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Raul Krauthausen - Aktivist

Ich möchte nicht geheilt werden!

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Warum ich ein Problem mit dem Begriff „Heilerziehungspflege“ habe – und mit den Folgen, die sich aus der Bezeichnung oftmals ergeben.

Sebstbestimmtes Leben

Worte bewegen unsere Welt. Worte geben Sinn, bewerten, entwerten, gestalten, können Neues erschaffen und zerstören. Worte sind mächtig.
Und deshalb können Bezeichnungen einen großen Unterschied machen.
In diesem Zusammenhang finde ich den Begriff „Heilerziehungspflege“ äußerst problematisch. Warum das so ist, möchte ich im Folgenden erklären – und zur Diskussion anregen, wie wir gemeinsam vorurteilsfreie Sprache, Begriffe und damit auch wertschätzendes Verhalten entwickeln können.

Was genau ist Heilerziehungspflege (HEP)?

In den Beschreibungen zum Berufsbild der Heilerziehungspflegenden liest man deren Aufgaben: Menschen mit geistiger, körperlicher, seelischer oder mehrfacher Behinderung aller Altersgruppen sollen sozialpädagogisch und pflegerisch in ihrem Leben begleitet, versorgt und erzogen werden.
Außerdem umfasst der Tätigkeitsbereich Beratung in allen lebenspraktischen Fragen, in Rechtsfragen und auch bei sensiblen zwischenmenschlichen Beziehungen. Wenn nötig sollen durch die Heilerziehungspflegenden Planungs-, Unterstützungs- und Assistenzprozesse eingeleitet und voll umfassend begleitet werden – dabei soll dem behinderten Menschen ein möglichst selbstbestimmtes und selbständiges Leben ermöglicht werden.
Nach einer 2-5 jährigen Ausbildung (je nach Bundesland) können Fachkräfte zum Beispiel in Tagesstätten, Wohnheimen, Einrichtungen für betreutes Wohnen, in der persönlichen Assistenz, in Einrichtungen der Psychiatrie, Berufsbildungsbereichen, Werkstätten, Integrativ- und Sonder-Kindertagesstätten und Rehabilitationseinrichtungen arbeiten.

Definition des Begriffes „Heil-erziehungs-pflege“:

  • „Heil-…“: Das Wort „Heil“ meint im Zusammenhang mit der Heilerziehungspflege grundsätzlich „Ganzheitlichkeit“.
    Kritik: Gleichzeitig findet sich der Begriff „Heilen“ meistens im medizinischen Kontext und bedeutet hier dann: „eine Krankheit beseitigen“. Die Idee einer „Heilung“ im Zusammenhang mit dem Thema Behinderung ist fatal – denn sie suggeriert, dass Behinderung etwas Defizitäres ist, das idealerweise beseitigt werden sollte.
     
  • „…-Erziehungs-…“: Das Lexikon Brockhaus definiert Erziehung so:

    Unter Erziehung versteht man die pädagogische Einflußnahme auf die Entwicklung und das Verhalten Heranwachsender. Dabei beinhaltet der Begriff sowohl den Prozeß als auch das Resultat dieser Einflußnahme. (Brockhaus Enzyklopädie, Stichwort Erziehung).

    Kritik: Dies auf erwachsene Menschen – egal ob mit oder ohne Behinderung – anwenden zu wollen, ist unpassend und paternalistisch.
    In Deutschland finden erzieherische Maßnahmen bei Erwachsenen gesellschaftlich akzeptiert lediglich bei der Resozialisierung im Strafvollzug statt – in der Bemühung, dass Straftäter*innen ihr Verhalten ändern und sich den moralischen Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft anpassen.

  • „…-Pflege“: Bei dem Begriff „Pflege“ geht es um Versorgung und Betreuung von kranken, behinderten oder sterbenden Menschen, die üblicherweise von Pflegefachkräften oder Angehörigen übernommen und so effektiv wie möglich durchgeführt wird.
    Kritik: Betroffene nennen es oftmals: „Hauptsache satt, sauber, trocken“. Der behinderte Mensch erscheint hierbei passiv. Allerdings ist die Grundidee vom Umgang mit behinderten Menschen, die Hilfe bei alltäglichen Tätigkeiten benötigen, so viel Selbständigkeit auch im hygienischen Bereich zu erhalten oder zu entwickeln.

