Behindert zu sein ist auch Arbeit!

Wisst ihr, ich finde behindert zu sein ist auch Arbeit. Was ich alltäglich für mein Leben mit Behinderung alles tun muss, bezahlt mir niemand und Anerkennung gibt es wenig. 

Es interessiert unseren Behördenstaat gar nicht, wie viel Aufwand es ist, dass ich immer wieder meine Behinderung nachweisen muss, als würde eine Spastik über Nacht verschwinden. Und so muss ich immer wieder Anträge stellen wegen der Assistenz, den Hilfeplan und Wochenplan schreiben, zum Beispiel wann ich aufstehe und meine Ziele für das Jahr festschreiben, als hätte ich kein Recht auf meine ganz eigenen persönlichen Ziele und Wünsche. Ich werde durch die Behörden überwacht und muss zum Beispiel die Kontoauszüge der letzten zwei Jahre kopieren und dem Amt offenlegen, als hätte ich ein Verbrechen begangen. Also telefoniere ich auch ständig mit den Behörden, lege Widersprüche gegen Leistungsbescheide ein und schalte auch mal Anwälte ein. Klar, wollen die wissen, ob ich mit den ganzen Pflegeleistungen gut umgehe. Also kommt alle drei Monate auch noch eine Pflegeberatung, die guckt ob ich geduscht bin. 

Ich will nicht mehr so durchleuchtet werden! Wenn ich keine Leistungen beziehen würde, müsste ich das alles nicht machen. Ich wünsche mir, dass die Behörden anfangen mir zu vertrauen. Ich weiß, dass das schwierig ist, aber ich möchte, dass damit auch mal Schluss ist.

Darüber hinaus muss ich auch meine Assistenzsachen regeln, das kann mir ja keiner abnehmen. Ich muss mit dem Assistenzdienst reden, neue Assistent*Innen einstellen, Assistent*Innen kündigen, kurzfristig Springer*Innen einarbeiten. 

Und all das noch nicht genug, muss ich gucken, dass alles Barrierefrei ist, wo auch immer ich hinrollen will. Ich muss mir Unterstützung für all das besorgen, und meinen Mitmenschen immer wieder erklären, dass ich gleichwertig wie ein Mensch ohne Behinderung bin. Und all das ist nicht mein Privatleben! In meinem Privatleben gehe ich mit meinen Freunden weg und schreibe Geschichten. 

Ich würde mir wünschen, dass es für all diese Extra-Aufgaben für Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft eine Aufwandsentschädigung gibt. Stattdessen wurde ich, wie viele andere, schon bei meiner Geburt als erwerbsunfähig eingestuft. Mir wurde nichts zugetraut und so wurde ich auch als geistig behindert beschult und die Lehrer hatten keine Zeit meine Stärken zu fördern. Was ich mir von der Gesellschaft wünschen würde, in der Zukunft, wäre, dass erst einmal genau hingeschaut wird, was für Fähigkeiten ein Mensch mitbringt. Ich wünsche mir, dass sich die Arbeits- und Schulwelt an diese Fähigkeiten anpasst, anstatt die Menschen in Raster zu pressen, denn dann hätten wir nämlich eine glücklichere Welt.

Ich habe mir meine eigenen Projekte aufgebaut, weil ich der Gesellschaft zeigen wollte, dass ich falsch eingeschätzt werde. Und ich liebe meine freiwillige Arbeit für die Welt. Ich finde meine Behinderung ist ein Geschenk vom Universum, denn so darf ich die Welt verändern, dass sie eine bessere wird, für alle Nachfahren.

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  1. Lieber Raul, Du hast schon Großartiges geleistet und ich erahne, wie hart Deine Kämpfe waren. Du kannst wirklich stolz suf Dich sein.
    Die Geringschätzung der Behörden sagt alles über sie aus, aber nichts über Dich!
    In diesem Sinne: Bleib so wunderbar, wie Du bist!
    Alles Liebe und Gute
    Patricia

  2. Lieber Raul,ich bewundere Dich schon sehr lange und Du sprichst mir aus Verstand und Seele.Woher ziehst Du diese Kraft?Ich bin manchmal schon nach einem Telefonat mit Behörden müde fix und fertig,weil ich immer wieder alles neu nachweisen muss.Mein Herz will das nicht mehr.Lass uns was an den Schikanen verändern!

  3. Hallo Raul, Du beschreibst genau wie die sogenannten Nichtbehinderten mit den anders artigen Menschen umgehen.
    Es ist dringend erforderlich, daß die sog. Nichtbehinderten eine Bewußtseinserweiterung durchlaufen. Denn auch wenn es hier explizit um Behinderte nach welchen Kriterien das auch festgelegt wird kann ich nur befürworten, daß die allgemeine Arroganz oder evtl. nur Unbeholfenheit, nicht Nachvollziehen können seitens der Behörden absolut Obsolet ist. Denn was ich dazu noch anmerken möchte ist in Erinnerung an meine Mutter, die trotz hohem Alter noch sehr gerne raus wollte in die Stadt wollte mit ihrem Rollator, diese katastrophalen Straßen Bürgersteige mit Schlaglöchern hohen schier unüberwindbaren Bordsteinen, zu kurze Ampelschaltungen für Fußgänger und fehlende Barrierefreiheit. Ebenso betrifft es diese viel zu schmalen Fahrradwege. auf denen sämtliche Gulideckel und sonstige Unebenheiten oder mitten auf dem Fahrradweg die Ampelmasten oder sonstige Hindernisse angebracht sind, dann später alsich meine Mutter im Rollstuhl fahren mußte, diese extrem abfallenden Bürgersteige, sodaß der Rollstuhl ständig zur stark befahrenen Straße hingezogen hat, ist ein Kraftakt für den Begleiter, der ja in der Regel auch nicht mehr jung ist.
    Lieber Raul ich habe in meinem Stadtrat schon mal die Empfehlung ausgesprochen, sich selbst mal gegenseitig im Rollstuhl bei höchstem Verkehrsaufkommen im Rollstuhl durch die Stadt zu bewegen, doch das ist wie man es ja von der Politik kennt im Sande verlaufen. Wichtig ist dabei daß die feinen Damen und Herren sich außerhalb der Fußgängerzonen bewegen, denn da ist es realistischer zu erleben mit welchen Hindernissen nur im Straßenverkehr Behinderte und Alte Menschen und auch die Radfahrer konfrontiert sind. Geschweige denn in Gebäuden und Wohnungen. Ich hoffe, Du hast viel Unterstützung und kannst dein Vorhaben voranbringen. Alles Gute

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