Behinderung, Assistenz und Corona: sich selbst und andere schützen

In der Literatur (mein Fachgebiet) sterben die Menschen an gebrochenem Herzen, werden krank vor Sehnsucht, Fernweh und sonstigem Kummer. Das alles gibt es im richtigen Leben auch, aber im Moment steht die Bedrohung durch das Corona-Virus im Vordergrund. Als Angehörige/r einer Risikogruppe – ich zum Beispiel bin Muskeldystrophiker, lebe mit 24-Stunden-Beatmung und habe schon Bekanntschaft mit lebensbedrohlichen Lungenentzündungen gemacht – kann und muss man sich im Moment viele Sorgen machen und Vorsichtsmaßnahmen beachten. Laura Gehlhaar hat vor ein paar Tagen im Berliner „Tagesspiegel“ eindrücklich beschrieben, wie es sich anfühlt, plötzlich auf die eigenen vier Wände beschränkt zu sein, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren, während draußen ein paar Kids immer noch Party machen:

Nicht einfacher wird es für diejenigen, die mit Persönlicher Assistenz und Pflege leben. Wer als behinderter Mensch auf tägliche Hilfe im Alltag bis in die intimsten Vorgänge hinein angewiesen ist, macht sich vielleicht Sorgen wie die Folgenden: Wie schütze ich mich vor einer Ansteckung im Rahmen der Assistenz und häuslichen Pflege? Und wie schütze ich meine Assistentinnen und Assistenten? Verschiedene Organisationen haben in den letzten Tagen auf das Problem aufmerksam gemacht, zum Beispiel hier.

Allzu viel konkrete Hilfe gibt es hier bislang nicht, und jeder und jede und jedes Team muss für sich selbst überlegen, was zu tun ist. Ein paar Tipps lassen sich aber finden, so zum Beispiel von Laura Mench.

Die Wiener Assistenzgenossenschaft gibt Tipps, wie mensch sein Team in Corona-Zeiten organisieren kann: Assistenz-Zeiten möglichst bündeln und Einsätze auf das Notwendige beschränken, Hygiene-Regeln überdenken und nachjustieren, und so weiter und so fort.

Nichts gefunden habe ich bisher zu den technisch-bürokratischen Seiten der Assistenz: wer bezahlt eventuell entstehende Mehrkosten für das Team? Wie läuft das mit Lohnfortzahlung, Kurzarbeitergeld & Co.? Und was passiert, wenn aufgrund von Corona-Erkrankungen Nachweise nicht erbracht, geforderte Qualifikationen nicht dokumentiert werden können, und so weiter? Fragen über Fragen … vielleicht können wir an dieser Stelle demnächst schon etwas mehr zu diesen Dingen schreiben.

Und ich? Sitze einstweilen hier in der nordostdeutschen Provinz, versuche darüber nachzudenken, wie ich im anstehenden Sommersemester unseren Studierenden vielleicht auch online etwas zur deutschen Literatur beibringen kann, klicke mich nebenher durch den Corona-Dschungel, versuche, auch in diesen turbulenten Zeiten mein möglichst selbstbestimmtes Leben mit Assistenz so gut es geht aufrechtzuerhalten, meinem Team ein halbwegs brauchbarer Chef zu sein – und freue mich auf den nächsten Teller Gnocchi Gorgonzola in meiner Küche, zusammengeschmissen von meinen zuverlässigen, freundlichen, mutigen und großartigen Assistentinnen und Assistenten. Und singe mit Johnny Cash: I won’t back down!

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  1. Vielen Dank für den interessanten Beitrag. Die persönliche Assistenz ist nach wie vor für Behinderte sehr wichtig. In dieser schwierigen Situation sollte man sowohl Dienstleister als auch Patienten vom Ansteckungsrisiko schützen. Hoffentlich gibt es künftig auch mehr Informationen über die technisch-bürokratischen Aspekten.

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