Überall nur blaue Autos

Blaue Autos
trepelu via photopin cc

Es soll Menschen geben, die Inklusion nicht kennen. Aber wenn man sich ständig damit beschäftigt, hat das Konsequenzen.

Wenn ich manchmal mit Freunden unterwegs bin, erlaube ich mir einen kleinen Spaß und sage einfach: „Mensch, es sind immer mehr blaue Autos unterwegs.“ Wenn dann der Kumpel oder die Kumpeline anfängt, den Verkehr zu beobachten, dann sagen sie meist: „Stimmt“, aber eigentlich ist es nur ein selektiver Prozess der Wahrnehmung, der bei uns einsetzt, und wir sehen mehr von dem, was wir auch beobachten. Das Phänomen kann vielleicht jeder von seinen Hobbys oder aus der Arbeitswelt nachvollziehen: Über kurz oder lang glaubt man nur noch, dass die Welt aus den Themen besteht, mit denen man sich selbst beschäftigt.
 

Nischenthema Inklusion

Fußballer und Fußballfans kennen alle Vereine und Spieler und glauben vielleicht viel mehr, dass man in jedem Small-Talk über den Ballsport diskutieren kann, weil sich auch andere damit beschäftigen. Ich ertappe mich zum Beispiel oft dabei, dass ich nur noch über Behinderungen und Inklusion rede, aber im Gegensatz zum Fußball ist es immer noch ein Thema, was in der Nische ist und von dem viele Menschen noch nie gehört haben. Ich glaube, in dem Moment ist es immer ganz wichtig zu wissen, dass wir uns alle in „Filter-Bubbles“ bewegen und den anderen keinen Vorwurf machen dürfen, dass sie sich noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben – außer es ist deren Job. Vielmehr sollte es dann die Aufgabe sein, das Interesse zu wecken.
Genauso wie ich mit den blauen Autos können im großen Rahmen auch Medien und Multiplikatoren funktionieren, die gewisse Relevanzen für ein Thema erzeugen. Die Paralympics 2012 in London waren dafür ein gutes Beispiel, bei dem „Behinderungen“ in den Massenmedien angekommen sind. Jetzt stellt sich jedoch die Frage, wie man solche Momente nicht nur alle vier (bzw. zwei) Jahre schaffen und auch die Themen weiter führen kann als nur Sport. Ich glaube, dass wir Aktivisten und Organisationen zum Thema Barrierefreiheit und Inklusion mehr Demut und Verständnis brauchen, dass unsere Themen zwar jeden betreffen können, aber noch nicht jeder damit zu tun hatte, und es auch nicht hilft, wenn wir dann fordern: „Es hat dich aber zu interessieren!“
 

Interesse wecken

Ein Fußballfan wird mich auch nicht einfach so überzeugen können, warum ich mich für 90 Minuten Rasenschach interessieren soll. Wenn er mir aber erzählen könnte, warum es für ihn wichtig und so interessant ist, dann würde ich ihm schon eher zuhören. Vielleicht nimmt er mich ja auch mal in ein Stadion mit? Deswegen verwende ich auch immer öfters den Begriff „Vielfalt“ statt „Behinderung“, um damit das Interesse zu wecken. Natürlich nerven mich als Rollstuhlfahrer Stufen, aber viel lieber werbe ich damit, dass mein Rollstuhl mein iPhone aufladen kann. Auf Konferenzen war ich damit schon manch einmal der Retter für einige in Stromnot. Auch Julia Probst hat damit viel Interesse geweckt, weil sie mit ihrer Fähigkeit, Sportlern und Politikern von den Lippen abzulesen bzw. die Körpersprache zu deuten, Menschen hilft, die in diesem Moment „behindert“ sind. Die Sportberichterstattung oder Kanzlerinnenansprachen bereichert sie damit um vieles. Das ist für mich ein gutes Beispiel für „Disability Mainstreaming“.

Auf der Wahlchecker-Tour habe ich dazu auch vieles von Petra Groß und Michael Wahl gelernt, die mir noch mehr Einblicke in ihre alltäglichen Behinderungen gegeben haben, und auch ich merkte da: „Wow, Raul, du musst dich noch viel mehr mit Menschen austauschen, die auf andere Art behindert werden.“ Und bei dem Projekt der Aktion Mensch habe ich einfach gemerkt, wie gut es tut und wie viel einfacher es fällt, aus dem Nischenthema zu kommen, wenn wir noch mehr zusammenarbeiten, um gemeinsam das Interesse zu wecken. Denn genau wie die blauen Autos gibt es doch auch sehr viele unterschiedliche Themen, auf die wir zeigen können. Oder?

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

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