Situation und Perspektiven junger Sozialunternehmer*innen in Europa

Wie gelangen wir zu einer nachhaltigen, grünen, sozial fairen und inklusiven Gesellschaft? Das ist eine Frage, die mich auch schon seit langem beschäftigt. Manche Probleme schwelen schon seit Jahrzehnten im allgemeinen Bewusstsein oder tauchen immer wieder in Form von Wahlkampf-Versprechungen und politischen Agenden auf, und dennoch sind bisher kaum effektive Lösungen gefunden oder umgesetzt worden. Klimakrise, Umweltverschmutzung, Rassismus, Sexismus, Homophobie, Ableismus, Mobbing beeinflussen die alte Generation wie die junge.

Eine Form, dagegen vorzugehen, ist Aktivismus. Durch aktivistisches Handeln kann einiges angestoßen werden, was im besten Fall in das gesellschaftliche Bewusstsein rückt, und politisch und juristisch verankert wird. Ganz prominent ist natürlich ‚Fridays for Future‘ der damals 15-jährigen Greta Thunberg. Mit freitäglichem Schulschwänzen brachte sie ihren Appell an Regierende, die Klimakrise wirkungsvoll zu bekämpfen, vom Klassenraum auf die Straßen der ganzen Welt. Nun ist nicht alles so weitreichend und wirkungsvoll wie Gretas Idee und viele aktivistische Impulse versanden. Um herauszufinden, wie Aktivismus gelingen kann, habe ich mich mit Deutschlands einflussreichsten Aktivistinnen und Aktivisten unterhalten und gemeinsam mit Benjamin Schwarz ein Buch über unsere Erkenntnisse geschrieben. „Wie kann ich was bewegen?“ beleuchtet, wie Veränderungen durch Aktivismus zustande kommen können.

Doch es gibt noch andere Möglichkeiten. Zunehmend junge Leute gründen oder werden Teil von Sozialunternehmen, um die Veränderungen, die sie sich wünschen, auf eigene Faust umzusetzen. Ein Erfolg wurde beispielsweise das Ocean-Cleanup-Projekt (das Ozean-Säuberungs-Projekt) des 18-jährigen Niederländers Boyan Slat sowie die mittlerweile größte Initiative gegen Mobbing an Schulen, die Anti-Bullying-Ambassadors, des damals 16-jährigen Briten Alex Holmes. Junge Menschen mit frischen Ideen und einer Vision können die Welt verändern und haben es schon oft getan. Ihre Stimme und ihr Engagement tragen dazu bei, ungeahnte Möglichkeiten zu erkennen und neue Lösungen für teils alte Probleme zu finden. Also volle Kraft voraus, oder?

Hier muss man leider einhaken, denn ganz so einfach ist es nun nicht. Eine jüngst erschienene Studie der gemeinnützigen Organisation The possibilists (zu Deutsch frei übersetzt: Die Möglichdenker) hat besorgniserregende Tendenzen festgestellt. Sie hat junge europäische Sozialunternehmer*innen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren zu ihrer Arbeit befragt, um deren Belastungen und Nöte transparent zu machen. Die Studie verdeutlicht, dass ein Großteil dieser sogenannten Changemaker*innen finanzielle und psychische Belastungen in Bezug auf ihre Arbeit erleiden, die ihr Engagement gefährden.

Doch fangen wir von vorne an:

Die Studie behandelt die Situation junger Sozialunternehmer*innen. Was sind das für Leute? Es sind Innovator*innen, die soziale – und umweltbezogene Missstände beheben wollen. Sie haben entweder eigene Projekte gegründet oder engagieren sich im Rahmen größerer Organisationen für ihr soziales oder umweltbezogenes Ziel. Im Gegensatz zu gemeinnützigen Organisationen (non-profit-organizations)  sind sie darauf angewiesen, wirtschaftlich ertragreich zu sein und Profit zu machen. Dennoch nennen die jungen Changemaker*innen nicht finanzielle Anreize als Motivation für ihre Arbeit, sondern ideelle: sie möchten andere mobilisieren, selbst etwas zu verändern, sie wollen Anstoß geben, globale Probleme anzugehen und wollen auch in ihren Gemeinden etwas bewegen. Grund für ihr Aktivwerden ist also eine starke intrinsische, also in sich selbst verankerte Motivation.