Der Balance-Akt:

Der Aufgabenbereich von Heilerziehungspflegenden reicht oft stark in die Privatsphäre der behinderten Menschen hinein. Es wird schnell klar, dass hier besonders viel Empathie gefragt ist. Gerade auch bei Menschen mit schweren Mehrfachbehinderungen muss immer im Vordergrund stehen, den Willen und die Wünsche des*r Einzelnen als Priorität zu sehen. Nicht die Vorstellung des*der Heilerziehungspflegers*in, was seiner*ihrer Meinung nach für den behinderten Menschen das Beste wäre, ist entscheidend – sondern die Wünsche des*der Betroffenen. Auch wenn es Zeit und Geduld kosten mag, diese herauszufinden und zu verstehen, sollte dieser Aspekt immer maßgebend für Heilerziehende sein.
Eines ist klar: Lebensbegleitung heißt nicht Bevormundung, sondern Unterstützung, wo es notwendig wird, Förderung, wo es möglich ist und aktives Eintreten gegen Benachteiligungen durch mangelnde Teilhabe. Das kann nur gelingen, wenn Heilerziehungspfleger*innen gelernt haben, Beeinträchtigungen, Ursachen und Auswirkungen richtig einschätzen zu können, Fähigkeiten und Ressourcen zu erkennen und zu aktivieren. Oft sind es Strukturen und Barrieren der Umwelt, die behinderten Menschen eine volle Teilhabe verwehren, wie zum Beispiel fehlende Rampen oder Aufzüge, nicht vorhandene Blindenleitsysteme oder nicht stattfindende Gebärdensprachdolmetschung und keine Texte in Leichter Sprache.
Anstatt behinderte Menschen therapieren, normalisieren oder in Sondereinrichtungen stecken zu wollen, sollte immer zuerst der inklusive Weg gesucht werden.
Heilerziehungspflegende sollten hier kooperativ und interdisziplinär denken und handeln – und mit anderen Berufsgruppen, Fachdiensten und Regelschulen Lösungen entwickeln. Gemeinsam mit den Betroffenen sollte über Ziele, Inhalte und Formen jeder Aktivität diskutiert und gemeinsam die bestmögliche Lösung gefunden werden. Das Ziel muss immer sein: Jeder Mensch sollte ein für sich sinnvolles und erfülltes Leben führen und als Teil der Gesellschaft aktiv sein können.

Das Problem:

In Gesprächen oder bei Online-Diskussionen mit Heilerziehungspflegenden habe ich immer wieder den Eindruck, dass ein großer Teil ihrer beruflichen Motivation ist, „gute Taten“ für hilfsbedürftige Menschen zu vollbringen. Und das „gute Gefühl“, sich um scheinbar hilflose Individuen kümmern zu können, über allem steht. Viele „lieben“ ihren Beruf und finden, dass es „nichts Schöneres gibt als behinderten Leuten zu helfen“. Ihre „Patienten sind immer so fröhlich und dankbar“.
Wenn ich Vorträge vor Heilerziehungspflegern*innen halte und mit Vertretern*innen dieser Berufsgruppe diskutiere, wird mir immer wieder erzählt, wie befriedigend dieser Beruf ist, wie gut es sich anfühlt, gebraucht zu werden und helfen zu können – und wie sehr die Dankbarkeit der behinderten Menschen die Anstrengungen im Job vergessen lassen.
Mir wird bei derartigen Beschreibungen nicht selten mulmig: Viel zu oft geht es um die guten Gefühle, die Heilerziehungspflegende empfinden. Und zu selten liegt der Fokus bei den Menschen mit Behinderung. So schön es ist, wenn man durch den Beruf Befriedigung empfindet – sollte diese nicht durch die Hilfsbedürftigkeit und Dankbarkeit der zu versorgenden Menschen entstehen.
Jede*r Heilerziehungspfleger*in sollte regelmäßig seine*ihre Motivation für die Berufswahl hinterfragen.
Generell finde ich die wiederkehrende Beschreibung „sie sind so dankbar“ höchst bedenklich. Die Heilerziehungspflegenden sind für die behinderten Menschen mit Assistenzbedarf da, hierfür werden sie ausgebildet und bezahlt. Wenn hier Dankbarkeit seitens der Betroffenen ins Spiel kommt – läuft etwas schief, stimmt die Balance nicht, findet die Zusammenarbeit nicht auf Augenhöhe statt.
Statt behinderte Menschen zu fördern oder zu empowern, werden sie nicht selten separiert und abhängig gehalten, um sich – im schlimmsten Falle angetrieben von einem Helfersyndrom – das befriedigende Gefühl gebraucht zu werden, aufrecht erhalten zu können.
Leider unterstützt so manche Beschreibung des Heilerziehungspflegeberufes diese Vorstellungen. Man liest zum Beispiel:

