Bloß keine Umstände.

Dass ich in meiner Stadt eine neue Assistenz suchte, konfrontierte mich mit viel unerwarteten Aufmerksamkeit und neugierigen Fragen. Die freundliche Frau in meinem Lieblingscafe und auch regionale Journalisten – sie wollten es wissen: „Wie wäre denn dein Leben ohne Assistenz? Was, wenn es nicht geklappt hätte? So ein Unterfangen kostet nicht wenig!“, sagten sie zwar lächelnd, doch geziert und mit einem Blick voller Erwartung – auf eine Antwort, die meine Hilflosigkeit und Abhängigkeit bestätigte. Sie bereiteten sich vor auf eine rührende Mischung aus Entschuldigung, Rechtfertigung und Dankbarkeit, dass es „sowas“ für „Leute wie mich“ gibt. Ich reagierte sachlich.
Die Assistenz, die mich jahrelang begleitet, mein elektrischer Rollstuhl, meine Wohnung – all das hat seinen Preis. In der Realität sind das meine Privilegien, in einer angestrebten Zukunft – Rechte. Wie sollte man nun dazu stehen, sie zu haben?
Ich, wie viele anderen Menschen mit einer Behinderung bin in mein Erwachsenenalter begleitet von dem Glaubenssatz hineingewachsen: Ich sollte keine Umstände machen. So schämte ich mich, wenn ich eine nachfragende E-Mail an das Sanitätshaus schickte, einen Tisch in einem Cafe verrücken musste oder einer allerersten Assistentin sagen musste: die Wäsche muss jetzt gemacht werden. Ich schämte mich eine Freundin zu fragen, ob ihre Geburtstagsparty doch im Erdgeschoss gefeiert werden kann und auch, wenn ich einen Mann im Bus bat, den Rollstuhlplatz zu verlassen.
Ich fragte und bat deswegen um wenig und – Überraschung – es kam wenig zurück. Doch kein Mensch kann und sollte so viel Scham ertragen müssen – nur weil universellen Bedürfnisse nur auf eine Art und Weise erfüllt werden können, die ein privilegierter Mensch nicht kennt. Wem also Untertitel für gehörlose, eine barrierefreie Toilette oder gendern als zu aufwendig und umständlich erscheint, sollte die eigenen Privilegien prüfen.
Der Gebrauch von Begrifflichkeiten wie Mehraufwand oder Umstände (bezogen auf Menschen), erbaut keine Grundlage für eine empathische, vereinte Gesellschaft – nun gibt es die, die Umstände machen und die, die sie mit allen Konsequenzen dulden müssen. Ich möchte auf keiner beider Seiten dieses Konstruktes stehen müssen. Da, wo die Augenhöhe fehlt, humanistische Bedürfnisse hinterfragt werden und man eines Aufwands wert sein muss, um Zuspruch zu bekommen – will ich nicht stehen.
Muss das sein? – fragen die, die nur die eine, eigene Seite der Lebenslage kennen und zu wenig Empathie haben, um auf die andere Seite zu gelangen.
Ich brauche die Assistenz, den teuren Rollstuhl, viel Platz, Barrierefreiheit und Unterstützung. Mittlerweile nichts davon verursacht Scham in mir und es macht mich nicht zu einer umständlichen Person. Ich möchte auf eine geschlechterneutrale Art angesprochen werden und auch das macht mich nicht zu einer komplizierten Frau. Ich bin da und darf sein.

« »
  1. Guten Morgen Raul Krauthausen, besten Dank für den Hinweis auf den Beitrag dank Liza Gawin.
    Ich habe eine Frage an Liza Gawin, sie bezieht sich auf folgende Passage im Text:
    „Die freundliche Frau in meinem Lieblingscafe und auch regionale Journalisten – sie wollten es wissen: „Wie wäre denn dein Leben ohne Assistenz? Was, wenn es nicht geklappt hätte? So ein Unterfangen kostet nicht wenig!“, sagten sie zwar lächelnd, doch geziert und mit einem Blick voller Erwartung “
    Was denken Sie denn, was Journalisten machen? Keine Fragen stellen? Was soll dieser Seitenhieb, der so nonchalant zu Ihrem grundsätzlich ja leicht nachvollziehbaren Anliegen, dass es niemanden angehe, wie viel Geld ihr Leben koste (denn das geht in der Tat niemanden an), beigefügt wird.
    Die Frage „Wie wäre denn dein Leben ohne Assistenz?“ finde ich nicht „geziert“, sondern gut, denn wie soll jemand, der sich nicht auskennt alles wissen, warum sollte diese Form von Neugier übergriffig sein?
    Müsste ich mich, müsste irgendwer trainieren, um so zu reden, dass es Ihnen nicht „geziert“ vorkäme?
    Sie haben Ihre Ansprüche, wie jeder Mensch seine Ansprüche hat – der Anspruch, genau das Interview zu haben, was man lieblich findet, ist zu hoch angesetzt. Sie haben die Möglichkeit, jedem zu sagen: Ich finde nicht gut, wie Sie mit mir reden, es nervt mich.
    Auch ist es Ihr gutes Recht, mit Assistenz zu leben, wieso nicht? Ich frage mich aber, warum Sie es so darstellen, als wäre die Weise, wie Journalisten oder Cafebetreiber mit Ihnen sprechen, entscheidend. Es gibt viele verschiedene Journalisten und verschiedene Cafehausbetreiber – nicht alle werden es schaffen können, ihre Erwartungen an Ihr Wohlbefinden zu erfüllen.

    Logisch müssten Sie sich doch eher an die wenden, denen Sie in kurzfristiger Wiederkehr nachweisen müssen, was Sie offenkundig langfristig brauchen – nämlich : Assistenz.
    Ob mich jemand für umständlich hielte oder nicht, darauf habe ich keinen Einfluss, das macht jeder mit sich aus. Im Forum werde ich manchmal als „werter Fluechter“ angesprochen – juckt mich nicht, ich kenne die Foristen nicht – für mich ist sowas nicht so wichtig, weil ich zufällig eine Frau geworden bin, ich hätte auch was anderes geworden sein können, es ist für mich kein wichtiges Thema. Aber das bin ich, Sie sind es nicht und empfinden und wünschen anders, ok.
    Von mir können Sie erwarten, dass ich mich solidarisiere, wenn Sie Mittel für Ihre Freizügigkeit brauchen, alles Weitere unterliegt dem Pluralismus, auch dem der „Zierlichkeiten“.
    Besten Dank und einen schönen Dienstag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.