“Disability Burn-out”: internalisierter Ableismus und seine Folgen!

Raul Krauthausen mit geschlossenen Augen vor einer schwarzen Wand

Eine Behinderung kann stressen, manchmal Burn-out auslösen. Oft spielt der eigene internalisierte Ableismus dabei eine große Rolle – also der Druck, sich über Leistung und Funktionalität eine Daseinsberechtigung verschaffen zu müssen. Dies kann ein ganzes Leben beherrschen.

Alles fing an mit einem Autounfall. Aus dem Nichts ein Aufprall, die große Panik im Moment und dann die Erkenntnis, überlebt zu haben. Doch mit der “Heilung” ist es eine heikle Angelegenheit, denn die geschieht nicht von selbst; sie ist harte Arbeit, die mich zuweilen verzweifeln lässt.

Seit einigen Monaten beschäftige ich mich notgedrungen fast ausschließlich mit meinem Körper und mit mir. Ich bin regelmäßig in Krankenhäusern, und je länger ich drin bin, desto mehr Diagnosen werden es: 

Vierfache Beinfraktur, Schlafapnoe, Schwerhörigkeit.

Ich fühle mich wie in einem Kaninchenbau

Ein verzweigter Tunnel, der scheinbar kein Ende hat. Ich merke, wie ich vom Ausgangspunkt des Beinbruchs abschweife und mich mit immer neuen Diagnosen beschäftige. Was droht mir am Ende dieses Höhlengangs? Ein Disability Burn-out, ein Zustand der körperlichen oder emotionalen Erschöpfung, der teils durch meine Behinderung, teils durch meinen internalisierten Ableismus verursacht und verschlimmert wird. 

Das ist keine unrealistische Erwartung. Die Warnzeichen sind bereits da: Ich bin immer schneller erschöpft. Das merke ich an meiner zunehmenden Schwierigkeit, mich zu konzentrieren oder Prioritäten zu setzen. Ich komme nicht mehr in Gang und bewege mich wie in einer Abwärtsspirale aus Behinderung, Krankheit, Erschöpfung, Untätigkeit und eigenen Vorwürfen. So wird mein Zustand immer schlechter. 

Zwei Punkte spielen dabei eine besonders große Rolle. Mein Körper und mein Geist. Mein Körper hat eine Behinderung und durch diese Behinderung war der Unfall, den ich erlebt habe, lebensgefährlich. Ich habe ein geringes Gewicht und fragile Knochen. Der einzige Grund, wieso ich überlebt habe, ist, dass zwischen SUV und mir mein Rollstuhl war, den der Aufprall zuerst getroffen hat. Doch die Folgen waren weitreichend. Mein linkes Bein wurde zertrümmert und ich habe wochenlang unter großen Schmerzen im Bett gelegen. Bereits mein Unfall im November letzten Jahres war folgenschwer. Damals bin ich eine hohe Bordsteinkante, die nicht gut gekennzeichnet war, hinuntergestürzt. Ebenfalls eine lebensgefährliche Situation, die mich “zum Glück nur” mein Gehör auf dem rechten Ohr gekostet hat. Mein Körper ist nicht so robust und widerstandsfähig, wie ein Körper ohne Behinderung. Und die zusätzlichen Gebrechen häufen sich langsam aber sicher. Sie schwächen mich und machen mich mürbe. 

Der andere Teil der Gleichung ist mein Geist, und Bestandteil davon mein internalisierter Ableismus. Ich als behinderter Mensch habe verinnerlicht, dass mein gesellschaftlicher Wert an meine Leistung und meine Funktionalität geknüpft ist. Auf Behinderung wird geblickt, als sei sie etwas Schlechtes, als wären wir Menschen mit Behinderung eine finanzielle und seelische Last für Familie, Umfeld und Gesellschaft. Umso mehr versuchen wir unsere Daseinsberechtigung zu erlangen, indem wir Leistung erbringen, Dinge alleine schaffen. Wir funktionieren oft über unsere eigenen Grenzen hinaus, um mit nicht-behinderten Menschen mitzuhalten. Wir fühlen uns permanent auf dem Prüfstand und sehen uns in der Bringschuld, unsere Behinderung vergessen zu machen. Das ist für uns körperlich und seelisch anstrengend und gibt uns eine weitere Aufgabe, an der wir uns abarbeiten. 