Du wirst sehr viel Verantwortung für deine Schützlinge auf dich nehmen müssen, denn diese sind immer auf dich angewiesen und vertrauen auf deine Unterstützung. Möchtest du einen Beruf ausüben, in dem du sehr viel mit hilfsbedürftigen Menschen zu tun hast, echte Herausforderungen zu bewältigen hast und wo du wirklich gebraucht wirst, dann ist eine Ausbildung zum Heilerziehungspfleger bestimmt das Richtige für dich!.
(Quelle: ausbildung.de)

Oder:

Du arbeitest mit Menschen und kannst die positiven Auswirkungen auf die von dir betreuten Menschen direkt erleben. (…) Ich finde es gut, enge Beziehungen und Freundschaften zu den betreuten Menschen aufzubauen.
(Quelle: Zukunftsberuf Pfleger)

Es wird von „Berufung“ (Quelle: Campus Berlin), „fürsorglichem“ Charakter (Quelle: azubiyo) und der hohen Anerkennung des Berufes durch die Gesellschaft (Quelle: Gesellschaft für Pflege- und Sozialberufe gGmbH) geschrieben.
Behinderte Menschen werden auffällig häufig auf verschiedenen Ausbildungs-Portalen als „Schützlinge“ bezeichnet – eine Zusammenarbeit mit den Betroffenen auf Augenhöhe ist in diesen Konzepten offensichtlich nicht angedacht. Paternalismus pur.
Wenn ich bisher das Thema Heilerziehungspflege kritisch aufgriff, gab es u.a. online heftige, zuweilen gekränkte oder auch einfach uneinsichtige Reaktionen von Heilerziehungspflegenden.
Einige Beispiele:

Du willst nicht geheilt oder gepflegt werden, interessant…… also manche Denkensweisen von Menschen mit Behinderung muss ich echt nicht verstehen. Jeder will so leben, wie er es möchte, aber diese Selbstbestimmungnummer, die kann man auch echt übertreiben.
(Quelle: Facebook-Kommentar)

Ich lasse mir wegen einer Berufsbezeichnung nicht madig machen, dass ich bestimmte Werte vertrete. Und ja – auch muss in meinem Alltag erziehen und pflegen. Das stellt nun mal einen Teil meines Berufes dar und das ist nicht zu verleugnen
(Quelle: Facebook-Kommentar)

Würde viele meiner Bewohner auch lieber im ambulant betreuten Wohnen sehen. Aber dieses ist nunmal bei vielen Behinderungsbildern nicht möglich.
(Quelle: Facebook-Kommentar)

Es ist nunmal Fakt, dass es bei schweren geistigen Behinderungen eine Grenze in den Möglichkeiten der Förderung gibt. Muss man darüber wirklich diskutieren?
(Quelle: Facebook-Kommentar)

Ein Lösungsansatz:

