#BarrierenBrechen – Auf die Barrikaden, damit sie einstürzen!

Dies ist ein Aufruf. Halten wir mit dem Inklusionsgerede mal inne: Entweder wir beginnen den Umbau der Gesellschaft aktiv selbst – oder wir können uns das alles sparen. Darum sammeln wir jetzt aus der Community Vorschläge für Barrieren, die wir gemeinsam eine nach der anderen abbauen wollen. Denn wir wollen nicht mehr auf andere warten.

Schluss mit dem Drehen im eigenen Kreis. Schluss mit den hehren Worten. Ich will nicht mehr. Seit Jahren rede ich mir den Mund fusselig und mir geht es dabei um Menschenrechte: Vermeintlich allen ist klar, dass die auch für Menschen mit Behinderungen gelten. Oder wenigstens in Zukunft gelten sollen. Aber tun sie das? Die Schönwetterreden, in denen das Miteinander mal gepriesen, mal angemahnt wird, kann ich nicht mehr hören, denn meine Bilanz der letzten zehn Jahre sieht so aus: Außer Spesen nix gewesen, außer Beschwörungsformeln kein spürbarer Abbau von Diskriminierungen. Immer noch leben wir in einem Deutschland mit zahllosen Orten und Dienstleistungen, die vielen Menschen unzugänglich sind, weil sie von Barrieren ausgeschlossen werden. Manche Bereiche und Verantwortliche unserer Gesellschaft verbarrikadieren sich gar. Wir leben immer noch in einem Deutschland, in dem die meisten Menschen mit Behinderung isoliert und in sklavenhafte Arbeitsverhältnisse gesteckt werden und man ihnen zu verstehen gibt, es sei gut so, wie es ist. Fragen, was sie selbst denn wollen und zuhören, was sie antworten, will aber niemand. Denn es macht Arbeit, kostet Geld und würde irgendwie bewährte Denkmuster in Frage stellen. Niemand will verantwortlich sein. In den Jahrzehnten dieses Aneinandervorbeilebens haben sich Rituale gebildet, bei denen Leute ohne Behinderung ein bevormundendes Verhalten als selbstverständlich und notwendig verteidigen und in denen Leute mit Behinderung sich diesem Zustand hingeben (müssen und manchmal auch lassen), sich nicht trauen diesen Zustand anzuzweifeln oder es wagen über die inneren und äußeren Barrikaden hinweg zu sehen.

Wir sind in Zonen eingerichtet – gemütlich, aber nicht gut

Auf dem Papier stehen viele Verpflichtungen, doch eine echte Kehrtwende ist nicht in Sicht. Wir müssen also handeln. Informationskampagnen, all die hübschen Plakate voller Verständnis und des “Awarenessraisings” sind Mittel von gestern, sie beschwören letztendlich nur den Status quo: Denn wer Dinge daherredet wie: “Zuerst müssen die Barrieren im Kopf sinken”, verschiebt Veränderungen auf den Sankt-Nimmerleinstag. Ein Gegenbeispiel: Die Umweltbewegung. Veränderungen gab es dann, wenn nicht nur nette Filmchen gedreht wurden, sondern dort, wo entweder Konflikte auf offener Straße ausgeführt wurden oder wo die Politik harte Grenzen gesetzt hat. Selbstverpflichtung und eigene moralische Geißelung bringen nichts. Genau so ist es auch mit der Inklusion: Erst wenn Menschen zusammengeführt werden, sie an einem Tisch sitzen und sie sich gegenseitig begegnen, miteinander lachen, streiten und voneinander lernen können, beginnen Veränderungen. Da muss vorher nichts im Kopf entstehen. Das passiert bei der Begegnung ganz von allein. Aber um diese Begegnung zu ermöglichen, muss der Zugang zum Raum zuerst barrierefrei sein!

