
Manchmal spüre ich die Distanz zu anderen Menschen schon, bevor überhaupt ein Wort gesprochen ist. Sie entsteht aus Unsicherheit oder aus Scham und oft löst sie sich nicht auf. Ich wünsche mir nicht, dass diese Unsicherheiten nicht da wären oder Leute mit Coolness ihre Scham überspielen. Ganz im Gegenteil, ich wünsche mir mehr Lockerheit mit den eigenen Verlegenheiten. Dann wäre Begegnung leichter.
Ich erlebe es oft: Es ist eine ganz spezifische körperliche Spannung im Raum: an der Supermarktkasse, in einem vollen Aufzug oder bei der Begrüßung auf einer Veranstaltung. Ich sitze im Rollstuhl, mir gegenüber steht ein Mensch ohne körperliche Behinderung. Und in dem Moment, in dem sich unsere Blicke treffen, passiert etwas in meinem Gegenüber: Es schaltet sich ein erlerntes Schutzprogramm ein.
Das Programm heißt: Bloß ganz normal verhalten.
Ich sehe es der Körpersprache sofort an. Es ist ein kurzes Einfrieren. Die Muskeln spannen sich an, die Gestik wird vorsichtig. Ich habe eine klare Vorstellung davon , was in der Person vorgeht: Die Sorge, etwas Falsches zu tun, zu lange zu starren oder die falsche Frage zu stellen. Aus dieser körperlichen Anspannung heraus entsteht eine unsichtbare Wand. Sie wird häufig für Höflichkeit gehalten. Die Höflichkeit, die Behinderung einfach zu übersehen. Sich den Rollstuhl bloß nicht anmerken zu lassen.
Und aufgrund dieser Höflichkeit befinden wir uns nicht mehr in einem menschlichen Moment der sorglosen Begegnung. Sondern in einem unbeholfenen Tanz der sozialen Ängste. Das macht mich einsam.
Wohin mit der Energie?
Diese Anspannung ist nicht nur mir vorbehalten. Wir alle kennen sie. Der Unterschied: In vielen Situationen löst sich diese Anspannung einfach auf. Wie beim Spazierengehen: Jemand kommt entgegen, man will einander ausweichen, aber was passiert? Man zuckt nach rechts, nach links. Immer in die exakt gleiche Richtung wie das Gegenüber. Dann ein kurzes Auflachen, bevor man sich endlich aneinander vorbei navigiert hat und entspannt weitergeht.
Das gemeinsame Lachen sorgt für Stressabbau und erzeugt Verbindung. Aus einem Moment der unbeholfenen sozialen Navigation entsteht ein kurzer Moment der Nähe. Manchmal entlädt sich die Anspannung auch durch ein Abklatschen oder eine Umarmung.
Aber viele behinderte Menschen kennen das nicht. Denn nicht-behinderte Menschen lösen ihre Anspannung uns gegenüber selten mit Lachen, einer Berührung oder einem kurzen gemeinsamen Moment. Wenn Menschen aus Unsicherheit vor dem Rollstuhl einfrieren, bleibt ihre Impulsenergie stecken.
Der Druck bleibt im Raum stehen, er bleibt in der Person und in mir. Und er beschäftigt mich nachhaltig. Denn ich kann ihn auch nicht einfach loswerden. Viele meine Freund*innen ohne Behinderung finden ihr Ventil im Sport, laufen eine Runde und bewegen sich die Spannung einfach frei. Mir steht dieser Stressabbau aufgrund meiner Behinderung nicht zur Verfügung. Auch ein Gespräch mit einer Psychologischen Fachkraft hilft nur bedingt. Es ist für mich einfach eine andere Energie. Eine, die ich nicht wegtherapieren will, weil sie stört. Sondern eine der ich Raum geben will, weil sie da ist.
Und so nehme ich Momente der Beschämung oft nicht nur stark wahr, sondern bleibe lange mit ihnen in meinem Körper zurück.
Funktionale Berührung vs. beiläufige Nähe
Es gibt viel Körperlichkeit im Leben eines behinderten Menschen mit meinem Ausmaß an Assistenz im Alltag. Ich habe keinen Mangel an körperlicher Berührungen. Aber oft sind das keine Momente menschlicher Nähe.
Als behinderter Mensch werde ich dauernd angefasst. Bei der Assistenz, beim Umsetzen, in der Physiotherapie, bei der Pflege. Das sind funktionale Berührungen, Handgriffe, die ein klares Ziel haben. Sie lösen keine soziale Anspannung oder schaffen Nähe, sie verwalten nur den Alltag.
Was fehlt, ist die beiläufige, emotionale Körperlichkeit: Das spontane Schulterklopfen, die Hand auf dem Arm, die unbefangene Umarmung zur Begrüßung.
Warum fällt sie aus? Weil Nähe im Rollstuhl auch körperliche Anpassung bedeutet. Wer steht, muss sich runterbeugen, den Winkel verändern, die Höhe ausgleichen. Wenn zu dieser physischen Hürde noch das Erstarrungsmuster kommt, bricht die Bewegung ab. Die Körperspannung bleibt blockiert, und die Berührung fällt aus.
So wird der Rollstuhl zum Puffer gegen Nähe. Ich nenne das Berührungsarmut. Man wird höflich navigiert, bleibt aber körperlich isoliert.
Wir müssen den Knoten lösen
Ich wünsche mir sehr, dass Leute zu einer entspannten Körperlichkeit mit mir gelangen. Ein einfaches: „Wie begrüßen wir uns am besten?“ ist kein Beleg für die eigene Unzulänglichkeit, sondern nimmt schlagartig den Stress aus der Situation.
