Auf der Suche nach der passenden Assistenz – 11 Tipps für behinderte Menschen

 
Für ein selbständiges Leben benötigen einige Menschen mit Behinderung Unterstützung im Alltag; das ist der Job sogenannter persönlicher Assistenten*innen.
Jenny Bießmann und Raul KrauthausenAllerdings passt nicht jede*r Assistent*in zu den speziellen Bedürfnissen eines Assistenznehmenden.
Worauf sollte ich achten? Wo beantrage ich was? Wie finde ich denn bloß die für mich passende Assistenz?
Jenny Bießmann und ich haben gemeinsam über 20 Jahre Erfahrungen als Assistenznehmer*in gemacht und unsere 11 wichtigsten Tipps für Euch zusammengetragen:

1. Du musst wissen, was du willst und brauchst

Bevor du dich auf die Suche nach passenden Assistenten*innen machst, solltest du planen und genau überlegen, was du tatsächlich benötigst:

  • Wobei brauchst du Unterstützung?
  • Zu welcher Tageszeit hast du den größten Hilfebedarf?
  • Ist das Geschlecht deiner*s Assistenten*in für dich wichtig (Thema Scham)?
  • Wie (körperlich) belastbar sollte die Assistenz sein?
  • Was ist dir zwischenmenschlich wichtig?
  • Für wie viele Stunden benötigst du insgesamt Assistenz?

Besonders der letzte Punkt ist langfristig von Bedeutung: Wenn du deinen Assistenzbedarf erstmal beantragt hast, sind Nachverhandlungen schwer.
Organisationen wie Assistenz.de und akse e.V. können dir helfen, deinen Bedarf zu ermitteln und beim Sozialamt zu beantragen.
Früher oder später wirst du Besuch bekommen: “Das Amt” überprüft jährlich bei dir zu Hause, ob dein Hilfebedarf weiterhin vorhanden ist.
Außerdem verlangt das Amt für den Bewilligungszeitraum eine „Einnahmen und Ausgaben“ – Übersicht sowie deine Kontoauszüge. In der Regel reicht es, wenn du diese per Post, eMail oder Fax an deine Sachbearbeiter*in sendest.
Leider musst du eventuell mit Situationen rechnen, in denen du Widerspruch gegen das Amt einlegen musst. Mehr dazu unter Punkt 11. “Keine Panik”

2. Prüfe aufmerksam

Es gibt einiges, das du klären und nachfragen solltest, bevor du eine*n neue*n Assistenten*in einstellst:
Kompetenzen:
Welche Qualifikationen haben die Bewerber*innen?
Allerdings sind Zertifikate nicht alles. Es gibt fantastische Assistent*innen, deren Erfahrenheit jede absolvierte Ausbildung schlagen.
Erfahrungen:

  • Hat der*die Assistent*in tatsächlich die erforderlichen Fähigkeiten? Stimmen die körperlichen Voraussetzungen?
  • Welche praktischen Erfahrungen sind bei den Bewerbern*innen vorhanden?

Idealerweise sollten sie in der Vergangenheit bereits Menschen mit ähnlichen Bedürfnissen assistiert haben – besonders, wenn du komplexe Bedürfnisse hast.
Juristische Fragen:

  • Sind die Bewerber*innen dazu berechtigt zu arbeiten?
  • Arbeiten sie als freie Mitarbeiter oder festangestellt bei dir?

Prüfe unbedingt nach, ob deine Assistenten*innen eine Arbeitserlaubnis haben.

3. Hör auf deinen Instinkt

Selbst die besten Zeugnisse und Referenzen helfen nicht, wenn die Chemie nicht stimmt.
Während der Zusammenarbeit werdet ihr euch sehr nahe kommen, wenn die Assistenz dir beim Anziehen, Waschen oder Toilettengang hilft.
Und ihr werdet eine Menge Zeit miteinander verbringen.

  • Gibt es eine grundsätzliche Sympathie?
  • Hast du das Gefühl, der*die Bewerber*in geht respektvoll mit dir um?
  • Gibt es ein allgemeines Interesse aneinander?

4. Mach dein Budget deutlich

Du musst über dein Budget Bescheid wissen, das du beantragt hast. Dafür muss dir klar sein wie hoch der Stundenlohn ist, welche Zuschläge oder Sonderzahlungen hinzukommen – damit die Rechnung schließlich sowohl für die Assistenz als auch für dich aufgeht.
Hilfe gibt es auch zu diesem Thema u.a. bei Assistenz.de oder akse e.V.

5. Faire Arbeitsbedingungen

Als persönliche Assistenz zu arbeiten kann belastend und anstrengend sein. Oft sind die Arbeitsbedingungen nicht leicht, die Arbeitszeiten wechseln und die Bezahlung ist schlecht.
Damit deine Assistenten*innen engagiert und motiviert bleiben ist es wichtig, ihnen ein angenehmes Arbeitsklima zu schaffen.
Beiden Seiten profitieren von einer guten Zusammenarbeit .

