Raul Krauthausen - Aktivist

Süddeutsche Zeitung: „Ich bringe der Volkswirtschaft mehr, als ich koste“

Foto: Andi Weiland, SOZIALHELDEN e.V.

Foto: Andi Weiland, SOZIALHELDEN e.V.


Am 14. November erschien im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung ein Interview von Lea Hampel und Hannah Wilhelm mit mir über das Teilhabegesetz.

Er wollte auf keinen Fall Berufsbehinderter werden und ist mittlerweile dennoch einer der prominentesten Deutschen auf Rädern. Raul Krauthausen über seine heimliche Schwäche, Bankmitarbeiter zu ärgern, den Traum vom großen Geld und den Rollstuhl als Investition.

Dass Raul Krauthausen Humor hat, zeigt sich schon in der ersten Mail: „Gesendet aus meinem Rollstuhl“, steht in der Signatur. Zum Gespräch bittet der 34-jährige Buchautor, Radiomoderator und Sozialunternehmer ins Berliner Café A.Horn nahe dem Landwehrkanal. Zum einen, weil er es mag. Zum anderen, weil das Café einer von Dutzenden Orten ist, die in der von Krauthausen gestarteten „Wheelmap“ stehen, einer interaktiven Karte für barrierefreie Orte. Es sind immer noch zu wenige, findet er. Und erzählt mit leichtem Berliner Dialekt, warum er Chef von acht Angestellten ist und trotzdem Geldspenden bekommt – und ein Rollstuhl gelegentlich sogar Vorteile hat.

SZ: Herr Krauthausen, reden wir über Geld. Sie können nicht selbst Geld abheben, weil Sie im Rollstuhl sitzen. Wonach suchen Sie aus, wem Sie Ihre PIN-Nummer verraten, damit er hilft?
Raul Krauthausen: Ich mache das nur mit meinen Assistenten. Im Zweifel weiß ich bei denen auch, wo die wohnen (lacht). Wenn ich einen guten, gehässigen Tag habe, konfrontiere ich Bankmitarbeiter mit dem Problem und frage die, ob ich ihnen meine PIN sagen soll.

Aber das dürfen die nicht bejahen.
Genau. Da gibt es oft beschämende Momente. Vielleicht bringen die mal ein Umdenken in dieser Filiale.

Sie sitzen Ihr Leben lang im Rollstuhl. Womit wollten Sie später Geld verdienen, als Sie Kind waren?
Ich wollte Pilot werden. Da hat meine Mutter gefragt: Wie stellst du dir das vor? Ich habe geantwortet: Na ja, so wie immer: Du trägst mich rein und du trägst mich wieder raus (lacht). Sie hat mich in meinem Luftschloss gelassen. Es war wichtig, dass ich solche Träume selbst aufgegeben habe. Menschen mit Behinderungen wird oft so wenig zugetraut, statt dass man darauf setzt, dass sie selbst einschätzen können, was sie können und was nicht.

Gab es keine Träume, die Ihnen Ihre Mutter doch nehmen musste?
Ich war zu faul, mein Abitur zu machen. Da hat sie gesagt: „Hast du dir was anderes überlegt? Dir muss klar sein: Dachdecker kannst du nicht werden.“ Und damit hatte sie ja recht. Ich bin dann auf der Schule geblieben.

Schon, weil Sie reich werden wollten.
Ja. Ich dachte, dann kann man alles machen, was man will.

Hatten Sie denn das Gefühl, nicht alles machen zu können?
Zum Glück war in meiner Familie nie die Frage: „Oh Gott, wie machen wir das nur mit Raul?“ Sondern immer: „Wo geht’s hin? Raul mitzunehmen, wird schon klappen.“ Aber es gab Situationen, in denen ich mich gefragt habe, ob meine Eltern mich lieben. Meine Mutter hat zum Beispiel immer gesagt, dass ich mit 18 ausziehen soll. Im Nachhinein muss ich sagen, dass sie recht hatte. Sie hat mir damit zu verstehen gegeben, dass ich es schaffen kann.

Sie hat Ihnen auch ein Leben in der Fremde zugetraut.
Meine Eltern haben sich an einer Schule in Südamerika kennengelernt. Als meine Mutter mit mir schwanger war, erfuhr sie, dass ich behindert sein würde. Wir zogen nach Deutschland, weil hier die Versorgung besser ist, und sie studierte Medizin. Sie fand keine Stelle, und als ich neun war, gingen wir nach Kolumbien. Ich konnte kein Wort Spanisch, war ziemlich verloren, aber nach einem halben Jahr habe ich das hingekriegt. Dann fiel die Mauer, es gab wieder Stellen für Ärzte in Deutschland, und wir gingen zurück. Ich konnte in die Berliner Klasse, in der ich vorher war. Das war gut, denn das war Deutschlands erste inklusive Schule.

