Selbstbewusst leben mit Behinderung

Wenn ich die Bühne für einen meiner Auftritte betrete, bricht mein Erscheinungsbild die Erwartungen des Publikums. Denn der Großteil geht nicht davon aus, dass ein Tetraspastiker, der noch dazu stottert, an Poetry Slams teilnimmt und Theater spielt. Davon lasse ich mich jedoch nicht beirren. Dem Großteil der Zuschauenden gefallen meine Auftritte. Somit verwirkliche ich mich und bereite dadurch auch noch vielen Personen Freude. Eine klassische Win-Win-Situation. Es gibt wahrlich unangenehmeres.
Mir ist bewusst, dass meine Vortragsweise auf der Bühne polarisiert. Einige Zuschauende stören sich sicherlich an meiner langsamen Vortragsweise.
Nichtsdestotrotz bin ich mir über meine Stärken im Klaren. Wenn mir Menschen aufgrund meiner Sprechgeschwindigkeit nicht zuhören, entgeht ihnen eben der Spaß. Scusi, Pech gehabt!
Durch meine Auftritte versuche ich, dem Publikum die Augen zu öffnen. Aufzuzeigen, dass meine Stottersymptomatik einer erfolgreichen Bühnen-Show nicht im Wege steht. Das Selbstbewusstsein hierfür habe ich über Jahre hinweg aufgebaut. In meinen Poetry-Slam-Workshops vermittle ich neben meiner Hingabe für die Sprache auch dieses Vertrauen in sich selbst.
Meiner Meinung nach kann es nur dann wachsen, wenn man sich annimmt und lernt, ab und an über sich selbst zu lachen.
Glaube an dich und lass dir von Einschränkungen und Rückschlägen nicht die Lebensfreude rauben. Eine Person aus meinem Umfeld ist auf einen Rollator angewiesen. Sie empfindet es als unangenehm, mit diesem Hilfsmittel gesehen zu werden. Aus Angst, andere Passanten könnten sie belächeln, verlässt diese Person ihre Wohnung nur noch, wenn sie unbedingt muss. Dadurch nimmt sie immer weniger am gesellschaftlichen Leben teil. Das macht mich sehr traurig. Denn erst dadurch findet eine wirkliche Einschränkung statt. Wer sich zu viele Gedanken darüber macht, was fremde Menschen denken könnten, legt sich selbst unnötige Steine in den Weg. Natürlich sind auch mir Meinungen mir unbekannter Personen nicht völlig gleichgültig. Aber ich verstelle mich nicht und lasse mich nicht einschränken. In der Fußgängerzone werde ich aufgrund meines Gangbildes häufig angestarrt. Das ist nicht schön, aber hindert mich nicht daran, mit Freunden durch die Stadt zu schlendern, Smoothies mit seltsamen Namen zu schlürfen und mich des Lebens zu erfreuen. Oftmals meint es das Gegenüber nicht böse, sondern ist überrascht. Mich irritiert wiederum, dass sich so viele Menschen über verschiedene Erscheinungsbilder wundern. Vielleicht etabliert sich durch diese Kolumne der Begriff „Meta-Verwunderung“, allerdings lohnt es sich nicht, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

Steh zu dir! Steh zu deinem Erscheinungsbild, zu deinem Körper und zu deinen Charakterzügen! Egal, ob mit oder ohne Behinderung, zeige dich! Finde den Mut, deine Berufung auszuüben. Vorausgesetzt, sie ist legal, ansonsten hast du nämlich ein gewaltiges Problem.
Ich verspüre das große Glück, einige Menschen motivieren und inspirieren zu dürfen. Frei nach dem Motto:  „Wenn der Kai es schafft, seiner Berufung nachzugehen, schaffe ich das auch.“ Auf diesen Effekt hoffe ich auch jetzt. Wenn ich durch diese Kolumne nur eine Person zu einer stärkeren Teilhabe am gesellschaftlichen Leben oder zur Ausübung ihrer Leidenschaft ermutige, hat sich die Aneinanderreihung dieser Buchstaben bereits gelohnt.


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