Grenzen überwinden: Zur Europawahl aus Sicht behinderter Menschen

Eine Behinderung setzt den Betroffenen und ihrem Umfeld Grenzen. Die Europäische Union (EU) steht für die Überwindung von Grenzen. Bei durchaus berechtigter Kritik an politschen Entscheidungen der EU ist sie selber gerade auch für Menschen mit Behinderungen wichtig.
Wer alt genug ist, sich an die Zeit vor dem Inkrafttreten des Schengener Abkommens zu erinnern, deem fallen sofort langwierige und unangenehme Grenzkontrollen ein. Mal waren sie locker und oberflächlich oder bestanden in einem freundlichen Durchwinken, vereinzelt waren sie aber auch übergründlich und anstrengend oder gar erniedrigend. Gerade für Menschen mit neurologischen Erkrankungen, die sich vor Stress schützen müssen, ist das Europa der offenen Grenzen ein gigantischer Gewinn an gesunder Freizügigkeit.
Die gemeinsame Währung hat vor Allem Blinden vieles erleichtert. Fremdes Geld ist immer eine Herausforderung, die nicht ohne Aufregung und Furcht vor Fehlern zu bewältigen ist. Der Euro ist – wie sehr viele andere Errungenschaften – aber nicht nur eine Erleichterung für Sehbehinderte und Blinde.
Übergreifende Regelungen der EU zugunsten barrierefeier Zugänge zu Informationen und Bauten sind ebenso ein Gewinn für behinderte Menschen wie das Diskriminierungsverbot Die Bindung privater Unternehmen an solche Regeln ist eine vorrangige Aufgabe künftiger EU-Politik. Wünschenswert wäre auch ein europaweiter Schwerbehindertenausweis mit einheitlichen Regeln zur Freifahrt in Verkehrsmitteln und der unentgeltlichen Mitnahme von Begleitpersonen.
Nicht zuletzt ist aber auch die steigende Fremdenfeindlichkeit und damit einhergehende Behindertenfeindlichkeit ein wichtiger Grund, für eine zukunftsorientierte EU einzutreten. Wählen bei der Europawahl am 26. Mai ist nicht nur im eigenen Interesse behinderter Menschen für ihre individuellen Lebensbedingungen im Alltag, sondern auch für ein Umfeld von Frieden, Völkerverständigung, Vielfalt und Toleranz.

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  1. Besten Dank Franz-Josef Hanke für den ermutigenden Beitrag.
    Sie erwähnen „Stress“ und ja, mir hilft ein freizügiges, vielfältiges Europa dabei, mir Ruheorte zu suchen, Museen, Gedenkstätten, Konzertsäle – gehören für mich zu solchen Orten, ich besuche diese gerne und fühle mich gut und frei, selbst wenn die Themen, denen sich die Orte widmen, schwer oder traurig sind, wie z. B. in der sogenannten Festung Glatz ( Kłodzko) in Polen, die aktuell mit einem neuen Ausstellungskonzept saniert wird? Was würde daraus werden ohne die EU?
    Ich habe deshalb Hoffnung, dass die Zusammenarbeit Polens mit der Bundesrepublik und den anderen Partnern der EU ein Geschichtsort entsteht, der auch den Polen und Menschen anderer Herkunft würdig ist, die in der Festung Glatz Zwangsarbeit leisten mussten.
    Die Verneinung der unrühmlichen Seiten der gemeinsamen Geschichte ist die Vereinfachung nationalistischer und rechtsradikaler politischer Kräfte, die vor allem deshalb die EU ablehnen, weil diese „Ja“ sagt zur geschichtlichen Verantwortung, nicht nur für die Ereignisse, mit denen man sich gerne schmücken möchte, sondern auch für die Ereignisse, die man nicht wiederholen möchte, aus denen es zu lernen gilt.
    Es macht mich nervös, wenn Bilder verhüllt werden sollen, wie jüngst in der Serpentine Gallery im Hyde Park London, wenn Gedichte verschwinden sollen, weil man sich über das Wort „Bewunderer“ nicht einig werden kann, wenn Biographien verschwinden sollen, weil sie nicht in die Selbstverliebtheit von Nationalisten und Rechtsradikalen passen.
    Die EU hat noch nicht alles gezeigt, was sie an gemeinsamer Kulturpolitik erreichen kann, wenn ich in Polen bin, finde ich aber da, wo ich dokumentierte europäische Geschichte und Kultur finde, fast immer auch die EU-Plakette – ohne diese Förderung fände ich nicht viel europäische Geschichte in Polen, aber auch in anderen Ländern nicht, gerade aber die osteuropäischen Länder mit ihrem wunderbaren Kulturschatz würden abgedrängt in einen menschenverachtenden nationalen Alleingang, ohne die EU.

    Meine Vorfahren kommen aus dem heutigen Polen, damals Schlesien, sie waren nicht die besseren Bürger ihres Landes, sie waren Bürger wie die Polen heute auch und sie waren Bürger wie die Russen, die vor den Polen auf ihre Höfe kamen.

    Ich bin nicht daran gewöhnt, mich räumlich oder menschlich von meiner Geschichte, von meinen Vor- und deren Nachfahren abzugrenzen, meine Ruhe habe ich, wenn ich frei zwischen Polen und Deutschland reisen kann, die Kunst und die Geschichte frei erleben kann.

    Diejenigen, die glauben, Nationalismus hülfe bei der Inklusion, die haben letztlich genau das Gegenteil von Inklusion im Sinn.

    Wenn ich auf die vermeintlichen Ideale der neuen Rechten schaue, dann sind es breitbeinige muskulöse Männer mit vorgerecktem Kinn, grimmigem Gesichtsausdruck und langbeinige Frauen mit scheuem Lächeln und gold-gelbem Haar.

    Ich bin das Eine nicht und das Andere auch nicht und solche Menschenbilder dürfen auch keine Rolle spielen dabei, wer was darf und wer was nicht darf in einem Land.

    Mein Vorbild ist wohl immer noch die Bundesrepublik Deutschland und ich wünsche mir eine EU, die es noch besser macht, das könnte langfristig auch funktionieren.

    Nationale Phantasien und Inklusion schließen sich vollkommen aus, Inklusion ist ohne internationale Zusammenarbeit nicht denkbar – für mich persönlich zeigt sich das im Miteinander von Polen und der Bundesrepublik besonders deutlich – Inklusion von Ost und West, Arm und Reich, Deutsch und Polnisch,
    „Heimat“ und „Heimat“, Stadt und Land, „Fremd“ und „Nicht Fremd“.

    Noch ist das staatliche Busnetz in Polen halbwegs gut, aber es droht die Entwicklung zu nehmen wie in der Bundesrepublik, zu sehr privatisiert zu werden und damit auch kleinere Orte nicht mehr oder seltener anzufahren.

    „Wir machen die gleichen Fehler“, die die Bundesrepublik in den 80ern machte“, erklärte mir eine Polin am Zugbahnhof in Habelschwerdt (Bystrzyca Kłodzka) – ein gemeinsames Europa lernt voneinander auch die Fehler des anderen nicht zu wiederholen, warum soll jedes Land immer den gleichen Fehler machen ohne zu wissen, das andere Länder den Fehler schon gemacht haben. Warum muss jedes Land seine eigenen Ideen entdecken, ohne sich auszutauschen und festzustellen, dass die Idee schon einer hatte, der Erfahrungen damit hat.

    Ich bin ein Mensch, den man leicht stressen kann, vor allem mit Unfreiheit, Nationaltümelei und dem Vorwurf, nicht richtig zu sein, da wo ich bin.

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