Lieber Politiker statt THWler

Es hat nur fast ein Jahr gedauert und schwups wurde die Veranstaltung "Menschen mit Behinderungen" im Deutschen Bundestag wiederholt. Nur zur Erinnerung: Im Oktober 2011 wurden 300 Behinderte zu der Veranstaltung wieder ausgeladen, weil sich zu viele Rollstuhlfahrer angemeldet hatten.

Gemeinsam mit den Satire-Magazin Extra 3 hatten wir auf diese kuriose Situation hingewiesen. In dem damaligen Ausladungsschreiben stand aber schon das Versprechen, dass die Veranstaltung wiederholt wird – aber nur auf Einladung.

Einer der Auserwählten

Ich hatte also Glück, am 26. und 27. Oktober zu den "Auserwählten" zu gehören. Es trafen sich 300 Menschen mit Behinderungen in Berlin, die "Experten", wie sie später von Politikern genannt werden würden. Schon auf dem Weg zum Bundestag habe ich mich über die ganzen Wagen vom Technischen Hilfswerk (THW) gewundert. Es ist zwar nichts Außergewöhnliches, dass mehrere Besuchergruppen durch den Regierungssitz tanzen, aber während der feierlichen Ansprache vom Bundestagspräsidenten Norbert Lammert bin ich fast aus dem Sitz gefallen: Die fast 100 THWler waren für uns circa 70 Rollstuhlfahrer da. Im Falle einer Evakuierung hätte ich also 1,4 für mich gehabt, die mir irgendwie geholfen hätten. Denn im Brandfall bin ich ja total hilflos und so – das hat mir der Brandschutz schon oft genug gesagt.

Politiker? Fehlanzeige

Um das spannende Ende vorweg zu nehmen: Es brannte nicht, und die THWler saßen mit in den Ausschüssen, in denen wir über Behindertenpolitik im Zusammenhang mit Wirtschaft, Infrastruktur, Gesundheit, Europa etc. diskutierten. Auch wenn die Diskussionen und die Vorstellungen am Ende des zweiten Tages gut waren, habe ich etwas vermisst: die Politiker. Ich fühlte mich, als ob man (B)Eulen nach Athen trägt und sich Behinderte untereinander austauschen, aber es von Abgeordneten nicht gehört wird.
Zum Schluss haben zwar alle Fraktionsvertreter versichert, dass sie die Ergebnisse der Arbeitsgruppen in ihre Parteien tragen werden, nur glaube ich nicht so recht daran. Ich hätte mir im Bundestag mehr Politiker als THWler gewünscht, um mit ihnen über die Behindertenpolitik zu diskutieren und nicht mit anderen Betroffenen, die die Probleme ja kennen.

Keine neuen Ergebnisse

Während der Veranstaltung hatten ich und auch ein paar andere Gäste schon das Gefühl, dass wir Behinderten für ein paar gute Bilder hergehalten haben und die Veranstaltung nur ein Ventil für uns "Experten" sein sollte. Denn die Ergebnisse sind nicht neu. Ob es um besseren Zugang zum Arbeitsmarkt, mehr Geld für inklusive Schulen oder Subventionen für den barrierefreien Bau geht, das sind für viele Teilnehmer keine neuen Notwendigkeiten.

Nur ein Teilerfolg

Die Veranstaltung im Bundestag war für mich nur ein Teilerfolg. Wenigstens waren jetzt – im Gegensatz zu 2011 – Menschen mit Behinderungen schon mal im Bundestag, aber das nächste Mal hoffentlich auch zusammen mit Politikern! Und bis dahin muss man wohl auch ein bisschen an der Politik vorbeiarbeiten, um Barrieren abzubauen. So haben die Sozialhelden gemeinsam mit Bergfürst am Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen die Spendenaktion "Tausendundeine Rampe für Deutschland" gestartet, um so viel Geld wie möglich für kleine Barriere-Überbrücker zu sammeln. Vielleicht spenden ja auch ein paar Politiker.

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.



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