Auch Menschen mit Behinderung, die selbst nicht wissen, welche Assistenz sie genau benötigen, haben einen eigenen Willen, der respektiert werden muss. Mehr noch: Der Wille sollte nicht nur respektiert werden, sondern er ist als Willensbekundung umzusetzender Arbeitsauftrag.
Es steht Heilerziehungspflegenden nicht zu, die eigenen Maßstäbe für das Leben anderer Menschen anzulegen. Stattdessen ist es ihre Pflicht, zu prüfen, wie die Wünsche des*der Betroffenen gewahrt und umgesetzt werden können. Entsprechende Ansätze bietet das Prinzip des Personenzentrierten Denkens und der Persönlichen Zukunftsplanung. Dies ist eine Methode zur Unterstützung von Menschen mit hohem Assistenzbedarf. Die individuelle Planung von Perspektiven im Dialog mit den betroffenen Menschen und ihren Angehörigen orientiert sich an den Wünschen und den Zielen des betroffenen Menschen in allen Lebenssituationen (Schule, Beruf, Freizeit, Hobby). Der Ansatz fragt konkret danach, was der Einzelne braucht und will, um sein Leben mit Zufriedenheit und Wohlbefinden führen zu können. Hier wird mit Selbstbestimmung, Empowerment und Kompetenzen gearbeitet.
Der Empowerment-Ansatz geht davon aus, dass der Mensch mit Behinderung immer auch Experte in eigener Sache und dass der Status des Erwachsenseins anzuerkennen und zu würdigen ist. Selbst dann, wenn diese Lebensweise nicht die wäre, die der*die Heilerziehungspflegende Fachkraft für sich selbst als „richtig“ empfinden würde.
Behinderte Menschen wollen nicht geheilt, erzogen und gepflegt werden – sondern wünschen sich Assistenz und Unterstützung, um so selbständig wie möglich zu sein und nach ihren eigenen Vorstellungen leben zu können. Der Mensch mit Behinderung definiert selbst, was er*sie braucht – ganz egal, welche Behinderung vorliegt. Über die individuellen Bedürfnisse von behinderten Menschen sollte nicht das Personal entscheiden.
Aber nicht nur ein neues Bewusstsein und neue Aufgabenstellungen bezogen auf den Berufsstand der Heilerziehungspflegenden sind nötig – auch eine andere Bezeichnung muss her. Eine treffende, wertschätzende, auf Respekt basierende, die den Assistenz-Charakter der Tätigkeit hervorhebt.

In diesem Sinne schlage ich als neue Berufsbezeichnung für die Heilerziehungspflege Inklusionsassistenz vor; als Anwälte*innen/Alliierte*innen der Betroffenen unterstützend aktiv zu werden – und nicht als Vormund.

Fragen, die ich zum Thema Heilerziehungspflege mit euch diskutieren möchte:

  • Gibt es Ausbilder*innen mit Behinderung?
  • Wie inklusiv ist die Ausbildung der Heilerziehungspflege eigentlich?
  • Gibt es behinderte Menschen, die diesen Beruf ausüben? Und wenn nein, warum nicht?
  • Wird das medizinische oder das soziale Modell von Behinderung gelehrt?
  • Wie kann verhindert werden, dass die Paternalismus-Falle zuschlägt?
  • Welche Ideen, Anregungen und Vorschläge habt ihr zu dem Thema?

(sb)

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(Foto: JD, Gesellschaftsbilder.de)

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  1. Likemedien N°46 - Medien & Netz zu Behinderung | 13. November 2017
  2. Froschs Blog: » Im Netz aufgefischt #343 | 19. November 2017
  1. Gabi sagt:

    Hallo Raul,

    “Gibt es behinderte Menschen, die diesen Beruf ausüben? Und wenn nein, warum nicht?”
    Gibt es, ich kenne zwei junge Frauen mit Behinderung, die als HEPs arbeiten. Warum auch nicht? Es gibt schliesslich in jeder Berufsgruppe Menschen mit Behinderungen.

    Gruss
    Gabi

  2. Julia sagt:

    Danke für diesen anregenden Beitrag!

    Um das Thema “Dankbarkeit” aufzugreifen:
    Ich (gerade mitten in der Ausbildung) finde diesen Ausdruck ganz schrecklich.
    Dankbarkeit für was denn? Dafür, dass ein Mindestmaß an menschlichem Leben möglich ist? Dafür, dass keiner auf der Strasse leben muss? Das Bewohner zu zehnt auf eine Gruppe gezwängt werden und nichtmal jeder ein eigenes Zimmer hat?
    Und für diese Missstände wird auch noch Dankbarkeit erwartet? Nein, sorry, dass erschließt sich mir nicht.
    Menschenrechte hat jeder, einfach so, dafür muss niemand dankbar sein. Eher werde ich wütend, wenn ich sehe wie diese mit Füßen getreten werden.

