Differenzierungs-Desaster

Raul Krauthausen

Seit einiger Zeit stört mich eine Sache gewaltig. Und zwar, dass ich als Mensch mit Behinderung permanent unter Druck stehe, meine Ansichten stark zu differenzieren. Kaum benenne ich eine Sache, die nicht gut für behinderte Menschen funktioniert, kommen so hohe Gegenwellen, dass ich mich danach bis zur Erschöpfung rechtfertigen und meine Ansichten auch von allen anderen Perspektiven einordnen muss. Eine Situation, in der ich nur verlieren kann, denn nach der Schlagzeile hört niemand mehr zu. Aber Dinge, die nicht funktionieren, müssen nun mal benannt werden und da darf es keinen Raum zur Relativierung geben. Ein Dilemma! 

Es begann zwar nicht mit dem 9-Euro-Ticket, aber es ist ein gutes Beispiel. Das 9-Euro-Ticket war für Menschen im Rollstuhl eine mittelgroße Katastrophe. Bahnfahren ist für Menschen mit Mobilitätseinschränkung sowieso oft eine Tortur. Wir müssen mindestens 24h vorher unsere Bahnreise anmelden, denn wir sind für den Einstieg auf Bahnhof-Personal angewiesen, das wiederum nicht zu allen Fahrtzeiten vorhanden ist. Bereits das macht kurzfristiges Reisen oder spontane Planänderungen geradezu unmöglich. 

Hinzu kommt, dass die Einstiegshilfen oft kaputt sind oder die Aufzüge zu den Gleisen nicht funktionieren. In diesen Fällen fällt eine Reise auch gerne mal spontan ins Wasser. Die Probleme, die behinderten Menschen eine Bahnreise erschweren können, sind schier endlos. 

Dann kam das 9-Euro-Ticket und eine sowieso schon stressige Situation wie Bahnfahren wurde noch schwieriger für uns. Grund dafür waren die überfüllten Züge, in die Rollstühle oft schlichtweg nicht mehr reinpassten. Geschweige denn eine weitere Assistenz-Person, auf die viele behinderte Menschen angewiesen sind. Das 9-Euro-Ticket war also für Rollstuhl-nutzende Personen nicht gut geeignet und nicht in derselben Weise nutzbar, wie für Menschen, die keinen Rollstuhl brauchen. 

Wenn man das allerdings sagt, gibt es starke Gegenreaktionen. Behinderte Menschen seien undankbar, sie fänden das 9-Euro-Ticket nicht gut, sie wollen wohl nicht, dass Menschen kostengünstig reisen etc. 

Und das bringt behinderte Menschen in ein Differenzierungs-Dilemma. Denn natürlich war das 9-Euro-Ticket toll, natürlich hatte es unfassbar gute Folgeeffekte: Innenstädte und Autobahnen wurden weniger durch Autos verstopft, einkommensarme Personen und Familien wurden entlastet. Wir hätten das 9-Euro-Ticket definitiv verlängern müssen. Aber das Ding ist – und spätestens ab hier hört niemand mehr zu. 

Die Schlagzeile gewinnt und die postuliert die Undankbarkeit der “Behinderten”. Behinderte Menschen, die die Kritik geäußert haben, verspüren den Zwang, noch eine Erklärungsschleife zu drehen und danach, wenn nötig, in den Wind zu schreien, dass eigentlich etwas ganz anderes gemeint war. Aber nobody cares.

Ähnlich ist es mit dem Entgendern. Weitläufig wird mittlerweile dafür der Doppelpunkt verwendet. Diese Variante ist allerdings unter anderem nicht barrierefrei für Screenreader-Programme. Diese nutzen blinde, stark sehbehinderte und manche neurodivergente Menschen, um sich Bildschirminformationen vorlesen zu lassen. Statt des kurz abgesetzten und angehängten “innen”, wird beim Doppelpunkt das “innen” gesprochen, als ob ein neuer Satz beginnt. Das ist äußerst störend und beeinträchtigt das Textverständnis. (Und übrigens ist der Doppelpunkt auch keine besonders inklusive Methode, um alle Geschlechtsidentitäten zwischen und außerhalb von weiblich und männlich mit einzuschließen.) 

Kritisiert ein behinderter Mensch also den Gender-Doppelpunkt, heißt es direkt, wir seien gegen das Entgendern. Das stimmt nicht! Wir würden, entsprechend der Empfehlungen von der Überwachungsstelle des Bundes für Barrierefreiheit von Informationstechnik und des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes den Genderstern bevorzugen, aber so weit kommen wir gar nicht mit der Erläuterung. Meist wird uns gönnerhaft erklärt, der Doppelpunkt sei besonders gut für Screenreader geeignet, die Person mache das also extra für “die Behinderten” (anstatt ihnen zuzuhören).

