Die Kraft der zwei Herzen gibt es nur in der Werbung

Weltverbesserung ist eine komplizierte Angelegenheit. Dies hier ist kein Hilferuf. Aber ein Bekenntnis zur eigenen Ohnmacht.

Neulich habe ich bei der Agentur für Arbeit nachgeschaut. Welche Jobs gibt es eigentlich für Aktivisten? Gemeinhin werde ich so genannt, weil ich mich in sozialen Projekten engagiere. Doch die Suchmaschine der Agentur half mir nicht weiter: Sie schlug mir eine Verkaufsstelle auf Sylt vor, bei einem Outdoor-Kleidungsladen, weil die Stelle etwas für Outdoor-Aktivisten sei; vielleicht nicht ganz mein Metier. Oder einen Job als Junior-Produktmanager einer Pharma-Firma, weil die in einem Gebiet liege, „inmitten eines Paradieses für Naturfreunde und Outdoor-Aktivisten … Ins Ruhrgebiet, eine der größten und spannendsten Kulturregionen Europas, ist es auch nur ein Katzensprung“. Hm. Pharma – Natur – Ruhrgebiet – dieser Katzensprung ist mir zu weit.

Es gibt nämlich ein Problem mit dem Dasein als Aktivist. Dieses Wort ist nah am „Aktivismus“, was wiederum am „Verzetteln“ grenzt. Und das stimmt. Vollzeit-Aktivisten laufen Gefahr sich aufzureiben: so viele Herausforderungen, so viele theoretische Möglichkeiten und Anfragen – und so wenig Zeit.

Manchmal fühle mich schuldig und ohnmächtig. Eben müde. Schuldig, weil ich es geschafft habe, hin zur Sonnenseite des Lebens. Mir geht es materiell gesehen gut, mein Kühlschrank ist voll, ich arbeite und hab daran gar Spaß. Es hätte auch anders kommen. Wir alle wissen, welche Steine Menschen mit Behinderung in den Weg gelegt werden, und etliche geben auf halber Strecke auf. Ich hatte großes Glück, viel Hilfe, Solidarität und Inspiration. Doch was heißt das im Schatten jener, denen es viel schlimmer ergeht?

Das ist mein Schuldgefühl. Die Ohnmacht rührt daher, dass ich meinen Rollstuhl nicht in alle Richtungen lenken kann, zu denen es ihn ruft. Es gibt in den Bewegungen für Menschenrechte viel zu tun. Aktivisten werden hierhin eingeladen und sollen dorthin fahren. Man fragt mich nach der Unterstützung vieler Engagements. Wichtig ist das alles: Initiativen zu PID/PND, Wahlrechtsausschluss, Alter und Behinderung, Bildungschancen und Bildungsausschluss – wenn Menschen gewisse Rechte genommen werden, weil es den medizinischen Befund einer Behinderung gibt, dann betrifft das den gesamten Alltag – und weil Menschen komplizierte Lebewesen sind, gibt es entsprechend viel zu tun.

Die Ohnmacht ist Ausdruck der Verzettlungsgefahr. Das Schuldgefühl ist blöd, das weiß ich. Ich kann natürlich nur so viel zu einer Bewegung beitragen, wie ich hab und kann. Die Zeit ist für alle die gleiche, und wir alle tragen in uns eine Batterie, die irgendwann mal in den roten Bereich kommt. Daher versuche ich mir klar zu machen: Wenn ich nicht auf mich achte, wie könnte ich dann auf andere achten? So mach ich einfach weiter. Es zieht mich nicht zu allen Bällen, zu denen ich eingeladen werde – aber ich ignoriere auch nicht jene, bei denen ich dann nicht bin. Bleibt die Frage nach dem inneren Schweinehund. Tu ich genug? Ich glaube, diese Frage hat auch etwas Zerstörerisches. Denn eigentlich geht es darum, die Welt ein Stück weit besser zu machen, in der viele leben, und ich eben auch.

Daher hat es mir geholfen einzugestehen, dass meine Ressourcen begrenzt sind. Aktionen und Ideen kann ich nicht am Fließband liefern, es sind ja auch keine Waren. Am glücklichsten bin ich, wenn mir das Vernetzen gelingt, wenn dadurch Menschen und ihre Energien zusammenkommen. Wenn ich dabei zusehen darf, wie andere sich selbst ermächtigen. Denn letztlich geht es um die Inhalte. Das Persönliche mag ich dabei weniger. Ich verstehe, dass es bei Aktivismus auch um Öffentlichkeit geht. Um Aktivismus sichtbar zu machen, bedarf es der Aufmerksamkeit – der User im Internet, der Journalisten in den Redaktionen. Da gibt es eine Fokussierung auf das Persönliche, die mir unangenehm ist; aber für dieses Problem sehe ich keine Lösung. Wer hat behauptet, Weltverbesserung sei eine leichte und einfache Angelegenheit?

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  1. Hallo Raul,

    leider ist die Menge der Leute, die einen feuchten Kehricht darum geben, wie Behinderte leben und unterstützt werden und alles nur als lästige Kosten ansehen viel höher als die, die für uns kämpfen. Du tust wahrhaftig schon mehr als genug und brauchst dir keine Schuldgefühle einreden, weil es nicht genug ist. Respekt für deine Leistung. Es ist nur echt schade, dass die nicht mehr finanzielle Unterstützung und Würdigung findet.

    Es ist ein Dilemma. Aktivisten als Idealisten in der Sache finden meist keine finanzielle Unterstützung, weil Idealismus ist Liebhaberei in den Augen der Behörden und dient damit nicht zum Broterwerb und findet daher auch keine Unterstützung. Da erzähle ich dir sicher nix Neues. Das, obwohl du eigentlich deren Job machst und für unsere Belange kämpfst.

    Viele Grüße.

    Andreas

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