Doch dies hat auch seinen Preis. Denn anders als Unternehmen, die allein auf Profitmaximierung aus sind, haben es Sozialunternehmen schwerer, finanzielle Stabilität zu erlangen. Oft erschließen sie ein neues Feld, in dem noch keine vergleichbaren Produkte und Preise existieren. So müssen sie sich ihren eigenen Markt schaffen, was langwierig und kostenintensiv sein kann. Die jungen Sozialunternehmer*innen sind daher in der Anfangsphase oft auf private Spender oder staatliche Zuschüsse und Förderungen angewiesen. Gewinne, die irgendwann erwirtschaftet werden, fließen dann in der Regel zurück in das soziale Ziel. Günter Faltin, Professor für Entrepreneurship an der Freien Universität Berlin, erklärt, dass das Erfüllen der sozialen Aufgabe das Ziel sei und nicht, Überschüsse zu erwirtschaften. 

Dass der Fokus nicht auf Geld liegt, schlägt sich auch in der Umfrage nieder. Unabhängig davon, ob die Unternehmen der Innovator*innen gerade erst gegründet wurden, bereits finanziell unabhängig sind oder wachsen und Profit machen, können nur 19% der Changemaker*innen von ihren Projekten leben. Über die Hälfte berichten von finanzieller Unsicherheit, und dass sie kaum eigenes Einkommen durch diese Arbeit erwirtschaften. Frauen sind davon deutlich häufiger betroffen als Männer.

Das führt dazu, dass die meisten Sozialunternehmer*innen darauf angewiesen sind, einen weiteren Job auszuüben, der ihren Unterhalt sichert, und für das eigene Projekt nur die restlichen Ressourcen zur Verfügung stehen. Und selbst diese können nicht voll investiert werden, denn oft sind die bürokratischen Hürden so hoch, dass viel Zeit und Energie in Anträge und die Erbringung von Nachweisen fließt. Dabei dienen diese Projekte der Allgemeinheit, und es wäre daher auch im Interesse von Regierung und Bevölkerung, wenn die Unternehmer*innen ihre ungeteilte Aufmerksamkeit in ihr eigenes Business steckten. 

Stattdessen schlägt sich die finanzielle Not und die Doppelbelastung mehrerer Jobs auf die psychische Gesundheit nieder. Über die Hälfte der Befragten berichten von Burnout in so eklatantem Ausmaß, dass sie auf externe Hilfe angewiesen sind. Junge Unternehmer*innen und Frauen sind besonders stark betroffen. 

Doch die dramatischsten finanziellen und psychischen Folgen erleiden Menschen, die einer marginalisierten Gruppe angehören. Bei ihnen geht es um das absolute Existenzminimum. Über 80% berichten davon, Sorgen über Unterkunft und Nahrung zu haben. Wenn marginalisierte Sozialunternehmer*innen so wenig Geld verdienen, dass ihre Grundversorgung gefährdet ist, müssen sie ihre Arbeit in dem Sektor aufgeben. Und damit verlieren wir wichtige Stimmen, Blickweisen und Einsichten, die für die Entwicklung inklusiver Projekte essenziell sind.

Wirksame Lösungen müssen her, die für alle funktionieren. Doch wie kann man Sozialunternehmer*innen helfen? Die Studie stellt drei Punkte in den Fokus:  

  1. Die finanziellen Sorgen sollen mithilfe von Regierungszuschüssen gesenkt werden. Es sollte einfacher sein, monetäre Unterstützung zu erhalten, um die finanzielle Stabilität der Sozialunternehmen, der Initiatoren und Angestellten zu gewährleisten.
  2. Zum anderen sollten Regierungen Bestimmungen lockern, um Changemaker*innen zu entlasten. Ein Großteil ihrer Zeit und Energie fließt derzeit in das Einhalten engmaschiger Deadlines, wo sie meldepflichtige Nachweise erbringen müssen. Eine Senkung des bürokratischen Aufwands würde dabei helfen, dass sich die jungen Leute besser auf ihre Projekte fokussieren können und weniger ausbrennen. Außerdem sollten Hilfsnetzwerke Programme zu mentaler Gesundheit anbieten.
  3. Und last but not least brauchen Sozialunternehmen einen Draht zu Entscheidungsträgern oder einflussreichen Institutionen, um größeren Einfluss zu erzielen. Darum fordern sie einen Platz am Tisch der Exekutive. Dadurch dass der Zugang zu Machthabenden hergestellt wird, können Lösungen direkt an entscheidender Stelle eingebracht und mitberücksichtigt werden. So gelangen wirkliche Veränderungen schneller und wirksamer an die Bevölkerung.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Einmal die Woche gibt es von mir handgepflückte Links aus aller Welt zu den Themen Inklusion und Innovation in meinem Newsletter. Kein Spam. Versprochen.
Die vergangenen Ausgaben gibt es hier.



If you're interested in our english newsletter
"Disability News Digest", please subscribe here!