Meine Ambivalenz mit behindertenfreundlichen Tech-Giganten

Immer wieder spült mir der unerlässliche Strom der sozialen Netzwerke neue Videos von Tech-Giganten in die Timeline, die stolz Hard- und Software präsentieren, die das Leben von Menschen mit Behinderungen verbessern sollen. Zunehmend habe ich damit ein Problem. Das hat zwei Gründe:

1. Quantität und Qualität

Die dargestellten Produkte sind nur in den seltensten Fällen tatsächliche Endprodukte die Konsumenten nutzen können. Viel mehr sind es Konzeptstudien, um sowohl das technisch Mögliche als auch die mitunter fragwürdige Praxisrelevanz von Fähigkeiten und Kompetenzen des jeweiligen Konzerns darzustellen. In den Videos geht es dann auch weniger um das Hervorheben von technischen Spezifikationen eines konkreten Produktes, sondern vielmehr um das vermeintlichen Indienststellen für die gesamte Gesellschaft. Stylische Produkte werden nicht vorgeführt. Die Hilfsmittel oder Software-Programme könnten so auch auf einem DIY-YouTube-Kanal auftauchen. Dafür sind die Videos aber hochwertig produziert und ein gemeinsames Essengehen mit Entwicklern und Testnutzer als „echtes Dream-Team“ darf nicht fehlen.
Kurz: Meist ist es mehr Schein als Sein und auch den gibt es nur für eine ausgewählte Gruppe von Testpersonen. Nicht falsch verstehen: Ich bin mir sicher, dass diese Personen tatsächlich einen realen Nutzen haben werden. Es wäre nur schön, wenn es nicht nur bei Konzeptstudien oder DIY-Projekten fürs Teambuilding bliebe.

2. Behinderte als Objekt

So drängt sich mir mehr und mehr das Gefühl auf, als ginge es gar nicht um Menschen mit Behinderungen oder deren zu bewältigenden Alltagsproblemen, sondern um das Image der Unternehmen. In der breiten Öffentlichkeit dürfte es eine leicht verdiente Anerkennung sein, wenn ein Konzern sich den „armen Behinderten“ annimmt, wo es doch sicher „attraktivere Konsumentengruppe“ gäbe. Sicher ist eine solche Sicht auf behinderte Menschen nicht die primäre Schuld der Konzerne. Aber das Nutzen solcher Vorurteile schon. Im Marketing-Budget der Konzerne dürfte das Zurverfügungstellen von wenigen Entwicklern für ein kleines Projekt deutlich günstiger sein als andere viel weniger effektivere Methoden der Imagepflege. Dabei sind dann behinderte Menschen eben keine Konsumentengruppe mehr, die man als Kunden gewinnen möchte. Es ist auch immer noch keine Pflicht – ob rechtlich oder moralisch sei mal dahingestellt – das selbstverständlich alle Produkte für behinderte Menschen nutzbar sind. Andernfalls könnte man sich ja nicht als altruistischer Weltverbesserer inszenieren.

Doch trotz dieser beiden Punkte bin ich hin und hergerissen. Wenn Sprachsteuerungen plötzlich Menschen mit Sprachbehinderungen genauso verstehen wie den krudesten schottischen Englischakzent, dann trägt das zur Normalisierung von Behinderung bei. Wenn der Preis dafür ein klischeebehaftetes Image-Video ist, ist es das vielleicht sogar wert. Und es gibt ja auch Positivbeispiele: Das bei der Fitness- und Smartwatch des großen Obsthändlers Sportprogramme für Rollstuhlfahrer von Anfang an vorhanden waren und diese gerade ohne spezielle Image-Kampagne völlig „unauffällig“ im Produktvideo neben gehenden Tennisspielern und Radfahrern präsentiert wurden, zeigt, dass es auch besser geht: ganz ohne Charity-Beigeschmack.

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