Es entlastet das Gegenüber vom Gedankenspiel, die Situation alleine perfekt steuern und jegliche Fettnäpfe umschiffen zu müssen. Es lässt die festgesteckte Anspannung abfließen und gibt mir gleichzeitig die Regie über meinen eigenen Raum zurück. Denn ich möchte nicht mit den Energieüberresten fremder Scham zurück bleiben. Ich möchte ein ganz normales Gegenüber sein, das über unbeholfene Momente mit-lachen darf und diese Energie mit-loslassen darf.
Der Mut zur Stolperstelle
Ich sage also nicht, dass Unsicherheiten nicht bestehen dürfen. Oder dass man erst mit mir reden kann, wenn man alles über Ableismus, Inklusion und Barrierefreiheit weiß und sich lehrbuchhaft inklusiv verhält. Ich wünsche mir Interaktionen, in denen Berührungsängste nicht überspielt werden.
Ich möchte echte Momente der Begegnung erleben. Momente der Anspannung, die sich in Lachen auflösen, in Bewegung oder in einer Berührung.
Eine Umarmung darf ungelenk sein. Die Blicke und Biegungen dürfen sich kurz suchen müssen. Das ist kein Fehler, sondern das Vorhandensein von echter menschlicher Nähe.
Was Distanz schafft, ist nicht das kurze Stolpern, sondern das Ausweichen vor der Berührung.
Lassen wir die Anspannung nicht als Trennwand im Raum stehen. Machen wir Platz für Fehler, Verbindung und körperliche Begegnung.
(Spoiler: Aber bitte trotzdem kurz Konsens schaffen, bevor ihr Menschen berührt.)
10 Kommentare zu “Berührungsarmut: Über die Distanz, die kein Aufzug überwinden kann”
Mich beschäftigt vor allem das „Bloß ganz normal verhalten“. Das ist vermutlich eines der zuverlässigsten Programme, um sich in kürzester Zeit völlig unnormal zu benehmen.
Sobald ein Mensch unbedingt vermeiden will, etwas Falsches zu tun, beginnt er gewöhnlich damit, jede Bewegung zu überwachen. Nicht hinschauen. Aber auch nicht demonstrativ wegsehen. Nicht zu nah kommen. Nicht zu weit wegbleiben. Auf keinen Fall etwas Unpassendes fragen. Nach wenigen Sekunden steht dann ein körperlich vollkommen gesunder Erwachsener da wie jemand, der zum ersten Mal mit einem Menschen konfrontiert wird.
Besonders einleuchtend finde ich deshalb die schlichte Frage: „Wie begrüßen wir uns am besten?“ Sie hat nur einen Nachteil: Man müsste eingestehen, dass man gerade unsicher ist. Und Unsicherheit offen zuzugeben gilt gesellschaftlich offenbar noch immer als riskanter, als sie mit beträchtlichem Aufwand vorzuführen.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Barriere.
Nicht dass Menschen nicht wissen, was sie tun sollen.
Sondern dass sie glauben, man dürfe es auf keinen Fall merken. 🦌
Lieber Raúl,
ich danke dir für deine sehr berührenden Zeilen.
Herzliche Grüße
Heike
Dumme Frage: Also ist der Spoiler alles, was man dazu sagen muss? Viele Grüße, Thomas
Lieber Raul,
herzlichen Dank für Deine Offenheit! Viel Stoff zum Nachdenken. Ich gehöre auf jeden Fall zur Zielgruppe: verklemmte Preußin aus dem autistischen Spektrum – ich könnte Dir nicht in die Augen sehen beim Sprechen usw. Und will natürlich um Gottes Willen nichts falsch machen! Das Ergebnis dürfte exakt so ausfallen wie von Dir beschrieben.
Aber ich verspreche Dir, Dich wirklich einfach zu fragen, sollten wir uns mal über den Weg laufen. Falls ich nicht vor Ehrfurcht erstarre – denn das könnte vielleicht auch noch ein Aspekt sein, dass die Leute sehr viel, zu viel Respekt vor Dir haben und dadurch vielleicht auch gehemmt sind, also zusätzlich.
Sei auf jeden Fall weiter tapfer – und fühl Dich gedrückt 😉
Ute
Eine prima Anleitung, die sicher beiden Seiten gut tut.
Merci <3
Eine prima Anleitung, die sicher beiden Seiten gut tut.
Merci <3
Danke. Genau das Thema hab ich letzte Woche malerisch bearbeitet – immer ist Blech zwischen den Menschen…
Übrigens war eine Frau über Sechzig in der Malgruppe und ich war die erste Frau im Rolli, mit der sie in Kontakt kam.
Lieber Raul,
auch ich sage herzlichen Dank für deine wunderbare Beschreibung. Hoffentlich habe ich sie präsent, wenn wir uns das nächste Mal wiedersehen.
Ganz liebe Grüße
Reinhold
Hi Raul, danke für die schöne Beschreibung. Ich bin recht spontan, doch ich weiß nicht, wie ich dich begrüßen würde, wenn wir uns träfen. Jetzt bin ich sicherer. Ich hoffe sehr, dass wir uns eines Tages über den Weg laufen. Alles Liebe und Schöne für dich, Maria, die Autorin vom Starnberger See.
Lieber Raul, danke für deine Worte. Ich kenne sowohl die Unsicherheit: wie nehme ich Kontakt auf…als auch die Reaktionen, des Gegenüber, wenn sie merken, dass ich behindert bin.
Bloß nichts anmerken lassen…bloß nicht unsicher wirken oder nicht die richtigen Worte finden!
Es tut gut, darüber zu lesen und es braucht immer wieder Mut und Selbstvertrauen, meine eigenen Unsicherheiten und Ängste wahrzunehmen und zu artikulieren.
Dann wird echte Begegnung möglich, ob mit oder ohne Rolli.
Liebe Grüße aus dem Rheinland von Erika