Unbequemer sein – ein Nachruf

Wir müssen dringend handeln! Während die Politik Pläne schmiedet, das selbstbestimmte Leben mit Assistenz drastisch zu beschneiden, verpufft der Protest in harmlosen Straßenfesten und öffentlichen Selbsthilfegruppen. Rasseln, Trommeln und brave Petitionen rütteln niemanden mehr wach. Ein aufrüttelnder Nachruf von Katrin Bittl auf die bisherige Protestkultur – und ein dringender Appell an die Community und ihre Verbündeten, der Gesellschaft endlich wieder spürbar unbequem zu werden.

Katrin Bittl

Definition unbequem sein:

durch seine Art jemandem Schwierigkeiten bereitend, ihn in seiner Ruhe oder in einem Vorhaben störend

Wir sind in der Sommerpause, alle schwitzen, ich weiß. Aber ich koche nicht nur wegen der Hitze, sondern mir kocht das Blut. Und zwar schon seit einigen Wochen. Als ich dann den Newsletter vom 6. August las, war es wie ein Silberstreif. Uwe Heinecker spricht an, was mich schon länger umtreibt. Die Bundesregierung schmiedet Pläne darüber unser Leben mit Assistenz zu streichen. Er fragt mit Recht, wo bleibt der Aufschrei?

Und ja, es haben Demos stattgefunden, bereits Anfang des Jahres und es sind Weitere geplant. Es wurden Petitionen verfasst, Mahnungen und Briefe geschrieben und auch ich habe mein Instagram bemüht, um Aufmerksamkeit für das Thema zu generieren. Aber ihr lieben bemühten Leute, können wir langsam mal zur Einsicht kommen, dass unsere netten Aufmärsche mit Rasseln und Trommeln absolut niemanden interessieren? Ich habe in den vergangenen Monaten mehrere Versammlungen behinderter Menschen beigewohnt. Und dort wurde ich das irritierende Gefühl nicht los, dass wir immer noch versuchen, der ebenso irritierten NICHT-Behinderten Masse in den Innenstädten zu beweisen, dass wir auch „Menschen sind“. Wir ziehen mit Melodien durch die Straßen, als ob wir irgendwas zu feiern hätten. Und versteht mich nicht falsch, ich bin ein Verfechter von geilen Partys. Aber auf unseren Streifzügen durch die Stadt kann man doch beobachten, dass sich Menschen an unserem „seltenen Anblick“ und dieser „bunten Freude“ inspirieren. Weil wir endlich mal öffentlich in einer großen Ansammlung sichtbar werden und aus unseren „Verwahrungsanstalten“ rollen. Wenn die Umzüge dann in Kundgebungen enden oder es reine Bühnen mit Vorträgen, über unsere Betroffenheit abgehalten werden, sind wir Behinderten fast ausnahmslos unter uns. Wir hören einander zu. Wie in einer riesigen öffentlichen Selbsthilfegruppe. Nach der jeder Einzelne auf dem Heimweg in der S-Bahn oder dem behinderten Transport, randvoll mit weiteren Horror- Leidensgeschichten abgefüllt, nach Hause fährt. Gut, dass wir uns und unseren wenigen Allys, die da waren nochmal vor Augen geführt haben, was das NS-Regime mit Menschen wie uns, gemacht hat.

Denn die Menschen, die Außenrum laufen oder unseren Streifzügen begegnen,

interessieren sich mit Nichten für unser alltägliches Leben. Wir sollen uns damit zufrieden geben, dass wir auch mal was angemeldet und uns auf der Straße zusammengefunden haben.

Meine Zeilen sollen keinesfalls die Bemühungen außer acht lassen, die hinter all dieser Organisation stecken. Und den Aufwand, den Aktivist*innen sich machen! Ich wünsche mir nur, dass es sichtbarer wird an welchem Punkt wir real stehen und dass die Bemühungen viele Kräfte verpuffen lassen.

Ich bitte deshalb alle, die sich dafür interessieren, sich noch tiefergehend zu informieren. Besonders, diejenigen Menschen, die unsere Allys sind. Diejenigen, die uns lieben und mehr Kapazitäten haben. Erkennt, dass es ein absolutes

Warnsignal ist, dass man unsere Leben auf eine Streichliste setzt. (Hier die Streichliste!) Es gibt Städte und Länder in denen bereits die Anträge auf Leistungen nicht mehr bearbeitet wurden und Schüler*innen nach den Ferien nicht wussten, wie es weitergeht. Wieviel braucht ihr noch, um zu verstehen, dass unsere Pappschilder und Zurufe nicht ausreichend sind?

Haben wir uns tatsächlich darauf geeinigt, dass der Status quo in Deutschland, das ist, was wir erhalten wollen? Wie gut geht es uns Menschen mit Behinderungen denn überhaupt hier? Kann es nicht sein, dass uns die Politik seit Jahrzehnten an der Nase herumführt und vertröstet. Mit Erfolg, weil wir uns daran gewöhnt haben, um unsere Recht zu bitten und zu betteln. Es ist ja nicht so als wäre es seit jeher das Einfachste der Welt, eine Leistung zu beantragen und bewilligt zu bekommen. Wollen wir uns mit immer weniger zufriedengeben?

