So dumm werden wir doch nicht sein?

Als Autorin für Einfache Sprache weiß ich: Liebes- und Tiergeschichten kommen gut an. In Zeiten, in denen alle aufeinander einhacken, wollen sie wenigstens auf dem Sofa in Frieden gelassen werden. Oft kann ich das nachvollziehen. Doch als Autorin sehne ich mich auch nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit und so will ich mich endlich tiefer mit dem NS – Regime beschäftigen. Vorsichtshalber melde ich mich nicht als behinderte Frau, sondern als Autorin zum inklusiven T4 Workshop an.

Als könne ich den Zusammenhang nicht selbst erkennen, habe ich am Morgen des Kurses einen MdK Termin. Meine „Begutachtung“ steht an. Meine Lebensqualität hängt davon ab. Zwei Stunden warte ich auf einen Menschen, den ich nie freiwillig in meine Wohnung lassen würde. Zwei Stunden erinnere ich mich krampfhaft daran, dass ich Frau und Mensch bin.

Und dann? Lege ich meine intimsten Details vor einem Fremden offen. Ich bin natürlich bemüht meine Würde zu behalten. Und doch: Am Ende spalte ich mich von mir selbst ab. Nicht zum ersten Mal in meinem Leben. 

Aber zum ersten Mal in meinem Leben stehe ich dreißig Minuten später am Gedenkort für die Opfer der T4 Morde. Und da wird gefragt: Wer ist warum zum Kurs gekommen? Ich höre Gründe, die ich kenne. Doch dann redet eine Frau. Leise sagt sie einen einzigen Satz. Und Zack! Ich bin wieder in mir. Ich krache in meinen gerade begutachteten Körper zurück. Nichts mit abspalten. Nichts mit wegfühlen. 

„Ich will nicht vergast werden!“ sagt die Frau.

Angst drückt mir die Kehle zu. Angst, die ich sonst mit der Kraft meines Intellekts im Zaum halte, tobt wild. Vor mir sitzt eine Frau, der Lernschwierigkeiten attestiert wurden und sie sagt mir, wie nah wir am Abgrund stehen. Und endlich höre ich, wie damals alles begann. Nicht wie in der Schule. Nicht mit dem Kopf. Ich höre mit dem Herzen. Höre, wie Hitler mit Hilfe Hindenburgs an die Macht kam. 

„Was für ein Glück“, denke ich, „sooo dumm wird ja heute keine*r mehr sein.“

Und dann? Auf dem Weg nach Hause?

Lese ich, wie sich in Erfurt ein Vertreter der FDP von den Nazis wählen lässt. 

Das kann doch nicht wahr sein! Mich mir wird heiß. Ich lese im Netz nach. Die Zeiten verschwimmen. Lese, wie heute – nicht damals –  behinderte Menschen per Gesetz zurück in die Heime gedrängt werden sollen. Lese, dass sie zu viel kosten. Und die Scheunentore, durch die die Angst in meinen Körper strömt, öffnen sich. Schwallartig ergießen sich die täglichen Nachrichten. Die Parallelen zu T4 und NS Regime unübersehbar. Da findet sich Judenhass und Gewalt gegen die, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Da gibt es Schwulenfeindlichkeit und Frauen, die an ihren Herd zurück sollen. Da wird gehetzt und gejagt, was das Zeug hält. 

Doch dann sage ich mir, dass es damals anders war. Sage mir, dass die riesige Masse der Verfolgten zersplittert war. Sie waren sich uneinig. Die wenigsten wollten mit dem anderen in Verbindung gebracht werden. 

„Was für ein Glück“, denke ich, „sooo dumm werden wir ja heute nicht mehr sein.“

Oder etwa doch?

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  1. Guten Morgen, besten Dank Raul Krauthausen, für den Hinweis auf den nachdenklich stimmenden Beitrag von Andrea Lauer.

    „Die Parallelen zu T4 und NS Regime unübersehbar. Da findet sich Judenhass und Gewalt gegen die, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Da gibt es Schwulenfeindlichkeit und Frauen, die an ihren Herd zurück sollen. Da wird gehetzt und gejagt, was das Zeug hält.“

    Die Ausgangssituation vor Hitlers Machtergreifung war eine andere, aber es gibt einige ähnliche Entwicklungen meiner Meinung nach, der Erste Weltkrieg steckte vielen Menschen in den Knochen, viele Ältere wollten keinen neuen Krieg, ihnen fehlten Arme, Beine, sie wussten nach dem gnadenlosen Mann-gegen-Mann Krieg, wie weh er tut, sie saßen am Straßenrand, die „Krücke“ an die Wand gelehnt, die blinden Augen verbunden und bettelten, für verrückt gehalten, verlacht von einigen, von mehreren Jüngeren, die den Krieg noch nicht kannten, daran glaubten, es besser zu wissen als die Alten, die den Versailler Vertrag eingebrockt hätten, in ihrer Dummheit dafür gesorgt hätten, dass der Feind gesiegt hätte, worunter die „Jungschen“ nun zu leiden hätten.
    Auch hier eine Ähnlichkeit in der Weise, wie Rechtsextreme den Generationenkonflikt gestern wie heute für ihren Rassismus und Nationalismus missbrauchen. Was gestern der Versailler Vertrag war, ist heute die Klimakrise, von Alten vermasselt, um „die Kinder“ fertig zu machen.
    Den medizinischen Betrieb von heute kann ich persönlich bisher nicht in eine Ähnlichkeit mit dem NS-Regime bringen, ich habe keine Erfahrungen, die diesen Rückschluss zuließen, mir kommt es aber seit vielen Jahren so vor, als versuchten immer mehr Menschen, die ärztliche Expertise in Abrede zu stellen und deren Diagnostik mit ihrem eigenen Bild vom „Gesunden Menschen“ zu bekämpfen, bei Rechtsextremen ist gesund, wer ihnen nutzt, Arbeitsleistungen für Hungerlöhne erbringt und mitmacht, den Rassismus und Antisemitismus werbewirksam zu verbreiten – alle anderen wären Nichtsnutze, des Lebens nicht wert.
    Den Weg in die Gaskammer halte ich noch für weit entfernt, die Zahl der klug gemachten Bürger ist noch groß genug, wird aber kleiner, wenn die Bildung kleiner wird..Das Schlaumachen darf man nicht den Nazis überlassen.

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