Gesunde Augen sind nicht alles

Immer wieder bin ich beeindruckt, was alles mit einer Einschränkung möglich ist. Da gibt es Fallschirmspringer im Rollstuhl, blinde Bergsteiger, blinde Fotografen und vieles mehr.

„Wieso machst Du das?“
„Da hast Du doch eh nichts davon“
„Du siehst das doch gar nicht“
„Wie willst Du da mitreden.“

Solche Fragen kommen vor, wenn ich Astronomie treibe.

Außer Sterne schauen, kann nahezu alles, was diese inklusive Wissenschaft zu bieten hat, ohne Augenlicht gemeistert werden.

Hier einige Beispiele aus meinen inklusiven Astronomie-Freizeiten:

Machen wir beispielsweise eine Tanzübung, welche die Umdrehung der Planeten um die Sonne veranschaulichen und erfahrbar machen soll, und haben wir einen Rollstuhlfahrer in der Gruppe, so ist dann einfach der Rollstuhlfahrer oder der geheingeschränkte Mensch die Sonne, der Mittelpunkt der Übung.

Sehbehinderte oder gar voll sehende Teilnehmende betrachten abends auf der Wiese liegend den Sternenhimmel, erzählen uns Blinden, was sie sehen, und malen im Anschluss aus der Erinnerung heraus die Sternbilder auf Spezialfolie auf, so dass sie für blinde Menschen tastbar werden.
Ein Blinder, der gut vortragen oder vorlesen kann, erzählt Geschichten zu Sternbildern, beispielsweise aus der griechischen Mythologie, oder liest sie den sehenden Sternguckern vor – wohlgemerkt im Dunkeln mittels Blindenschrift!

Einmal hatte ich eine Freizeit für Menschen mit multipler Einschränkung zum Thema „Laterne, Sonne, Mond und Sterne“. Da war jemand dabei, der nicht gut sprechen, nicht sehen, nicht gehen und auch sonst vieles einfach nicht bzw. nur sehr eingeschränkt konnte. Seine Welt war sehr klein. Nicht größer als der Radius seiner Arme um seinen Rollstuhl herum. Das Größte für ihn aber war, wenn er für uns den großen taktilen Globus drehen oder das Jahreszeiten-Modell kurbeln durfte. Auch das ist Inklusion am Himmel.

Keine Worte braucht es mehr, wenn mir am Anfang des Vortrages jemand mit progressiver Sehbehinderung sagt, dass er Astronomie deshalb aufgegeben habe. Und nach dem Vortrag sagte mir die Person: „Und es geht ja trotzdem“.

ADHS-Kinder werden ruhig, wenn sie auf einer Wiese den Sternenhimmel betrachten. 
Drei Zampanos hatte ich in einem Kinderworkshop an einer Brennpunktschule. Jeder wollte sich mit seinem Wissen brüsten. Sie redeten rein, liefen rum, machten Lärm etc. Ich rief alle drei zu mir an den Tisch und verteilte Aufgaben.
Der eine durfte taktile Materialien austeilen. Der zweite sammelte alles wieder ein und der dritte durfte am Laptop die Weltraumgeräusche bedienen.
Es funktionierte prächtig. Und vor allem verfügten diese drei über ein unglaublich hohes Wissen über Astronomie. Es ist absolut faszinierend, wie sie derlei in ihre Kinderwelt und Wahrnehmung einbauen.
Aber auch Veranstaltung mit Menschen ohne Einschränkung funktionieren. Mit meinen Tastmodellen, meinen vielfältigen Weltraumgeräuschen und kleineren Experimenten, wird sehr schnell klar, wie inklusiv die Astronomie nicht.
Beruhigend ist hier für Menschen mit Seheinschränkung, dass sowieso nur vier Prozent dessen, was sich im All befindet, sichtbar sind. Und dieses wenige versauen sich die Sehenden, indem sie unsere Nächte durch Kunstlicht aufhellen und damit nicht nur uns Astronomen ärgern, sondern auch die Tierwelt gefährden.

Jeder weiß, welch bahnbrechende Physik der große Astrophysiker „Stephen Hawking“ mit seiner Einschränkung getrieben hat.
Sagt man „trotz seiner Behinderung“ reduziert man einen der größten Physiker dieses Jahrhunderts auf seine Behinderung.
Der berühmte Johannes Kepler war stark seheingeschränkt. Aber auch ihn würden wir auf seine Einschränkung als epochalen Physikers des letzten Jahrtausends reduzieren.
Auch andere Hobbys sind in ähnlicher Weise inklusiv. man muss die Inklusion nur wollen.

« »
  1. Guten Morgen Gerhard Jaworek,
    besten Dank für Ihren Beitrag, auf den mich Raul Krauthausen freundlicherweise hinwies. Sie schreiben von „Zampanos“, die sich mit ihrem „Wissen brüsten“ wollten, und dann über Aus- und Sammelarbeiten und geordnetem Geräusche machen „zur Ruhe“ kamen.
    Was aber heißt schon „mit Wissen brüsten“? Es klingt irgendwie verwerflich, so, als müsse dies dringend gebremst werden – ich würde mich freuen, wenn Sie diesen Punkt näher erläutern wollten.
    Vielen Dank.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.