In Kombination sind diese beiden Aspekte geradezu fatal. Denn je weniger mein Körper leisten kann, desto schwerer wiegt der ableistische Druck auf meinen Schultern, zu funktionieren. Ich versuche immer verzweifelter, meine Defizite auszugleichen und ignoriere immer entschiedener alle Warnsignale bei meinem Marsch über meine eigenen Grenzen. 

Oft frage ich mich, was ich tun soll. Ich bin ein ambitionierter Mensch, der sich gerne Ziele setzt. Früher haben sie mich beflügelt, heute habe ich Angst vor ihnen. Denn ich kenne mich und ich kenne den Ableismus in mir. Wenn ich ein Ziel habe, arbeite ich noch härter, um es zu erreichen. Doch ich weiß tief in mir drin, dass das Ziel, dem ich mich nähere, nicht das Ergebnis meines Projektes ist. Auf dem schwarz-weiß gekachelten Banner, das langsam aber sicher auf mich zukommt, steht in großen Buchstaben das Wort BURNOUT. 

Meine gesundheitlichen Probleme, gepaart mit der Tendenz, meine Diagnosen zu überspielen, haben also ihren Preis

In dem Artikel Why People Hide Their Disabilities at Work (Warum Menschen ihre Behinderungen am Arbeitsplatz verheimlichen) haben die Autorinnen der Harvard Business Review das Burn-out-Problem, das durch das Verbergen von Behinderungen verursacht wird, mit der folgenden Einleitung brillant zusammengefasst:

“Wenn Sie eine Behinderung verheimlichen, wird der Alltag (…) zu einer viel schwereren Last. Sie leben in der Angst, entdeckt zu werden. Sie machen Überstunden, um Ihr wahres Ich zu verbergen.”

Menschen, die ihre Behinderung verbergen, sind mit zweifach höherer Wahrscheinlichkeit ängstlich und fühlen sich mit vierfach höherer Wahrscheinlichkeit isoliert. Dies trägt zur Überlastung bei und kann die Burn-out-Waage zum Kippen bringen. Hinzu kommen finanzielle Zusatzbelastungen. Viele Dinge wie Hilfsmittel oder Mobilitätsangebote müssen behinderte Menschen selbst oder überteuert bezahlen. Auch barrierefreier Wohnraum ist oft kaum erschwinglich. Diese versteckten Extrakosten, die eine Behinderung mit sich bringt, werden in der Community als „crip tax“, „crip costs“ oder „crip time“ – also “Krüppelsteuer”, “Krüppelkosten” oder “Krüppelzeit” bezeichnet. Schnell summieren sich so die erforderlichen Ausgaben und können zu zusätzlichen Sorgen führen. Besonders dann, wenn man in ständiger Angst lebt, seinen Job zu verlieren und sich Alltags-notwendige Utensilien gar nicht mehr leisten zu können.

Es ist ein Versteckspiel ohne Gewinner*in. Man hat die Illusion an eine Leistungsfähigkeit aufgebaut, die man nicht ohne körperliche und/oder seelische Kosten aufrechterhalten kann. Aber es ist schwer, zurückzurudern, die Maskerade aufzudecken und zu erklären, dass man in Wirklichkeit eine Behinderung hat, sich über seine Grenzen hinaus kaputt geschuftet hat und nun weniger leisten kann. Ableismus ist brutal und es tut weh, ihn auszuhalten. Die Gesellschaft erwartet ja recht wenig von Menschen, die eine Behinderung haben. Sie vorurteilt schon von sich aus, dass wir kaum Leistung erbringen oder gute Arbeit verrichten können. Natürlich ist da der Ansporn eines behinderten Arbeitnehmers*einer behinderten Arbeitnehmerin groß, diese Vorurteile zu widerlegen. Man versucht, sich selbst zu beweisen, dass man gut, stark und tatkräftig ist und einen wertvollen Beitrag für das Unternehmen leistet. Und wenn man dann einknickt und das negative Vorurteil vermeintlich bestätigt, ist es ein vernichtendes Eingeständnis. Nicht nur für die Selbstachtung, sondern auch aus solidarischen Gründen mit anderen behinderten Menschen. Was ist, wenn das Unternehmen jetzt in Zukunft keine weiteren Menschen mit Behinderungen einstellt, weil ich das negative Bild bestätigt habe, das ich eigentlich widerlegen wollte? 