Ein weiteres Beispiel ist finanzielle Diskriminierung. Ich bekomme wegen meiner Behinderung Sozialhilfe vom Staat, im Gegenzug wird mir ein dicker Riegel vorgeschoben, wie viel Vermögen ich ansparen darf. 

Geht es eigentlich noch? Welches Unternehmen, das staatliche Hilfe bekommt, darf im Gegenzug kaum Vermögen ansetzen? Was soll das? 

Sagt man das, bekommt man zu hören, dass man ja dem Staat auf der Tasche läge und der Staat es auch lassen könne, uns zu helfen. Aber behinderte Menschen sollten medizinische Hilfsmittel oder Hilfspersonen beziehen dürfen, ohne dafür mit persönlicher Armut bezahlen zu müssen. Menschen mit Behinderung werden somit kleingehalten und daran gehindert, sich selbst etwas aufzubauen. Und das ist Diskriminierung. Hier kommt dann auch die Verknüpfung zum 9-Euro-Ticket: Wir sind nicht gegen arme Menschen, die dadurch mobiler sein können. Wir sind oft selbst welche. Aber Infrastruktur, die gegen Arme und gegen Behinderte agiert, agiert doppelt gegen Behinderte.

Unterm Strich kann ich nun mal nur Dinge aus meiner Perspektive sehen und dort gestalten sich die Sachen oft komplexer als für Menschen, welche die Situation behinderter Menschen nicht kennen. Wenn ich darüber sprechen möchte, bin ich aber immer in dem Dilemma, dass ich differenzieren muss, bis mir keine*r mehr zuhört. Denn wenn differenziert werden muss, wird es kompliziert und wenn es kompliziert wird, schalten Leute ab. Die Folge: Niemand nimmt unsere Probleme zur Kenntnis.

Und hier komme ich zu meinem eigentlichen Problem: 

Umgekehrt dreht fast niemand für uns die Extraschleife und berücksichtigt die Perspektive von behinderten Menschen. 

  • Scheinbar niemand macht ein 9-Euro-Ticket und denkt, vielleicht sollten wir bei dem erwartbaren Ansturm für mehr zugewiesene Plätze für behinderte Menschen sorgen? 
  • Offenbar niemand führt einen Gender-Doppelpunkt ein und denkt vorher darüber nach, ob er funktional für Menschen mit Behinderung ist oder ob sich Menschen mit anderen Geschlechtsidentitäten als männlich und weiblich dort wiederfinden. 
  • Augenscheinlich gibt es auch kaum Entscheidungsträger*innen, die darüber nachdenken, ob es fair ist, dass behinderte Menschen kein Vermögen ansparen dürfen. 

Unsere Anliegen sind bestenfalls ein After-thought,

ein nachträglicher Gedanke, den man entweder ignoriert oder es wird halbherzig irgendeine Lösung hintendran geklatscht, die keinem wirklich hilft. Für die wir aber noch dankbar sein sollen. 

Die Extra-Zeit, die wir als behinderte Menschen tagtäglich investieren müssen, weil Dinge nicht für uns im selben Maße funktionieren wie für die sogenannte Mehrheitsgesellschaft, gibt uns niemand zurück. Extra-Zeit, um an kaputten Aufzügen oder an Bahnhöfen auf Hilfe zu warten, Extra-Kosten, weil wir Anschaffungen, Mobilitätsangebote, Hilfsmittel, selbst bezahlen müssen. Möglichkeiten, die uns verloren gehen, weil wir ignoriert, finanziell kleingehalten und unseres Potenzials beraubt werden. Wir bezahlen auf allen Ebenen. Mit Zeit, Mühe und Aufwand, um euch respektvoll, reflektiert, differenziert zu erklären, dass manche Sachen nicht gut für uns passen. 

Und wehe, wir vergreifen uns im Ton, wehe, wir differenzieren nicht genug. Dann sind alle behinderten Menschen schlecht, undankbar und dreist. Als wären wir eine einheitliche Masse und Dankbarkeit Grundvoraussetzung dafür, dass wir uns äußern dürfen. Die Last auf den Schultern eines behinderten Menschen ist immens. Ständig müssen wir differenzieren und gleichzeitig halten wir die plumpe Nicht-Differenzierung der Mehrheitsgesellschaft aus. Darauf habe ich keine Lust mehr. Wenn ich differenzieren muss, müsst ihr das auch, Gesellschaft und Politik. Wenn ich eine Sache als unpraktisch benenne, habt ihr nicht das Recht, mir und allen anderen Menschen mit Behinderung kategorisch eine Antihaltung zu unterstellen. Ihr müsst auch lernen, euch unsere Argumente anzuhören und darüber nachdenken, wie ihr andere Perspektiven berücksichtigen könnt.