Ganz schön mutig, Ihre Mutter.
Stimmt. Gut war auch, dass sie mich anderen anvertraute. Ich kenne viele Eltern von Kindern mit Glasknochen, die ängstlicher sind. Meine Mutter hat immer gesagt: „Dann brichst du dir halt was.“

Ist das passiert?
Klar, schlimme Brüche. Ab dem hundertsten Bruch hört man auf zu zählen. Würde man versuchen, sich genauso selten etwas zu brechen wie Menschen ohne Glasknochen, müsste man abgeschottet leben.

Heilen die schnell?
Genau so wie bei Menschen ohne Glasknochen. Und gipsen konnte meine Mutter selbst, sie war ja Ärztin.

Waren Sie das einzige Kind mit Glasknochen in Ihrer Klasse?
Ja. Die Mehrzahl war nicht behindert, aber wir hatten bis zur sechsten Klasse ein Mädchen mit sogenannter geistiger Behinderung, in der siebten kamen Kinder mit Hörproblemen oder Lernschwierigkeiten. Es gab für uns aber keine Extrawurst. Ich wurde auch aus dem Klassenzimmer geschmissen, wenn ich zu laut war. Das ist Inklusion (lacht).

Haben Sie mal versucht, mit Ihrer Behinderung einen Vorteil zu bekommen?
Ja, einmal. Für den Englischunterricht sollten wir an einen imaginären Brieffreund schreiben. Ich dachte, die Lehrerin ist nah am Wasser gebaut. Ich habe geschrieben, dass ich jeden Tag traurig aus dem Fenster schaue und zusehe, wie meine Freunde Fußball spielen. Ich habe es wirklich übertrieben und bekam die beste Note. Was ich nicht bedacht hatte, war, dass ich vor der ganzen Klasse den Text vorlesen musste. Meine Mitschüler waren sauer, weil sie wussten, dass das nicht stimmt. Und meine Mutter war wütend. Ich habe mich furchtbar geschämt. Es war die einzige Eins, die ich jemals hatte.

Was haben Sie nach der Schule gemacht?
Zehn Jahre lang ein Studium absolviert, das auf neun Semester angelegt war (lacht). Damals kam meinem Cousin und mir die Idee für den Verein Sozialhelden. Ich hatte die Zivis immer aus meinem Freundeskreis rekrutiert. Als alle studierten oder zu alt waren, haben wir über Radio Fritz ein Casting gemacht, Deutschland sucht den Super-Zivi. So kamen wir auf die Idee, soziales Handeln mit Spaß zu verbinden.

Wovon lebten Sie damals?
Ich habe Websites programmiert und brauchte nicht viel zum Leben, 300, 400 Euro. Mit dem Verein ging es nicht um Reichtum. Wir wollten uns engagieren, das sollte sich aber tragen. Das war Social Entrepreneurship, ohne dass wir wussten, was das ist.

Wovon leben Sie jetzt?
2010 habe ich ein Stipendium für Sozialunternehmer bekommen und aufgehört zu arbeiten. Die vergangenen Jahre konnte ich so Wheelmap vorantreiben.

Was ist das?
Die Idee von einem Freund, der keinen Bock mehr hatte, sich mit mir immer im selben Café zu treffen. Es war das einzige, das ich kannte, das rollstuhlgerecht war. Wir haben eine Landkarte programmiert, in die jeder barrierefreie Orte eintragen kann. Wir waren eine der wenigen Apps mit einem sozialen Aspekt. Und gegen Behinderte darf eh niemandwas haben – also hatten wir schnell Aufwind. Tja. Eigentlich wollte ich nie Behinderung zum Thema machen. Ich fand das zu banal.

Wie finanziert sich das Projekt?
Durch Spenden und Fördergelder. Seit mein Stipendium ausgelaufen ist, bin ich selbständig, mache Lesungen, berate und gebe Workshops zum Thema Inklusion, Innovation, sowas eben. Aber viel darf ich eh nicht verdienen.

Warum nicht?
Es lohnt sich nicht. Ich brauche jeden Tag morgens und abends sechs Stunden Unterstützung – Hilfe, aus dem Bett zu kommen, beim Waschen, Anziehen, Essen-Zubereiten. Das Sozialamt bezahlt dafür 6000 Euro im Monat. Sobald du als Mensch mit Behinderung auf ergänzende Sozialhilfe angewiesen bist, gelten Einkommensregeln. Das bedeutet für mich, dass ich nur den doppelten Hartz-IV-Satz verdienen darf, also 700 Euro, und nur 2600 Euro Vermögen ansparen darf.