6. Plötzlich Arbeitgeber

Wenn du eine persönliche Assistenz anstellst, wirst du automatisch zum Arbeitgeber.
Diese Rolle bringt rechtliche und finanzielle Verpflichtungen mit sich.
Als erstes musst du einen schriftlichen Arbeitsvertrag ausarbeiten, der u.a. folgende Punkte klar festgelegt:

  • Aufgaben
  • Arbeitsort
  • Arbeitszeiten
  • Entlohnung
  • Beschäftigungsdauer
  • Urlaubsanspruch (bei Festanstellung)
  • Lohnfortzahlung im Krankheitsfall (bei Festanstellung)
  • Möglicherweise Probezeit (bei Festanstellung)

Du musst mindestens den Mindestlohn zahlen und Steuern entrichten. Außerdem bist du bei Festangestellten für die Krankenkassenzahlungen, Urlaubsgelder und Betriebshaftpflichtversicherung verantwortlich.
Du musst grundsätzlich für dich klären: Soll dein*e Assistent*in fest angestellt oder als freie*r Mitarbeiter*n bei dir arbeiten?
Generell solltest du eine Festanstellung der freien Mitarbeit vorziehen – auch wenn die freie Mitarbeit zunächst unkomplizierter und weniger bürokratisch erscheint.
Langfristig ist es für dich sicherer, wenn du dich auf festangestellte Mitarbeiter verlassen kannst.
Damit ein freier Mitarbeiter nicht in die Scheinselbständigkeit rutscht, muss er bei verschiedenen Auftraggebern arbeiten. Dann kann es schnell passieren, dass sich Arbeitszeiten überschneiden oder gegenseitig ausschließen: Und du stehst plötzlich ohnen Assistent*in da.
Bei festangestellten Mitarbeiern*innen gibt es vertraglich festgelegte Arbeitszeiten.
Der größte Haken an freien Mitarbeitern*innen jedoch ist, dass diese rasch kündigen können. Außerdem müssen sie sich selber sozial- und krankenversichern – was den Beruf für einige unattraktiv macht.
Bevor du mit damit anfängst, Assistent*innen zu beschäftigen, benötigst du folgende Dinge:

  • Steuernummer für den „Assistenzbetrieb“ – hierfür ist nur ein Anruf beim Finanzamt nötig
  • Betriebsnummer – diese bekommst du bei der Agentur für Arbeit

Wenn du dir zutraust alle Abrechnungen und bürokratischen Angelegenheiten rund um deine angestellten Assistenten*innen selbst zu machen, findest du gut Tipps beim Netzwerk für Inklusion, Teilhabe, Selbstbestimmung und Assistenz e.V.
Allerdings sind diese Arbeitsbereiche schon recht umfassend – auch hier können Assistenz.de oder akse e.V. eine große Hilfe sein.

7. Probearbeiten

Du hast ein*e passende*n Assistenten*in gefunden? Dann solltet ihr euch unbedingt auf ein bezahltes Probearbeiten einigen. Das kann einen Arbeitstag oder eine Woche dauern – je nachdem, wie sicher du dich fühlst.
So passend ein Assistent auf dem Papier oder beim Vorstellungsgespräch wirken mag: Das Probearbeiten ist die Feuerprobe und kann zeigen, ob ihr wirklich harmoniert.
Wenn du bereits mit Assistenten*innen zusammenarbeitest, mit denen du zufrieden bist, können sie den*die Bewerber*in anleiten: Wie sollte man dich heben, wie wird der Lifter benutzt, die Wohnung geputzt usw.
Und keine falsche Rücksicht: Wenn du das Gefühl hast, es passt nicht – dann passt es auch nicht.
Du bist dem*der Bewerber*in zu nichts verpflichtet.
Das gilt auch für die Assistenz: Wenn diese feststellt, dass sie doch nicht für dich arbeiten möchte, ist das möglicherweise ein unschönes Gefühl. Nimm es nicht persönlich – es gibt viele Gründe, weshalb Menschen nicht zusammen passen.

8. Sei ehrlich und offen

Es ist manchmal leichter gesagt als getan – aber: Schäm dich nicht schwierige Themen anzusprechen. Es geht darum ganz deutlich die Anforderungen an eine Assistenz klarzustellen.
Weder dir noch den Assistent*innen ist damit geholfen, wenn tatsächliche Bedürfnisse aus Scham oder Unsicherheit nicht angesprochen werden; und möglicherweise eine Zusammenarbeit aufgrund falscher Vorstellungen entsteht, die genau daran schließlich scheitert.
Es ist wichtig, dass du ehrlich zu dir selber bist und dich mit deiner Behinderung und deinem Hilfebedarf auseinandergesetzt hast.

