Raul Krauthausen - Aktivist

#FragEinfach: „Bist du behindert oder was?”

Meine Begegnung mit den YouTube-Stars Simon @Unge und @MrTrashpack auf ihrem Longboard in Berlin.

Simon Unge, MrTrashpack und ichLetztens gab es auf Twitter einigen Stress: Der bekannte YouTuber Simon Unge antwortete auf den Tweet eines Freundes mit “Bist Du behindert?” und benutzte das Wort als Schimpfwort. Ein kleiner Shitstorm kam auf: Es wurde getwittert, gemeckert, sich entschuldigt – und am Ende verabredeten Simon Unge, MrTrashpack und ich uns in Berlin, um über die Themen Behinderung und Inklusion zu quatschen.
Unter dem Hashtag #FragEinfach konntet ihr online mitdiskutieren. Es entstanden zwei Sendungen – eine von Simon Unge, eine von MrTrashpack – in denen eine Menge eurer Fragen beantwortet wurden.

Aber es gab so viel Feedback, dass wir gleich mehrere Sendungen hätten drehen können. Deshalb gibt es jetzt hier Antworten auf einige noch offene Fragen von euch:

Was ist eine Behinderung?

Es gibt viele unterschiedliche Arten von Behinderungen. Einige Behinderungen sind ganz offensichtlich. Z.B. wenn ein Mensch im Rollstuhl sitzt oder einen Blindenführstock benötigt.
Andere Behinderungen sind nicht sofort sichtbar. Ob ein Mensch gehörlos ist, bemerkt man oft erst, wenn die Gebärdensprache verwendet wird. Auch psychische und kognitive Beeinträchtigungen sieht man nicht auf den ersten Blick. Schaut euch zu dem Thema mal das Video “Das erste Mal” an!
Einige Behinderungen hat man von Geburt an – wie z.B. das Down-Syndrom oder Glasknochen. Die meisten Behinderungen entstehen allerdings erst im Laufe des Lebens – nachdem ein Mensch einen Unfall oder eine Krankheit hatte. Ja genau, eine Behinderung und eine Krankheit ist nicht dasselbe! Behinderungen sind nicht ansteckend. Krankheiten hingegen manchmal schon. Behinderungen kann man meistens nicht “heilen”. Es wollen aber auch nicht alle Menschen mit Behinderung “geheilt” werden, weil sie sich nicht als “krank” empfinden. Meistens wünschen sie sich allerdings, dass die Umwelt behindertengerechter wird. Manchmal ist es nur eine einzige Stufe, die bewirkt, dass ein Mensch im Rollstuhl sich nicht mit seinen Freunden im Café um die Ecke treffen kann.

Kann man über eine Behinderung lachen?

Diese Frage kann man nicht einfach mit einem “Ja” oder einem “Nein” beantworten. Es macht nämlich einen Unterschied, ob man über jemanden oder mit jemandem lacht. Auch macht es manchmal einen Unterschied, wer den Witz macht. Ich kenne viele Menschen mit Behinderung, die sich untereinander leidenschaftlich gerne Behindertenwitze erzählen.
Über die Behinderung eines Menschen, den man nicht kennt und beispielsweise auf der Straße sieht, zu lachen, ist allerdings ein klares No-Go.

Wie ist es, wenn jemand behinderte Menschen beleidigt oder das Wort “Behindert” als Schimpfwort benutzt?


Manchmal wird das Wort “behindert” als Schimpfwort benutzt. Meistens denkt man dabei nicht darüber nach, was es wirklich bedeutet. Denn “behindert” zu sein ist ja eigentlich nichts schlimmes. Wenn man aber das Wort “behindert” negativ verwendet, können sich Menschen mit Behinderung verletzt fühlen.

Wie ist es, mit Behinderung zu leben?

Da ich meine Behinderung (Glasknochen) von Geburt an habe, kenne ich es nicht anders. Für mich ist es also Alltag, so wie meine Haarfarbe. Ich persönlich leide nicht an meiner Behinderung. Ich gehe nicht weinend ins Bett und wache auch nicht heulend auf, weil ich behindert bin. Es gibt aber Situationen in denen ich das Gefühl habe, dass ich nicht das machen kann, was ich machen möchte. So haben viele Gebäude oder U-Bahn-Stationen keine Aufzüge oder Menschen trauen mir Dinge nicht zu, die ich machen will. Dabei wissen die meisten Menschen mit Behinderungen sehr gut, was sie können und was sie nicht können – und werden erst durch Andere daran gehindert.

Was kannst du und was kannst du wegen deiner Behinderung nicht? Welche Nachteile (oder vielleicht auch Vorteile) hast du durch deine Behinderung?

Ich habe Glasknochen. Das heißt, dass meine Knochen schneller brechen als die der meisten anderen Menschen. Ich kann nicht laufen und brauche im Alltag Unterstützung von sogenannten Assistenten, die mir helfen.
Meine Behinderung hat auch “Vorteile”. So kann ich zum Beispiel im Kino und in der Bahn eine Begleitperson umsonst mitnehmen ;-)

Bist du auf deine Freunde oder Familie angewiesen?
Wie geht man zb aufs Klo?
Kann man mit dieser Behinderung alleine leben?