Die Last auf den Schultern von behinderten Arbeitnehmer*innen ist gewaltig

Ich würde so weit gehen und sagen, dass jeder erwerbsfähige, irgendwo angestellte Mensch mit einer Behinderung im Hinterkopf die Angst hat, wegen einer Verschlechterung seines Zustands einen guten Arbeitsplatz zu verlieren. Noch größer wird der Schlamassel, wenn Menschen mit Behinderungen gering bezahlt in Teilzeit arbeiten oder in Werkstätten für behinderte Menschen beschäftigt sind. Wenn man in einem solchen Job steckt, der einen nicht sieht und in dem man sich mangels Alternativen gefangen fühlt und es keine Lernmöglichkeiten oder Aufstiegschancen gibt, kann das ebenfalls Stress erzeugen, der wiederum zu Burn-out führen kann.

Auch ständig „um Hilfe bitten“ ist ätzend und kann zu einem Burn-out beitragen. Ich merke, dass ich weniger nach Hilfe frage, wenn es mir nicht gut geht. Dadurch fühle ich mich schlussendlich jedoch noch hilfloser und mein Selbstvertrauen sinkt, was wiederum zu einem Aufflackern meines Impostersyndroms führen kann: ein Gefühl von massiven Selbstzweifeln bezüglich der eigenen Leistung. Dieser “Reliance-Burn-out” kann bewirken, dass Menschen mit Behinderungen glauben, sie wären den Anforderungen ihres Arbeitsplatzes oder ihrer täglichen Lebensaktivitäten nicht gewachsen. 

Der Weg aus diesem Dilemma ist eigentlich klar: konsequenter Anti-Ableismus

Aber er ist schwer. Er bedeutet radikale Akzeptanz von dem, was ist – körperlich und seelisch. Somit zwingt er einen, die eigenen Grenzen zu sehen, zu ziehen und zu halten. Es geht darum, sich selbst vor der ableistischen Idee zu beschützen, dass der eigene Selbstwert an Leistung geknüpft ist. Und er verlangt Offenheit – Sprache. Denn ein großer Teil des internalisierten Ableismus besteht aus Scham. Und Scham wächst im Unausgesprochenen, und verschwindet erst dann, wenn wir Worte für sie finden. Es ist harte Arbeit, aber die lohnt sich – bestimmt. 

Denn solange ich Vollgas gebe, mache ich nie die Erfahrung, dass ich auch mit geringerer Geschwindigkeit ans Ziel komme. Und solange ich mich gegen die Realität wehre, dass ich auf Hilfe angewiesen bin, wird es jedes Mal ein Kampf sein, um etwas zu bitten.

Ich glaube, ein erster Schritt ist, ein altes Sprichwort zu beherzigen:

„Das Perfekte ist der Feind des Guten.“

Voltaire

Indem ich das Gute nicht als genug anerkenne und immer noch mehr leisten will, brenne ich beim Spurt auf den letzten Metern zwischen Gut und Perfekt aus. 

Ich würde gerne herausfinden, was passiert, wenn ich nicht mehr meine ganze Energie fürs Abarbeiten an meinem internalisierten Ableismus verpulvere. Der nervt nämlich. Der will mir weismachen, dass ich nur etwas wert bin, wenn ich Dinge leiste oder alleine schaffe. Ich habe die Antwort noch nicht. Aber ich vermute, ich hätte dann mehr Zeit und Raum für Dinge, die mir nicht nur Energie ziehen, sondern auch zurückgeben. Und da gibt es einige Sachen, die mir da einfallen würden: Mehr Zeit mit Freund*innen oder meiner Partnerin verbringen, lecker essen, erholsam schlafen, einen Film schauen, Spazieren fahren. Wäre doch schön, das herauszufinden, oder?