9. Bleib im Gespräch mit deiner Assistenz

Gib regelmäßig positives und konstruktives Feedback, sprich auftretende Probleme zeitnah und so direkt wie möglich an und hör zu, wenn deine Assistenten*innen Kritik äußern oder Probleme mit der Arbeit haben. Gemeinsam kann man an problematischen Situationen arbeiten und Lösungen finden.
Auch wenn es natürlich um dich und deine Bedürfnisse geht – soll auch die Assistenz sich im Arbeitsverhältnis mit dir wohlfühlen.

10. Bewerber*innen finden

Nun geht es an die Suche einer guten Assistenzkraft. Hier kannst du die in Schritt 1 genannten Fragen einfach nehmen und in einer Annonce auf folgenden Börsen beantworten und einstellen. Schau dir ruhig an, was andere für Stellengesuche geschrieben haben und lass dich inspirieren:

11. Keine Panik

Es passiert leider häufiger, dass Ämter die Anträge auf Assistenz ablehnen. Hier empfehlen wir, sich an eine professionelle Assistenzberatung zu wenden. Das Netzwerk für Inklusion, Teilhabe, Selbstbestimmung und Assistenz e.V. ist sicher immer eine gute Anlaufstelle.
Aber auch Assistenz.de und akse e.V. können beratend helfen.
Wenn es ganz hart kommt, kann man juristischen Beistand bei der Kanzlei Menschen und Rechte erhalten.
Jetzt sind wir gespannt:
Welche Tipps hast du für das Finden (und Behalten) der besten Assistenz?

(sb)
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6 Antworten zu “Auf der Suche nach der passenden Assistenz – 11 Tipps für behinderte Menschen”

  1. Habt Ihr beide wichtige Tipps gegeben, vielen dank dafür.
    Ich möchte vielleicht noch hinzufügen, das Geduld wichtig ist, sowohl im Verhältnis zu den AssistentInnen als auch zum Amt oder zur Krankenkasse. Immer freundlich im Umgang sein und im Notfall die jeweiligen Sachbearbeiter durch Zuarbeiten und Gesetzestexte unterstützen.

  2. Sehr gute Ratschläge und Hinweise, vielen Dank.
    Ergänzen möchte ich, ,dass Durchhaltevermögen unerlässlich ist im unsagbar zähen Ringen ums Budget, mit Ämtern überhaupt. Was z.B. willst Du erwarten wenn die PB-Zuständige beim ersten Kontakt ins Gesicht schleudert “ Un-Behindertenkonvention und EU-recht brauchen wir hier nicht“? Genauso gehört, und es folgten stets nur endlose Auflistungen von Gestzesnamen und Paragrafenzahlen. Da hilft Freundlichkeit nichts, und Zuarbeiten warfen uns immer zurück. Bei allen Amtsterminen nimm deshalb eine Person des Vertrauens mit, steht dir rechtlich zu.
    Bitte klärt auch diese Frage: Wie kann es sein, dass in den einzelnen Bundesländern so deutliche Unterschiede beim Stundenlohn der Assistenten gemacht wird? Gilt nicht in jedem Bundesland das gesamtdeutsche SGB?
    Vielen Dank.

  3. […] Wobei und wann brauchst du Unterstützung? Ganz am Anfang steht die Frage, bei welchen Tätigkeiten und zu welcher Tageszeit man am ehesten Hilfe braucht. Nur so lässt sich auch jemand Passendes finden. (Mehr dazu erfahrt ihr in meinem Artikel “Auf der Suche nach der passenden Assistenz – 11 Tipps für behinderte Menschen“.) […]

  4. Ich glaube, dass Probearbeiten eine entscheidende Rolle spielen. Vor 2 Monaten war ich auf der Suche nach einer persönlichen Assistenz. Während der Probe habe ich damals die richtige Bewerberin gefunden. Danke für deinen Beitrag, sehr hilfreich!

  5. Find‘ ich schade, dass hier freiberufliche bzw. gewerbliche Assistenten diskriminiert werden. Und das auch noch auf dieser Plattform. Ein Arbeitsvertrag schützt niemanden und gibt auch keine tatsächliche Sicherheit. Ich bin gewerblich tätig und werde niemanden „den Kram einfach vor die Füße schmeißen.“ Wäre ich angestellt, könnte ich auch den berühmten gelben Schein einreichen und niemand hätte eine Handhabe gegen mich. Ein wenig differenzierter sollte man schon mit öffentlichen Äußerungen umgehen. Ich frage mich meinerseits, wie man Facebook weiterempfehlen kann. Schon mal hinter deren Kulissen geschaut?

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