    Wie soll allerdings auch ein Bewusstsein für diese “Feinheiten” entstehen, wenn zwar Rechte und Pflichten eines Menschen mit Behinderung gelehrt werden, aber nichtmal die Skripte, die wir erhalten, durchgehend gegendert sind?
    Wenn der Begriff “Heilerziehungspfleger*in” nicht erklärt wird. Den bekomme ich hier zum ersten Mal näher erläutert.
    Wenn ich Diskussionen mit Klassenkameraden führe, warum “Behinderter” nicht angebracht ist. Und dies nicht verstanden, sondern mit “Jaja, diese ganze Political Correctness. Darf ich jetzt nicht mehr Zigeunerschnitzel sagen, oder was?” ad absurdum geführt wird.
    Ich würde mir da schulisch viel (!) mehr Aufklärung wünschen. Aber momentan passiert da bei uns noch gar nichts.

    Wir haben verschieden Modelle von Behinderung gelernt. Sehr nüchtern betrachtete, veraltete Kriterien, neuere Kriterien und soziale Modelle.
    An meiner Schule gibt es keine Ausbilder*innen mit Behinderung. Einige wenige Schüler, meist aus dem Bereich der Hörbehinderung. Barrierefrei ist die Schule nicht.

    Das große Problem, dass in meiner Arbeitsstätte Inklusion kaum wahrnehmbar macht, sehe ich nicht im Bereich des “freiwilligen Abschottens”, sondern absolut im Personalschlüssel. Ideen wären viele da, um den Wohnenden mehr Teilhabe an gesellschaftlichem Leben
    zu ermöglichen. Nur wie schaffen, wenn meist allein im Dienst.
    Das ist ein bekanntes Problem und kommt auch nicht von heut auf morgen. Das möchte ich hier gar nicht anschneiden.

    Grüße

  3. Caro sagt:

    Hallo!

    Anregender Beitrag absolut!

    Wegen meines Berufstitels stimme ich dir in einem Punkt absolut zu: Das Heil ist irreführend. Die Bedeutung dahinter, die Ganzheitlichkeit, ist wichtig, aber eben leider für Externe und Interne nicht ersichtlich. Wie man das ändern kann, weiß ich leider auch nicht. Dahingegen ist Erziehung und Pflege deutlich. Ich habe beide Bereiche erlernt. Ich bin befähigt mit Heranwachsenden zu arbeiten und auch zu erziehen. In Verbindung mit der Pflege versteh ich auch darunter anzuleiten und zu befähigen. Wobei ich den Begriff Pädagogik des Begriffes Erziehung vorziehen würde.
    Zu Ihrem Vorschlag des Titels “Inklusionsassistent”: Ich gebe zu durch ein alte Arbeitsstelle bin ich mit den beiden Begriffen etwas geschädigt worden. Es wurde alles mit Inklusion argumentiert und es fand kein Austausch statt. Wir waren die Assistenz und hatten nur zu folgen. Dies führte zu miserablen Arbeitsbedingungen und Stressfaktoren bei den Mitarbeitenden. Wir wurden “verheizt”. Aber irgendwann, bin ich wieder in der Lage die beiden Wörter anzunehmen und auch mich als Inklusionassistent bezeichnen zu können 😉 (es geht nicht um den Gedanken hinter den Begriffen, es geht um die Wörter speziell.)

    Zu deinen Fragen:

    1. An meiner Schule waren zwei Lehrerinnen mit einem versteiften Bein. Da unsere Schule nicht barrierefrei war und sie auch lange Strecken/ Treppen laufen mussten, waren sie definitiv durch die Umwelt behindert.

    2. Inklusiv ist die Ausbildung zumindest an meiner Schule nur bedingt möglich gewesen. Dies ist aufgrund der mangelnden Barrierefreiheit nicht möglich. Dies wurde auch schon mehrfach angesprochen.

    3. Gelesen habe ich schon von vielen Kollegen die eine Behinderung haben. Kennen gelernt noch keinen. Wieso? Vermutlich da unsere Schule hier eben nicht barrierefrei ist. 50km oder mehr zu fahren um die Ausbildung an einer barrierefreien Schule machen zu können ist nicht wirklich mehr barrierefrei.

