Mitleid-Crisis

Wenn Sportler mit Prothesen auf einmal weiter springen als ihre nicht-behinderten Kollegen, dann ist kein Mitleid mehr vorhanden, sondern die Diskussionen fangen an. Für mich ist diese Debatte vielleicht ein Anfang für mehr Miteinander und weniger Mitleid.

Sportler Markus Rehm: Nur über die Prothese definiert
Sportler Markus Rehm: Nur über die Prothese definiert
Als ich zum ersten Mal von der Diskussion um den Leichtathleten Markus Rehm gehört hatte, dachte ich nur: „Now we’re talking“ – endlich reden wir mal! Denn bei den Nordrhein-Meisterschaften hat der Sportler alle Konkurrenten im Weitsprung geschlagen. So weit, so uninteressant. Einziges Manko: Rehm trägt eine Prothese und die anderen Athleten waren nicht-behindert, und genau da fangen jetzt die Probleme an. Auf einmal ist von Technik-Doping die Rede und ob man die Leistungen vergleichen kann.
Natürlich muss überprüft werden, ob die Prothese einen Vorteil beim Weitsprung bringt, aber warum fängt die Diskussion erst an, wenn ein Mensch mit einer „Behinderung“ auf einmal besser ist als Nicht-Behinderte. Rehm ist in dem Wettbewerb ein gutes Beispiel, warum Behinderung nicht mit dem Menschen gleichzusetzen ist. Die defizitorientierte Sicht auf Behinderung hat der Sportler wiederlegt, wenn er mit den anderen Athleten mithalten kann. In der Diskussion ändert sich aber der Blick auf die Prothese, die auf einmal nicht mehr die Behinderung definiert, sondern angeblich einen „Wettbewerbsvorteil“ bringt. Es ist schon fast amüsant, wenn es nicht so traurig wäre, wie Rehm nur über die Prothese definiert wird.

Wo ist hier eigentlich das Mitleid geblieben?

Doch eigentlich interessiert mich ein anderer Punkt in der Debatte: Wo ist hier eigentlich das Mitleid geblieben? Ob nun bei mir selbst oder bei Freunden, die eine Behinderung haben – es vergeht kaum ein Tag, an dem wir nicht mit Mitleid konfrontiert werden. Natürlich ist es ein schöner menschlicher Zug, wenn Menschen anderen Menschen gegenüber nicht komplett kalt und empathielos sind, aber von Mitleid kann man sich auch nichts kaufen, und es regt noch nicht mal zu Diskussionen an. In manchen Fällen ist Mitleid sogar ein Persilschein für das eigene Gemüt und bringt dem Bemitleider mehr als dem Bemitleideteten.
Mein großes Problem mit Sätzen wie „Oh Mensch, das mit den Rollstuhl ist wirklich schrecklich!“, „Ich finde es toll, was du so machst“ oder um es auch wieder olympisch zu sehen: „Super, dass du das mitmachst! Ist ja so schwer für dich!“ – begleitet mit einem traurigen Blick bringt es uns keinen Schritt weiter in einer Diskussion für mehr Inklusion. Wenn für jedes Mal Mitleid, was ich auf der Straße erfahre, eine Barriere abgebaut worden wäre, dann könnten wir Wheelmap.org, die Onlinekarte für rollstuhlgerechte Orte, schließen und ich könnte ein Eis essen gehen, in jedem Restaurant der Stadt. Aber so ist es leider nicht, und daher finde ich die Debatte um Rehms Erfolg so interessant, weil sie erst an einem Punkt kommt, wo er besser ist als seine nicht-behinderten Konkurrenten.

Ein Sprung für Miteinander statt Mitleid

Auf einmal ist nichts zu hören von „Hey, nun lasst ihn doch auch mal gewinnen, er hat es doch sonst schon so schwer“ oder „Na, wenn er mit der Medaille sein Schicksal überwinden kann, dann ist es doch super!“. Nein, es kommt zu einer knallharten Debatte, ob er die Leistung gebracht hat oder nicht. Aber genau hier wird es problematisch für andere Menschen mit Behinderungen: Wir werden nicht immer die Leistungen bringen, die Menschen ohne Behinderungen bringen können, weil an vielen Stellen die Welt für Menschen mit Behinderungen nicht gestaltet wurde, und das muss sich ändern.
Unsere Sozialhelden-Grafikerin sitzt im Rollstuhl und macht eine wunderbare Arbeit und könnte sich auch in vielen anderen Firmen bewerben, aber wenn sie an der Treppe zum Büro scheitert, dann trägt sie auch kein Mitleid nach oben, sondern jemand anderes bekommt den Job. Und diesen Barrierenabbau müssen wir schaffen, weil es sonst immer einfach ist, Mitleid zu haben, und es lächerlich wird, wenn dann doch mal ein Mensch mit Sehbehinderung einen besseren Text schreibt als der Kollege und danach im Büro gesprochen wird, ob er den besseren Computer hat. Denn eine Vergleichbarkeit von menschlichen Leistungen sollte es nicht geben und schon gar nicht zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, aber eine Chancengleichheit, die kann man herstellen.
Natürlich soll das Mitleid nicht mit Mitgefühl verwechselt werden, und so hoffe ich auch, dass die Debatte um Markus Rehm keine große Belastung für ihn ist. Wir müssen Mitleid durch ein Miteinander ersetzen, weil das auch Inklusion bedeutet, und als Beispiel würde ich in Zukunft gerne den großen Sprung von Rehm zitieren.
Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.



6 Antworten zu “Mitleid-Crisis”

  1. Sehr richtiger Anstoß, Raul Krauthausen, der deutlich macht, wie wenig unsere „Bewertungssysteme“ taugen. Und wie sehr uns Vergleichen einschränken kann. Jeder Mensch in einer aufgeklärten Gesellschaft, sollte das Recht auf bestmögliche Entfaltung haben. Nicht mehr und nicht weniger., schrieb Annton Beate Schmidt auf Facebook um 09:49

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