Normalität kann man nicht betonen

Vor ein paar Jahren hatte die Caritas in meiner Heimatstadt mal eine Plakatkampagne, mit der sie für mehr Toleranz und Inklusion werben wollten. An der Hauswand des Caritasgebäudes hing ein riesiges Banner, auf dem eine junge Frau im Rollstuhl, wahrscheinlich Spastikerin, abgebildet war und dazu stand dort der Spruch „Ich hätte auch lieber blonde Haare!“.  Ich habe dieses Banner gehasst. 

Raul Krauthausen hat mal gesagt, er wollte nie „Berufsbehinderter werden“. Dafür hat er wohlwollendes Lachen geerntet. Doch dahinter steht eine ernste und ziemlich vertrackte Frage. 

Die Frage danach, ob es nicht paradox ist, sich für Inklusion einzusetzen und dabei zu jeder Gelegenheit in der Öffentlichkeit als „Der/ die Behinderte“ aufzutreten. Denn wenn ich so auftrete, werde ich auch ausschließlich so adressiert und indem ich auf meinen Adressaten eingehe, setze ich das Fundament dafür, dass ich zur nächsten Gelegenheit erneut so adressiert werde. 

Dieser Kreislauf läuft dann eine Weile und ich laufe mit ihm. Ich bekomme Bestätigung, mir wird Gehör verschaffen und auf die Schulter geklopft. Das ist gut gemeint und fühlt sich auch erstmal sehr gut an… aber wie weit ist der Weg zum sogenannten „Inspiration Porn“, den rührigen Bekundungen fremder Menschen dazu, was für ein bewundernswerter Mensch man doch sei, außer, dass einem nun nicht mehr für den Einkauf im Supermarkt oder das Abhängen in einer Bar sondern für das Aufschreiben und Äußern von ein paar Gedanken auf die Schulter geklopft wird…?

„Na, Moment mal!“, wird der/die empörte Leser*In jetzt ausrufen, „Wir brauchen doch Aktivist*Innen. Die machen doch einen hervorragenden Job!“ – Und völlig zurecht! Ja, wir brauchen viel mehr Menschen mit den unterschiedlichsten Beeinträchtigungen in der Öffentlichkeit! 

Wir brauchen  viele Gesichter, die beweisen, dass „die Behinderten“ keine homogene Gruppe sind, dass sie mitten im Leben stehen, dass sie mit 1000 Barriere-Monstern zu kämpfen haben und davon bestimmt locker 600 nichts mit dem zutun haben, was sich nicht-beeinträchtigte Menschen darunter so vorstellen. Sie können und müssen zeigen, dass sie Ideen und Visionen haben und ihr Umfeld zum Umdenken bringen können. Es herausfordern und das auch in Bereichen, die auf den ersten Blick gar nichts mit Inklusion zutun haben scheinen. Für all das und viel mehr brauchen wir Aktivismus in der Inklusion. 

Und trotzdem komme ich um eine Paradoxie nicht umher. Man kann Normalität nicht betonen. Oder: Es ist ein schmaler Grat zwischen Empowerment und Reproduktion der Opferrolle! Mit jeder Veranstaltung, zu der ich als die starke junge selbstbewusste Rollstuhlfahrerin eingeladen werde, identifiziere ich mich mehr als diese Person. Und ich weiß, wenn ich genauso jung und genauso stark und genauso Frau wäre, ohne im Rollstuhl zu sitzen, wäre ich nicht eingeladen worden. Das ist nicht schlimm. Aber es ist Fakt, dass meine Behinderung und meine Entscheidung, über das Leben mit ihr öffentlich zu reden, das ist, was mich interessant macht in diesem Moment. Das bedeutet aber auch, dass ich in jeder dieser Situationen meinem Gegenüber die Möglichkeit nehme, etwas anderes als meine Behinderung als mein herausstechendes, wichtiges Merkmal wahrzunehmen! Ich biete der Öffentlichkeit an, mich als Rollstuhlfahrerin zu adressieren und genau das wird sie tun. Das ist okay aber uns sollte bewusst sein, dass wir, obwohl wir uns hinstellen, um Vorurteile abzubauen und Vielfalt zu repräsentieren, damit auch immer ein Stück weit einen Unterschied, eine Kategorie reproduzieren, die wir eigentlich eliminiert haben wollen.