Das wird schwierig mit Ihrem früheren Wunsch, reich zu werden.
Alles darüber hinaus würde das Sozialamt zu bis zu 80 Prozent einziehen. Ich darf keinen Bausparvertrag abschließen, keine Lebensversicherung, keine Altersvorsorge betreiben außer Riester, die sich nicht lohnt, weil ich nicht weiß, ob ich bis 67 arbeiten kann. Erben darf ich auch nicht, das kassiert das Sozialamt. Wenn ich heiraten würde, würde das Geld meiner Frau eingezogen werden. Ich bin eine tickende Bombe für jede Frau.

Dafür zahlt die Allgemeinheit die 6000 Euro für Betreuung.
Da haben Sie recht. Aber Menschen wie ich sind doch das, was der Staat gerne hat: arbeits- und leistungsbereite Menschen mit Behinderungen, die kreativ sind und Arbeitsplätze schaffen. Gleichzeitig werden genau diese Menschen demotiviert, mehr zu arbeiten und mehr zu verdienen.

Es demotiviert Sie?
Natürlich arbeite ich trotzdem. Aber ich müsste mehr als 6700 Euro verdienen, um deutlich mehr als 700 Euro im Monat zu haben. Das ist unrealistisch. Menschen mit Behinderungen werden immer als Kostenfaktor gesehen. Aber: Ich bringe der Volkswirtschaft mehr, als ich koste. Ich habe das mal spaßeshalber mit meinem Steuerberater ausgerechnet. Nur dadurch, dass ich morgens aufgestanden werde, kann ich zur Arbeit bei Sozialhelden kommen. Dort habe ich acht Arbeitsplätze geschaffen, die nichts mit meiner Behinderung zu tun haben. Wir könnten gerne über 20 Prozent Beteiligung reden, aber 80 finde ich heftig. Besonders gemein finde ich, dass ich fürs Alter nicht sparen darf. Ich steuere direkt auf Altersarmut zu, ohne etwas tun zu können.

Das heißt, Sie arbeiten wie jemand ohne Behinderungen und haben ein Einkommen, als würden Sie gar nicht arbeiten.
Ja. Ich habe zwei Studien hinter mir, habe viel Berufserfahrung, bin seit zehn Jahren Chef und habe acht Angestellte. 700 Euro sind da ganz schön wenig. Mit meinen 60 Stunden Arbeit pro Woche bin ich weit unter einem Mindestlohn. Ich will nicht reich werden, aber 2600 Euro netto wären nett.

Wie wird das kontrolliert?
Ich muss alle drei Monate meine Konten offenlegen. Das ist ein krasser Eingriff in meine Privatsphäre. Die Kontrolle kostet mehr, als sie bringt. Die Regierung will sich dem Problem in dieser Legislaturperiode widmen. Das sogenannte Teilhabegesetz.

Das ist doch ein Anfang.
Ja, aber ich befürchte, dass die Politik sagt, „wir haben verstanden, 2600 sparen ist doof, wir erhöhen auf 4000 Euro“. Das ändert fürs Alter gar nichts. Das Fatale wäre: Das Thema wäre die nächsten zehn Jahre vom Tisch.

Geht es Ihnen wirtschaftlich trotzdem relativ gut im Vergleich zu anderen Menschen mit ihrer Behinderung?
Ja. Ich hatte viel Glück: Junge Eltern, Berlin als Großstadt, Schule und Uni waren rollstuhlgerecht, die Agentur, für die ich gearbeitet habe, hatte ein Fabrik-Loft im Erdgeschoss.
Ich erinnere mich an ein Gespräch mit meiner Mutter. Ich bewarb mich für ein Praktikum und stand vor der Frage: Schreibe ich in den Lebenslauf, dass ich behindert bin? Juristisch bin ich nicht dazu verpflichtet. Ich hatte Angst, dass sie mich deswegen ablehnen. Aber es ist gegenüber dem Personaler doof, wenn ich es nicht sage. Meine Mutter hat mir geraten, es so zu formulieren, dass ich von der Behinderung schreibe, aber auch alle Besonderheiten in meine Verantwortung nehme. So verhindert man Absagen mit Ausreden wie „Wir haben keine rollstuhlgerechte Toilette“.

Dann mussten Sie das auch selbst organisieren?
Ja, und es hat mich im Nachhinein nachdenklich gemacht, weil es ein unglaublich neoliberaler Ansatz ist, soziale Verantwortung zum Problem des Einzelnen zu machen. Es war ein netter Einstieg in die Berufswelt, aber ich würde nicht jedem empfehlen, die Probleme, die andere mit einem haben, selbst zu lösen. Das nervt auch viele Menschen mit Behinderung. Dass sie immer gute Laune verbreiten und den anderen ihre Ängste nehmen müssen.

