“Frührentner wär’ ich auch gern”

Eine Kolumnenserie: Wenn die Behinderung mit Vorurteilen kommt.

Mit 28 Jahren wurde ich zur Rentnerin. Nicht weil ich das wollte, sondern weil mich eine chronische Krankheit und die daraus resultierenden Einschränkungen dazu zwangen. In meinem Alter Rentner zu sein, führt im Alltag oft dazu, dass meine Mitmenschen mich dafür beglückwünschen, dass ich so viel Freizeit habe, häufig gefolgt von dem Kommentar: “Frührentner wär’ ich auch gern.” Das es für Menschen mit chronischen Krankheiten jedoch eher selten spaßig ist, schon in jungen Jahren krank zu sein und die Karriere aufgeben zu müssen, das verstehen die Wenigsten. Warum ich finde, dass sich niemand wünschen sollte Frührentner zu sein, das erfahrt ihr in der ersten Kolumne meiner Serie ”Wenn die Behinderung mit Vorurteilen kommt.”
Viele Menschen denken, als Frührentnerin könne man sich ein schönes Leben auf Staatskosten machen. Doch die meisten Frührentner führen sicher kein Leben im Luxus. Ganz im Gegenteil. Für viele von uns reicht die staatliche Erwerbsminderungsrente gerade zum Überleben. Derzeit bekommen Erwerbsminderungsrentner in Deutschland im Schnitt 716 Euro pro Monat. Mehr als Miete und Lebensmittel sind da nicht drin. Bei der Rentenberechnung wird auch nicht mit einbezogen, dass viele Menschen mit chronischen Krankheiten und Behinderungen erheblich höhere Kosten zu tragen haben, als gesunde Menschen, denn nicht jedes Hilfsmittel, jede Untersuchung, jeder Arzt, oder jede Therapie, die für die Lebensqualität wichtig sind, werden auch von der Krankenkasse als notwendig betrachtet. Dinge wie Urlaube oder Luxusgegenstände sind oft nur möglich, wenn Familie oder Freunde aushelfen, oder eine zusätzliche finanzielle Absicherung besteht. Mit Rente allein macht man keine großen Sprünge.
Genauso wenig heißt Frührente zu beziehen, dass wir kranken oder behinderten Menschen faul sind. Wir verbringen auch nicht den ganzen Tag mit Nichtstun. Menschen, die krank sind, haben einen Vollzeitjob: ihre Gesundheit. Telefonate mit Krankenkassen, Streitigkeiten mit anderen Versicherungsträgern, Reisen zu Arztterminen: all das kann die tägliche Energie aufbrauchen. Manche Rentner arbeiten in genehmigten Mini-Jobs, wenn sie können. Wieder andere sind Teil von Fernstudiengängen oder engagieren sich im Rahmen ihrer Kräfte sozial. Und wenn wir doch mal Tage im Bett verbringen, dann nicht weil wir wollen, sondern weil unser Körper uns dazu verdonnert. 
Rente bedeutet außerdem, abhängig zu sein. Während die meisten gesunden Menschen wenig Rechenschaft ablegen müssen, wird bei uns Rentnern immer wieder kontrolliert, ob wir denn auch wirklich noch krank genug sind. Vor jeder Aktivität, die mit Arbeit vergleichbar ist (auch gemeinnützige Tätigkeiten), muss vorher bei der Rentenversicherung um Erlaubnis gebeten werden. Und immer wieder wird deutlich gemacht, dass der Rentner seine finanzielle Unterstützung zu jedem Zeitpunkt verlieren kann. Als erwachsener Mensch abhängig vom Wohlwollen einer Stelle zu sein, die einem jederzeit und ohne große Begründung die Lebensgrundlage rauben kann, ist schwierig zu verkraften.
Oft höre ich auch, wie meine Mitmenschen von den “unzähligen Sozialschmarotzern” sprechen, die unser System ausnutzen und nur so tun, als ob sie nicht arbeiten könnten, weil die Rente so einfach zu bekommen sei. Das ist falsch. Fast die Hälfte aller Erstanträge von Erwerbsminderungsrente werden abgelehnt. Häufig kommt es nach dem Widerspruch zu einem Klageverfahren. Die Bearbeitungsdauer solcher Klagen kann Jahre dauern, währenddessen manche chronisch Kranken keinen Anspruch auf andere Leistungen haben. Ich selbst steckte drei Jahre in einem solchen Verfahren. Das Warten war jedoch noch das kleinere Problem. Fast fünf Jahre nach gewonnener Klage zucke ich noch jedesmal zusammen, wenn ich einen Brief von der Rentenversicherung im Briefkasten habe. Die vielen schlimmen Erlebnisse während des Prozesses wirken bis heute nach. Der Gedanke ein solches Verfahren noch häufiger durchmachen zu müssen – was wahrscheinlich ist – ist ein Albtraum.
Wir leben in Deutschland in einer Gesellschaft, in der jeder in ein System einbezahlt, das dafür gemacht ist, die Menschen zu unterstützen, die unverschuldet in Not geraten. Personen, die denken, es sei eine Verschwendung ihres Einkommens, weil sie selbst von dem System nichts haben, können sich glücklich schätzen. Denn offenbar haben sich diese Menschen bislang nicht in der Situation wiedergefunden, in der ihr Leben von der Empathie, Güte und dem Verständnis einer Gesellschaft abhängig ist, die denkt, berentet zu sein aufgrund einer Krankheit, wäre wie Urlaub. 

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