    4. Wir haben beide Modelle erlernt. Das medizinische Modell im Hinblick der Anatomie und der Biologie. Dies wurde dann mit dem sozialen Modell verbunden, um passende Hilfsmittel zur Befähigung zu finden oder Missstände der Umwelt zu erkennen.

    5. Wir lernten von Anfang an, dass wir Klienten haben. Keine Schützlinge oder Hilfsbedürftigen. Die Begründung: Heps verteidigen die Rechte der Menschen. Das Recht auf Selbstbestimmung, auf Würde und auf Unterstützung. Egal ob bürokratisch, finanziell, pflegerisch usw. Und dies geschieht unterstützend als auch übernehmend. Können wir nicht verbal über die Bedürfnisse kommunizieren suchen wir Wege zu kommunizieren. Man kann nicht nicht kommunizieren. Und in diesem Fall sind wir nicht nur “Anwalt” sondern auch Vermittler. Wenn dieser Gedanke eingeprägt wird, dann ist ein miteinander arbeiten auf Augenhöhe für alle möglich!

    Und ich möchte noch abschließen sagen: Ja mir macht meine Arbeit Spaß und ja ich empfinde es als meine Berufung. So wie mein Bruder sich berufen fühlt Architekt zu sein. Ich
    bin als Architekt nicht geeignet und nicht berufen. Dies bedeutet aber für mich einfach nur, dass meine Kompetenzen zu dem Beruf passen und das mir die Arbeit Freude bereitet und ich mich nicht jeden Tag hin quälen muss und auch bereit bin mehr zu arbeiten.
    Aber ich hab den Beruf nicht gewählt, weil ich Dankbarkeit erhalten möchte. Nicht weil Menschen mit Behinderung immer fröhlich seien. Es ist abwechslungsreich, jeder kleine Fortschritt (egal welcher Art, ob auf meiner Seite, auf Teamseite oder Klientenseite) gibt Grund zur Freude und ich, ganz ehrlich, meine eigenen Kompetenzen ausschöpfen kann.

    Einen schönen Tag alle zusammen
    😊

  4. kopftier sagt:

    Hallo Alle,

    ich bin Heilerziehungspflegerin und lebe mit einer ASS.
    An ein Outing während der Ausbildungszeit war nicht zu denken. In meiner Klasse waren sehr viele junge Menschen, (was keine Rechtfertigung sein soll) die ihre Ausbildung nicht besonders ernst genommen haben- irgendwie durchgekommen sind sie sowieso. Es hat mich echt traurig gemacht, dass in dieser Klasse “behindert” selbstverständlich als Schimpfwort benutzt wurde. Zum Zeitpunkt der Ausbildung war ich privat sehr belastet und hatte auf der einen Seite nicht durchgängig die Kraft mich mit dem Verhalten meiner Mitschüler*Innen aktiv auseinanderzusetzen. Auf der anderen Seite denke ich auch dass, es nicht meine Aufgabe war diese Leute zu pädagogisieren. Wie ich auch über Freund*Innen erfahren habe, wurde ein- und die gleiche Ausbildung an dieser Schule sehr unterschiedlich erlebt. Die Modelle von Behinderungen standen nicht auf “meinem” Lehrplan (ich habe mich auch schon vor der Ausbildung mit Disability Studies auseinandergesetzt)- das war sehr abhängig von den Lehrkräften. Themen wie Empowerment und die PZP hingegen waren wichtige Themen.
    So- oder so, ich habe Erfahrungen als Assistenznehmer*In gemacht und über einige Jahre den (im Vergleich zu anderen Assistenznehmer*Innen vermutlich noch geringfügigen) stigmatisierenden Scheißdreck bei den Behörden erlebt, der damit einhergeht.
    Persönlich kenne ich einige Menschen im Sozialen Bereich, die gerade vor Kolleg*Innen ihre Diagnose nicht bennen bzw. umschreiben, aus Angst vor Vorurteilen. Ich weiß, dass es in Österreich die Möglichkeit einer “Integrativen Ausbildung für Menschen mit Lernschwierigkeiten” zur Sozialhelfer*In gibt http://www.kathi-lampert-schule.at/ausbildung/angebote/ , Lehrkräfte oder Ausbilder*Innen mit Behinderungserfahrungen sind mir bis jetzt nicht (bewusst) begegnet. Ich bin gespannt auf weitere Eindrücke von Euch!