Damit die nicht unsicher sind?
Ja. Auch bei mir war es meine Methode, durch Humor Menschen auf meine Seite zu ziehen. Das muss ich, weil ich auf ihre Hilfe angewiesen bin. Dass ich auch Zweifel und Ängste habe, wissen deshalb eher weniger Menschen.

Reagieren viele Menschen mit Mitleid?
Klar. Selbst wenn ich ein Arschloch wäre, würden die Leute mich nicht kritisieren, weil „der hat’s ja schon so schwer“. Ich kann Menschen mit Behinderung verstehen, die keinen Bock mehr drauf haben, Inspiration für andere sein. Zum Beispiel: Nur weil ich auf eine Party gehe, bin ich nicht besonders lebensfroh. Ich geh’ halt auf eine Party,wie jeder andere auch. Mein Rollstuhl hat damit nichts zu tun.

Jetzt aber ist Ihr Rollstuhl auch Ihr Markenzeichen.
Ja, aber ich muss auch zugeben, dass ich mich erst seit fünf Jahren bewusst mit dem Thema Behinderung auseinandersetze.

Warum?
Aus der Haltung heraus, dass auch nicht jede Frau sich für Frauenrechte starkmacht. Im Nachhinein würde ich sagen: Ich habe es verdrängt.

Wie hat sich das gezeigt?
Als ich bei Radio Fritz in die Arbeitswelt geworfen wurde, fühlte ich mich am Anfang schwach und wollte nie, dass meine Behinderung zur Last fällt. Ich habe lieber zwölf Stunden gearbeitet, ohne auf die Toilette zugehen, anstatt jemanden um Hilfe zu bitten. Ich habe lieber vor einer verschlossenen Tür gestanden und gewartet, statt jemanden zu fragen, ob er mir aufmacht.

Wann hat sich das geändert?
Mit der Wheelmap und meiner Diplomarbeit. Da habe ich gemerkt: Meine Erfahrungen haben viele gemacht. Und ich habe gelernt: Was immer fehlt, ist Normalität. Es heißt immer: Er wird trotz Rollstuhl Internetkonzepter. Dabei sagt niemand: Er wird trotz seiner blonden Haare Internetkonzepter.

Heute verdienen Sie Ihr Geld mit Projekten, die Menschen mit Behinderung das Leben erleichtern.
Ja, dabei wollte ich nie ein Berufsbehinderter sein. Auch heute finde ich es schwierig zu unterscheiden: Verbindet uns unsere Behinderung oder sind es gemeinsame Interessen? Frauen sind ja auch nicht automatisch Freundinnen, nur weil sie Frauen sind. Ich wurde schon häufig gefragt: Mein Nachbar sitzt auch im Rollstuhl, kennen Sie den? Äh… nein.

Ihr Rollstuhl sieht im Übrigen sehr speziell aus. War der teuer?
Der hier hat 12 000 Euro gekostet. Aber nicht, weil er so besondere Technik beinhaltet, sondern weil die in kleiner Stückzahl produziert werden.

Und Sie investieren zusätzlich.
Ja, den Rollstuhl bezahlt die Krankenkasse. Aber da ich ihn tagtäglich benutze, versuche ich schon, damit mein Leben angenehmer zu gestalten. Zum Beispiel kann ich mein Smartphone daran aufladen.

Und Sie haben ihn schneller machen lassen – dürfen wir das überhaupt fragen oder outen wir Sie als Verkehrssünder?
Also… Er fährt schneller als das Standardmodell.

Wie viel schneller?
In Deutschland darf man sechs fahren, der hier fährt zehn.

Wollten Sie flotter unterwegs sein?
Nee, aber mir hat der Rennmodus gefehlt. Ich war so schnell wie normal Laufende, aber die konnten rennen, wenn der Bus kommt, das wollte ich auch. Jetzt ist der Rollstuhl ungefähr so schnell wie ein Jogger, und natürlich fahre ich immer so schnell, seitdem kommen mir Fußgänger langsam vor. Dann zeigen mir meine Assistenten einen Vogel, wenn ich sage: Komm, lass uns die zwei U-Bahn-Stationen laufen.

7 Enlightened Replies

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  1. frech und wahrhaftig wie immer, schrieb Bruno Boltzmann auf Facebook um 21:36

  2. Sans Harpei sagt:

    Ich lese hier schon seit einigen Jahren immer mal wieder still mit, jetzt ist der Zeitpunkt mal danke zu sagen. Habe viel über meinen persönlichen Umgang mit Menschen, die „Anders“ sind gelernt und reflektiert. Dein großartiger Humor ist da sicherlich ein Türöffner für ein so mit ängsten besetztes Thema. Rock’n’Roll!

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