22 Antworten zu ““Disability Burn-out”: internalisierter Ableismus und seine Folgen!”

  1. Von Herzen danke ich Dir Raul für diesen Artikel. Als etwas gealterter Aktivist, der aufgrund seiner Behinderung schon seit gut 60 Jahren auf viel Unterstützung angewiesen ist, erlebe ich Ähnliches wie Du. Deine wunderbare Beschreibung des verinnerlichten (internalisierten) Abelismus, möchte ich noch um einen Aspekt ergänzen: in mir regt sich der Abelismus in letzter Zeit mit der Frage: hab ich für die Behindertenbewegung und für ein selbstbestimmtes Leben genug getan? Kann und darf ich ein mir anvertrautes (Ehren-) Amt in diesem Zusammenhang vorzeitig verlassen? Bin ich noch hilfreich genug, wenn ich (nur) noch die Aufgaben übernehme, die ich auch noch gut schaffen kann?

    Dein Artikel hat mir gezeigt, dass ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen darüber sprechen kann und muss. Danke, Raul!

  2. Vielen Dank, lieber Raul, für diesen Artikel. Was du beschreibst, hat mich sehr betroffen gemacht. So was von jemandem wie dir! Wie lächerlich sind dagegen die Gedanken, die ich mir mache, wo ich nur eine kleine OP am Fuß hatte… – Und ja, wir sollten uns alle immer ehrlich austauschen über das, was uns möglich ist und wo die Grenzen sind. Und jeder Mensch braucht Erholung.

    Mir hilft in kritischen Situationen am ehesten, in der Meditation den Irrtümern meines Geistes auf die Spur zu kommen und den „Quatschie“ auf der Schulter, der mir erklären will, wie die Welt ist, zum Schweigen zu bringen. Dann fällt mir leichter, zu erkennen, womit ich wirklich am meisten anderen helfen kann, und das auch zu tun. Das ist der Schlüssel, um mich wieder besser zu fühlen. Ich meine damit nicht mehr tun, sondern das beste. Und mich dann darüber freuen, was gut war.

    Ich wünsche dir in diesem Sinne gute Erholung und einen klaren Geist!

  3. von Herzen lieber Raul vielen Dank für deine klaren, wie immer scharfsinnigen und auch sehr offenen Worte!

    Ich habe seit 5 Jahren eine „erworbene“ Behinderung, Halbseitenlähmung, habe nach langem Überlegen mich entschlossen, wieder mehr in die Öffentlichkeit zu gehen. Ich bin jetzt Inklusionsbeauftragte der Stadt Radolfzell und dabei ständig in wachsamer Beobachtung von mir: Was löst mein Handeln aus, kann ich das energetisch händeln und wie kann ich Sinnvolles bewegen und dabei in meiner – reduzierten – Mitte bleiben. Der Weg des Yoga begleitet mich schon 30 Jahre und ist inzwischen mein Weg.

    Lieber Raul, ich wünsche dir körperlich Stabilität und einen wachen Geist und ganz viel Freude und Vergnügen!

  4. Lieber Raul,
    vielen Dank für diesen Artikel. Wow, ich habe keine Behinderung (wobei ich meine Hochsensibilität zeitweise so empfinde) und kann wahrscheinlich nicht annähernd nachvollziehen, wie es Dir geht. Aber es macht mich sehr betroffen. Und sprachlos. Ich habe unglaublichen Respekt vor Deinem Mut und Deiner Arbeit. Deinem Mut, Dich hier so offen zu zeigen. Ich empfinde das Leben oft schon als unglaublich kompliziert und eine riesen Herausforderung. Ich wünsche Dir ganz viel Kraft!

