Alles kommt ins Körbchen: #OBistObsolet

Ausgrenzung erfahren verdammt Viele. Verdammt verschieden sind sie auch. Die Frage aber, ob sich Diskriminierung ändern soll, ist obsolet. Vielmehr geht es ums wie. Damit sich dieser Stillstand ändert, beginnen wir dem Sammeln unter einem Hashtag und einem Blick nach vorn.

Donald Trump lässt sich gern mit erhobener Faust vorm Sternebanner fotografieren, von Wolfgang Schäuble gibt es oft Aufnahmen mit rechtem Zeigefinger an der Denkerstirn – und von mir vor einer Bordsteinkante. Nicht, dass dies meine Eitelkeit besonders störte. Aber es fällt schon auf, dass zahlreiche Medienanfragen mich stets mit dem gleichen Motiv ablichten wollen: vor einer Barriere, einer Treppe, einer Stufe. Ich frage mich dann immer, ob ich dazu ein trauriges Gesicht machen soll, und wie blöd das alles ist.

Daher habe ich beschlossen, für solche Bilder nicht mehr zur Verfügung zu stehen. Es ist ja gut, wenn es Reportagen über fehlende Barrierefreiheit gibt. Aber immer die gleichen Darstellungen sind wie ein Stillstand. Wir indes wollen voran.

Daher wird es ab nun nur Bilder und Interviews mit mir geben, wenn es um das „wie“ von Inklusion geht und nicht mehr um das „ob“. Denn über letzteres ist genug gesagt worden. Zünden wir die nächste Stufe. Und lassen wir die Stillstandsbilder hinter uns. Für Barrierefreiheit helfe ich gern auf die Sprünge!

Die Zeiten sind nicht so, dass es mit Jammern getan wäre. Besser wäre eine nüchterne Bestandsaufnahme, und zwar all dessen, was sich an Barrieren in Deutschland auftürmt. Das betrifft nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern auch von Rassismus Betroffene, von Frauenfeindschaft, sexueller Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung.

Die Musikerin Sookee hatte daraufhin die großartige Idee, ein Hashtag ins Leben zu rufen, das all dies sammelt:

#obistobsolet auf Instagram.

Die Dringlichkeit dazu ist allgegenwärtig, oder wie es die Sookee formuliert:

„Gibt es Rassismus in Deutschland?
Haben wir ein Sexismusproblem in der Gamingszene, im Boxsport in der Kinderkultur etc?
Werden Transleute diskriminiert?
Haben autistische Menschen Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt?
Fehlt es an Barrierefreiheit?
Sind Queers Vorurteilen ausgesetzt?“

Sookee in einem Kommentar auf Instagram

Dieser Sammelhashtag setzt sich für das Ende dieses Aufderstelletretens in der medialen Darstellung ein. Wir brauchen hierbei weder Sensationalismus, sondern die kurze Benennung eines konkreten Problems und vor allem die Best-Practice-Beispiele sowie ihre Akteur*innen.

Denn die Barrieren wirken vor allem quer. Sie betreffen viele. Zur Veranschaulichung lade ich zu einem kleinen Gedankenspiel ein: 

Ich habe blonde Haare, blaue Augen, helle Haut. Mein Nachname klingt vermeintlich deutsch, für manche megadeutsch: Kraut und Hausen. Deshalb werde ich ganz selbstverständlich

  • zu Wohnungsbesichtigungen eingeladen
  • auf dem Bahnsteig nicht nach meinem Ausweis und Reiseziel gefragt
  • am Flughafen nicht gesondert überprüft
  • im Geschäft nicht besonders beobachtet
  • in jeden Club gelassen, in den ich möchte
  • als Kind nie von anderen Kindern wegen meines Aussehens oder Namens gehänselt oder verprügelt
  • nie Alltagsanfeindungen von Bio-Deutschen ausgesetzt
  • nie gefragt, wo ich herkomme. Also „ursprünglich“.
  • nie darauf angesprochen, „wie gut ich deutsch sprechen kann“.

Nein, es gibt keinen Rassismus gegen Weiße. Aber aufgrund meiner Behinderung werde ich in all diesen oberen Punkten ebenfalls anders behandelt. Hier geht nicht um ein „wir auch“ oder um eine Relativierung von Rassismus. Wir wollen stattdessen sichtbar machen. Zusammenführen. Denn der Barrieren, wie gesagt, gibt es viele. Füllen wir also dieses Sammelhashtag. Und suchen die Wege hindurch, für ein besseres Miteinander.

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  1. Liebe OBistObsolet – InitiatorInnen
    der Artikel läßt mich ein bißchen ratlos zurück. Ich kapiere nicht ganz, was ich tun soll. Ist das jetzt schon eine Erfahrung, die berichtenswert ist? Sollte ich die Lösung mitliefern ? Leichte Sprache vielleicht ?
    Herzliche Grüße
    Elli

  2. Hinweise in aktuellen Sendungen z. B. Berliner Abendschau auf Ausstellungen Konzerte neue Bauten etc. Hätte ich sehr gerne jeweils mit dem Hinweis barrierefrei bzw. Nicht barrierefrei versehen. Ich habe dazu eine entsprechende Korrespondenz geführt. Liegt schon etwas länger zurück. Habe auch nachgehakt . Resultat gleich null. Ärgerlich denn mein Interesse ist geweckt aber immer muss ich die Möglichkeit der Zugänglichkeit erst in Erfahrung bringen. Jedesmal bei negativem Bescheid eine Enttäuschung die ich mir durch den entsprechenden sofortigen Hinweis ersparen könnte. Die letzten Beiträge lieber Raul haben mir sehr gefallen und mich z.t. beeindruckt.