Und dann ist da noch die persönliche Ebene. Es macht etwas mit mir als Mensch, mich so zu präsentieren. Vielleicht macht es mich stolz. Selbstbewusst. Mutig. Das ist gut. Aber es ändert auch die Beziehung zur eigenen Behinderung. So oder so. Es kann einen die Behinderung besser annehmen lassen können. Aber aus meiner Erfahrung kann ich sagen, ich habe mich auch mehr mit meiner Behinderung identifiziert. Das bedeutet auch, ich habe mich mehr über meine Behinderung definiert. Und das ist wieder ein schmaler Grat: Akzeptanz, Empowerment und Selbstliebe sind großartig. Aber sich über seine Behinderung zu definieren? Sich über Defizite generell zu definieren halte ich für ungesund.  Und kämpfen wir nicht alle grad dafür, von unserem Umfeld nicht über unsere Behinderung definiert zu werden?

Ich habe noch keine Lösung für diesen Balanceakt, beginne ich selbst doch erst, ihn zu verstehen. Natürlich braucht es Identifikation und Empowerment und daraus wachsende Solidarität.  Und doch will ich mich auch immer wieder selbst hinterfragen: „Wie viel trage ich selbst zum Erhalt des Systems in den Köpfen bei? – Vielleicht auch, und gerade, ohne es zu merken?“

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  1. Guten Morgen, besten Dank Charlotte Zach, für den Beitrag, danke Raul Krauthausen fürs Veröffentlichen.
    Die meisten behinderten Menschen sind wohl weder auf Plakaten, noch in Fernsehshows, noch auf irgendwelchen Tribünen zu finden, weshalb ich die Gefahr des „Berufsbehinderten“ als prominenter Persönlichkeit für gering halte. DAs sind Ausnahmen, denke ich.
    Trotzdem gleicht die Präsentation behinderter Menschen in der Öffentlichkeit manchmal eher einer „Ausstellung“, als einer Begegnung unter Gleichen, gleich als Mensch, gleich als Mensch mit, gleich als Mensch ohne Behinderung.
    Wenn ich meinen Lebenslauf erklären will, muss ich selbst die Leute darauf bringen, dass ich eine Behinderung habe, sie liegt im Sozialen, ich bleibe gesellschaftlich oft fern, mich stressen solche geselligen Nähen. Leute fühlen sich dann schon mal zurückgewiesen, nicht beachtet, einige halten mir vor zu glauben, ich wäre „Frau Superschlau“, die die anderen nicht nötig hätte, weine ich an einem Grab nicht, heißt es, ich wäre kalt.
    Zu sagen: Ich kann es nicht ändern, ich bin so, habe versucht, davon abzulenken, das zu überwinden, aber ich weiß inzwischen, dass es gesundheitlich bedingt ist, als Behinderung anerkannt, ist nichts weiter als eine sachliche Erklärung, sie macht mich nicht zur „Berufsbehinderten“, nicht zur Prominenten, es ist einfach eine alltägliche Erklärung einer alltäglichen Schwäche meiner selbst.
    In Sachen „Soft Skills“ „Sozialkompentenz“ kriege ich nicht hin, was ich hinkriegen müsste, um die Barriere weg zu bekommen. Warum soll ich deswegen mich lange damit beschäftigen, ob ich am Ende „anderen etwas in den Kopf zu setzen, was ich selbst nicht bemerkte?“
    Ich bin bemüht, informativ, erklärend und fair zu schreiben, wenn mit mir kommuniziert wird, „merke“ ich mehr, wenn nicht „weniger“, umgekehrt dürfte es ähnlich sein. Hier sehe ich die Möglichkeit und Chance der Inklusion – schreibend, ohne die für mich mühsame und stressige direkte Gesellschaft von „Teams“. Ich muss mich eher selbst darauf vorbereiten, dass es von den drei Bezugspersonen, die ich seit meiner Kindheit habe, vielleicht mittelfristig nicht mehr gibt. Klar, kennt das Problem auch jeder, aber ich habe jetzt schon „Vorbereitungsherausforderung“ deswegen und möchte auch das nur mit mir selbst ausmachen, es ist auch Leben, auch Arbeit, die nur mit mir selbst zu tun hat, dafür erwarte ich nichts weiter als Respekt von jedem, mit dem ich zu tun habe.
    Ich finde nicht, dass „Normalität“ das Gegenteil von „Behinderung“ ist, das Gegenteil von „Behinderung“ ist „Nichtbehinderung“.

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