  5. Lieber Raul, ich bewundere schon seit Jahren deine Arbeit, dein Engagement und deine Energie – es macht mich traurig, dass du dich gerade so fühlst.
    Ich hoffe, es gelingt dir mehr Dinge zu tun, die gut für dich sind und dir neue Energie spenden.
    Ich drück‘ dir die Daumen!! Alles Gute –

  6. Lieber Raul!
    Sehr gern lese ich immer wieder Deine Artikel. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob du interesseirt an einem Ratschlag bist. Wenn nicht verwerfe es wieder.
    Ich lese gerade „Sprache ohne Worte“ von Peter A. Levine.
    Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es sehr wahrscheinlich sein kann, dass man nach so einem Unfall ein Trauma hat und es total wichtig ist, das zu behandeln. Der Körper und der Geist sind sonst die ganze Zeit damit beschäftigt diese Trauma unter Kontrolle zu behalten.
    Ich wünsche Dir alles Gute.
    Elisabeth

  7. Lieber Raul,

    Seit fast 7 ben jahren ? habe ich eine MS . Diese zwang mich dazu, nur eine Sache im Monat machen zu können, irgendwann schaffte ich es schon 1 mal die Woche mir etwas vorzunehmen, bis ich jetzt, jeden Tag so leben kann wie ich es mir wünsche. Diese Zeit hat mir sehr geholfen was ist mir wierklich wichtig zu tun und was lasse ich einfach liegen ?
    Es war gerade am anfang sehr hart ,aber ich bin mittlerweile eine ,,Meisterin“ in ,,Dinge sein zu lassen.
    Hab geduld mit Dir .
    Ich bewundere Dich für all das,was du schaffst auf die Beine zu stellst.
    Hut ab !

    Petra

  8. Lieber Herr Krauthausen,
    vielen Dank für diese Einblicke und Überlegungen. Das schöne Bonmot von Voltaire kannte ich noch nicht – befindet sich ab heute aber in meiner Sammlung kluger Einsichten.

    Herzliche Grüße

  9. Hallo Raul, ich bin schizo und inzwischen mehr oder weniger „draußen“, meine Verwertbarkeit ist ungefähr Null. Du hingegen bist ein Multiplikator und Orientierer, der sich der Mühe unterzieht, unsere Situation als Behinderte in dieser Gesellschaft zu analysieren und Deine persönliche Situation exemplarisch durchzuarbeiten. Das hilft sicher nicht nur mir weiter, was Du machst, ist, die überfällige Entwicklung anzuschieben, damit Inklusion nicht zum reinen Ettikettenschwindel mißrät. Das wird auch so bleiben, wenn Du nur halb so viel leistest oder mal Sabbat machst. Ich kann Dich gut leiden, Du hast das Herz am rechten Fleck. Sei gut zu Dir, geh liebevoll mit Dir selbst um. Und berichte uns gelegentlich davon, wenn es sich für Dich richtig anfühlt. Gute Besserung, bleib noch ein Weilchen unter uns. Raul tut gut. LG

  10. Lieber Raul, ich schätze so sehr was du tust, wie du schreibst und bin besonders bewegt von deinen tiefen Einblicken. Ich danke dir sehr dafür. Wäre es nicht ein Zeichen großer (Selbst)Liebe, wenn du dir eine Auszeit gönnen würdest, um deine Wunden zu heilen so gut es geht. Wenigstens eine kleine Auszeit, eine definierte Zeit. Was bräuchtest du dazu? Ich überdenke auf jeden Fall die Höhe meiner (Mini)-Unterstützung, aber vielleicht braucht es mehr und ein Crowdfunding wäre gut?

  11. Danke Raul – für deine offenen Worte!
    Ich kann das, was du beschreibst, genauso nachempfinden, auch wenn ich von anderen Enschränkungen betroffen bin.

    Es lässt mich mein eigenes, stetiges Ausbrennen hinterfragen. Und das Verzweifeln am Verzweifeln.

    Ich denke, dass du viele Menschen inspiriert hast, ob deines Tatendrangs und deiner Energie.
    Mir hat gestern eine kluge Frau gesagt, dass das Leben wie ein Puls oder eine Art Pendelbewegung sei. Es gibt Ausschläge – in beide Richtungen.

    Gib gut auf dich acht. Ich wünsche dir, dass du dir das nehmen kannst, was du brauchst zum gesunden.