Freiwillige Selbstverpflichtung hat noch nie funktioniert

Wir haben zwei Forderungen: Die Bundesregierung muss endlich die Werkstätten für Menschen mit Behinderung kritisch evaluieren und auf ihren Gesetzesauftrag hin prüfen: ob sie wirklich die Leute fit für den Arbeitsmarkt machen. Und ja, die Unternehmen auf dem sogenannten 1. Arbeitsmarkt sollen sich nicht länger der Verantwortung entziehen. Die Ausgleichsabgaben müssen empfindlich erhöht werden, denn Werkstätten sind nicht Teil einer Lösung, sondern Teil des Problems. Für Menschen mit Behinderung bedeutet dies einen Ruck heraus aus der vermeintlichen Wohlfühlzone. Es wird Niederlagen und vielfaches Scheitern geben, aber der Weg, aus diesem zu lernen, ist der richtige. Wir brauchen mehr Risiken, mehr Rücken- und Gegenwind, einfach Wind! Das ist unsere erste Forderung, sie richtet sich an die Politik. 

Die zweite Forderung hat uns Menschen mit Behinderungen selbst zum Adressaten: Wir müssen das Zepter in die Hand nehmen, wenn es um unsere eigenen Belange geht. Wir haben die Expertise, wir wissen aus erster Hand, was fehlt und was oder wer uns daran hindert, das zu erreichen. Setzen wir uns daher selbst ans Werk, anstatt weiterhin Sonntagsreden zu akzeptieren. Lassen wir nicht mehr zu, dass über unsere Köpfe hinweg geredet und entschieden wird. Werden wir laut, indem wir konkret handeln und Barrieren abbauen.

Schaffen wir selbst Barrieren ab, Stück für Stück!

Allein das Geld für nette Verständniskampagnen könnte sinnvoller in konkrete Zugänglichkeit gesteckt werden – damit schaffen wir echtes Miteinander. Die Welt werden wir nicht an einem Tag retten, aber fangen wir doch bitte damit an…

Schickt uns eure Ideen, Anregungen, Vorschläge! Welche Rampen braucht es wo, die nachhaltig bleiben? Welche strukturellen Prozesse braucht es, um mehr Teilhabe zu ermöglichen? Welche Produkte für den Alltag, welche Rechtsänderungen? Wo wird euch verwehrt, genauso wie alle anderen mitmachen zu können? Welche Barriere ist euch schon länger ein Dorn im Auge? Wir müssen das sammeln und wir kümmern uns dann auch Schritt für Schritt darum, diese Barrieren mit euch allen abzubauen.

Dafür brauchen wir Euch!

  • Wir fragen alle, was sie/er beitragen kann um das Problem zu lösen.
  • Das Ganze wird in den Sozialen Medien begleitet und regelmäßig berichtet.
  • Dabei gehen wir vor wie Unternehmensberater*innen: Wir teilen die Probleme in kleinere Pakete, definieren numerische Ziele, um den Fortschritt sichtbar zu machen.

So bauen wir ein Netzwerk auf, welches handelt. Inklusion kostet Geld und muss verpflichtend sein. Wir machen uns derweil selbst auf den Weg. Legen wir los!

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  1. Guten Tag, danke Raul Krauthausen für den Beitrag. Es wird eine inklusive Dokumentation von Geschichte gebraucht, Datenbanken, Archive, das wurde mir schnell klar, als ich noch einmal über die Märzgefallenen von 1848 las, da gab es das nicht und heute weiß keiner so ganz genau, was die Barrikadenkämpfer damals wollten. Leider wird Dokumentation, trotz Social Media, immer kleiner geschrieben, Bundestagsdebatten finde ich nur fragmentarisch wieder, wer nicht hören kann, muss sich mit den ersten Stunden im Berliner Abgeordnetenhaus begnügen, und findet barrierefreie und vollständige Archive wahrscheinlich gar nicht und hat dann von vornherein Nachteile, wenn er, sie Historiker, Journalist oder auch Lehrer werden wollte.
    Auch wird immer häufiger, wohl aus Kosten- und Zeitgründen auf Zusammenfassungen Dritter gesetzt, als auf Zeitzeugenberichte, die im Original aufgezeichnet und für die Archivierung verschriftlicht werden, ich sehe darin ein großes Problem für die Geschichtsschreibung.
    Antidemokraten, Inklusionsgegner, wollen genau das, Geschichte so erzählen, wie es ihnen gefällt, ihnen gefallen deshalb jegliche Formen von Barrieren, die es Demokraten und Inklusionsfreunden ermöglichen, Geschichte mit zu erzählen, zu dokumentieren, zu archivieren.