8 Antworten zu “Differenzierungs-Desaster”

  1. Lieber Raul,
    Dein Artikel zeigt, wie wichtig Deine Arbeit ist. Offen gestanden – bei allen drei von Dir angesprochenen Beispielen merkte ich, wie wenig auch ich im Alltag wirklich „inklusiv“ denke. Deshalb: Weiter so und gerne auch mal polemisch!
    Herzliche Grüße
    Klaus

  2. Hallo Raúl, besser kann man dieses Dilemma nicht beschreiben. Ich sehe Ihre Worte als Aufruf zum hartnäckigen Handeln!!! Beste Grüße und viel Kraft plus Ausdauer. Es kann nicht alles auf Ihren Schultern lasten. Die mit dem breitesten E-Rolli ever.

  3. Lieber Raul,

    du triffst wieder einmal exakt die Worte, die ich nie zu formulieren vermag. Auch wenn ich nicht in Deutschland lebe und erst seit kurzem Inklusionskämpfy (entgendert nach Phettberg) bin, kann ich schon sehr viele der von dir angesprochenen Punkte nachvollziehen.

    Egal was man wann irgendwo anspricht oder kritisiert – entweder wird man gleich ignoriert (Mails nicht beantwortet,…) oder man bekommt – mit leicht beleidigtem Unterton – Rechtfertigungen zu hören und hat am Ende das Gefühl, sich dafür entschuldigen zu müssen, überhaupt etwas gesagt zu haben.

    Richtig wüst wird es, wenn ich als Transperson mit Behinderung, die gleichzeitig aber auch um Unterstützung bittet, da sie von Armut bedroht ist, mich erdreiste, darauf hinzuweisen, dass ich um gendersensible Anrede gebeten hatte.

    Eigentlich ist es traurig, dass wir von Inklusion – egal für wen – scheinbar weiter entfernt sind, denn je.

  4. Hallo Raul
    danke für diese Zeilen.
    wegen des 9 Euro Tickets. ja da habe ich auch an meine Schwester gedacht, als ich im Sommer öfter in vollgepropften Zügen saß, und überlegt, ob es für sie damals möglich gewesen wäre mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren.. zumal sie auch vor dieser 9€ Zeit schon ab und zu Probleme mit dem Zug hatte.

    Vermögen: ja das ist in meinen Augen eine große Unverschämtheit, dass Menschen mit Behinderung , die Zuschüsse erhalten, kein Vermögen haben dürfen, aber Unternehmen- gerade jetzt in der Krise- dauernd vom Staat irgendwelche Unterstützung fordern ohne irgendwelche Nachweise ihres Vermögens angeben zu müssen.

    wegen des Doppelpunktes bei Gendern kenne ich mich leider nicht so aus, aber da könnte man sicher auch Abhilfe schaffen für die Menschen, die das nicht gut benutzen können.

    ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft für Deine Arbeit
    Lieben Gruß
    Gabriele Völkel

  5. Lieber Raoul, danke für diesen tollen Artikel, der mir wieder mal einen Perspektivwechsel ermöglicht, ich kann dir in allen Punkten ausschließlich zustimmen.
    Mein Aha Effekt des Tages ist die geändert Doppelpunkt Geschichte. Wir verwenden in meiner Organisation den * und einige Kolleg*innen beschwerten sich bei mir, das sei dann schlecht für Barrierefreiheit unserer Texte. Nun ist es genau umgekehrt- Schau an. Ich finde auch, der Doppelpunkt steht auf keinen Fall für vielfältige Möglichkeiten, was ja der Stern meines Erachtens relativ gut ausdrückt. Also danke auch fürs Extra Aha!

  6. Hallo Raul,

    das Problem ist der fehlende Respekt für sich, für andere und allgemein, vor allem aber für Menschen.

    In einer Zeit wie heute, wird jeder, der berechtigte Zweifel hat, gute und nützliche Lösungsansätze
    für Probleme aller Art äußert, direkt klein gemacht.

    Kein Problem wird so je gelöst.

    Die Respekt- und Gedankenlosigkeit der Menschen verursachen unendliches Leid.
    Und wie schreibst du „nobody cares“.

    Bis es diese Spezies unmittelbar trifft, dann ist das Geschrei groß (Energie). Der Staat muß helfen.

    Das sie der Staat sind, geht denen nicht in den Kopf. Ebenfalls nicht, daß ihre Haltung zur Umwelt
    und zum Leben, dieses Malheur, verursacht!

    Fordere von allen den nötigen und möglichen Respekt, immer wieder. Ich bin dabei und unterstütze
    dich!

    Beste Grüße

    Guido Wollenweber

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