  12. Lieber Raul,
    danke für deinen offenen Worte.
    Ich kenne den inneren Drang, es den anderen beweisen zu wollen, dass ich mindestens genauso leistungsfähig bin wie sie. Ganz egal, wie sehr mein Körper danach schreit, dass ich besser für seine Bedürfnisse sorge. Seine Grenzen akzeptiere. Und auch im Peer-Umfeld kenn ich viele Menschen, denen es ähnlich ergeht. Verinnerlichter Ableismus.
    Was mir hilft, wenn ich mal wieder in diese Falle getappt bin und – in meinem Fall – über Tage starke Rückenschmerzen habe? Dann entscheide ich, dass ich mir wieder mal die Zeit nehme, in mich hineinzuhören. Plane ein Zeitfenster dafür ein. Und lasse mich ganz bewusst darauf ein, meinen Körper zu spüren und mich zu befragen, wie es gerade um meine gesundheitlichen Bedürfnisse steht. Sorge ich grade gut für mich? Wenn nicht – wie kann ich jetzt in diesem Moment besser für mich sorgen? Was braucht es genau? Vielleicht ist es auch eine größere Sache, die sukzessive im Lauf von Wochen umgesetzt werden kann. In dem Fall finde ich es ganz wichtig, bewusst Zeitfenster für die Umsetzung einzuplanen. Damit die wertvolle Erkenntnis nicht wieder wegrutscht.
    Manchmal verfalle ich auch in ein Verurteilen, eine Härte mir selbst gegenüber, wenn ich merke, dass ich ja mal wieder nicht gut für mich gesorgt habe. Viel Erleichterung hat mir da die Methode des Selbstmitgefühls gebracht. Da gibt es viel Material zu, auch geführte Meditationen.
    Raul, ich schätze deine Arbeit sehr, bin dankbar dafür und tief bewegt von der Offenheit in deinem Beitrag. Ich bin mir sicher, das ist für manch eine*n eine Chance, in sich selbst zu blicken, zu erkennen und manches, was stark kräftezehrend ist, in seine Grenzen zu verweisen. Es ist wichtig zu wissen, dass wir nicht allein sind mit diesem Thema, sondern dass es ganz viele in unserer Gesellschaft betrifft.
    Liebe Grüße Gracia

  13. Hallo Raul

    Als Nichtbehinderte hat mich dein Blog sehr berührt , ich verstehe wie du dich fühlst . Denke du siehst das fasch , die Leistungen die du in deinem Leben erbracht hast hätte ein gesunder Mensch kaum erbringen können . Es ist einfach nur bewunderungswürdig .
    Der Beitrag der Behinderten zur Leistungsgesellschaft ist unbezahlbar und in vielen Teilen mehr wert als der Menschen ohne Einschränkungen . Bitte erkenne das endlich und setz dich nicht unter Druck .

    Liebe Gruße Gerda

  14. Lieber Raúl,
    ich verfolge deine Aktivitäten sehr gerne. Dieser Artikel aus dem Newsletter ist mit soviel Offenheit geschrieben, dass es mich sehr berührt.
    Du lässt uns Leser einen tiefen Blick auf dein Inneres werfen und insbesondere auch im Kontext als Mensch mit Hilfebedarf.
    Als Mutter eines 25 jährigen Sohnes mit einer schweren Körperbehinderung frage ich mich in letzter Zeit immer häufiger, wie es ihm geht oder besser gesagt, was in ihm routiert! Es hilft mir Zusammenhänge zu erkennen.
    Ich wünsche Dir weniger Stress, mache das Letztere, was du am Ende schreibst, nicht zu wenig. Du hast schon sehr viel argumentiert, gekämpft und plädiert, aber die Uhr der Umsetzer tickt einfach langsam ( viel zu langsam). Genieße das Leben 🌻. Herzliche Grüße
    Nicole

  15. Lieber Raul,
    genial deine Beobachtungen. Du sprichst mir wieder einmal aus der Seele, in vielen deiner Zeilen kann auch ich mich finden. Hinzu kommt für mich in den letzten Monaten mehr und mehr der Gedanke ob die „Behindertenarbeit“ das Betätigungsfeld sein kann um die (Lebens)situation und Teilhabechancen für Menschen mit Behinderungen zu verbessern? In meinem Arbeitsalltag mache ich immer häufiger die Erfahrung, dass sich die Situation von Menschen mit Behinderungen sich zunehmend verschlechtert und ich lediglich darauf reagieren, aber sie nicht wirklich beeinflussen kann. Dies trickert deine Beobachtungen für mich um so mehr.
    Liebe Grüße
    Oswald