    Ein Projekt kann ich nicht starten, denn ich kann nur selbst schreiben, für mehr reicht es nicht, was an einer „Barriere“ in mir drinnen liegt, die ich weder niederreißen könnte, auch nicht, wenn ich wollte.

    Manche Barrieren gehören zum Leben dazu, andere können/müssen weg.
    Die Dokumentations- und Archivierungsbarriere kann, muss weg.

  2. Du fragst nach Barrieren, die wir abbauen wollen. Manche Barrieren entstehen schlicht dadurch, dass man sie nicht sieht. So ist es z. B. mit Stufen. Die einen können sie nicht bewältigen, weil sie rollend unterwegs sind, der Rest stolpert oder fällt, weil er sie oft nicht wahrnimmt. und Warum? Weil sie oft Ton in Ton verbaut sind oder so wenig Kontrast aufweisen, dass sie nicht gut wahrgenommen werden. Würde man aber Treppen markieren wäre schon vielen geholfen. Damit verschwinden die Barrieren nicht, aber man fällt auch nicht über sie oder runter.
    In Hamburg haben wir am 6. Juni, ich glaube vor 2 Jahren, in der Nähe des Hamburger Rathauses in einer Aktion Stufen markiert. Es war sehr erfrischend wie viele vermeintlich normalsehende sehr froh darüber war. Aber leider mussten wir diese Markierung wieder entfernen.

  3. Ich bin erleichtert, dass erkannt wurde, dass der passive, den Nichtbehinderten bei der Inklusionswurschtelei zuschauende, Weg verlassen werden soll und man als behinderter Mensch aufgefordert und mitgerissen werden soll, selbst aktiv zu werden und seine gewünschte Umwelt mitzugestalten. Nur das kann der Weg sein- aus der Unmündigkeit in das eigenverantwortliche Handeln hinein. Ich habe nur das eine Leben und das will ich nicht damit zubringen, in einer Umwelt zu leben, die nur mangelhaft darauf eingerichtet ist, dass es mich gibt.

  4. Guten Tag, Raúl Krauthausen! Es ist ein sehr guter Beitrag. Vor allem müssten auch die KK in die Pflicht genommen werden, und Menschen im Rollstuhl die Transportkosten in andere Bundesländer zu bezahlen, wenn es in dem jeweiligen Bundesland keine barrierefreien Fachärzte gibt. Ich lebe in Thüringen und habe nun schon fast 3 Jahre kaum Fachärzte, bzw. kaum eine adäquate fachärztliche Behandlung und dadurch verschlechtert sich mein Gesundheitszustand von Jahr zu Jahr immer mehr. Meiner KK ist das bekannt, aber die interessiert das nicht. Ich muss alles mit Anwalt durchsetzen, was eben langjährig und langarmig ist. Viele liebe Grüße von Birgit Amrey

  5. Ich versuche mich kurz zu fassen:

    Beispiel Berlin:
    Arztpraxen sind oft nicht im Erdgeschoss und haben auch keinen Aufzug. Bei der Auswahl meiner Ärzte muss ich schauen, welche Arztpraxen überhaupt zugänglich sind.
    Zahlreiche U-Bahnhöfe haben noch keinen Aufzug (trotz langjähriger Versprechen).
    Viele Clubs, Theater, Kinos, Bars, Cafes, Restaurants sind mit Elektrorollstuhl oft bestenfalls im Sommer (d.h. im Außenbereich) möglich. Mit einem Aktivrollstuhl geht mehr, wenn man zwei-vier tatkräftige Freunde/ Fremde mit dabei hat.

    Deutschlandweit:
    Reisen mit der Bahn
    Nichts für spontane Unternehmungen, hoher Planungsaufwand, trotzdem unzuverlässig
    Hotels etc. Buchen: Informationen über Barrierefreiheit oft nicht zuverlässig, d.h. wieder hoher Planungsaufwand.

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