus, wer geht schon vom Prenzlauer Berg bis Kreuzberg, wenn er krank ist? Ich bin so jemand, die, wenn sie nicht gerade „Pudding in den Knien“ hat, was natürlich auch vorkommen kann, im Fieberfall z. B., geht und geht und geht – danach geht es mir besser, ich weiß dann, wie gerne ich doch mein Leben habe, sehr gerne. Nun ist das ja so, dass in der Coronafrage die ersten Bußgelder verhängt werden sollen für Regelverstöße, das finde ich richtig. Gestern lief ich auch Spazieren, es ging abstandstechnisch gut, die ganze Zeit, bis auf den Kassenbereich in der Drogerie, hier wurde noch immer zweireihig abkassiert und genau an der Kasse standen alle eng, die vor der Kasse Abstand hielten. Also bitte Bußgeld für die Drogerie, den Betreiber. Dann war wieder alles perfekt, doch kurz vorm Erreichen meines Domizils überholte mich ein Mensch , schnitt mir den Weg ab, im selben Augenblick fuhr ein Polizeiauto an uns Beiden vorbei. In einem Fotofinish, „Blitz“ hätte man auch nicht sehen können, wie es zu der momentanen Kontaktsituation kam, so wenig, wie man einem einzelnen Menschen ansieht, ob er krank ist oder nicht. Verstecken aber wäre keine Lösung, ein respektvoller Umgang mit den Bildern, die jeder sieht, wäre es schon. Respekt bedeutet für mich, das Menschen ihre Zuständigkeit kennen, im Zuständigkeitsfall Rückfragen stellen und sonst Bilder Bilder sein lassen.
    Es geht um Vorurteile, aber auch um Privatsphäre, über die Arbeit von Polizei und Ordnungsämtern freue ich mich, über die Arbeit „besorgter Bürger“ nicht.

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