  5. Svenja Eisenhauer sagt:

    Hallo,
    Ich hoffe, dass die Mehrheit, die die Intention “gebraucht werden zu wollen” vermittelt trügt. Ich kann nur von mir und meinen Erfahrungen sprechen und Vermutungen aufstellen. Zum Beispiel bei den Facebook Kommentaren, wenn Menschen diesen Beruf ergriffen haben, weil sie gebraucht werden wollen, haben sie sicherlich auch ein größeres Verlangen, sich darüber und ihre Intention mitzuteilen, als andere.
    Ich kenne viele Heilerziehungspfleger/innen. Niemals habe ich von einem solche Aussagen gehört.
    Ich habe 2003 die Ausbildung gemacht. Vielleicht lag es daran, dass es eine privat Schule war aber schon während meiner Ausbildung äußerten sich alle Dozenten kritisch bezüglich der Berufsbezeichnung, wir führten viele Gespräche darüber. Genauso wurden wir von Anfang an in Lernfeldern unterrichtet und nicht in Fächern. Alles ging fließend ineinander über und bedingte sich gegenseitig. Auch habe ich noch nie sowas wie “zu Betreuender” gesagt. Meist Klient oder Mitarbeiter. Wenn ich doch mal in einer Einrichtung arbeitet wo es anders gesagt wurde, bin ich einfach bei Mitarbeiter geblieben, man wundert sich, wie schnell das alle übernehmen.
    Ich kann ehrlich gesagt nicht verstehen, wie man sein Augenmerk bei der Berufswahl auf solche Dinge legt “oh, sie geben einem so viel wieder” Im Privaten beende ich auch immer Gespräche über meinen Beruf, wenn der Tenor dahin geht “oh, wie bewundernswert, dass könnte ich ja nicht” Ich bin eine Fachkraft und habe mir einen Beruf nach meinen Stärken und Interessen ausgesucht, nicht mehr, ich bin kein Samariter.
    Ich bin auch sehr froh darüber, dass mit Auszubildenden, die diese fraglichen Intentionen zeigten, sehr kritisch umgegangen wurde.
    Liebe Grüße und immer weiter so!

    Svenja Eisenhauer

  6. Dorena sagt:

    Ja, der Name Heilerziehungspfleger stösst mir auch sauer auf. Intuitiv fragt man sich schon, was willste denn bei Erwachsenen noch erziehen ? Neu denken,wie von Dir,Raul, beschrieben, ….?da werden gewiss noch viele dicke Bretter zu bohren sein. Die Statements der Praktiker zeigen es nur zu deutlich.
    Was das “dankbar ” angeht, kann auch ich mich nicht immer davon frei machen in meinem denken.
    Ich weiss, da hab ich noch einiges zu lernen.

    Alles Gute für Deinen Verein !

    Grüssele Dorena

  7. Nicky sagt:

    Hallo Raul, Hallo an alle,

    ich danke dir sehr für diesen inspirierenden Beitrag. Ich bin Bachelorstudentin der Heilpädagogik und habe eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin absolviert. Ich halte mich für reflektiert und kritisch, was Sprache und auch Praxis sowie Wissenschaft der Heilpädagogik angeht, dennoch habe ich an mir einen kleinen Beißreflex festgestellt. Ich versuche den mal zu reflektieren und auf eine Sachebene zu bringen. Ich habe mich an zwei Aspekten, die du formuliert hast etwas gestört, was vermutlich auf meine individuellen Erfahrungen zurückzuführen ist. Zunächst möchte ich den Erziehungsbegriff benennen. Ich habe in meinem Studium gelernt, dass dieser nur Anwendung im Kinder- und Jugendbereich findet, da Instituitionen mit dieser Zielgruppe zumeist gesetzlich verankert einen Erziehungsauftrag haben. Im Erwachsenenbereich spreche ich von Erwachsenenbildung, die auf unterschiedlichen Ebenen stattfindet. Der zweite Punkt bezieht sich auf den Bereich Pflege. In meiner Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin stand im theoretischen Bereich die Ressourcenorientiertheit absolut im Vordergrung. Es ging immer darum die Patient*innen zu aktivieren und zu unterstützen und ihnen damit zur größtmöglichen Selbständigkeit zu verhelfen. Leider sah die Praxis natürlich oft anders aus, weshalb ich meinen Beruf auch gewechselt habe.