Ich habe mich umgehört und von vielen Seiten höre ich nur „Ich weiß nicht was ich tun soll“. Viele wissen nicht, wie sie anfangen sollen.

Lest das Buch von Uwe Heineker, denn das ist echtes empowerment. Versteht, dass wir systematisch ausgeschlossen und verdrängt werden und dass wir mit Aussagen wie „wir brauchen noch Zeit“ und „es ist komplex“ abgefrühstückt werden. Es gibt gute Gründe ernsthafte Wut zu verspüren, die darüber hinaus gehen, wie und ob unsere Körper angestarrt oder kategorisiert werden.

Schaut euch Filme an wie z.B. Crip Camp und Widerstand 1981 gegen das Jahr der Behinderten, die zeigen wie Menschen sich in der Vergangenheit verbündet und organisiert haben. Sucht euch diese Vorbilder und Menschen und überlegt euch, wie ihr heute für diese Werte stehen könnt. Meinetwegen sucht ihr das Kino eurer Kleinstadt und organisiert Filmvorführungen.

Und nochmals informiert euch und recherchiert. Wie z.B. diese Veranstaltung, bei der es interessante Gegenargumente darüber zu finden gibt, dass unser derzeitiger Sozialstaat ein Problem darstelle. Ganz im Gegenteil, ist es so, dass unser aktuelles solidarisches System und die Wirtschaft stark davon abhängen, ob wir Menschen finanziell unterstützen. Dass Kürzungen keine Lösungen anbieten, sondern unsere Krisen verstärken.

Was kann man tun?

  1. Such dir in deinem Umfeld deine Verbündeten, die sich mit dir und für dich/uns einsetzen wollen. Das kann auch nur eine einzige Person sein.
  2. Schau dir die Texte und Quellen an.
  3. Überlege dir WIE kann Widerstand aussehen, was bedeutet es tatsächlich „Sand im Getriebe der Politik“ zu sein.
    • WO kann ich physisch sein und meine Forderungen stellen.
  4. Angst ist kein guter Begleiter. ABER es kann ein guter Treibstoff für die Wut und somit Energie sein, sich auf den Weg zu machen.
  5. Geht hin! Macht es!

Ich glaube wir brauchen viel mehr Mut und Bündnisse, um endlich Einhalt zu gebieten. Es macht mir eigentlich sogar Hoffnung, dass viele Menschen das Gleiche sagen. Dass sie etwas tun wollen, aber nicht wissen wie. Denn das zeigt, dass wir es zusammen machen müssen!

Quellen



Ein Kommentar zu “Unbequemer sein – ein Nachruf”

  1. Danke für diesen Text, Katrin Bittl. Genau das.
    Ich bin es leid, immer wieder freundlich erklären zu müssen, warum ich dieselben Rechte haben sollte wie alle anderen. Ich bin es leid, um Barrierefreiheit, Assistenz und Teilhabe zu bitten, als wären das irgendwelche Extras, die man mir bei guter Haushaltslage gönnen kann.
    Mein selbstbestimmtes Leben ist nicht verhandelbar. Punkt.
    Und wenn ernsthaft darüber gesprochen wird, bei genau den Leistungen zu kürzen, die Menschen mit Behinderungen ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen, dann reicht es irgendwann einfach nicht mehr, eine Petition zu unterschreiben und mit einem Pappschild durch die Innenstadt zu ziehen.
    Ich frage mich inzwischen wirklich, warum unser Protest so oft so verdammt bequem für alle anderen ist.
    Warum können Verantwortliche unsere Forderungen ignorieren und am nächsten Morgen einfach weitermachen wie vorher?
    Ich will nicht mehr nur sichtbar sein. Ich will unbequem sein.
    Ich will dahin, wo Entscheidungen getroffen werden. Ich will Verantwortliche mit den Folgen ihrer Entscheidungen konfrontieren. Ich will mich mit anderen zusammentun und Protest unterstützen, der nicht einfach übersehen und ausgesessen werden kann.
    Und ja: Friedlicher Protest darf nerven. Er darf stören. Er darf unangenehm sein. Wenn danach alle einfach genauso weitermachen können wie vorher, müssen wir uns fragen, ob unser Protest überhaupt genug Druck erzeugt.
    Ich will nicht länger darum bitten, teilhaben zu dürfen.
    Ich will nicht dankbar dafür sein müssen, wenn ein Recht, das mir ohnehin zusteht, tatsächlich umgesetzt wird.
    Und ich werde ganz sicher nicht still dabei zusehen, wenn das bisschen Selbstbestimmung und Teilhabe, das Menschen mit Behinderungen über Jahrzehnte erkämpft haben, wieder zur Verhandlungsmasse gemacht wird.
    Wenn unbequem sein bedeutet, dass Wegschauen nicht mehr funktioniert, dann will ich verdammt nochmal unbequemer werden.
    Ich bin dabei.

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