  16. Das sind interessante Ansichten. Fast Alles trifft auch auf mich zu. Ich bin seit über 30 Jahren halbseitig gelähmt und habe eine entsprechende Krankengeschichte, Gut, dass du viele Probleme ansprichst, die auchviele Hemiplegiker kennen.

  17. … auch von mir viele gute Wünsche. Vielleicht ist mein Kommentar zu lang und klingt geschraubt, aber ich musste zwangsläufig viel darüber nachdenken und auch mir geht das Thema Leistung und Wert an die Nieren. Ich habe eine Sehbehinderung seit Kindheit (ja doch: trotz dicker Brille und OPs), die verkraftbar ist, aber sozial und beruflich immer wieder Schwierigkeiten bringt. Es geht aber auch vielen Nichtbehinderten ganz ähnlich wie Dir. Auf einer Demo von Pflegekräften in Essen sah ich kürzlich ein Schild „Come in and burn out“. Also stimmt doch einiges nicht, wenn sogar Systemrelevante ausgepowert sind und „nie genug“ tun. Oder, wie in anderen systemrelevanten Berufen, dazu noch schlecht bezahlt werden. Und ich als Hartz4-Bezieherin muss mir sowieso viele Vorurteile anhören (obwohl nicht alle draufhauen wollen, es gibt auch Freundlichkeit und Verständnis). So hätte ich z. B. laut Rehaberater viele Jahre „nichts gemacht“. Nichts, weil ehrenamtliche Arbeit und Minijob als Biolandwirtschaftshelferin und eine finanziell nicht tragfähige Kleinstselbstständigkeit eben keine sozialversicherungspflichtige Anstellung war. Null und nichtig also. Wertlos. Aber wie viele leistungslose Einkommen, Stichwort Erbe oder Ehe mit guter Partie, oder exorbitante Gehälter für bestimmte PC-Tätigkeiten sowie Berufspolitiker wie u. v. a. Herrn Sarrazin, Agenda-Kanzler Schröder, Frau von der Leyen als Tochter aus wohlhabendem Haus, ebenso Herrn Merz oder Herrn Lindner gibt es? Wie viele dürfen ihr Hobby zum gut bezahlten Beruf machen, haben also einfach Glück am Markt? Habt Ihr Bilder des Märchenschlosses vom working hero Donald Trump gesehen, in dem Land, in dem Krankenversicherung für alle und Sozialhilfe als feindlich-kommunistische Ideologie gilt? Es ist doch vieles absurd. Trotzdem wechseln sich auch bei mir Scham, Existenzangst, Erschöpfung wegen erfolgloser Bemühungen mit Wut und Empörung ab. Meine Erwerbslosigkeit liegt nicht nur an den Augen, das stimmt. Es gab in letzter Zeit nach einer Fortbildung auch Chancen. Aber zum Glück habe ich schriftlich, dass ich nicht aus Faulheit, asozialem Verhalten und Unfähigkeit versagt habe, wie es Hartzis gern unterstellt wird. Und Du dagegen hast gesundheitlich so viel mehr Schwierigkeiten als ich, und denkst trotzdem noch, dass Du zu wenig machst? Hallo?? Und wenn man schon beim distanzierten Blick auf das ganze Hamsterrennen ist: es kostet doch genauso jedes private Familienglück den Staat sehr viel Geld – was ich völlig ok finde, ich bin weder darauf neidisch noch auf Luxus. Es stimmt doch gar nicht, dass Angstellte oder erfolgreich Selbstständige den Staat oder andere nichts kosten, und da haben wir noch nicht mal über faire und umweltverträgliche Lieferketten gesprochen. Manche Leute merken nicht mal, wie viel sie von der Lebenskraft anderer wegnehmen! Und merkst Du, Raul, gar nicht, wie viel Du arbeitest und was Du die ganze Zeit gearbeitet hast? Und dürfen die Arbeitenden in den WfbMs gar nicht merken, wie wichtig und sinnvoll ihre schlecht entlohnte und oft geringgeschätzte Arbeit ist? Es gibt niemanden, der alles kann. Warum müssen z. B. auch Hauptschüler gegen Vorurteile ankämpfen, warum soll Abi und Studium immer besser sein sprich besser bezahlt werden? Es gab doch Studien darüber, wie produktiv und effektiv einige Arbeitsabläufe oder die 8-Stundentage wirklich sind. Und arbeiten, also tätig sein, was schaffen, mitmachen, nützlich sein, beteiligt sein, das will doch jeder. Und die einen wollen lieber körperlich arbeiten, die anderen lieber mit dem Kopf, andere mit beidem, auch das gleicht sich also aus. „Arbeit“ wurde aber zu einer Art heiligen Kuh und Konkurrenzkampf gemacht, von dem Existenz abhängt. Würde es weniger wirtschaftlichen Druck geben, mehr Verlässlichkeit der Existenzsicherung, nicht das ständige Nachfordern Antreiben Überfordern, weniger lange Arbeitstage, mehr Personal, mehr Ergonomie und Gesundheitsvorsorge am Arbeitsplatz, mehr Zeit für Familie, Freunde, Kindererziehung, Hobbys, mehr Ruhe in allen Abläufen und Erholungszeit zwischendurch im Alltag, dann müssten Krankenkassen weniger bezahlen und wir bräuchten kein Achtsamkeitstraining, Lachyoga und Urlaub. Vielleicht würde ein entspannterer Umgang mit Arbeit und Leistung schon helfen. Was gab es für Diskussionen als die Prügelstrafe an Schulen abgeschafft werden sollte, und heute ist sie undenkbar.