    Kobi bezeichnet die Heilpädagogik auch als Beziehungswissenschaft, weil die Beziehung zwischen Heilpädagog*in und Nutzer*in die Basis der gemeinsamen Arbeit ausmacht. Das wurde im SAtudium auch immer wieder thematisiert. Eine wertschätzende, respektvolle Beziehung auf Augenhöhe ist der Ausgangspunkt für eine gelingende Zusammenarbeit. Dennoch kommt es in der Praxis natürlich immer wieder zu Situationen, die ein Machtgefälle deutlich machen. Ich denke oder zumindest weiß ich nicht wie es verändert werden kann, das Machtgefälle zwischen Heilpädagog*in und Nutzer*in ist nicht gänzlich aufzulösen. Wichtig dabei finde ich allerdings, dass dies immer wieder von den Fachkräften reflektiert werden muss, für sich und auch im Team, unterstützt durch eine*n Supervisor*in. Auch das müsste vielmehr in den beruflichen Kontexten angestrebt werden. Oft stand ich mit meinen Gedanken auch alleine da und musste durch Fachlektüre und Blogs/Foren, Gespräche im privaten Kontext selbst Lösungsansätze finden, das erlebte Machtgefälle zu benennen, zu beschreiben und best möglichst aufzulösen oder zumindest eine fundierte Meinung zu bilden, warum es an der oder der Stelle unvermeidbar oder auch nützlich sein kann.

    Wir haben im Studium beide Modelle zur Erklärung von Behinderung thematisiert, wobei immer darauf hingewiesen wurde, dass das Medizinische veraltet ist. Wir haben aber auch besprochen, warum es dennoch seine Berechtigung hat über anatomische und physiologische Spezifa zu sprechen. Dennoch steht in unserem Studium die ICF als primäres Instrument zur Erklärung von ‘Behinderung’ im Mittelpunkt.

    Ich finde es gut, dass du einen neuen Begriff für ‘Heilerziehungspflger*innen’ vorschlägst. Allerdings fühle ich persönlich mich mit dem Begriff ‘Inklusionsassisten*in’ nicht ganz wohl. An Regelschulen wird von den Unterstützungspersonen für Kinder mit Unterstützungsbedarf auch von Inklusionshelfer*innen gesprochen und was dort zum Teil abläuft hat meiner Meinung nach nicht viel mit Inklusion zu tun. Würde ich mir vorstellen, die Berufsbezeichnung ‘Inklusionsassistentin’ zu tragen, fände ich das nicht sehr authentisch. Denn bis wir nicht alle gemeinsam den Grundgedanken der Inklusion in den Praxisfeldern und auch im Privaten leben, kann ich mich damit nicht identifizieren. Allerdings schon eher mit dem Assistenzbegriff, denn den Begriff Hilfe lehne ich für mich auch ab. Auch den haben wir im Studium immer wieder thematisiert und als nicht zutreffend herausgestellt und eher durch Unterstützung oder Assistenz ersetzt.

    Unsere Hochschule ist nur eingeschränkt barrierefrei und wir haben keine*n Dozent*in und nur relativ wenige Studierende mit Behinderung, was ich als unbedingt zu verändern einschätze. Dem wird versucht durch einen Arbeitskreis zum Thema Behinderung und Studium gerecht zu werden.

    Ich möchte mit den Worten: Es ist noch viel zu tun! abschließen und hoffe, dass da draußen viele engagierte und motivierte Menschen nicht müde werden weiter zu machen und Inklusion lebbar werden lassen. Ich für meinen Teil habe den Beruf aus meinem biografischen Gewordensein erwählt und er ist der Einzige, der so sehr mit meinen Idealen und meinem Menschenbild zusammenhängt, das ich ihn mein lebenlang ausüben möchte ohne jemals müde zu werden mich und mein Handeln kritisch in Augenschein zu nehmen. Danke Raul, dass du mir dafür mit deinem Aktivismus auch immer wieder eine große Inspiration und Unterstützung bist.

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