Raul Krauthausen - Aktivist

Zwischen Wolfsmädchen und Dschungelcamp

Als ich vor einigen Wochen ins Büro gekommen bin, lag eine Zeitschrift auf dem Tisch. Überschrift: "Das Schicksal des Wolfsmädchen", dazu ein Bild von einem Mädchen mit starker Gesichtsbehaarung. Man muss dazu sagen, dass das Boulevardmagazin von der ganzen Aufmachung her nicht gerade als seriös durchgehen würde, aber trotzdem las ich mir die Geschichte von dem Wolfskind durch (ein Ausdruck, den man angeblich "seit dem Mittelalter" sagt), dass ein ganz normales Leben in Indonesien führen will. Unweigerlich musste ich an die Freakshows aus dem Mittelalter denken, die auch heute noch manchmal für einen Witz in Comic-Sendungen wie den Simpsons herhalten. Aber das Mittelalter scheint noch lange nicht vorbei, sondern der Jahrmarkt wurde nur durch einen Fernseher oder eine Zeitung ersetzt. So schreibt auch Rebecca Maskos in einem Artikel auf Leidmedien.de über die mediale Weiterführung der Freakshow:

Einige körperliche Besonderheiten wurden in den Freak-Shows überzeichnet dargestellt, zum Beispiel, wenn ein auffällig pigmentierter Mensch zusätzlich geschminkt und so aus ihm der "Leoparden-Junge" wurde. Solche Vermischungen von Mensch und Tier waren üblich, oft gab es einen "Dogfaced Boy", – einen "hundegesichtigen Jungen" –, oder einen "Affenmenschen". Neben der bloßen Ausstellung ihrer Andersartigkeit zeigten die Freaks ganz normale Tätigkeiten wie eine Zigarette anzuzünden oder einen Brief zu schreiben – taten dies aber zum Beispiel mit den Füßen, weil ihnen die Arme fehlten. [...] Elemente der Freakshows, der Kuriositätenkabinette oder der Hofnarren kann man auch in heutigen medialen Darstellungen behinderter Menschen wieder entdecken. Was der Freak Show-Direktor früher machte, erledigt heute der Trailer im Boulevard-Fernsehen. Die moderne Freakshow ist der TV-Beitrag oder der Printboulevardbericht über einen behinderten oder "kranken" Menschen, der aber doch erstaunliche Dinge leistet und überraschend "normal" lebt.

Mediale Verlagerung

Besonders dieses "normal" Leben ist für viele TV-Produzenten der Mehrwert einer Geschichte, warum man daraus auch eine ganze Sendereihe machen kann. So startete Sat.1 jetzt "Die große Welt der kleinen Menschen", in der kleinere Menschen bei ihrer Arbeit gezeigt werden. Dabei wird zwar auf die Benny-Hill-Musik verzichtet, was der Spiegel noch positiv herausstellt, aber an anderer Stelle kommt dann doch wieder Musik, die an den Soundtrack von "7 Zwerge" erinnert, als drei kleine Männer im Wald arbeiten.

Im Büro haben wir darüber diskutiert, warum sich Menschen für Sendungen wie "Die große Welt der kleinen Menschen" hergeben. Eine Antwort hatten wir nicht gefunden, aber es gab die Vermutung, dass sich die Menschen noch nicht mal bewusst sind, wie sie in einem Beitrag dargestellt werden. Vielleicht wollten die Menschen wirklich nur zeigen, wie sie arbeiten, aber dass danach irgendwelche "witzige" Musik dazugemischt wird, verändert sich die Tonalität des Beitrags. Es ist auch nichts Neues, dass Scripted Reality die Menschen anders darstellen lassen kann, als sie es wollen.

Aus eigener Erfahrung

Eine kleine Kostprobe habe ich auch vor ein paar Wochen bekommen, als die BILD in einem Beitrag auch mich erwähnt hatte. Unter der Überschrift "Wie man über Menschen mit Behinderungen richtig berichtet" wurde auch ich als Aktivist dargestellt, der angeblich Behindertenwitze sammelt, die dann in einer Top 5 zum Besten gegeben wurde. Es ist zwar toll, dass sich die BILD dem Thema Berichterstattung bzw. Umgang mit Menschen mit Behinderungen annimmt, aber genau aus dem Grund ist dann auch die Witzesammlung fehl am Platz. So lustig auch manche Witze sind, hat es auf der Seite erst mal nichts zu suchen, wenn man doch eigentlich Respekt fördern möchte. Oder?

Es steht natürlich auch jedem Behinderten frei, sich im Fernsehen oder sonst wo lächerlich zu machen, beispielsweise bei dem Dschungelcamp oder dem größten Showtalent mitzumachen, aber dafür müsste der Dschungel vielleicht erst mal barrierefrei sein, und die Protagonisten müssen sich bewusst darauf einlassen.

Denn getreu der neuen Aktion "Zeichen setzen" der Aktion Mensch bedeutet für mich Inklusion: auch das Recht haben, Rinderhoden im Dschungelcamp zu essen.

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

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