  18. Hallo, ich habe deinen Artikel gelesen, der mit so treffenden Worten dieses Dilemma beschreibt. Ich habe FreundInnen mit Handicaps und selbst öfter Selbstzweifel, wenn auch keine körperlichen oder seelischen (so weit ich weiss) Handicaps. Aber das Problem mit Leistung und Anerkennung, finanziell oder gesellschaftlich, hindert unsere Gesellschaft an einem gerechteren und entspannteren Miteinander, an einer Weltsicht, die nicht nur uns Menschen sondern auch unserem Planeten gut tun würde.
    Raul, du hast so viel Talente die uns anderen etwas geben. Ich danke dir von Herzen dass du uns teilhaben lässt und wir stückchenweise auch etwas klar stellen können. Danke!

  19. Lieber Herr Krauthausen,
    lieber Raul,

    vielen Dank für diesen Text. Wie Sie ist es immer wieder schaffen, mir die Augen zu öffnen, das ist schon was. Ich bewundere Ihre Arbeit schon lange. Und ich bewundere immer wieder, wie Sie es schaffen, komplexe Themen, Gefühle und Situationen in für mich (und ganz sicher auch viele andere Menschen) verständliche Texte zu übertragen.

    Ich wünschte, ich könnte Ihnen irgendwie helfen. So kann ich Ihnen nur wünschen, dass es Ihnen schnell(er) besser gehen wird und dass Sie es schaffen werden, (auch) den internalisierten Ableismus zu überwinden. Und ja, finden Sie es heraus! <3

    Liebe Grüße (auch an Ihre Partnerin)

  20. Lieber Hr.Krauthausen,
    nach 30 Jahren Vollgas ist die kognitive Einsicht da, dass es wohl um Anerkennung geht, wenn man einfach so weiter macht, aber damit im Widerspruch zu seiner aktuellen Leistungs- und Wertevorstellung steht. Wer will schon von Anerkennung anderer abhängig sein.
    Diese Art der leistungs-oder funktionsbezogenen Anerkennung will (und kann) ich nicht mehr, die damit verbundenen Verhalten aber zu ändern ist ein harter und unbequemer Weg mit Nein und Verzicht.
    Danke für ihre ermutigende Offenheit, die auch mit als nicht behinderten Menschen gut tut.

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