Wollen wir so dargestellt werden?

Wie es der Zufall nun einmal so will, kommt es in meinem beruflichen Alltag als Cutter immer wieder vor, dass ausgerechnet ich einen Beitrag über Menschen mit Behinderung schneide. Leider stellen sich mir dabei häufig die Nackenhaare auf, wenn die Autor*innen neben mir texten und dabei den bekannten Floskeln verfallen und unbewusst framen:

  • Dann wird eine Frau dafür gefeiert, dass sie ihren Alltag meistert. Woraufhin ich entgegne, wenn sie ihn meistern müsse, wäre es doch kein Alltag mehr.
  • Da wird als Hintergrundmusik zur Mitleid erregenden Klaviermusik gegriffen, nur weil jemand behindert ist. Das weiß ich zu verhindern, schließlich bin ich derjenige, der die Musik unter das Video legen müsste.
  • Da wird über eine Behinderung genauso gesprochen wie über eine Krankheit: Es trieft vor Mitleid und es wird der Eindruck erweckt, ein Leben mit Behinderung wäre immer und überall und für jede*n Betroffene*n quälend oder belastend.

Meine Denkanstöße finden bei meinen Kolleg*innen glücklicherweise Gehör. Dafür bin ich ihnen dankbar. Aber läuft da nicht etwas falsch, wenn erst im Schnitt von einem Kollegen aus der Produktion auf große inhaltliche Versäumnisse hingewiesen werden muss?

Selbst wenn ich nach Hause komme, kann ich nicht aus meiner Haut. Beim Zappen bleibe ich bei einem Talk-Format meines Arbeitgebers hängen. Der Moderator stellt gerade seinen heutigen Gast vor:

„Ein Zeckenbiss verändert das Leben unseres Gastes. Seitdem sitzt Irmgard* (Name geändert) nämlich im Rollstuhl. Trotzdem ist sie Extremkletterin geworden. Wie sie das und ihren Alltag bewältigt, […]“ und ich bekomme Puls.

Wie kann man es in Zeiten von #metoo und Fridays for Future in gerade einmal vier Sätzen schaffen, eine Frau über ihr Hilfsmittel anzutexten, gleichzeitig auf dieses zu reduzieren und sie als Heldin darzustellen. Der Rest der Sendung wird dann leider nicht besser.

Nun sehe ich es als Kollege des Moderators als meine Pflicht an, ihn auf sein falsches Framing hinzuweisen, schließlich kann man nur so lernen und besser werden. Ich schreibe eine E-Mail an die ganze Redaktion, denn so eine Sendung ist eine Team-Leistung. Der Moderator antwortet mir über zwei Wochen später. Allerdings scheint die Kritik an ihm abzuprallen: Schließlich handelt es sich bei der Sendung um eine live aufgezeichnete, „in der nicht jedes Wort 100%ig sitzen kann“ und er findet „dadurch, dass [er] nicht alles richtig mache, bilde [er] den Durchschnitt der Bevölkerung ab“. Auf die Heroisierung angesprochen entgegnet der Moderator: „Ja, wir sind eine Fernsehsendung, die unsere Zuschauer fesseln möchte. Dadurch schaffen wir Aufmerksamkeit und Gehör für die og Themen.“

Die meisten Menschen kommen – vermutlich – nur sehr selten mit behinderten Menschen in Berührung und beziehen ihr Bild zum Großteil aus der Medienberichterstattung. Umso fataler ist es, wenn Kolleg*innen in Schlüsselpositionen offenbar jedes Einfühlungsvermögen und Verantwortungsbewusstsein vermissen lassen. Natürlich verfolgt niemand eine böse Absicht. Eine solche Berichterstattung entsteht alleine aus Unwissenheit heraus. Doch schon der französische Philosoph Roland Barthes sagte einmal: „Die Sprache ist niemals unschuldig“. Sie ist ein mächtiges Gestaltungsmittel in den Köpfen der Zuschauer*innen und die Medienschaffenden haben in ihrer alltäglichen Arbeit einen immensen Einfluss darauf, wie die Gesellschaft behinderte Menschen wahrnimmt und mit ihnen umgeht.

Bleibt bei mir die Frage: Wo findet die Qualitätssicherung statt? Wie ernst nehmen die Redaktionen Feedback? Sind sie sich ihrer Verantwortung bewusst? Selbst etablierte Institutionen wie Redaktionskonferenzen, ein Redakteursausschuss oder Aufsichtsräte scheinen nicht zu genügend.

Auf der re:publica 2018 habe ich diesbezüglich eine wirklich interessante Idee mitgenommen, deren Umsetzung ich mir für alle Rundfunkanstalten wünsche: Wie wäre ein Textchef, der Beiträge dem „Vielfalts-Check“ unterzieht. Dieser Mensch wäre ein Experte für Inklusion im eigenen Haus und würde Redakteur*innen wie Autor*innen bei der Konzeption und Produktion unterstützen. Diese Person wäre bei Unsicherheiten stets ansprechbar, würde Beiträge aber auch eigenständig auf potentielle Floskeln, Klischees und Fettnäpfchen hin abklopfen. Mit entsprechenden Netzwerken aus unterschiedlichsten Interessenvertretungen und Verbänden hätte man alle wichtigen Aspekte im Blick.

Doch solange das Bewusstsein in den Redaktionen weiter so gering und keine generelle, institutionalisierte Lösung in Sicht ist, kann ich nur jede*n Zuschauer*in dazu aufrufen sich bei Redaktionen und Kontrollgremien zu melden, wenn ihnen eine unzureichende Berichterstattung begegnet. Wir müssen viele sein und den Medienschaffenden deutlich zeigen, dass wir so nicht dargestellt werden möchten.

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