Raul Krauthausen - Aktivist

Selbstbestimmt die falsche Wahl treffen

„Wir sind laut geworden“ titelten Ende Dezember Blogs von Menschen mit Autismus. Als ich das las, hatte ich ein bisschen Gänsehaut, denn viele Autisten fühlten sich bei der Berichterstattung über den Attentäter von Newton stigmatisiert. Es formte sich ein Online-Protest, und durch die gute Vernetzung haben es die Aktivisten geschafft, dass unter anderem Spiegel Online eine Richtigstellung schrieb und sich mehr mit dem Thema auseinandersetzen möchte. Ich fand es einfach toll, dass man die Berichterstattung nicht so hingenommen hat, sondern aktiv mit sehr kreativen Artikeln versucht hat, Differenzierungen einzubringen.

 

In der Gesellschaft wahrgenommen?

Dabei musste ich daran denken, dass ich vor gut einem Jahr an gleicher Stelle über eine neue Art der Behindertenbewegung geschrieben hatte. In dem Text behauptete ich, dass besonders durch das Internet neue Vernetzungsmöglichkeiten entstehen können und dadurch auch eine neue Art des Protests möglich ist. Die oben beschriebene Aktion würde meine Behauptung bestätigen, und auch die Paralympics im letzten Jahr haben viel dazu beigetragen, dass behinderte Menschen nicht mehr nur eine Randgruppe sind, sondern auch in der Gesellschaft wahrgenommen werden sollten. Meine Gänsehaut verschwindet aber sehr schnell, wenn ich mir die gesellschaftspolitische Welt jenseits von London oder der Blogosphäre anschaue. Erst vor kurzem habe ich in einem Artikel gelesen, dass im Bundestag die erste Gehörlose ein Praktikum absolvierte. Was eigentlich eine Erfolgsmeldung ist, warf bei mir die Frage auf: Warum erst jetzt?

Zudem kann die Praktikantin auch weiterhin nicht jeder Diskussion folgen, weil nicht immer ein Gebärdensprachdolmetscher zur Verfügung steht. Aber sollte das nicht schon lange normal sein, dass wenigsten die Parlamentsdebatten gedolmetscht werden?

 

Politische Beteiligung für Menschen mit Behinderung

Auch bei anderen Gelegenheiten beobachte ich, dass einige politische Gestaltungsmittel weiterhin nicht barrierefrei sind. Zum Internationalen Tag der Menschenrechte fasste die Christoffel-Blindenmission (CBM) es so zusammen: „Viele andere können ihr Recht nicht ausüben, da der Zugang zu Wahllokalen blockiert ist oder Wahlzettel nicht barrierefrei verfasst sind.“ Ob also im Bundestag oder an der Wahlurne, die politische Beteiligung für Menschen mit Behinderung ist weiterhin unausgereift. Natürlich ist es sehr einfach, an dieser Stelle zu meckern und überall nur die Stufen und keine Rampen zu sehen, und ich stimme auch Petra Strack zu, die für das Chrismon-Magazin einen kleinen Beitrag schrieb, in dem sie neben den Rechten auch die Pflichten von Menschen mit Behinderung fordert. Einigen Pflichten kann ich aber nur nachkommen, wenn ich ins Gebäude komme. Dann kann ich auch selbstbestimmt mein Kreuz auf einen Zettel setzen und vielleicht auch die falsche Wahl treffen.

 

Präsenz in der Gesellschaft

Ich glaube für diese Veränderungen brauchen wir keinen Inklusionstanz* oder Partys, die sich explizit an Rollstuhlfahrer wenden, sondern einfach eine Präsenz in der Gesellschaft. So wollten die Redakteure vom Spiegel nicht mit Absicht Menschen mit Autismus zu Massenmördern stigmatisieren oder Politiker nicht mit Vorsatz Menschen mit Behinderungen von Praktika ausschließen, aber manchmal fehlt einfach nur die Kenntnis, weil man vielleicht selbst noch nie einen Menschen mit Behinderung getroffen hat.

In diesem wichtigen Wahljahr wünsche ich mir, dass mehr Menschen mit Behinderung auch in die „wahre“ Politik einbezogen werden und ihre Statements und Forderungen nicht nur in Blogs, auf Sportevents oder eigenen Veranstaltungen äußern können, sondern am besten im Parlament mit einem Gebärdensprachdolmetscher daneben.

* Ich habe nichts gegen die Gestaltung des Inklusionstanzes der Aktion Mensch, aber in meiner Vorstellung sollte Inklusion kein Gegenstand eines Tanzes sein, sondern einfach da sein. Wie bei diesem barrierefreien Musikvideo.

Dieser Text entstand für das Inklusions-Blog der Aktion Mensch.

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  1. Zum Tanzen in den Keller gehen » raul.de | 7. Februar 2013

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