Inklusion.

Ehrlich, ich kann das Wort manchmal nicht mehr hören. Leider wird es einfach zu oft missbraucht. Viel zu häufig wird etwas unter dem Begriff Inklusion subsumiert, das gar keine ist. Wir sollten das Wort “Inklusion” nur noch für bestimmte Kontexte nutzen.

Vor Kurzem war ich in eine mittelgroße Stadt geladen um an einem Symposium zur Umsetzung der Inklusion teilzunehmen. Es berichteten regionale Institutionen, was sie alles inklusiv anbieten würden. Eines der Beispiele: Die Inklusions-Disco.
Mir schossen sofort Bilder in den Kopf, die man szenisch vielleicht so beschreiben kann:
Freitagabend 20.00 Uhr im Jugendkulturzentrum bei schummrig bunt beleuchtetem Parkettboden und als Feierwütige sind die Bewohner*innen einer naheliegenden Behinderteneinrichtung gekommen. 

Die beim Symposium gezeigten Fotoaufnahmen schienen meine spontane Vorstellung zu bestätigen. In den Erzählungen wird dann aber doch ein Unterschied deutlich: Diese Inklusions-Disco findet nicht freitags, sondern donnerstags statt.
Auf meine Frage, wie denn so die Jugend und jungen Erwachsenen dieser Stadt das Angebot wahrnehmen würden antwortete man mir ausweichen. Man sei ja für alle offen, aber man könne nun mal niemanden zwingen.
Mal ehrlich: Welcher Jugendliche würde zu etwas gehen, dass unter dem Namen Inklusions-Disco läuft? Ich jedenfalls nicht.

Der Grund ist simpel: Das Wort “Inklusion” wird in der Praxis oft als Signalwort genutzt, welches anzeigen soll, dass etwas – im Gegensatz zu anderen Alternativen – explizit zugänglich und offen für alle ist, im Besonderen für Menschen mit Behinderungen. Für diejenigen, die auf entsprechend “inklusive” – sprich zugängliche – Vorkehrungen nicht angewiesen sind, ist es also ein reines Zeichen dafür, dass mit Menschen mit Behinderungen (eher) zu rechnen ist bzw. das jeweilige Angebot explizit Menschen mit Behinderungen anspricht oder das zumindest versucht. Wenn dann das Angebot kein “Killer-Feature” besitzt, also nichts anzubieten hat, das von herkömmlichen Alternativen maximal gleichwertig angeboten werden kann, gibt es kaum einen Grund für Nicht-Behinderte, sich für “inklusive” Angebote zu entscheiden.
Der Behinderten-Fahrdienst heißt jetzt Inklusions-Taxi; Lebenshilfe-Disko nun inklusive Disco und statt Schulen zu formen, die einfach für alle da sind, werden Inklusionsschulen geboren.
Am Ende bleibt dann häufig genau das Gegenteil von Inklusion übrig.

Als Mensch mit Behinderung will ich übrigens auch nicht in eine Inklusions-Disco, eine Inklusions-Schule oder auf einen inklusiven Urlaub gehen. Es mag sein das ich und andere spezielle Vorrichtungen oder Angebote brauchen. Aber das sollte man dann einfach als eine Eigenschaft des Angebotes bezeichnen. Ist die Disco also barrierefrei erreichbar? Schreibt man es halt in Klammern hinter den Veranstaltungsort. Gibt es einen Ruheraum oder eine Bewegungsfläche? Informiert halt darüber statt es pauschale “Inklusions-Disco” zu benennen, denn einen “ruhigen” Raum in einer Disco findet vielleicht sogar das flirtende Tanzpaar für geeignet um den Tanzpartner auch im Gespräch kennenzulernen.

Der Begriff Inklusion ist ein gesellschaftliches Konzept. Genau dafür brauchen wir ihn auch. Als Debattenbeitrag und der inhaltlichen Frage, wie Angebote auszusehen haben. Wir sollten ihn aber nicht dazu missbrauchen, um mit ihm Zugänglichkeit, Offenheit oder Barrierefreiheit gleich welcher Art zu signalisieren. Lasst uns über Inklusion in der Freizeitgestaltung reden, aber kein “Inklusions-Café” starten. Lasst uns für einen barrierefreien ÖPNV kämpfen, aber keine “Inklusions-Taxis” finanzieren. Lasst uns also das Ziel Inklusion als immerwährenden Prozess im Auge behalten, aber nicht so vermessen sein und Dinge als inklusiv benennen.

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  1. Guten Morgen Raul Krauthausen, besten Dank für den Hinweis auf den anregenden Beitrag von Constantin Grosch. Da ich gar nicht in Discos gehe habe ich erst einmal etwas recherchiert zum Thema, in Berlin veröffentlicht z. B. die „Lebenshilfe Berlin e.V.“ Disco-Angebote in der Stadt, bis 2020 gab es demnach sechs „inklusive Discos“in Berlin , in Pankow, Kreuzberg, Reinickendorf, Neukölln, Spandau und Lichtenberg, in Lichtenberg mit zwei Euro Eintritt, die anderen scheinen ohne Eintritt zu sein bzw. gewesen zu sein. Pankow und Neukölln werden zukünftig nicht mehr betrieben, weil zu wenig Gäste da wären. In den anderen vier „inklusiven Discos“ scheint es genügend Gäste zu geben. Für mich ist das ein Zeichen, dass, wer gerne in die Disco geht, vielleicht auch nicht so sehr darauf achtet, wie sie genannt wird, sondern ob er/sie da Spaß haben kann.
    Warum wurden die „inklusiven Discos“ in Pankow und Neukölln geschlossen? In Pankow finde ich noch eine „Traumdisco Berlin“, die sich inklusiv versteht und nicht geschlossen zu sein scheint, hier setzt man auf Spielregeln, was erstmal nicht schlecht klingt, finde ich. Ich sah mir gestern eine für mich sehr berührende Dokumentation von „Menschen hautnah“ an, es ging um das Leben mit Autismus. Beim Bahnfahren in Duisburg wurde Markus sofort dumm angemacht – kann man nicht immer vollständig verhindern, aber in der Bahn hätte auch noch wer mal was sagen können, hat aber nicht. Deshalb möge er keine Menschen, sagte Markus. Er war verständlicherweise verletzt. Soll jetzt einer Lust haben in eine Disco zu gehen, egal wie sie heißt, um sich da anmachen zu lassen? Da liegt ja das Problem, finde ich. „Von wegen Lisbeth“ singen „Meine Kneipe“ – wenn ich an „meine Disco“ dächte, oder was auch immer, wäre die jedenfalls ohne Typen, die andere dumm anmachen. Das ist ja das, man muss erst mal rein können, das ist klar, aber was soll daran schön sein, wenn man dann innen auf unfreundliche Leute trifft? Wie auch immer, warum haben die „inklusiven Discos“ in Pankow und Neukölln zugemacht?
    Darüber wüsste ich sehr gerne mehr.
    Besten Dank und einen schönen Dienstag.

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