Baut die Bunker in der Bildung ab!

Ein Junge im im Rollstuhl in einer Regelschulklasse

Unsere Lehrstätten sind wie große und träge Frachter. Da für Inklusion zu sorgen, macht müde. Hier kommt ein Mutmachversuch.

Neulich stolperte ich über einen Aufruf. Die Situation sei doch die, schrieb Blogger Tim Villegas: Noch immer werden zu viele Schüler*innen zu ungleichen Bedingungen unterrichtet. Was Villegas für die USA beschreibt, sieht in Deutschland nicht anders aus. Nur selten höre ich, dass jemand Schulen als gemeinsame Lernorte für alle lauthals ablehnt. Dagegen stellen sich wenige. Aber aktiv dafür steht auch keine*r.

Seien wir ehrlich. In all den Jahren ist nicht wirklich viel passiert. Villegas zitiert einen Artikel von Dianne Ferguson aus dem Jahr 1995, mit dem Titel „Die wahre Herausforderung von Inklusion“:

„Weder die Sonderpädagogik noch die allgemeine Pädagogik allein hat die Fähigkeit oder die Vision, die tief verwurzelten Annahmen zu hinterfragen und zu ändern, die Kinder und Jugendliche nach Vermutungen über Fähigkeiten, Leistungen und den möglichen sozialen Beitrag trennen und aussondern.“

25 Jahre später schippern wir noch immer auf getrennten Booten.

Immer noch schaffen wir mehr Förderschulen in Deutschland. Immer wieder höre ich das Argument, welch wertvolle Arbeit Förderpädagog*innen leisten, also warum sollten sie dann abgeschafft werden. Und an dieser Stelle beginnt die Müdigkeit oder, wie es Villegas in seinem Untertitel schreibt, „die Kühnheit, Hoffnung auf Inklusion in einem nicht-inklusiven Schulsystem zu haben“. Denn natürlich geht es nicht darum, die wertvolle Arbeit und wichtigen Kompetenzen sowie Erfahrungen von Förderprädagog*innen abzuschaffen. Ihre Pädagogik kennt keinen Ort. Wohl aber eine Aufgabe. Am Menschen.

Immer noch tun viele so, als ob Inklusion an Schulen mal einfach so dekretiert werden könnte. Eine Schule hängt am Eingang ein Schild auf, und das war’s: Schüler*innen ohne Behinderung kriegen in ihre Klassenzimmer noch ein, zwei Tische reingeschoben, an denen sitzen dann Schüler*innen mit Behinderung, und weiter geht es nach Plan. Aber nach welchem? Wenn nicht Inklusion als Chance gedacht wird, funktioniert sie auch nicht. Und Dianne Ferguson gab uns vor 25 Jahren auch auf den Weg, von wem der Gehirnschmalz hierfür kommen muss:

„Eine sinnvolle Veränderung erfordert nichts weniger als eine gemeinsame Anstrengung, die Schulen neu zu erfinden, um allen Dimensionen der menschlichen Vielfalt gerecht zu werden.“

Es geht nur gemeinsam. Wenn zum Beispiel alle Lehrkräfte mitgenommen werden, mit ihren Fragen und Bedenken – die ausgeräumt werden können. Wenn ihnen die nötigen Freiräume zugebilligt werden für Teamwork mit Förderpädagog*innen, die natürlich nicht Taxifahrer*innen werden sollen. Sie werden ja gebraucht. Bleiben am Ende noch Vorbehalte, die treffender als Vorurteile beschrieben werden – dann sollte tatsächlich über einen Jobwechsel nachgedacht werden. Denn das Anrecht auf inklusiven Unterricht ist ein Menschenrecht. Ein Bunker, bei dem jede*r in seiner abgetrennten Welt bleibt, erfüllt dies nicht.

Sich in all den Jahren dafür eingesetzt zu haben, kann zermürben. Bildungssysteme sind wie große und träge Frachter. Und manchmal ist nicht klar, fragt sich Villegas, wer überhaupt am Steuer steht. Politiker machen sich einen schlanken Fuß, indem sie den Gehirnschmalz meiden. Schulen scheuen Veränderung. Eltern tragen Bedenken. Und die Schüler*innen? Die werden traditionell nicht gefragt.

Aber es nützt ja nichts, jedes Schiff kann flottgemacht werden. Und wenn Du dies liest, mach dir bitte klar: Allein bist du nicht. Villegas hat dies dazugelegt:

Und er schreibt: „Ich bin so froh, dass Sie hier sind und sich an dieser Arbeit beteiligen. Wenn diese Botschaft bei Ihnen ankommt, teilen Sie sie mit einem anderen Inklusionsanhänger.“ Dem komme ich gerne nach.

Und ihr da draußen: Bekennt euch als Inklusionsanhänger*in und teilt diese Botschaft. Lasst uns anfangen, aktiv für Inklusion einzustehen und einen Weg aus dem Bunker zu finden.

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  1. danke lieber Raul für diesen Artikel , werde ihn gerne weiterleiten.
    lieben Gruß
    Gabi Völkel

  2. und noch viele ja dazu :-)
    nach 30 jähren Arbeit Inklusionsarbeit in Deutschland ein wenig zermürbt,
    1990 gelungene schulische Integration in Malaga, Andalusien, erlebt und hier bleibt alles zementiert,
    seit 2017 bin ich selbst behindert, Halbseitenlähmung infolge Gehirnblutung,
    diese sinnfreie Segregation und das trotzdem Weitermachen (Sand im Getriebe sein) macht mir immer noch Freude, weil ich mit anderen verbunden bin (Arbeit im Verein) und für mich meinen Weg in Yoga gefunden habe.
    herzliche Grüße vom Bodensee

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