  3. Fazit: Gerade wir (Rollstuhlnutzer) werden in der Sicht von Fussgängern bevorzugt als „hilflos“ dargestellt: Aufsteigende Treppen sind ein beliebtes Format. Uns m u s s geholfen werden! Wir
    m ü s s e n geschützt werden. Hat uns jemals jemand gefragt, ob wir das wollen?

    Allein das Gewese und Getue der „Mitfühlenden“ ist diskriminierend.

    Und an wem denn sonst soll sich die viel beschworene Nächstenliebe und Solidarität der Fußgänger entfalten?

  4. Obwohl engagiert und, wie ich meine sogar etwas gebildet, verstehe ich den Hashtag nicht.
    Das heißt aber nicht, dass ich die dahinterstehende Gedankenwelt nicht unterstützen würde. Im Gegenteil!
    Zunächst brauchen wir neue Begrifflichkeiten, da sage ich den hier mitlesenden Menschen ja nichts Neues. „Handicap“, „Behindertenbeauftragter“, „Inklusion“, „Missbrauch“, „Ehrenmal“ und „Ehrenmord“, „Wohnheim“ um nur einige zu nennen.
    Einer meiner Ansätze entwickelte sich so richtig während einer Diskussion um die Einführung Integrierter, inklusiver Gesamtschulen im Landkreis Goslar. Da sagte mir eine Gesprächsteilnehmerin, dass sie ja wohl schon die „sozial“ benachteiligten jungen Mensch aus den Mietskasernen und die Behinderten bedauere, aber wenn man sähe, wie an der örtlichen Gesamtschule bereits vor Schulbeginn die Messer gezückt würden und Rollis den Zugang blockierten, da möchte sie doch lieber ihre Kinder auf ein klassisches Gymnasium schicken, damit sie in Ruhe lernen können.
    Das musste ich erstmal sacken lassen!
    Ich antwortete dann sinngemäß:
    Nicht die sogen. sozial schwachen oder behinderten Menschen benötigen die oberflächlich gesunden SchülerInnen sondern genau umgekehr benötigen diejenigen ohne Handikaps in geordneten Verhältnissen mit ausreichender Finanzausstattung und einer gewissen Bildungsnähe lebenden SchülerInnen die anderen! Mit dem getrennten dreigliedrigen Schulsystem nehmen wir der herangezüchteten vermeintlichen „Elite“ den Blick auf´ s Ganze, die Auseinandersetzung mit der Realität, und das ist es doch, was in der Schule gelernt werden soll. Nicht für die Schule, für´s Leben…
    Eine Gesellschaft, die fast ausschließlich aus Randgruppen besteht, kann nur wachsen und gedeihen, wenn sich alle darüber im Klaren sind, dass auch sie zu einer „Randgruppe“ gehören und dass nur im Miteinander zu wirklich erfüllender Lebensgestaltung gelangt werden kann….
    Ein evolutionärer Prozess, an dem ich früher bereits unbewusst jetzt immer konkreter mitwirke damit die Evolution in diesem Falle mal etwas schneller geht! :-)

  5. Das Problem vieler ist, das „Schubladendenken“ und den Fürsorgegedanken aufzugeben und uns Menschen mit Behinderungen als vollwertigen Teil der Bevölkerung zu betrachten. Man traut uns nach wie vor nicht zu, weitgehend mit Hilfe von Assistenz selbstständig in einer Wohnung zu leben und unseren Beitrag zur Gesellschaft in welcher Form auch immer leisten zu können. Wobei ich die Erfahrung gemacht habe, dass es in kleinen Städten oder gar Dörfer für Menschen mit Behinderungen beträchtlich schwieriger ist, echte Teilhabe zu erfahren. Wobei es durchaus auch Ausnahmen gibt. Fakt ist, dass die Schulstrukturen in sich total verkrustet sind. Das gilt vor allem für die Schulministerien welche nach wie vor nicht bereit sind, Schülern mit Behinderungen einen vollwertigen Real- oder Gymnasiumschulabschluss zu ermöglichen. Warum können in den vorhandenen Sonderschulbauten keine Mischformen entstehen? Dass heißt, dass Kinder in solchen Gebäuden unterrichtet werden und die Schüler mit erhöhten Hilfebedarf in ihrem vertrauten Umfeld bleiben können. Auch so kann Inklusion in den Schulen stattfinden. Denn sie sollte keine Einbahnstraße sein.

  6. Gerade die Problematik inklusiver Schulen diskutieren wir in Goslar intensiv. Wobei ich das Wort „Problematik“ gern durch das Wort „Chance“ ersetze. In den hiesigen „Spezialschulen“ wird unbestritten hervorragende Arbeit geleistet. Aber (s. meinen oberen Post) wir dürfen auch die Nicht-Augenfällig-Behinderten vergessen! Warum nicht im Sinne von Projektunterricht einfach mal „normale“ SchülerInnen eine Zeitlang in „Spezialschulen schicken?
    Weitere Erfolge:
    Die größte Wohnungsbau- und verwaltungsgesellschaft Goslars hat mir z.B. zugesichert, das zukünftig alle freiwerdenden Erdgeschosswohnungen barrierefrei umgebaut werden. Des Weiteren werde ich eingeladen um an dem Konzept eines integrativen, inklusiven Wohnprojekts mitzuwirken.

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