Ja, ich benötige nur für manche Bereiche meines Lebens Hilfe, zum Beispiel beim Duschen, auf Toilette und beim Anziehen. Dafür habe ich Assistenten. Meistens sind das Studenten, die neben ihrem Studium arbeiten und Menschen wie mich begleiten und unterstützen. Das heißt, ich sage ihnen, wobei ich Unterstützung brauche und sie helfen mir. Assistenten sind keine Eltern oder Pfleger. Ich bin ihr Chef. Ich gehe in’s Bett, wann ich es möchte!
Früher war ich stark auf meine Eltern angewiesen. Heute lebe ich selbstständig in einer WG in Berlin. Meine Mitbewohner haben keine Behinderung. Unser WG-Leben unterscheidet sich nicht von dem anderer WGs.

Bekommt man im Alltag (zum Beispiel auf der Straße, beim Einkaufen) Hilfe?

Wenn ich mal ohne Assistent unterwegs bin und Hilfe brauche, frage ich meistens Menschen die in der Nähe sind. Fast immer wird mir geholfen.

Wenn ihr irgendwo jemanden seht, der vielleicht eure Hilfe gebrauchen könnte, dann fragt einfach. Helft, nicht ungefragt. Wenn die Person eure Hilfe nicht benötigt, dann ist das auch ok und nicht unhöflich gemeint.

Wirst du oft in der Öffentlichkeit komisch angestarrt? Wie gehst du damit um?

Da ich ja immer im Rollstuhl unterwegs bin, glaube ich dass die “Behinderung” ständig irgendwie da ist. Meine Familie, Freunde/innen, Mitbewohner/innen und Kolleg/innen und ich haben sich daran gewöhnt. Als ich jünger war, hat es mich sehr genervt. Inzwischen ist es einfach Alltag. Ich kennen es ja nicht anders und ich habe mich daran gewöhnt. Manchmal merke ich, dass fremde Menschen auf der Straße oder bei Begegnungen unsicher und neugierig zugleich sind. Oft hilft es ihnen dann, wenn ich ihnen mit einem kleinen Witz oder lustigen Spruch die Angst nehme. Kinder dürfen bei mir fast alles fragen. Was ich da erlebe und empfehle, habe ich hier aufgeschrieben.

Wie oft und warum werden Menschen mit Behinderung diskriminiert oder gemobbt?
Was kann man dagegen tun, wie soll man reagieren?

In meiner Schulzeit wurde ich zum Glück nicht gemobbt. Aber ich weiß, dass es vorkommt. Mobbing ist ein wichtiges und ernstes Thema, dass nicht nur Menschen mit Behinderung betrifft, sondern jeden treffen kann. Meistens hat Mobbing nichts mit einem selber zu tun, sondern mit dem Verhalten der Menschen, die mobben. Wichtig ist, Mobbing frühzeitig zu erkennen und gemeinsam mit einer Person, der man vertraut, zu besprechen. Meist ist es leichter, wenn man sich Hilfe von anderen holt.

Sollten behinderte Menschen mit auf eine normale Schule? Oder wäre das für sie zu anstrengend für sie? :)

Ich bin fest davon überzeugt, dass alle Kinder egal ob mit oder ohne Behinderung in die gleiche Klasse gehen sollten. Das gemeinsame Leben von Menschen mit und ohne Behinderung, auch in der Schule, nennt man Inklusion. Die Erwachsenen diskutieren sehr viel darüber und versuchen, Strategien für die Umsetzung der Inklusion zu finden. Aus meiner Kindheit weiß ich aber, dass für viele Schüler Inklusion ganz selbstverständlich ist, weil sie einfach gemeinsam mit allen anderen lernen wollen. Ich bin gemeinsam mit Schülern mit und ohne Behinderung in eine Klasse gegangen.

Was können Menschen mit Behinderung machen, um „Nichtbehinderten“ die Scheu zu nehmen?

Ich finde nicht, dass es immer die Verantwortung von Menschen mit Behinderung ist, die Unsicherheit zu nehmen. Denn natürlich habe auch ich manchmal schlechte Laune und möchte nicht immer alles erklären müssen.
Auch Menschen, die keine Behinderung haben, können viel tun. Sie können z.B. fragen, wenn sie unsicher sind, ob sie helfen sollen und ganz normal mit ihnen reden. Menschen mit Behinderung sind auch Menschen und wollen nicht immer über ihre Behinderung sprechen müssen.

Würdest du mit einer behinderten Frau zusammen sein, wenn du sie lieben würdest?

Mir wäre es egal, ob meine Partnerin oder mein Partner eine Behinderung hat oder nicht. Wichtig ist einfach, dass man sich liebt und gerne Zeit miteinander verbringt. Mit ein bisschen Fantasie und Kreativität ist fast alles möglich.

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